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von Hauke Fokken

Am 13. Februar 2010 startete die ISAF-Operation „Moshtarak“. Ziel war die Provinzhauptstadt Marjah in Helmand, ein von Taliban und Drogenbaronen beherrschtes Gebiet im Süden Afghanistans. In der größten Offensive seit acht Jahren waren insgesamt 15.000 afghanische und ISAF Soldaten beteiligt. Militärisch gesehen war Operation „Moshtarak“ ein Erfolg, denn nach nur zwölf Tagen konnte die Stadt gegen wenig Widerstand eingenommen werden. Nur stellt sich die Frage, ob die Lage in Marjah weiterhin stabil bleiben wird, wenn die Truppen abgezogen sind oder der „Rasen“ wieder einmal nur „gemäht“ wurde: viele ähnliche Missionen, die zum Ziel hatten, Städte von den Taliban zu befreien, sind daran gescheitert, weil zu wenige Soldaten und Sicherheitskräfte der Polizei dort nach der Eroberung abgestellt wurden. So konnten die Taliban zurückkehren, was wiederum einen neuen Befreiungseinsatz der Alliierten zur Folge hatte. Dieses frustrierende Spiel wurde schließlich von den Soldaten „Rasen mähen“ genannt.

Handelt es sich bei der größten Mission seit langem ein weiteres Mal um einen Einsatz, der zum Scheitern verurteilt ist? Die Amerikaner wollen dieses Katz-und-Maus-Spiel nach der Entsendung von weiteren 30.000 Soldaten offensichtlich weiterspielen.

Bis jetzt haben sich die amerikanischen Bemühungen in Afghanistan jedoch alles andere als positiv auf die Bevölkerung ausgewirkt. Luftschläge, Panzergeschosse und weitere schwere Geschütze, genauso wie die Reaktionen der Taliban z.B. in Form von Anschlägen, töteten tausende Zivilisten. Hinzu kommen noch physische und psychische Verletzungen. Das afghanische Gesundheitsministerium schätzt, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung von psychischen Erkrankungen und psychosozialen Problemen betroffen ist. Auch bei den alliierten Soldaten und Sicherheitsleuten ist die Lage ähnlich. Ca. 7.000 Opfer sind seit 2001 unter ihnen zu beklagen. Hinzu kommen auch hier Verletzte, physisch wie psychisch. Die Todesopfer unter den Taliban sind Schätzungen nach doppelt so hoch. Im Zuge der Operation „Moshtarak“ nahmen die „casualties“ wieder dramatisch zu, denn die Taliban schlugen mit zahlreichen Anschlägen auf Ministerien und Polizeigebäuden in stark frequentierten Orten zurück.

Die Zwischenbilanz des Krieges ist auch deshalb so bescheiden, weil trotz vieler Opfer die Lage nicht sichtbar besser geworden ist. Das Land hat sich weder stabilisiert, noch konnten die Taliban erfolgreich bekämpft werden. Wurde eine Stadt befreit, haben die Taliban-Kämpfer sich so lange zurückgezogen, bis die Alliierten wieder davon marschiert sind. So war es umso tragischer, wenn in den Städten nicht nur zivile Opfer, sondern auch eine schnelle Rückkehr der Taliban zu beklagen waren.

Mit der Operation „Moshtarak“ soll nun aber die Wende eingeleitet werden. Der amerikanische General Stanley McChrystal, der die Führung der ISAF- und US-Truppen im Juni 2009 in Afghanistan übernommen hatte, ist die federführende Kraft für eine neue 18-monatige Anti-Taliban-Kampagne. Das ausgewiesene Ziel ist es, den Taliban die Aussicht auf einen militärischen Sieg zu nehmen und dadurch an den Verhandlungstisch zu zwingen. Zukünftig soll bei der Befreiung einer Stadt eine lokale Regierung und Polizei mitgebracht werden, um einerseits den Menschen Sicherheit und Ordnung zu geben und andererseits eine schnelle Rückkehr der Taliban bei Abzug der Truppen zu verhindern. McChrystal spricht dabei von einem „government in a box“.

Anscheinend sind auch die Beziehungen zu Pakistan aufgebessert worden. Die jüngsten Schläge der pakistanischen Armee gegen die Taliban im Norden Pakistans fanden koordiniert mit der Moshtarak-Operation statt. Damit soll erreicht werden, dass den Glaubenskriegern die Rückzugsgebiete in den Bergen an der afghanisch-pakistanischen Grenze abgeschnitten werden. Gezielte Attentate, wie das auf Taliban-Führer Hakimullah Meshud durch die USA, sollen für Panik unter den Rebellen sorgen.
Auch die Sympathie der afghanischen Bevölkerung soll wieder zurückgewonnen werden. Die Alliierten versuchen nun weniger Gebrauch von Luftschlägen und anderem schweren Geschütz zu machen, um Opferzahlen so gering wie möglich zu halten. Zudem sollen die Truppen jetzt vermehrt für zivile Aufbauprojekte bereitstehen. Unterstützt wird die neue Imagekampagne durch Fernsehauftritte von General McChrystal, in denen er sich vor dem afghanischen Volk für zivile Opfer in Kriegseinsätzen entschuldigt.

Ob die neue Strategie zum Erfolg führt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Zwar verlief der Einmarsch in Marjah erfolgreich, jedoch wird sich erst in den nächsten Monaten eine Tendenz abzeichnen. Nach Ansicht von Otmar Steinbicker, Afghanistan-Experte der Organisation „Kooperation für den Frieden“, werde es aber keine Aussicht auf eine Verbesserung der Lage durch den militärischen Einsatz geben. Seine Bedenken sind vor allem bei dem „government in a box“ groß, denn die Reputation der Karzai-Regierung sei wegen ihrer Korruptionsanfälligkeit bei der Bevölkerung sehr schlecht. Es sei daher fraglich, ob eine von außen eingesetzte Regierung den Rückhalt der Bürger Marjahs bekommen würde. Des Weiteren bezweifelt Jürgen Heiducoff, ehemaliger militärischer Berater des deutschen Botschafters in Kabul, dass die alliierten Truppen in Zukunft dazu in der Lage sein würden, gewaltärmer vorzugehen. Ebenso wenig besäßen sie großes Know-How für Entwicklungshilfe, denn es handele sich vor allem bei den im Süden eingesetzten US-amerikanischen Marines um „Mobmaschinen“, die auf Kampf gedrillt seien. Besonders das gezielte Töten von Taliban-Führern könne sich im Nachhinein negativ auf den Erfolg der neuen Strategie auswirken, so Steinbicker. Zwar mögen die Taliban im Zeitpunkt der Gefechte orientierungsloser sein, jedoch seien sie es auch, wenn Verhandlungen geführt werden sollen. Oftmals würden genau die Personen eliminiert, mit denen Kontakte und somit Friedensgespräche aufgenommen werden könnten.

Letztendlich sind es die Taliban mit dem längeren Atem, wovon Afghanistan-Korrespondent Eric Gujer von der Neuen Züricher Zeitung ebenfalls überzeugt ist. Sie müssen keine Wählerschaft befriedigen und unterliegen keinem Wahlzyklus. In den Ländern der Alliierten hingegen rumort es und der Widerstand gegen den Afghanistan-Krieg steigt. Operation „Moshtarak“ war der Anfang eines letzten Aufbäumens, nicht als Besiegter das Feld zu verlassen. Die Wahrscheinlichkeit mit der neuen Strategie erfolgreich zu sein, ist aber wohl verschwindend gering.

Hauke Fokken studiert Politik und Wirtschaft an der Universität Münster und hat diesen Beitrag im Rahmen des Seminars „Islamistische Bewegungen im Nahen Osten“ verfasst.

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