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Während der Westen Luftschläge gegen Libyen vorbereitet, geht Jemens Regierung mit größter Brutalität gegen die Opposition vor. Bei einem Massaker gegen friedliche Demonstranten töteten Sicherheitskräfte am Freitag in Sanaa mehr als 50 Menschen. Aus Jemens Hauptstadt berichtet Jonas Ahrens

Als Präsident Ali Abdullah Saleh vergangene Woche die Botschafter diverser Vertretungen einbestellte, unter ihnen auch den deutschen Gesandten, legte er allen Anwesenden nahe, ihre Landsleute schnellstmöglich aus dem Land zu schaffen. Des Weiteren wurden in der letzten Woche mindestens sechs internationale Journalisten des Landes verwiesen, während es für andere Journalisten seit Tagen unmöglich ist in den Jemen einzureisen. Spätestens seit Freitag ist nun klar weshalb Saleh sich so vieler internationaler Zeugen wie möglich entledigen wollte: Er plante bereits zu diesem Zeitpunkt Rache an den seit Monaten ausharrenden und immer zahlreicher werdenden Demonstranten vor dem Gelände der Universität in Sanaa.

Fast alle internationalen Medien berichteten, es seien am Freitag vor dem Universitätsgelände, welches von den Anti-Saleh-Demonstranten ausschließlich „Saha al-Taghriir“, also „Platz des Wandels“ genannt wird, bei einer Auseinandersetzung zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten 31 Menschen getötet worden. Dies ist falsch. Richtig ist, dass es sich um ein geplantes Massaker seitens der Regierung handelt, bei dem mindestens 53 Menschen erschossen und mehr als 300 verletzt wurden.

Die Demonstranten wurden von den Sicherheitskräften eingekesselt

Als sich am gestrigen Freitag die auf dem Universitäts-Kreisverkehr und den vom ihm abgehenden Straßen stattfinden Mittagsgebete ihrem Ende zuneigten, setzten zeitgleich Sicherheitskräfte Autoreifen an einer Absperrung des Protestgeländes in Brand. Dies ereignete sich auf dem südlichen Teil der Al-Dairy-Straße, der Hauptstraße, auf der sich seit Monaten die Demonstranten versammeln. Die angesprochene Barrikade wurde vor einiger Zeit etwa 700 Meter südlich des Uni-Kreisverkehrs auf der Al-Dairy-Straße errichtet.

Durch die Häuserketten, welche sich an beiden Seiten der Al-Dairy-Straße entlangziehen, sind die vielen tausende Menschen – vielleicht mehr als hunderttausend – täglich zwischen dem Platz des Wandels und der abgehenden Hauptstraße eingekesselt – ohne Möglichkeit sich in Richtung Westen oder Osten zu bewegen. Dieses Einkesseln der Demonstranten beruht ausnahmslos auf der Angst des Regimes, die Protestler könnten diesen sehr leicht zu kontrollierenden Bereich verlassen und ihr seit Wochen angekündigtes Ziel, einen Marsch auf den Präsidentenpalast in der Nähe des Tahrir-Platzes, endlich vollenden.

Es wurden zudem lange Zeltreihen auf beiden Seiten der Al-Dairy-Straße errichtet, in denen die Protestler campen. Diese Zelte ziehen sich bis auf wenige Meter an die angesprochene südliche Absperrung der Al-DairyStraße heran. Als am gestrigen Freitag Sicherheitskräfte auf ihrer Seite der Absperrung Autoreifen anzündeten, vermuteten viele Menschen, ihre Zelte würden in Brand gesetzt. Daraufhin bewegten diese sich schlagartig in Richtung des Brandes. Exakt zu diesem Zeitpunkt schnappte die tödliche Falle zu. Sicherheitskräfte in Zivil schossen im Schutz des dichten Rauchs von anliegenden Gebäuden gezielt auf die Menschen auf der Straße.

Vielen Jemeniten scheint die Lage aussichtslos

Die überwiegende Mehrheit der Toten hat einzelne Schussverletzungen in Kopf, Hals oder der Brust. Es handelt sich somit nicht, wie später von Präsident Saleh dargestellt, frustrierte Anwohner, die sich über die andauernden Proteste ‚beschwert‘ haben und zu ihren eigenen Waffen griffen. Die Präzision der tödlichen Schüsse schließt einen Angriff von frustrierten Anwohnern mit der landesüblichen AK-47 praktisch aus, obwohl auch dieses Gewehrmodel theoretisch über eine Einzelfeuerfunktion verfügt. Viele Bilder der Toten – ihr Anblick ist nur schwer zu ertragen – lassen keinen Zweifel daran, dass geübte Schützen hier ihr Werk verrichteten. Fotos zeigen mindestens ein etwa vier jähriges Kind, das auch durch einen Kopfschuss starb.

Was gestern geschah, war nicht das Resultat einer Auseinandersetzung zwischen gewalttätigen Demonstranten und Sicherheitskräfte, die unverhältnismäßig zurückschlugen. Es war ein geplantes Massaker, mit dem Präsident Saleh einmal mehr seine uneingeschränkte Gewaltbereitschaft untermauerte. Die öffentliche Entschuldigung für das geschehene, gepaart mit dem Ablehnen jeglicher Verantwortung, wurde durch das Verhängen des Ausnahmezustands durch Präsident Saleh gekrönt.

Neben Wut und Trauer verbreitet sich nun seit gestern unter vielen Menschen auch ein Gefühl von Aussichtslosigkeit. Jedem im Jemen ist klar, dass, ähnlich wie Gaddafi, Ali Abdullah Saleh ohne ernst gemeinten internationalen Druck nicht vor dem Ermorden von Demonstranten absehen wird. Hierfür ist jedoch mehr nötig als ermahnende Worte von Staatsminister Werner Hoyer. Die Hoffnung, dass sich Frau Merkel und Herr Westerwelle nach ihrem Scheitern in der Libyen-Frage eines Besseren besinnen, scheint zum jetzigen Zeitpunkt Wunschdenken.

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