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von Christoph Sydow und Björn Zimprich

Die arabischen Zeitungen lassen kein gutes Haar am angeschlagenen libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Kein Kommentator will dem Revolutionsführer beispringen. Beobachter warnen davor, den 68-Jährigen als armen Irren anzusehen. Der Despot sei weiterhin eine Gefahr für sein Volk.

„Gefährlich: Ja … Verrückt: Nein!“ betitelt Abdalbari Atwan seinen Kommentar in al-Quds al-Arabi. Der Journalist erzählt in seinem Artikel von einer persönlichen Begegnung mit dem libyischen Revolutionsführer im August 1999 in einer Militärbasis. Empfangen wurde Atwan, wie die meisten Besucher Gaddafis in einem Beduinen-Zelt. Er beschreibt die Bücher die dort auf einem einfachen Schreibtisch drapiert waren. Werke wie „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ von Paul Kennedy lagen neben „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama und einer ganzen Reihe von islamischen Schriften wie Hadithen und dem Koran.

Das Gespräch mit Muammar al-Gaddafi, das nicht aufgezeichnet wurde, drehte sich um den Dialog in der Politik, die Lage im Nahen Osten und die Frustration der Araber, sowie dass es ihm nach dem Anschlag von Lockerbie nicht gelungen sei, die internationale Isolierung seines Landes zu durchbrechen.

Abdelbari Atwan“gesteht“ seinen Lesern, dass er in diesem Gespräch die entäuschten Hoffungen und den Zorn der Araber auf die offizielle arabische Politik mit Gaddhafi teilte, aber er wollte mit Gaddhafi`s Arabismus nie uneingeschränkt zu eigen machen.

Im weiteren geht der Kommentator auf die zur Zeit aufgrund der TV-Bilder der letzten Tage weit verbreitete Überzeugung ein, Gaddhafi sei verrückt. Dies würden aber nur Leute vertreten, die Gaddhafi und Libyens Geographie, Bevölkerung und tribale Struktur nicht kennen.

„Der Mann ist nicht verrückt! Ich sage das nicht um ihn zu verteidigen, sondern wegen sieben Millionen Libyern die von ihm mehr als vierzig Jahre regiert wurden. Und wegen den Dutzenden, wenn nicht hunderten von Millionen Arabern die ihn phasenweise an vielen Orten dieser Welt angehimmelt haben und für die er der Revolutionsführer der nasseristischen Revolution in der arabischen Welt war. Deshalb ist es eine Beleidigung des libyschen Volkes und dieser betrogenen Araber ihn als verrückt zu bezeichnen“

Was Abdalbari Atwan jedoch einräumt ist, dass Gaddhafi sehr gefährlich ist und gleichzeitig die Revolution in vielen Teilen des Landes gegen ihn Legitimität besitzt. Dieser Aufstand verdient Unterstützung. Das Hauptproblem sieht der Kommentator jedoch im tribalen System Libyens und den Milliarden die Gaddhafi immer noch zur Verfügung hat. Diese ermöglichen es ihm Milizen und Söldner zu rekrutieren.

Trotzdem spricht sich Atwan gegen eine militärische Intervention des Westens in Libyen aus, da dies nur die Lebensdauer des Systems verlängern würde, indem es Gaddhafi zu einem Held des Widerstandes stilisieren könnte.

„Die einzige gute Nachricht ist die Standfestigkeit der Opposition, ihr Patriotismus und ihre Opferbereitschaft sowie das Scheitern aller Versuche sie zu spalten und ihre Unterstützung durch die überwältigende Mehrheit der Araber und der ganzen Welt.“

Der libanesische Politikwissenschaftler Asad Abu Khalil vergleicht den libyschen Revolutionsführer mit einem anderen gestürzten arabischen Diktator. In seiner wöchentlichen Kolumne für al-Akhbar aus Beirut schreibt er: „Gaddafis Persönlichkeit ähnelt der von Saddam Hussein. Ein absolut ruchloser Tyrann. Aber noch abscheulicher ist, dass dieser Tyrann zu einem Intellektuellen, zu einem Denker, zu einem Schriftsteller werden möchte.“ Mit großzügigen Spenden habe Gaddafi für die Verbreitung seines „Grünen Buches“ und die darin propagierte „Dritte Universaltheorie“ gesorgt, auch an amerikanischen Universitäten. Auch viele linke arabische Persönlichkeiten habe Libyens Diktator im Laufe der Zeit gekauft.
Gaddafi habe seinerseits 2003 vor den USA kapituliert und sei in „das regionale System von Gehorsam und Loyalität“ zurückgekehrt. Erst jetzt würden sich die Vereinigten Staaten plötzlich wieder daran erinnern, „dass Gaddafi, wie der Rest der regionalen Verbündeten, ein Tyrann ist, der regelmäßig Menschenrechte verletzt.“
Große Skepsis bringt Abu Khalil jenen ehemaligen Vertretern des Gaddafi-Regimes entgegen, die sich nun auf die Seite der Rebellen geschlagen haben. „Sie standen Jahrzehnte in Gaddafis Dienst, haben ihn gepriesen und für Gaddafis Familie gearbeitet. Jetzt predigen sie demokratisches Regieren und die Freiheit des Volkes.“ Das sei eine Beleidigung für die Opfer der Repression.
Auch wenn die Revolution noch nicht zum Ziel geführt habe, sei in Libyen bereits viel erreicht worden, so der in Kalifornien lehrende Politologe: „Gaddafi ist noch nicht gefallen, aber die Menschen haben gezeigt, wie groß ihr Hass und ihre Verachtung für den Despoten sind.“
Rajeh Khoury greift in seinem Kommentar für die libanesische Zeitung „al-Nahar“ die Haltung der westlichen Regierungen gegenüber Gaddafi scharf an. „Wie lange kann die Welt Libyens Nero und seiner verrückte Familie noch zuschauen, wie sie das Land und sein Volk verbrennt?“ Die Europäer zeigten einmal mehr, dass ihnen Öl wertvoller sei als Blut. „Es gibt keinen Grund über Würde, Demokratie und Menschenrechte zu sprechen. Jene, die sahen wie sich der italienische Ministerpräsident, ‚der andere Clown‘ Silvio Berlusconi, verbeugte um Gaddafi die Hand zu küssen, trauten ihren Augen nicht. Doch sie müssen ihren Ohren trauen, als sie hörten, dass Gaddafi in seiner Pressekonferenz erklärte, dass Berlusconi ihn als ‚Enkel von Omar Mukhtar‘ gepriesen und damit in eine Reihe mit den Großen der Geschichte gestellt habe.“
Die Frage sei, warum all das geschehen konnte: „Für eine Handvoll Dollar oder für ein paar Barrel Öl?“
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