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Ein Beitrag von Katharina MühlbeyerAid al-Qarni gehört zu den populärsten Predigern Saudi-Arabiens. Er hat Millionen Anhänger, seine Bücher sind Bestseller. Doch nun hat ihn eine junge saudische Schriftstellerin des Plagiats überführt, wie das saudische Kultur-und Informationsministerium kürzlich bestätigte. In seinem Buch mit dem Titel „Verzweifle nicht“ soll al-Qarni mehrere Passagen aus Salwa al-Oudedans Buch „So bekämpften sie die Verzweiflung“ übernommen haben, ohne dies zu kennzeichnen. Nun muss er nicht nur eine Geldstrafe bezahlen, auch sein Buch soll vom Ladentisch verschwinden, der weitere Vertrieb untersagt werden.

Dieses Urteil, ja der ganze Fall, ist erstaunlich, geht es doch um weit mehr als Fragen geistigen Eigentums. Es geht auch um eine Frau, die sich im konservativen Saudi-Arabien etwas traut, was wohl nicht viele wagen würden: ihre Rechte einzuklagen, auch gegen die Männerfront aus Religion und Politik. Und es geht um einen schillernden Islamisten, der in den vergangenen 30 Jahren eine fundamentale ideologisch-politische Wandlung durchlaufen hat und dessen Position nun ins Wanken zu geraten scheint.

So gehört al-Qarni zu den Protagonisten der ersten Stunde der salafistischen Erweckungsbewegung Saudi-Arabiens um Salman al-Auda und Safar al-Hawali. Wie diese wandelte er sich nach dem massiven Vorgehen der Regierung gegen die salafistischen Dissidenten in den 1990er Jahren zu einem mehr oder weniger systemtreuen ‚Moderaten‘.

Aid al-Qarni schrieb eines der erfolgreichsten arabischen Bücher der vergangenen Jahre

Nach dem 11. September 2001 dann kehrte er auf die politische Bühne Saudi-Arabiens zurück, als ihn die saudische Regierung quasi als Berater gegen den hausgemachten islamistischen Terrorismus à la Osama bin Laden engagierte. Um militante Islamisten wieder auf staatsislamische Linie zu bringen und die jihadistische Radikalisierung der saudischen Jugend einzuhegen, widmet sich der in Saudi-Arabien sehr beliebte Scheich seither der Umerziehung der Radikalen. Die Devise der Regierung bei ihrem Anti-Terrorkampf scheint dabei zu lauten: puritanisches Islamverständnis ist erlaubt, Kritik am und Gewalt gegen das System ist tabu.

Nicht ganz zufällig hat sich al-Qarni daher wohl der spirituell-islamischen Erbauung verschrieben und es als Autor von Selbst- und Lebenshilferatgebern zu großer Popularität gebracht. Sein Bestseller „Sei nicht traurig“ (arabisch: La tahzan) aus dem Jahr 2002, der Vorgänger von „Verzweifle nicht“, fand über Saudi-Arabien hinaus Millionen von Leserinnen und Lesern, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und gilt als eines der erfolgreichsten arabischen Bücher der letzten Jahre. Als regelmäßiger Kolumnist in der großen arabischen Tageszeitung al-Sharq al-Awsat äußert sich al-Qarni auch zu aktuellen politischen Themen. Regelmäßig tritt er im Fernsehen auf.

Auf Lesereisen und bei religiösen Missionsveranstaltungen in und außerhalb Saudi-Arabiens predigt er seinen Happiness-Islam, den er auch in zahlreichen weiteren Büchern verbreitet. Dieser Islam ist friedlich, eher apolitisch und meidet die ‚Übertreibung in der Religion‘ – eine Formel, die im saudischen religiös-politischen Diskurs häufig als Chiffre für Extremismus und Terrorismus verwendet wird. In seinen Büchern verspricht er den „Schlüssel zum Erfolg“, wie ein weiterer seiner Titel lautet, und zeigt – freilich aus streng islamischer Perspektive – Wege zum Glück und Heilung von Depression durch islamkonforme Lebensführung, gottgefälliges Verhalten und ostentative Gottesfürchtigkeit.

Gegner und Unterstützer liefern sich Scharmützel im Internet

Mit dem Plagiats-Urteil hat der geläuterte Saubermann nun Schaden genommen. Er wurde offiziell des Betrugs überführt von einer jungen Frau, die ihm, dem populären Gelehrten, über ein Jahr die Stirn geboten hat – trotz massiver Einschüchterungen von al-Qarnis Unterstützern über das Internet und harschen Medienkampagnen gegen ihre Person. Seit al-Qarni sein Buch „Verzweifle nicht“ vor einem Jahr auf der Buchmesse von Riyadh vorstellte und al-Oudedan kurz danach mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, liefern sich Gegner und Unterstützer im Internet Gefechte in Guttenplag-Manier: Texte werden akribisch verglichen und die Publikationsgeschichte der beiden Bücher nachgezeichnet. Auf Twitter und Facebook versammeln sich die Pro- und Contra-Lager mit immer neuen Beweisen und Gegenbeweisen. Ein Kommentator verballhornt die berühmtesten Titel Al-Qarnis und macht daraus „Klaue nicht!

Dass es überhaupt zu einer offiziellen Überprüfung der Anschuldigungen al-Oudedans kam und diese mit einer Niederlage für al-Qarni endete, mag auch ein Hinweis dafür sein, dass sein Rückhalt in der saudischen Politik nicht mehr all zu groß ist. Kenner al-Qarnis brachten die Plagiatsvorwürfe schon vor einem Jahr mit politischen Äußerungen des Scheichs in Verbindung, in denen er sich mit Blick auf die arabischen Revolutionen all zu offen zum Thema Freiheit geäußert haben soll. Gewissen Kreisen dürfte die Kontroverse um seine Bücher also ganz gelegen gekommen sein, schließlich schaden sie doch der Glaubwürdigkeit des einflussreichen Predigers.

Und die Vorwürfe beziehen sich längst nicht mehr allein auf „Verzweifle nicht“. Auch einige
andere von al-Qarnis Werken scheinen nicht gekennzeichnete Zitate und unmarkierte Übernahmen fremder Texte zu beinhalten. So fühle sich nun auch ein ägyptischer Schriftsteller durch den al-Oudedan-Fall zur Klage ermutigt, weil er al-Qarni schon vor mehreren Jahren verdächtigte, Titel und Idee eines seiner Bücher geklaut zu haben.


Al-Qarni kompiliert Aussprüche Mohammeds und Abaraham Lincolns

Kreatives Plagiieren gehört also seit längerem zum Programm des Autors, Konsequenzen aber hatte das bisher keine. Und ein besonders markanter ‚Ideentransfer‘ spielt interessanterweise auch im aktuellen Plagiatsfall kaum eine Rolle. So war aufmerksamen Lesern schon früher aufgefallen, dass bereits al-Qarnis Bestseller „Sei nicht traurig“ in großen Teilen auf dem amerikanischen Bestseller „How to Stop Worrying“ des Selbsthilfe-Gurus Dale Carnegie beruht, das bereits im Jahr 1948 erschien und bis heute die Regale für psychologische Ratgeber und Lebenshilfe füllt. So lassen sich, neben den formalen, inhaltlichen wie stilistischen Ähnlichkeiten ganze Passagen aus dem Carnegie-Werk in „Sei nicht traurig“ finden, deren Herkunft aus dem US-Bestseller nicht nachgewiesen ist.

Al-Qarni hat unter anderem zahlreiche Zitate von Wissenschaftlern, Politikern und mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten daraus übernommen und präsentiert sie in seinem Werk als eigene Kompilationsleistung, was sein Buch ohne Zweifel darstellt, wenngleich die eigentliche Zusammenstellung bereits von Carnegie geleistet wurde. Und so tummeln sich neben zahlreichen sauber belegten Koranzitaten und Hadithen ganz und gar nicht arabisch-islamisch klingenden Namen, wie beispielsweise Lincoln oder Roosevelt, die beim Lesen doch etwas stutzig machen – sie stammen allesamt aus Dale Carnegies Buch, ohne dass Al-Qarni jemals direkt darauf verweisen oder es allgemein als Inspirationsquelle nennen würde.

Gemessen an rein wissenschaftlichen Kriterien wäre dies unredlich, gilt es hier doch die Herkunft einer jeden Aussage gewissenhaft zu belegen. Für das Lebenshilfegenre ist es gleichwohl keine unübliche Praxis, schlaue Sprüche, Lebensweisheiten und Ratschläge für alle Lebenslagen ohne Quellenangabe in immer neuen Büchern zu verarbeiten. Erfolg hat hier, wer eben eigentlich alten Wein in neuen Schläuchen gut verkauft, und das gelang al-Qarni bisher äußerst gut.


Der Autor beruft sich auf die Kopierpraxis des 13. Jahrhunderts

Er selbst allerdings sieht sich im Dienste der Wissenschaft, weshalb er den heute international geltenden akademischen Konventionen beim Zitieren genügen müsste. Seine Verweise auf die angeblich so freie Kopierpraxis klassischer islamischer Gelehrter wie Ibn Taymiyya wirken da doch etwas lebensfremd. Dass sich auch ein saudischer Religionsgelehrter und mit ihm ganz Saudi-Arabien im Zeitalter von Copyright und geistigem Eigentum und nicht im 13. Jahrhundert befindet, setzt seiner religiös verbrämten Interpretation von schriftstellerischer Freiheit nun Grenzen.

Grenzen, die das Buch selbst längst überschritten hat: „Sei nicht traurig“ ist mittlerweile ein globalisiertes Phänomen und selbst zur Vorlage zahlreicher kreativer Abwandlungen geworden. So existieren beispielsweise Texte mit Titeln wie „La tahzan for Teens“, „La tahzan for Girls“ oder sogar „La tahzan for Single Mothers“, die nicht nachvollziehbar von al-Qarni stammen, aber besonders auf dem asiatischen Markt verbreitet zu sein scheinen. Inwiefern diese Neuerfindungen noch etwas mit dem arabischen Original zu tun haben oder ob sie nur den prominenten Titel ‚gekapert‘ haben, lässt sich aus der Ferne kaum beurteilen.

Und auch in Deutschland hat al-Qarnis Ratgeber bereits Nachahmer gefunden, klingt doch das Buch des deutschen Salafisten Sven Lau mit dem Titel „Gib nicht auf!“ verdächtig nach dem (bisherigen) Erfolgsrezept von Al-Qarni.

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