Von | | Meinung, USA, Weltweit.

Liebe Alsharq-Leser,
2011 war auch für uns ein ganz besonderes Jahr. So wie die ganze Welt hat sich auch unser Blick auf die Region, die wir seit Jahren zu beschreiben und näherbringen suchen, verändert. Der Arabische Frühling, der nun bereits über ein Jahr Beobachter und Protagonisten in Atem hält, scheint wie eine Zeitenwende einen neuen Abschnitt einzuleiten. Umso lohnender ist daher ein Blick zurück auf das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends, das ganz unter dem Einfluss der Anschläge des 11. September 2001 und deren mannigfaltigen Auswirkungen stand.Vor genau einem Jahr verfassten die Macher dieses Blogs im Auftrag des Goethe-Instituts eine Studie anlässlich des 10-jährigen Jahrestages des 11. September. Diese kommentierte Materialsammlung war auch der erste Schritt zur Weiterwentwicklung des Blogs, die auch im neuen Jahr 2012 sichtbar werden wird: Neben dem Blog werden „Alsharq Reisen“ und „Alsharq Analyse“ auf unserer Seite einen prominenten Platz einnehmen.


Zur Einstimmung und Rückbesinnung veröffentlichen wir in den kommenden Tagen in mehreren Teilen unsere Studie „10 Jahre nach dem 11. September“. Das Alsharq-Team wünscht seinen Lesern einen guten Start und ein erfolgreiches Jahr 2012!

Vorwort                                      

Wie kaum ein anderes Ereignis markieren die Anschläge vom 11. September eine Zeitenwende. Trotz jahrhundertelanger bestehender ambivalenter Beziehungen zwischen der so genannten „Westlichen Welt“ und der Islamischen Welt, rückte dieses Verhältnis schlagartig in den Vordergrund des öffentlichen Bewusstseins. Aus westlicher Sicht erschien ein Antagonismus am Horizont, der nach dem Ende des Kalten Krieges als Erklärungsmuster für neuartige Konflikte im 21. Jahrhundert diente. In der Islamischen Welt wurde dieser Diskurs aufgenommen und mit spezifischen Ausprägungen weiterentwickelt. So wurden Diskussionen angestoßen und wiederbelebt, die ohne die Ereignisse vom 11. September in dieser Art nicht geführt worden wären. Dies gilt für den kulturellen Bereich, aber auch für politisches Handeln. Anhand von Phänomenen  wie dem politischen Islamismus sowie dem gewaltbereiten Jihadismus wurden kulturelle Diskurse zu Selbst- und Fremdbildern in Gang gesetzt. Zugleich berührten die Phänomene konkrete politische Handlungsfelder wie etwa die Sicherheitspolitik.

Parallel zu dieser diskursiven Entwicklung löste der 11. September eine Reihe von Ereignissen aus, die ohne die Folgen der Anschläge nicht denkbar gewesen wären und welche die Dynamik der Debatte beeinflussten. Schlaglichter sind in diesem Zusammenhang die Kriege in Afghanistan und im Irak, der Karikaturenstreit, das Minarettverbot in der Schweiz sowie das Burkaverbot in Frankreich und schließlich der geplante Bau eines islamischen Gemeindezentrums in unmittelbarer Nähe von Ground Zero.

Vorgehen:

Ebendiese Ereignisse dienen im Folgenden als Orientierungspunkte, an denen sich veränderte Diskurse erkennen lassen. Anhand einer kommentierten Materialsammlung soll ein Einblick in öffentliche Diskurse in der Arabischen Welt gewährt werden.

In den überwiegend autoritären Staaten der Arabischen Welt wird die öffentliche Meinung einerseits von staatlich kontrollierten Medienorganen und andererseits von unabhängigen beziehungsweise dissidenten Medien geprägt. Dies geschieht insbesondere durch die vergleichsweise große Bedeutung von Kommentarspalten in den konventionellen Medien. Kommentierte Presseschauen ermöglichen einen Einblick, der dem gemeinen Leser aufgrund von Sprachbarrieren und fehlendem Verständnis des politischen Kontexts in der Regel verschlossen bleiben.

Außerdem kommt den schwer kontrollierbaren Neuen Medien, die seit den Anschlägen vom 11. September rasant gewachsen sind, eine wichtige Rolle bei der öffentlichen Meinungsbildung zu. Online-Zeitschriften sowie Blogs und soziale Netzwerke bilden eine Plattform für eine lebendige und kontrovers geführte Diskussion. Ausgewählte Internetseiten sowie Foren sollen in diesem Zusammenhang kommentiert und eingeordnet werden.

Schließlich stellt sich auch die akademische Welt, insbesondere die Islamwissenschaft, all diesen Diskussionen und prägt sie mit. Ein Blick auf die Art der Fragestellungen und Anzahl der Publikationen erscheint insofern lohnenswert. Dadurch wird nicht zuletzt deutlich, wie sich die Disziplin in den letzten zehn Jahren auch selbst verändert hat.

Die Anschläge vom 11. September 2001

Hintergrund

Am 11. September 2001 entführten Terroristen in den USA vier Passagierflugzeuge. Sie steuerten zwei von ihnen in die Türme des World Trade Centers in New York, ein weiteres in das Pentagon bei Washington, den Sitz des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das vierte Flugzeug stürzte nach Kämpfen zwischen Entführern und Passagieren im Bundesstaat Pennsylvania ab. Bei den Anschlägen wurden nach offiziellen Angaben knapp 3000 Menschen getötet. 

Die 19 Attentäter stammten allesamt aus arabischen Ländern, allein 15 besaßen die saudische Staatsbürgerschaft. Die Verantwortung für den Anschlag übernahmen Usama Bin Laden und seine Terrororganisation al-Qaida, auf deutsch: Die Basis. In Video- und Tonbandaufnahmen, die in den Monaten nach 9/11 veröffentlicht wurden, nannte Bin Laden mehrere Gründe für die Anschläge von New York und Washington. Da war zum Einen die uneingeschränkte Unterstützung der USA für Israel, zum anderen die andauernde Präsenz amerikanischer Truppen auf der Arabischen Halbinsel und schließlich die internationalen Sanktionen gegen den damals noch von Saddam Hussein regierten Irak. In seinen Erklärungen berief sich Bin Laden auf den Islam und seine heiligen Schriften, den Koran und die Sunna, also die Überlieferungen über das Leben und Wirken des Propheten Muhammad. Bereits 1998 hatte der Qaida-Anführer erklärt, es sei „die Pflicht eines jeden Muslims, Amerikaner und ihre Verbündeten – Soldaten wie Zivilisten – zu töten.“

Wegen dieser religiösen Legitimierung und Rechtfertigung der Anschläge vom 11. September richteten sich die Augen der Weltöffentlichkeit schnell auf die arabischen Länder und die Reaktionen der dortigen Regierungen und Gesellschaften. Von offizieller Seite wurden die Anschläge einhellig verurteilt, selbst Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gadhafi und der geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, sprachen dem amerikanischen Volk ihr Mitgefühl aus. Eine Ausnahme bildete lediglich der Irak, dessen Regierung offiziell erklären ließ: „Die amerikanischen Cowboys ernten die Früchte ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Erste Reaktionen aus der arabischen und iranischen Presse

Samir Ragab erklärt in seinem Editorial für die staatliche ägyptische Tageszeitung „al-Gomhuriya“ am 12. September 2001:

„Es ist unser aller Pflicht, zusammenzuarbeiten und dieses bedrohliche Phänomen zu bekämpfen, das die Sicherheit Aller, Jung wie Alt, in Frage stellt. Die unschuldigen Opfer der gestrigen Anschläge in den Vereinigten Staaten sollten Amerikaner und Andere dazu bewegen, ihre gemeinsame Situation neu zu bewerten und einen neuen Rahmenplan für die Zusammenarbeit aller Völker in der Welt auszuarbeiten.“

Die im saudischen Jeddah erscheinende „Arab News“ schreibt am Tag nach den Anschlägen:

„Die Tatsache, dass die Verantwortlichen für die Anschläge angeblich unsere Glaubensbrüder und vielleicht sogar unsere saudischen Mitbürger sind, sollte uns innehalten lassen. Wir müssen uns aus mehreren Gründen fragen: Wer waren diese Leute? Warum taten sie, was sie taten? Was führte sie auf diesen Weg? Die ersten beiden Fragen sind wahrscheinlich die einfachsten, es ist die dritte, die  uns Anlass zu unbeliebten Antworten geben kann. Aber dies muss getan werden – kühl, ruhig und so emotionslos wie möglich. Wir müssen diese Sachen untersuchen und, wenn wir im Verlauf unserer Untersuchung auf Dinge stoßen, die unangenehm oder unerträglich sind, müssen wir sie so ehrlich und aufrichtig, wie wir können, nach den Prinzipien und Richtungen unserer großen Religion, dem Islam, aufarbeiten.“ 

Die Zeitung „Ryoodad“ aus Teheran, die dem Umfeld des damals amtierenden reformorientierten Präsidenten Mohammed Khatami zugeordnet wird, schreibt:

Wir glauben, dass wir die Wurzel des Terrorismus beseitigen müssen, um uns dieser Geißel zu entledigen. Ungerechtigkeit ist der wichtigste Faktor für die Verbreitung von Hass und Feindseligkeit unter den Völkern. Der Mensch kann Frieden und Wohlstand nur durch Berufung auf sein reiches und vielfältiges kulturelles Erbe und durch den Dialog zwischen den Kulturen erreichen. Wir glauben, dass es Zeit ist, die Ideen der amerikanischen Behörden zu überdenken und Frieden und Sicherheit für alle Völker der Welt, vor allem für das große Volk der Vereinigten Staaten von Amerika zu bringen. Die Regierung der Islamischen Republik Iran sollte auch ihre nationalen Interessen überdenken und all ihre diplomatische Macht in die Waagschale werfen, um dieses Ziel zu erreichen. Es sollte allen friedliebenden Regierungen und Nationen als potenzielle Verbündete für ein Bündnis für den Frieden betrachten. Der Iran sollte das moderate Gesicht des Islam darstellen – gegen militärische Abenteuer, Isolationismus und spaltende Politik.“

Daneben gab es in den ersten Tagen nach den Anschlägen auch einzelne Pressestimmen, aus denen kaum verhüllte Genugtuung und Verständnis für die Attentäter klingt. So schreibt Hafez al-Shaykh am 12. September in der Zeitung „Akhbar al-Khaleej“ aus Bahrain:

„Die USA bekommen jetzt ein Stück von dem Brot zu essen, mit dem sie die Welt seit Jahrzehnten fütterten.“

Noch schärfer kommentierte die englischsprachige Ausgabe der iranischen Zeitung „Keyhan“, die dem geistlichen Führer des Landes, Ayatollah Ali Khamenei, nahesteht, die Ereignisse in den USA:
„Der Super-Terrorist bekam am Dienstag einen Geschmack von seiner eigenen bitteren Medizin, als der Stolz seiner finanziellen und militärischen Macht in New York und Washington zusammenbrach. Der Angriff erregte keinerlei Mitleid bei den unterdrückten Völkern in der Welt, auch wenn ihre Führer den Angriff aus diplomatischer Höflichkeit verdammten. Die Mehrheit der Weltmeinung ist der Ansicht, dass die USA den Anschlag verdienten. Trotzdem fühlten sie Mitleid für den einfachen amerikanischen Bürger, der die Last der verbrecherischen Politik mehrerer amerikanischer Regierungen tragen muss.“

Im Editorial der in London erscheinenden arabischen Zeitung „al-Quds al-Arabi“ heißt es am 12. September:

„Uns bekümmert und schmerzt das unschuldig vergossene Blut der Opfer dieser Operation. Wir hoffen, dass die politischen Experten und Entscheidungsträger in Washington diese Gefühle gegenüber den Opfern ungerechter amerikanischer und israelischer Politik teilen.“

Jordaniens meist gelesene Tageszeitung „al-Ray“ schreibt am gleichen Tag in ihrem Leitartikel:

„Es muss unterschieden werden zwischen der Politik der US-Regierung, die einseitig für Israel Partei ergreift und dem amerikanischen Volk, das sich Weltfrieden auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Entwicklung wünscht. Das amerikanische Volk wird fehlgeleitet von den  israelischen und zionistischen Medien und vom starken Einfluss der jüdischen Lobby in den Vereinigten Staaten. Vielleicht sollten uns die gestrigen Ereignisse als Erinnerung an die fortgesetzte Unterdrückung und Aggression in Palästina dienen.“

Für Aufsehen und Empörung sorgten TV-Aufnahmen aus Ost-Jerusalem, die jubelnde Palästinenser zeigten, die sich über die Anschläge in New York und Washington freuten. Dem amerikanischen Nachrichtensender CNN wurde anfangs unterstellt, Archivaufnahmen verwendet zu haben. Dieser Vorwurf wurde alsbald ausgeräumt. Allerdings enthüllte ein Bericht des ARD-Magazins „Panorama“, dass sich nur ein Dutzend Menschen an den Jubelfeiern beteiligten und diese offensichtlich von einem unbekannten Mann dazu angestachelt wurden. Eine Frau, die auf den Aufnahmen zu sehen ist, sagte gegenüber der ARD aus, sie sei eingeschüchtert worden und außerdem habe man ihr Kuchen angeboten, wenn sie für die Kamera jubele.

Mit dem zeitlichen Abstand zu den Anschlägen wächst in der arabischen Presse der Unmut über die Tat. Gleichzeitig mehren sich die selbstkritischen Stimmen. Juraprofessor Nabil Bibawi schreibt eine Woche nach den Anschlägen in der ägyptischen Tageszeitung „al-Ahram“:

„Terroristen bringen Dunkelheit über die Vernunft und den Verstand des  Menschen, weil sie versuchen der Gesellschaft ihre rückständigen Ideen unter dem Deckmantel der religiösen Korrektheit aufzuzwingen. Sie verzerren religiöse Überlieferungen, damit sie ihren politischen Zielen zur Machtergreifung dienlich sind. Die Extremisten entstellen religiöse Toleranz durch barbarische Akte. Es kann keine schlimmere Verzerrung der Religion als diese geben. Wenn der Zionismus Milliarden Dollar ausgegeben hätte, um das Bild des Islam zu beschmutzen, hätte er nicht das erreicht, was die Terroristen mit ihren Taten und Worten getan haben.“

Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgt Uthman Mirghani in seinem Kommentar für die von Saudi-Arabien finanzierte, in London erscheinende Zeitung „al-Sharq al-Awsat“ unter der Überschrift „Jihad für wen?“:
„Es ist die Pflicht derer, die vorgeben zum Jihad aufzurufen, den Islam zu verteidigen, indem sie ihn von denen säubern, die sein strahlendes Bild von Toleranz und Kritik in den Schmutz ziehen. Es ist ihre Pflicht, das zu tun, was dem Islam und den Muslimen in aller Welt nützt und Sachen zu unterlassen, die die Interessen der Muslime in Frage stellen und die islamische Gemeinschaft in Europa, den Vereinigten Staaten und Afrika gefährdet.


Es gibt keinen Zweifel, dass das, was in New York und Washington am 11. September geschah, eine ruchlose, unverantwortliche und sinnlose Tat war. Sie hatte nichts zu tun mit dem Islam und hat der Religion und den Muslimen keinen Dienst erwiesen. Stattdessen  verursachte es den Muslimen den schwersten Schaden, beschmutzte den Ruf des Islam und brachte die Muslime in eine Position, in der sie ihre Religion verteidigen müssen, in der sie sich selbst vor dem Rest der Welt erklären und rechtfertigen müssen.
Außerdem haben die Terrorangriffe Extremisten und Rassisten die Chance gegeben, den Islam anzugreifen, indem sie Nutzen ziehen aus Handlungen, die nichts mit dieser glorreichen Religion zu tun haben.
Falls irgendein Jihad heute angebracht ist, dann muss er sich darauf konzentrieren, die grundlegende Gerechtigkeit und die tolerante Botschaft des islamischen Glaubens und des islamischen Rechts zu erklären. Jene, die das Bild des Islam befleckt und dadurch Muslimen Schaden zugefügt haben, müssen gestellt werden. Jeder, der einem anderen hilft, Ungerechtigkeit auszuüben, verübt selbst einen größeren Akt der Ungerechtigkeit. Und jeder, der einen Fehler rechtfertigt, verübt selbst einen noch größeren Fehler. Der beste Jihad ist es, die Wahrheit auszusprechen und die beste Verteidigung des Islam ist es, jene anzugreifen, die den Islam ausnutzen, um Handlungen zu rechtfertigen, die nichts mit der grundlegenden Botschaft des Islam der Gerechtigkeit und Toleranz zu tun haben, die sein Bild beschmutzen, die seine Botschaft untergraben und die Muslimen überall schweren Schaden zufügen.“

Abdul Rahman al-Rashid richtet in seinem Leitartikel für das in London erscheinende pan-arabische Blatt „Al-Sharq al-Awsat“ den Blick wenige Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon bereits in die Zukunft und prophezeit einschneidende Veränderungen in der amerikanischen Außenpolitik:

„Die amerikanische Macht wird fortan weniger tolerant sein und die Normen und Formalitäten des Internationalen Rechts und der internationalen Beziehungen nur noch eingeschränkt berücksichtigen. Es wird keine Rücksicht mehr genommen auf Staaten, die aus amerikanischer Sicht feindlichen Organisationen oder Einzelpersonen Schutz gewähren. Und dennoch ist es naiv zu glauben, dass die großen Länder immun sind gegen feindliche Gruppen, seien es auch noch so gegensätzliche wie Rassisten, islamische und christliche Fundamentalisten oder lateinamerikanische Drogenbanden.“
Diese Karikatur aus dem gleichen Blatt vom 18. September nimmt ebenfalls die Entwicklungen der kommenden Monate vorweg:
         
Zu sehen ist US-Präsident George W. Bush, der als Sheriff auf dem Fahndungsplakat für al-Qaida-Chef Usama Bin Laden das Wort „lebendig“ in der Zeile „lebendig oder tot“ durchstreicht und sich dem Hinweisschild folgend auf den Weg nach Afghanistan macht.

Verschwörungstheorien in der arabischen Welt

Mit wachsendem zeitlichen Abstand zu den Anschlägen 2001 wuchs in der arabischen Welt die Zustimmung zu Verschwörungstheorien, welche die USA oder Israel beschuldigen, 9/11 selbst initiiert zu haben. Bei einer Umfrage, die 2008 vom Meinungsforschungsinstitut World Public Opinion (WPO) durchgeführt wurde, erklärten etwa 27% der Befragten, sie vermuteten die USA hinter den Anschlägen, jeder Fünfte nannte Israel. In Jordanien beschuldigten 31% Israel, 17% die USA und nur 11% al-Qaida. In Ägypten glaubten gar vier von zehn Befragten der Mossad stecke hinter den Anschlägen. Die Ursache für diese weit verbreiteten Ansichten liegt vor allem in den arabischen Medien. Besonders in TV-Sendungen finden Verschwörungstheoretiker, die Israel oder den USA die Schuld für den Anschlag in die Schuhe schieben regelmäßig eine Plattform. Bereits wenige Wochen  nach den Anschlägen verbreitete der libanesische Fernsehsender al-Manar, der der Hizbollah nahesteht, in einem Bericht mit dem Titel „Die große Lüge“ die Behauptung, dass 4000 jüdische Arbeitnehmer am 11. September nicht zu ihrer Arbeitsstelle im World Trade Center erschienen seien, weil sie zuvor von der israelischen Regierung gewarnt worden seien. Über das Internet verbreiten und verselbständigen sich derartige Gerüchte rasch. Auch wenn die staatlich kontrollierten Zeitungen etwa in Ägypten oder Jordanien versuchen, derartigen Verschwörungstheorien entgegen zu treten, hat dies selten Erfolg, da viele Bürger den dortigen Meldungen wegen der Zensur und der vorgegebenen Ausrichtung ohnehin nur begrenzt Glauben schenken.

Auswirkungen auf die Wissenschaft

Im wissenschaftlichen Bereich bilden die Anschläge den Startschuss für eine neue Disziplin, die so genannte Jihadismus-Forschung. Dieser neue Forschungszweig, der sich nicht aus der Islamwissenschaft, sondern in erster Linie aus der Politikwissenschaft entwickelt hat, befasst sich zum Einen mit der Ideologie, die zur Mobilisierung und Radikalisierung junger Muslime führt. Noch wichtiger aber ist die Analyse der Strategien und Kommunikationsprozesse, welche die verschiedenen jihadistischen Bewegungen, die sich in den letzten Jahren im Dunstkreis von al-Qaida entwickelt haben, anwenden. Europas größtes Institut, das sich mit dieser Thematik befasst, ist das Norwegian Defence Research Establishment. In den USA ist das Combating Terrorism Center (CTC) führend auf dem Feld der Jihadismusforschung, das an der US-Militärakademie in West Point angesiedelt ist.

Viele Islamwissenschaftler und Arabisten verfolgen die Entwicklung und den wachsenden Zulauf für die Jihadismusforschung mit Skepsis. Sie verweisen darauf, dass viele selbst ernannte „Terrorexperten“ Politikwissenschaftler sind, denen grundlegende Sprachkenntnisse und Wissen über den Islam und die arabische Welt fehlen.

Als aktuelles Standardwerk auf dem Gebiet der Jihadismusforschung gilt die Aufsatzsammlung „Self Inflicted Wounds: Debates and Divisions within al-Qa’ida and its Periphery“, die im Dezember 2010 vom CTC veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem:

„Während wir uns dem zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. Septembers nähern, sehen sich die Vereinigten Staaten, seine westlichen Verbündeten und fast alle Staaten der Islamischen Welt einem geschwächten jihadistischen Feind gegenüber, der jedoch nach wie vor in der Lage ist, spektakuläre terroristische Gewaltakte durchzuführen. Der jüngste Versuch, Paketbomben in Frachtflugzeugen zu versenden, ist nur der letzte in einer Serie von Anschlagsplänen, die nahelegen, dass al-Qaida und seine Kohorten – auch wenn sie geschwächt sein mögen – weiterhin eine ernsthafte Bedrohung für die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten darstellen.

weiter mit Teil 2

Literaturhinweise

Kippenberg, Hans G., und Tilman Seidensticker (Hg.): Terror im Dienste Gottes. Die „Geistliche Anleitung“ der Attentäter des 11. September 2001. Campus Verlag: Frankfurt am Main 2004.

Tobias Jaecker: Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters. LIT, Münster 2004.

Sabine Reichardt: Diskursanalyse zur Berichterstattung über den 11. September 2001 im Hinblick auf die Darstellung des Islamismus und Terrorismus, GRIN Verlag, München 2007.

Antje Glück: Terror im Kopf. Terrorismusberichterstattung in der deutschen und arabischen Elitepresse. Frank & Timme, Berlin 2007.

Yassin El Ayouty: Perspectives on 9\11. Greenwood Press: Westport 2004.

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