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II.3. Grundsteinlegung auf dem Weg zur Unabhängigkeit 1918-1935

Die 10 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg verschwand der Aga Khan von der indischen und der internationalen politischen Bildfläche. Sein Lebensmittelpunkt lag nun in der Schweiz, Indien besuchte er lediglich wenige Male im Jahr. Während dieser Dekade kümmerte sich der Aga Khan hauptsächlich um die Belange seiner ismailitischen Anhänger. Zudem leistete er gemeinsam mit Sayyid Amir Ali unermüdlich Lobbyarbeit in London, um das Kalifat nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches zu erhalten. Der Einsatz für das sunnitische Kalifat, das aus doktrinärer Perspektive seiner ismailitisch-schiitischen Glaubensrichtung widersprach, unterstreicht das Bemühen des Aga Khan, konfessionelle Differenzen innerhalb des Islam zu überbrücken.

In Indien hatte die AIML spätestens 1919 ihren Anspruch als Alleinvertreter muslimischer Interessen und als Gegengewicht zum INC verloren. An die Stelle der AIML trat am ehesten die All Indian Khilafat Conference, die jedoch all ihre Aufmerksamkeit und ihre Energie auf das Kalifat und die Entwicklungen im zerfallenen Osmanischen Reich lenkte. Diese Entwicklung bedauerte der Aga Khan zutiefst und schlug deshalb bereits 1923 die Metamorphose der AIML von einer rein politischen hin zu einer übergreifenden islamischen Institution von bindender Autorität für die gesamte muslimische Bevölkerung vor. 1927 zerbrach die AIML in zwei Lager und als ein Jahr später die vom INC dominierten Empfehlungen des Nehru Reports veröffentlicht wurden, der Forderungen nach konstitutionellen Absicherungen für die muslimische Bevölkerung nicht berücksichtigte, sah der Aga Khan die Notwendigkeit, einen muslimischen Dachverband zu gründen, der die Muslime Indiens gegenüber den Briten und den anderen Religionsgemeinschaften adäquat repräsentieren könne. Deshalb rief er alle muslimischen Abgeordneten in den Provinzräten und im Parlament dazu auf, sich diesem Dachverband anzuschließen. Unter der Supervision des Aga Khan ergriffen muslimische Abgeordnete im Parlament und Abgeordnete der legislativen Versammlung von Bombay die Initiative und arbeiteten ein Konzept für die Institution aus, die am 31. Dezember 1928 All Indian Muslim Conference (AIMC) getauft werden sollte. Innerhalb kürzester Zeit schloss sich die absolute Mehrheit der muslimischen Abgeordneten aus sämtlichen Regionen des Landes und mit grundlegend unterschiedlichen politischen Ansichten der AIMC an. Als logische Konsequenz für seine Verdienste beim Aufbau der AIMC wurde der Aga Khan zum ihrem Präsidenten gewählt. Wichtigste Aufgabe der Konferenz war es, eine einheitliche Sichtweise zu formulieren, wie die Unabhängigkeit Indiens erreicht und ausgestaltet werden sollte. Zusammengefasst forderten die Teilnehmer an der Konferenz in ihrer Schlussresolution garantierte Sicherheiten für Muslime und andere Minderheiten in Form von separaten Wählerschaften im Rahmen eines föderalen, von Indern verwalteten indischen Staates.

Die kaum zu überschätzende Bedeutung der AIMC lässt sich an drei Auswirkungen feststellen: die zerstrittenen politischen Lager unter den Muslimen konnten sich angesichts ihrer gemeinsamen Opposition gegen den Nehru Report auf der Ebene der unvorbelasteten neutralen AIMC wieder annähern, um bei Verhandlungen einheitlich der britischen Krone und dem INC gegenübertreten zu können. Das bei der AIMC verabschiedete Grundsatzprogramm ist als kleinster gemeinsamer Nenner aller politischen Richtungen innerhalb der muslimischen Gesellschaft Indiens zu verstehen. In den folgenden Jahren diente es deshalb bei sämtlichen Verhandlungen mit den Briten und dem INC, darunter die Round Table Conference 1930-1932, als „Magna Charta“ der Muslime. Auch Muhammad Ali Jinnahs berühmter 14-Punkte-Plan, den er im gleichen Jahr bei der Jahreskonferenz der wieder geeinten AIML vorstellte, basierte auf der Schlussresolution der AIMC. Schließlich stellte die AIMC aufgrund der extrem hohen Anzahl an Teilnehmern das bis zu diesem Zeitpunkt repräsentativste Gremium der Muslime Indiens dar. Parallelen zur Gründung der AIML 1906 bezüglich des repräsentativen Charakters und bezüglich der äußerst wichtigen Rolle des Aga Khan sind unverkennbar.

Die Spannungen in Indien hatten in den späten 1920-er Jahren stark zugenommen, da die britische Kolonialmacht nicht bereit war, weitgehende politische Kompetenzen der indischen Bevölkerung zu übertragen. Neben gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Kolonialherren, kam es aber auch immer häufiger zwischen indischen Religionsgemeinschaften, insbesondere zwischen Muslimen und Hindus, zu Ausschreitungen. Erst die Machtübernahme der Labour-Partei in Großbritannien 1930, die indischen Autonomiebestrebungen traditionell offener gegenüber stand, weckte Hoffnungen auf neue Bewegung. Kurz nach ihrer Amtseinführung lud die neue Regierung zu einer Konferenz nach London ein, um die politische Zukunft Indiens und konstitutionelle Reformen zu diskutieren. Bei der ersten Verhandlungsperiode ab November 1930 waren alle gewichtigen indischen Parteien bis auf den INC, dessen politische Anführer sich aufgrund einer Kampagne des zivilen Widerstands gegen die britische Kolonialmacht im Gefängnis befanden, anwesend. Des Weiteren beharrte der INC auf den Nehru Report als einzig gültige Basis für eine Verfassung. Somit fehlte die wichtigste indische Partei, die Hindu-Mehrheit Indiens wurde indessen während der Konferenz zunächst in erster Linie von der hinduistisch-nationalistischen Mahasabha-Partei vertreten. Der Aga Khan war zuvor sowohl von der muslimischen Delegation, die aus einer illustren Auswahl muslimischer Politiker wie Jinnah, Muhammad Ali Jouhar, Muhammad Iqbal und Muhammad Shafi bestand, als auch von der gesamten indischen Delegation zum Vorsitzenden gewählt worden.

Die Gespräche wurden von den Meinungsverschiedenheiten von Hindus und Muslimen überschattet. Während die Hindus auf eine starke Zentralregierung drängten, war für die Muslime nur eine lose Föderation vollständig autonomer Provinzen akzeptabel. Außerdem entbrannte wieder der Streit über die Abschaffung separater Wählerschaften für Minderheiten, die die Mahasabha-Partei vehement forderte. Schließlich wurde die Konferenz am 19. Januar 1931 abgebrochen. Zumindest konnte in den einzelnen Arbeitsgruppen ein Konsens darüber erreicht werden, dass legislative Sicherheiten für die Minderheiten in die Verfassung geschrieben werden sollten und dass ein näher zu definierendes, föderales System für Indien entworfen werden sollte. Dies muss für den Aga Khan eine beträchtliche Genugtuung gewesen sein, da er seit 1918 für ein föderales System eingetreten war.

Bei der zweiten Verhandlungsperiode, die im Herbst 1931 begann, wurde der INC durch Mahatma Gandhi vertreten, nachdem die britische Regierung realisiert hatte, dass die Kooperation des INC notwendig war, um Fortschritte bei der Ausarbeitung der indischen Verfassung zu erzielen. Parallel zu den festgefahrenen Diskussionen am Verhandlungstisch führte der Aga Khan intensive Gespräche mit Gandhi in seiner Suite im Ritz-Hotel bezüglich der Repräsentation von Minderheiten und möglicher konstitutioneller Absicherungen für die Minderheiten. Die Gespräche endeten jedoch bald wieder in einer Sackgasse, da Gandhi für den INC und somit für sich selbst beanspruchte, für alle Inder zu sprechen und kein Stück von den Prinzipien des Nehru Reports abrückte. Als Reaktion auf die kompromisslose Verhandlungsposition Gandhis formulierten die indischen Minderheiten mit Ausnahme der Sikhs eine gemeinsame Erklärung bezüglich der Minderheitenrechte, die der Aga Khan als inoffizieller Sprecher der Gruppe der britischen Regierung überreichte. Somit endete die zweite Verhandlungsperiode ohne Ergebnis, also musste die britische Regierung einen Schiedsspruch fällen. Dies geschah durch Premierminister Ramsay MacDonald in Form des Communal Award, auf den an dieser Stelle nicht weiter eingegangen soll, da er nur vorübergehenden Charakter hatte. Bis zur Vorstellung des Government of India Act 1935, wurde ein Komitee von 32 britischen Parlamentsmitgliedern beauftragt, aus den Ergebnissen der Round Table Conference eine Verfassung für Indien auszuarbeiten. Dazu wurden 27 indische Repräsentanten als Beisitzer ernannt, zu denen der Aga Khan als einer von fünf muslimischen Repräsentanten gehörte. In dieser Funktion gelang es ihm sogar die gesamten indischen Repräsentanten hinter einem gemeinsamen Referendum zu vereinigen, dass der britischen Regierung vorgelegt wurde. Nachdem der INC das Dokument allerdings abgelehnt hatte, war die britische Regierung ebenso gezwungen, das Dokument abzulehnen. 1935 wurde der Government of India Act verabschiedet. Der Aga Khan zeigte sich aus mehreren Gründen enttäuscht. Er prangerte an, dass die britische Krone weiterhin zu viele konstitutionelle Möglichkeiten habe, in die indischen Belange eingreifen zu können. Zudem kritisierte er die Ausgestaltung der Föderation, da den Provinzen wichtige Kompetenzen zugunsten der indischen Zentralregierung vorenthalten würden. Aus seiner Sicht sei die britische Regierung dem unitaristischen Ansatz des INC im Grundsatz gefolgt. Allerdings sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Government of India Act einige Forderungen erfüllte, die der Aga Khan und weitere muslimische Politiker als Ziele ausgegeben hatten. Exemplarisch sind die Gründung der Provinz Sindh, Reformen in der North Western Frontier Provinces und separate Wählerschaften für Minderheiten zu nennen. Trotzdem habe der Government of India Act die Kluft zwischen Muslimen und Hindus weiter vergrößert und ein geeintes Indien unmöglich gemacht.

Die Arbeit des Aga Khan in den Konferenzen und Gremien, die zur Verabschiedung des Government of India Act führten, markierten auf der politischen indischen Ebene den Höhepunkt seines Schaffens. Im Anschluss ist lediglich noch dokumentiert, wie er kurze Zeit später dem Willen seiner Anhänger in Gujarat entsprach und die indische Regierung darum bat, einen Flächenstaat unter seiner Ägide zu errichten. Identische Forderungen hatten zu diesem Zeitpunkt einige weitere Fürsten gestellt. Allerdings lehnte die Regierung die Forderungen der Ismailiten ab. Nach dieser Episode widmete sich der Aga Khan seiner Tätigkeit im Völkerbund, zu dessen Präsident er 1937 gewählt wurde.

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