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IV. Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse

Die vorliegende Studie hat verdeutlicht, dass sich das Engagement des Aga Khan lediglich während bestimmter Phasen auf die Politik Indiens und speziell auf die Belange der gesamten muslimischen Bevölkerungsgruppe des Subkontinents konzentrierte. Wie in II geschildert verschrieb sich der Aga Khan in der Frühphase seiner politischen Laufbahn hauptsächlich dem Kampf für eine flächendeckende Bildung der muslimischen Bevölkerung. Das in diesem Zusammenhang erlangte Renommee nutzte der Aga Khan jedoch schon bald, um auf breiter Basis politisch aktiv zu werden. Mit erst 29 Jahren übernahm der Aga Khan bereits eine Führungsrolle unter der Muslime Indiens. Dabei kamen ihm insbesondere seine Führungsqualitäten, die er sich als spirituelles Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft schon in jungen Jahren aneignete, seine exzellenten Kontakte sowohl zu anderen muslimischen Persönlichkeiten als auch zur britischen Krone, sein Organisationstalent und seine innovativen Ideen zu gute. So war es dem Aga Khan 1906 vorbehalten, eine muslimische Delegation, die aus Repräsentanten sämtlicher Provinzen des Subkontinents bestand, anzuführen und ihre Forderungen dem britischen Vizekönig zu übermitteln. Seine Bedeutung als Initiator der ersten rein muslimischen politischen Organisation, der All Indian Muslim League 1906, ist ebenso nicht hoch genug einzuschätzen. Die Wertschätzung, die der Aga Khan unter den muslimischen Politikern zu diesem Zeitpunkt genoss, lässt sich daran abschätzen, dass er von Mitgliedern der AIML zu ihrem ständigen Präsidenten gewählt wurde. Die moderaten Ansichten des Aga Khan machten ihn als Repräsentanten dieser Gremien sicherlich attraktiv.

Somit lässt sich ab 1906 eine absolute Führungsposition des Aga Khan innerhalb der muslimischen Gemeinschaft Indiens konstatieren, die bis etwa 1911 anhielt. Durch die positive Haltung zur Rücknahme der Teilung Bengalens 1911 scheint der Aga Khan jedoch viele Sympathien und folgerichtig an Einfluss verloren zu haben. Es folgte eine Phase relativer Isolation, die in den Rücktritt vom Präsidentenamt der AIML mündete. Spätestens mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wendete sich der Aga von der Bühne indischer Politik weitgehend ab und widmete sich bis ins Jahr 1927 hauptsächlich seinen ismailitischen Anhängern außerhalb Indiens, die sich größtenteils in Ostafrika befanden.

1928 zeichnete sich der Aga Khan wiederum als Initiator eines neuen politischen Organs aus, dem es gelang, die zerstrittenen muslimischen Fraktionen unter einer neuen Dachorganisation, der All India Muslim Conference, zu vereinen. Den Stellenwert, den der Aga Khan in dieser bis dahin repräsentativsten aller muslimischen Organisationen innehatte, lässt sich daran erkennen, dass ihm die Ehre zuteil wurde, in seiner Funktion als Präsident die Auftaktrede bei der Konferenz zu halten. So ist es den Anstrengungen des Aga Khan zu einem beträchtlichen Teil zu verdanken, dass die Muslime Indiens, bestärkt durch ihre gemeinsame Opposition gegen den Nehru Report, bei der Round Table Conference 1930-1932 mit einer Stimme gegenüber den Briten und den hinduistischen Verhandlungsführern auftraten. Die Konferenz, die über die konstitutionelle Zukunft Indiens entscheiden sollte, bedeutete sicherlich den Zenit der politischen Karriere des Aga Khan in Indien. Als Vorsitzender sowohl der muslimischen als auch der gesamt-indischen Delegation war seine politische Relevanz in der ersten Hälfte der 1930-er Jahre herausragend.

Diese Bedeutung sollte der Aga Khan im indischen Kontext nie mehr erlangen, vielmehr widmete er sich ab 1935 globalen Themen. Als Präsident des Völkerbunds rückte er 1937 in den Fokus der Weltöffentlichkeit, den er jedoch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs bald wieder verlassen musste. Im hohen Alter versuchte der Aga Khan 1945 in einem Gespräch mit Mahatma Gandhi die sich anbahnende Teilung Indiens noch zu verhindern. Zu diesem Zeitpunkt hinkte der Aga Khan den historischen Entwicklungen jedoch bereits hinterher, seine nur noch wenigen Aktivitäten scheinen die Politik Indiens nicht mehr beeinflusst zu haben.

Trotz der vielschichtigen politischen Karriere des Aga Khan lassen sich einige Konstanten während seines Engagements in Indiens Politik konstatieren. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass der Aga Khan bis auf eine in II.3. beschriebene Ausnahme über die gesamte politische Laufbahn Indien hinweg im Namen aller Muslime agierte, obwohl er das Oberhaupt der ismalilitischen Minderheit war. Seine zahlreichen nicht-ismalitischen Anhänger bestätigen diese These.

So sehr sich der Aga Khan für Dialog und Toleranz zwischen Hindus, Muslimen und den weiteren Religionsgemeinschaften auf dem Subkontinent einsetzte, so sehr war er auch davon überzeugt, dass gravierende kulturelle und historische Unterschiede insbesondere zwischen Hindus und Muslimen bestünden. Wie in dieser Studie veranschaulicht war der Aga Khan deshalb über all die Jahrzehnte hinweg davon überzeugt, dass die einzig anwendbare Staatsform in Indien eine ausgeprägte Form des Föderalismus sei, um diese kulturellen und religiösen Unterschiede der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu überbrücken. Des Weiteren waren für ihn konstitutionelle Sicherheiten wie zum Beispiel die Schaffung separater Wählerschaften für die religiösen Minderheiten Indiens unverzichtbar und stellten eine grundsätzliche Vorbedingung bei jeglichen Verhandlungen zum politischen System Indiens dar. Mit dieser kompromisslosen Haltung unterschied sich der Aga Khan deutlich von Muhammad Ali Jinnah, der vor allem bei den separaten Wählerschaften bis in die 1920er-Jahre zu Zugeständnissen an den INC bereit war. Dies gilt auch für das andauernde Misstrauen des Aga Khan gegenüber dem INC, dem er im Gegensatz zu Jinnah und weiteren muslimischen Politikern zu keinem Zeitpunkt angehörte.

Ein weiteres kontinuierliches Merkmal der Indien-Politik des Aga Khan war sein loyales Verhalten gegenüber der britischen Herrschaft in Indien, die er im Vergleich zu den meisten anderen wichtigen muslimischen Politikern extrem lange als erwünschenswert erachtete. So unterstrich er in der ersten Hälfte seines politischen Wirkens in vielen Reden den Vorbildcharakter Großbritanniens, an dem es sich zu orientieren gelte. Später, als die internen Spannungen zwischen Hindus und Muslimen zunahmen, sah er die britische Krone als faire Vermittlerin als unverzichtbar an. Selbst in seinen Konzepten zu einer radikalen politischen Umformung des Subkontinents von 1918 und 1928 wird die britische Herrschaft als oberste Instanz in Indien nicht angetastet. Die mehrmals angesprochenen exzellenten Kontakte zu vielen britischen Politikern und zum Königshaus begünstigten mit großer Sicherheit die positive Sichtweise des Aga Khan auf die britische Kolonialmacht. Dadurch konnte er sowohl in London, wo er womöglich noch wertvoller für die indischen Muslime als in seiner Heimat war, als auch in Indien zugunsten der muslimischen Forderungen Lobbyarbeit leisten und Einfluss nehmen. Wie in II.2. aufgezeigt, brachte ihm seine Nähe zu den Briten aus den eigenen Reihen auch beträchtliche Kritik ein.

Abschließend lässt sich resümieren, dass der Aga Khan als Initiator auf verschiedenen Ebenen für die Muslime Indiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von größter Relevanz war. Auf theoretischer Ebene wurden die in III vorgestellten politischen Konzepte des Aga Khan für eine Umgestaltung des Subkontinents mehrfach aufgegriffen und weiterentwickelt. Besonders offensichtlich scheint dies in Bezug auf die vom Aga Khan bereits 1918 propagierte Zusammenfassung der verschiedenen, überwiegend von Muslimen bevölkerten Provinzen des Nordwestens zu einem gewichtigen Autonomiegebiet. Knapp 30 Jahre sollte dieses Gebiet den Kern des neu gegründeteten Staates Pakistan bilden.

Die praktischen Errungenschaften des Aga Khans in der indischen Politik wiegen jedoch schwerer: als Vorsitzender der Simla-Delegation war es ihm in einem beträchtlichen Maße zu verdanken, dass den Muslimen 1906 erstmals vor dem Gesetz eine gesonderte kulturelle Identität eingeräumt wurde. Darüber hinaus ist seine herausragende Rolle bei der Gründung der ersten muslimischen politischen Organisation, der All India Muslim League, als ersten Schritt zur Selbstvertretung muslimischer Interessen unbestritten. An dieser Stelle sei allerdings zumindest angemerkt, dass muslimische Persönlichkeiten zu dieser Zeit die Relevanz und den Alleinvertretungsanspruch der AIML durchaus in Frage stellten und die AIML als elitären Zirkel um den Aga Khan wahrnahmen. Ebenso war die maßgebliche Beteiligung des Aga Khan an der Gründung der All India Muslim Conference 1928, während der ihm als Vermittler zwischen den verschiedenen zerstrittenen Parteien eine weitere Rolle zukam, von größter Relevanz.

Als Initiator war der Aga Khan somit für den politischen Werdegang der indischen Muslime von großer Wichtigkeit, jedoch bleibt ebenso augenscheinlich, dass er keine seiner Initiativen über mehrere Jahre hinweg fortsetzte. Letztendlich gingen jeweils andere muslimische Politiker, insbesondere Muhammad Ali Jinnah und sein Umfeld, die vom Aga Khan begonnenen Wege weiter und setzten seine ersten Schritte konsequent fort. So scheint es nur folgerichtig, dass der Aga Khan bei der Gründung Pakistans eine zu vernachlässigende Rolle spielte.


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