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Regisseurin Pary El-Qalqili sucht in ihrer Dokumentation »Schildkrötenwut« eine Annäherung an ihren palästinensischen Vater. Statt einfacher Antworten bietet der Film ein komplexes Porträt einer Vater-Tochter-Beziehung. Katharina Kretzschmar ist einigen Fragen zum Film im Gespräch mit Pary El-Qalqili nachgegangen, manche konnte sie ihr beantworten, einige bleiben auch für die Filmerin selbst offen.Was war der Grund für dich, diesen Film zu machen?

Das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir, ich habe immer gespürt, dass er viel mit sich herum trägt. Er ist gegangen als ich zwölf war und rund zehn Jahre später müde, traurig und gescheitert plötzlich wieder da gewesen. Ich wollte ihn immer beschützen, wovor genau weiß ich nicht. Aber ich spürte, da ist viel, von dem ich nicht weiß, dass zwischen uns steht, das ihn aber als Menschen und meinen Vater ausmacht. Auch wenn das abgedroschen klingt, für mich war der Film auch eine Art Therapie. Ich wusste schon lange, dass ich irgendwann einen Film über meinen Vater machen würde.

Du zeigst deine Eltern nackt und verletzlich, in manchen Szenen im wörtlichen in vielen im übertragenen Sinne, wie hast du für dich die Distanz finden können, deine Eltern so ungeschützt zu zeigen?

Ich wollte sie ungeschützt und menschlich zeigen, ihr Alter, ihren Alltag und ihre Verletzlichkeit. Ich denke, das fiel mir leichter, weil ich ihnen nah stehe. Ich hätte größere Schwierigkeiten gehabt, mir fremde Menschen so ungeschminkt und schutzlos zu zeigen.

Deine Mutter hat eine stumme aber eindrucksstarke Rolle im Film. Weshalb hast du dich dafür entschieden, sie nicht zu Wort kommen zu lassen?

Das war zunächst anders geplant. Als wir aber eine Szene mit ihr drehten, wurde mir dabei bewusst, wie eloquent sie spricht und wie sehr das im Kontrast zu meinem Vater wirkt. Wie klein es ihn erscheinen lässt. Diese Schieflage hätte dem Film eine ganz andere Richtung gegeben. Deswegen habe ich davon Abstand genommen.

Wie sind die Reaktionen in deiner Familie auf den Film bislang?

Pary El-Qalqili: Mein Bruder hat nach der Teampremiere in Berlin bei der Diskussion betont, dass das alles meine subjektive Sicht wäre und sich einigen meiner Aussagen und Beschreibungen distanziert. Das ist schwierig für ihn, da der Film ja meine subjektive Wahrheit zeigt und nicht seine. Meine Eltern waren danach ein bisschen verstört, es hat sie schon berührt, die eigene Geschichte aus der Sicht ihrer Tochter dann auf der Leinwand zu sehen. Ich denke, es ging ihnen erstmal nicht so gut, obwohl sie den Film vorher natürlich gesehen hatten. Trotzdem scheint die öffentliche Vorführung noch eine andere Wirkung auf sie gehabt zu haben, mit der sie nicht gerechnet hatten. Mein Vater hatte auch die Sorge, dass er sich nicht gut präsentiert und ausgedrückt hat. Die muss er aber nicht haben, denke ich.

Was sind von den Zuschauern für Reaktionen gekommen?

Nach der Premiere kamen die ersten Wortmeldungen von Besuchern aus der Generation meiner Eltern, sie waren sehr interessiert und fragten nach. Ein palästinensischer Vater sagte, dass ihm der Film sehr nah gegangen sei und ihm klar geworden wäre, wie wichtig es ist, dass die Kinder Fragen stellen dürfen und Antworten bekommen. Von den Leuten aus meiner Generation kamen zunächst wenige Wortmeldungen. Ich bekam aber am gleichen Abend eine Mail von dem Sohn eines Freundes meines Vaters. Er schrieb mir, dass er sich in dem Film selbst wieder gefunden hätte und jetzt besser verstehen könne, was ihn im Verhältnis zu seinen Eltern so aufwühlt und beschäftigt. Er beschrieb, dass er jahrelang eine Unruhe in sich spürte, die er nur schwer zuordnen konnte und dass ihm jetzt klar geworden sei, dass sie auch aus dem resultiert, was seine Eltern mit sich herumtragen und es ihn, ohne dass sie es verbalisieren können, spüren und damit auch mittragen lassen. Diese Mail hat mich sehr berührt da ich das Gefühl ja auch gut kenne.

Eine Frage, die nach der Teampremiere gestellt wurde, möchte ich aufgreifen. Hat der Film und die Arbeit an ihm dich palästinensischer werden lassen?

Nein, er hat mir eher gezeigt, wie fremd ich dieser Seite von mir war und zum Teil bin. Ich kann und möchte mich aber auch nicht festlegen. Ich wünsche mir, dass der Film über meinen Vater auch unabhängig von seinem Palästinensersein verstanden und angenommen wird, als ein Film über das Schweigen und das Nichtkommunizieren in Familien aus welchen Ländern auch immer. Der Film soll nicht sofort in die Migrationsschublade geschoben werden, es ist ein Film über Eltern und Kinder und das Gepäck der Eltern, dass die Kinder oft mittragen müssen ohne es zu verstehen oder sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

Was hat dieser Film für dich ausgelöst? Für dich allein und auch im Verhältnis zu deinem Vater?

Die Arbeit an dem Film war zum Teil sehr anstrengend, die Dreharbeiten dauerten mit Unterbrechungen an die zwei Jahre. Mein Vater und ich haben uns zwischendurch auch mal so gestritten, dass wir erstmal zwei Monate Pause voneinander brauchten. Mir kommt es aber so vor, dass ihm der Film auch gut getan hat, dass es um ihn und seine Geschichte ging, dass daran Interesse gezeigt wurde. Es tritt jetzt offener und herzlicher gegenüber Menschen auf und scheint aufrechter, früher hat er den Blick seiner Gegenüber oft gemieden, das tut er nun nicht mehr. Insofern hat ihm die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte und mit seiner Tochter vielleicht auch gefehlt und die Öffnung gegenüber mir gut getan.

Und dir? Was hat dieses Projekt für dich bedeutet?

Es hat mir die Möglichkeit gegeben, mich mit meiner Familiengeschichte und auch meiner ganz eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Fragen zu stellen, die mir schon lange auf der Seele brannten und vielleicht auch mit manchen Sachen meinen Frieden zu finden. Und auch das Gefühl meinem irgendwann verstummten Vater wieder zum Sprechen zu bringen.

Und was sind deine nächsten Projekte?

Ich wurde nach dem Film danach gefragt und mir wurden auch schon Vorschläge für weitere »Palästinensische Filme« gemacht. Ich möchte aber nicht auf diese Thematik festgelegt werden. Ich plane momentan einen Film über eine gescheiterte Amokläuferin zu machen, die nun in der Psychiatrie ist und da wahrscheinlich auch erstmal bleiben wird. Ich habe von ihrer Geschichte gelesen und möchte mit dem Film gerne der Fragen nachgehen, wie eine Jugendliche eine solche Wut entwickeln kann und was nach dem – zum Glück – gescheiterten Versuch nun mit ihr passiert. Man erfährt selten etwas über die Zeit nach solchen extremen Taten. Man hört davon, ist schockiert und oft wird aber nicht mehr gefragt, wie es dann danach weitergeht.

Und wie geht es mit der »Schildkrötenwut« jetzt weiter?

Der Film ist jetzt fertig, und bei verschiedenen Festivals eingereicht. Bislang steht, dass er im April bei dem »Vision du Réel – Festival international de cinema« in Nyon, und bei dem Internationalen Frauenfilmfestival in Köln und im Mai in München bei dem Internationalen Dokumentarfilmfestival gezeigt wird. Der Film wird dann auch bei Arte und dem Bayerischen Rundfunk zu sehen sein, wahrscheinlich im Herbst. Auf der Facebook-Seite zum Film kann man sich über die aktuellen Termine informieren, das geht auch wenn man nicht bei Facebook angemeldet ist.

Das kommt ja jetzt einiges auf dich zu. Ich wünsch dir viel Erfolg und vielleicht auch mal eine kleine Pause dazwischen?

Ja, ich fahr ich jetzt erstmal nach Indien und mache wirklich eine Pause. Zum Beginn der Festivals bin ich dann aber wieder da.

Lest hier eine Rezension des Dokumentarfilms „Schildkrötenwut“.


Schildkrötenwut Trailer from Balint Tolnay-Knefely on Vimeo.

Für weitere Informationen zu dem Film, aktuellen Terminen und der Regisseurin.

http://de-de.facebook.com/pages/Schildkr%C3%B6tenwut/172515486177994
http://www.kaissar-film.com/content/projekte/KaissarFilmGmbHCo.KGSchildkrotenwut.html
http://www.dokfest-muenchen.de/
http://www.frauenfilmfestival.eu/
http://www.visionsdureel.ch/

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