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Ein persönlicher Bericht aus Lampedusa von Marta Bellingreri

Und schon kannst Du weiterfliegen! Keine fünf Minuten dauert die Gefangenschaft der Wandervögel: Kaum gelandet, werden sie in kleinen Netzen gefangen und von den Forschern der Umweltschutzorganisation Legambiente in das Haus nebenan gebracht. Dort werden sie gewogen, untersucht und bestimmt, vor allem aber bekommen sie einen Ring mit einer Kennung. So lässt sich verfolgen, ob die Vögel an den gleichen Ort zurückkehren, ob sie bei der Rückkehr abgemagert sind und ob sie von Lampedusa zum Beispiel nach Ponza ziehen, wo andere Forscher auf sie warten: man verfolgt ihre Wanderung, von einem Teil „Europas“ zum nächsten, man überwacht den Gesundheitszustand der Vögel, die von der einen Mittelmeerküste zur anderen fliegen… und man lässt es zu, dass sie weiterziehen!

Forschungsprojekte wie dieses gibt es auf vielen italienischen Inseln. Auch auf der „Grenzinsel“ Lampedusa ruhen sich einzigartige Zugvögel aus Afrika aus, bevor sie ihre Wanderung fortsetzen.

Schade nur, dass das Häuschen, in dem die Forscher von Legambiente ihrer Arbeit nachgehen, nur über den angrenzenden Militärflughafen zu erreichen ist. Direkt auf der anderen Seite schließt sich ein anderes Gelände an: die ehemalige Loran-Basis der NATO, umgeben von Radaranlagen und vereinzelten rostigen Geschützen versehen mit der Warnung „Gefahr durch Hochspannung“ – heute ein Erste-Hilfe- und Erstaufnahmezentrum für Migranten, die auch nur auf der Durchreise sind.

Migranten aus Afrika und anderen Kontinenten und Wandervögel treffen sich auf Lampedusa auf der Durchreise. Sie haben einen Herkunftsort, ein Ziel, aber unterschiedlichste Reiseverläufe: Eine Aneinanderreihung von Fragezeichen und Übergriffen, hastigen Transporten und Wegen (Weg nicht nur wie in „Dienstweg“), die sich plötzlich verändern oder unnötig verzögern können. Zum Beispiel durch die Abschiebungen von Tunesiern aus Palermo in den letzten Tagen. Oder wenn es Italien auf Grund von Abkommen mit Tunesien in den Sinn kommt, die „Vögel“ einfach umzulenken.

Von den 800 Menschen, die am Abend und in der Nacht vom 29. zum 30. April gelandet sind, finden sich nach einigem Hin und Her zwischen Mole, Bus und Aufnahmezentrum einige hundert schließlich am Hafen wieder. In der Stazione Marritima waren nach ihrer Ankunft die Frauen und Kinder untergebracht worden. Jetzt werden doch wieder andere zum Schlafen in dieses Hafenterminal geschickt.

Afrikaner aus dem Senegal und aus Benin. Ägypter und Libyer. „Libyer“ mit tunesischem Akzent und dem Lächeln eines Menschen, der lügt, um nicht zurückgeschickt zu werden. Ein Raum voller Pakistanis, ein paar Irakis, die seit Jahren in Libyen lebten. Alle sitzen nach den 48 Stunden Überfahrt aus Libyen nun im Hafenterminal. Den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen und des Erstaufnahmelagers zufolge, geht es diesen hundert besser als denen, die im Aufnahmelager schlafen müssen. Genauer: im Innenhof – im Regen. Vom Schiff stiegen sie mit nasser Kleidung. Auf der Hafenmole bekamen sie eine Decke und – falls vorhanden – etwas Kleidung zum Wechseln. Nun, im Innenhof, kommt die Nässe zurück.

Nicht vom Meer sondern vom Himmel.

Ganz anders im Hafenterminal. Nässe stellt hier kein Problem dar – es gibt ein Dach, der Regen muss draußen bleiben und die vom Meer nasse Kleidung trocknet langsam. Nein, hier gibt es kein Wasser. Nicht einmal auf der einzigen Toilette, die schon längst verstopft ist, seit 43 Frauen und 11 Kinder versucht haben, sie zu benutzen.

Aber schon vorher gab es kein Wasser in der Stazione Marittima. Vielleicht wäre es zu gefährlich gewesen – mit all den losen Kabeln, an denen ein Elektriker arbeitete, als ein Kontinent ankam.

Alles begann am Freitag, 29. April, 17 Uhr.

Schon seit 24 Stunden herrscht gutes Wetter, zumindest kein schlechtes. Das Meer ist ruhig und schon seit dem Vorabend sind wieder Boote gelandet. Und natürlich hatten wir damit gerechnet. Seit dem 19. April war kein Boot mehr angekommen, nun sind am Donnerstag dem 28. April, 77 Tunesier die Ersten, die die „Saison“ einläuten.

Die Tunesier warteten seit Tagen am Meer, bereit zur Abfahrt. Und wenn sie mit Freunden sprachen, die schon in Italien sind, hören wir: „Wir sind bald da.“
Irgendjemand spricht Italienisch, er könnte dieses „wir sind bald da“ schon ein paar Mal in seinem Leben gesagt haben, und vielleicht war er wirklich schon mal da. Aber es gibt Gesetze und Abkommen, die ihn dazu zwingen, es immer wieder zu sagen. Wichtig ist, dass Mohamad, wenn er nun zum zweiten Mal in Italien ankommt, zu mir sagt: „Ich bin Libyer“. Ach ja, aus Tripolis. Vielleicht hat er Italienisch im Italienischen Kulturinstitut in Tripolis gelernt? Komm schon, du kannst es mir schon sagen, ich bin nicht von der Polizei, ich spreche auch nicht Arabisch um dich auszuspionieren. Nein, er hat in Tunesien italienisch gelernt, denn Italien ist, wo er hin will.

Wir sind da, wir sind da!

Wir sind zum dritten Mal am Hafen, nun am Morgen des 29. April, als sich weitere neun Tunesier, die von der Küstenwache aufgegriffen wurden, schweigsam der Küste nähern. Gar nicht leise sind dagegen 264 Afrikaner, die um zwei Uhr nachmittags ankommen und endgültig deutlich machen, dass die Saison angefangen hat. Die Einwohner von Lampedusa rechnen schon damit: „Diese ganzen Araber ruinieren uns!“

Es ist eine Jagdsaison, die an den Küsten beginnt, die Saison für einen Krieg, den nicht erklärt hat, wer das Schiff ins Mittelmeer gesetzt hat. Sondern zu dem vielleicht der Mailänder Besitzer der Häuser oder Hotels (gemeint ist Silvio Berlusconi, Anm. d. Übers.) beigetragen hat.

Der Sommer – „ruiniert“. Deine Bomben und dein Kreuz auf dem Wahlschein haben auch uns ruiniert!

Aber wir waren dabei, wie um 5 Uhr Nachmittags am 29 April alles begann:

Die Küstenwache ruft beim diensthabenden Vermittler an, um ihm die bevorstehende Ankunft von 800 Menschen in der kommenden Nacht mitzuteilen. Ich treffe ihn in der halben Stunde, die er in seinem H24 für mich erübrigt. Die Abkürzung steht für 24 Stunden Bereitschaft pro Arbeitstag. Aber schon sind auch die Reporter der Nachrichtensendung auf Sky da und verfolgen den Anruf über den neuen „Exodus“.

Die Ersten kommen gegen 19.45 am Molo Favarolo, dem alten Hafen, an. Der erste Bus füllt sich rasch mit den ersten 70, aber der Busunternehmer, der sie ins Aufnahmezentrum bringen müsste, hat keinen zweiten Bus. Also warten etwa hundert Personen im Abendwind, der angenehm sein könnte, wenn man nicht gerade nasse Kleidung trägt und die letzten zwei Tage auf einer Fahrt ins Ungewisse durchwacht hat. Jeder mit einer Flasche Wasser und etwas Zwieback.

Nach einer Stunde warten immer noch über dreißig Personen, obwohl inzwischen der zweite Bus angekommen ist. Man kann sie hier nicht warten lassen, aber alle Gedanken sind schon bei den nächsten, die ankommen. Jemand schlägt vor, für die am Vorabend Angekommenen heißen Tee zu kochen. Abends sieht man im Handelshafen von Lampedusa unter den Rettungskräften auch Vertreter der Zivilgesellschaft, Anwohner die Damenbinden verteilen, die am Telefon darum bitten, dass jemand Windeln bringt oder mehr Tee, die Arabisch, Englisch und Französisch übersetzen. Möglichkeiten, Fragen, Blicke… Was am schwierigsten zu übersetzen ist, sind vielleicht die Blicke. Blicke die häufig fragen: „Aber wo bin ich eigentlich?“

Dada will unbedingt einen Schwangerschaftstest machen. Sie sagt das fröhlich und streicht sich über den Bauch, dessen Wölbung man mit bloßem Auge sieht. Sie habe Schmerzen und seit drei Monaten keine Regel mehr gehabt. Sie wolle einen Schwangerschaftstest machen. Ich sage ihr, sie könne das morgen fragen, wenn sie – vielleicht – im Zentrum sei. Aber weil sie so darauf besteht, rufe ich einen Arzt, der ihr offiziell mitteilt, dass sie schwanger ist. Sie lächelt kaum merklich und als ich das sehe, frage ich: „Are you happy?“ Das schwache Lächeln wird breiter und bleibt auf Dadas Gesicht stehen: „Yes, I am happy.“

Victoire hat zehn Jahre in Libyen gelebt. Sie kommt aus Benin, lebte in Bengasi, wo sie nach dem Tod ihres Vaters nicht mehr bleiben wollte. Sie braucht unbedingt ein paar Schuhe, denn sie trägt Plastikbeutel um die Waden und kann nicht mehr.
Sie hat es vermieden, sich in das Gedränge zu stürzen, das um ein paar Hosen ausbricht, die gerade in Kleiderkisten von Askavusa ankommen, dem Kulturverein der Jugendlichen von Lampedusa, der alle seine Kräfte aufbringt.

Victoire bleibt einen Moment stehen um uns ihre Geschichte zu erzählen. Sie hofft, dass dieses Mal das neue Leben wirklich ihrem Namen gerecht wird – Victoire.

Ahmara diskutiert lebhaft mit einem Polizisten, denn sie will zurück, um ihren Trolly und ihre Jacke an der Mole zu holen, wo sie ihn zurücklassen musste, als Frauen und Kinder von den Männern getrennt wurden. Wir haben eine Stunde lang heißen Tee verteilt aber erst jetzt kommt Leben in die Frauen. „Mein Telefon war in der Jacke!“ Wie durch ein Wunder findet Ahmara in Begleitung meiner Kollegin Livia mit schon magisch wirkender Intuition ihre Jacke und den Trolly. Sie waren irgendwo auf der Mole, zwischen leeren Wasserflaschen, da wo inzwischen die Männer warteten. Wir fragen uns, wie sie sie finden konnte, unter all den nassen und verlassenen Jacken, zwischen den Zwiebackpackungen die im Abendwind in Richtung Meer flattern.

Nachdem ich noch ein Dutzend Mal hin und hergelaufen bin, um von ein paar Freiwilligen in den Thermoskannen der Ärzte ohne Grenzen Tee zu holen, gehe ich weiter zu den Männern. Abd el-Rahman möchte telefonieren, er will seinen Vater anrufen, der seit vier Jahren in Italien lebt. Er hat zusammen mit seiner Frau und zwei Brüdern den Senegal hinter sich gelassen.

Ich sage ihm, dass er im Aufnahmezentrum ein persönliches Gespräch führen und seinen Wunsch vorbringen kann. Ich frage ihn, wo in Italien seine Familie lebt. Er sagt mir, er wisse es nicht. Er erinnere sich nicht. Er weiß, dass sie in Italien sind und er kann die Telefonnummer auswendig.

Ägypter sind nur wenige unter ihnen: Sie fragen mich, ob sie in Italien bleiben können. Wir sprechen über die Schwierigkeiten, die vor ihnen liegen und von denen sie nichts wissen. Und darüber, ob sie – Inshallah! – bleiben können.

Inshallah – so Gott will – trifft man Erdenbürger auf der Insel Lampedusa, die von einem Ende zum anderen nur elf Kilometer lang ist und an ihrer breitesten Stelle ganze drei – 20 Quadratkilometer, die geologisch zu Afrika gehören. Menschen, die sich der Erde verbunden fühlen statt der Scholle.

„Wer ist Deine Mutter? Ist das nicht die Erde? Ri runni si allora?“ fragt mich Pasquale, das heißt im Dialekt „woher kommst Du?“. Er ist ein Lampedusaner, der in 15 Jahren zur See alle Kontinente gesehen hat. Wenn man sich hier beschwert, dann weil einem „eine Orange links im Rachen, eine Kirsche auf der Zunge und einen Apfel rechts im Rachen“ steckt, „und nicht mehr weiß, was man eigentlich im Mund hat. Wie kann man im Leben glücklich sein, wenn man die Geschmäcker nicht mehr auseinanderhalten kann?“ Meine Ohren lauschen Pasquales Erzählung, dem Dialekt von Lampedusa, der durch seinen Schnurbart dringt und seiner kräftigen, von Jahrzehnten des Rauchens rauhe Stimme. Aber ich lausche auch mit den Augen: Pasquales Worte, seine Geschichten sind schon auf seiner Haut zu lesen, in den Falten, die sich um seine Augen wickeln wie gezeichnet, fast wie eingeritzt. Auch seine Piratenkluft erzählt mir von ihm, und der Anhänger um seinen Hals.

Ich erwarte den Tag, an dem die erfundene Geografie die der Erde widerspiegelt.
Den Tag, an dem ich weiß, dass Dadas Kind Bürger des Kontinents ist, auf dem es zur Welt gekommen ist.

Auch mich hat die Insel aufgenommen, in einer Woche voller Wind, in der nicht einmal die Handelsschiffe von Porto Empedocle nach Lampedusa gefahren sind, und keine Früchte aus Mazara gebracht haben, oder Passagiere; in einer Woche wie vielen, in denen das Flugzeug die Zeitungen und der Wind diejenigen nach Hause bringt, die in Agrigent auf Sizilien zum Gymnasium gehen müssen, weil es auf Lampedusa nur einen naturwissenschaftlichen Zweig gibt; in einer Woche wie vielen im Jahr, in denen der Wind an der anderen, 355 Kilometer entfernten Küste es zuließ, dass Schiffe ablegen.
Und ankommen.

Marta Bellingreri lebt in Palermo. Sie war für ein Flüchtlingshilfsprojekt des Forum Antirazzista Palermo und Borderline Europe-Sicily auf Lampedusa.

Aus dem Italienischen von Harald Haakh
Original auf ideadestroyingmuros

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