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Ein Gastbeitrag von Kristin Jankowski
„Du willst über die Schönheit der Revolution schreiben?“  fragte mich Shawky, als er eines Abends auf meinem Sofa saß. „So viel ich auch darüber nachdenke,  mir kommt nichts in den Kopf.“ Er senkte die Stimme. „Bei so viel Blut und Toten fällt mir nicht ein, was ich dir sagen kann. Ich sehe keine Schönheit in der Revolution.“  Ich verbrachte Tage damit, dass ich mir am Kopf kratzte, in der Wohnung hin und her ging. Und mich nur Eines fragte: „Wo finde ich die  Schönheit in der Revolution?“


Ich erinnerte mich an den Geruch, der am 12. Februar 2011 über Kairo schwebte. Es war ein Tag nachdem Hosni Mubarak zurückgetreten war. Alles roch anders, frischer, die Farben der Blumen waren stärker, es sah fast so aus, als ob die Palmen im Wind tanzten. Ich öffnete das Fenster und hielt meine Nase nach draußen. Nein, der Geruch war nicht mehr da.  Ich sah die Hunde durch die Straße laufen. Und drehte mich wieder um. „Schönheit?“ fragte mich meine Mitbewohnerin Asmaa. „Das ist schwierig.“  Sie war nachdenklich: „Ich könnte dir jetzt sagen, dass die Revolution die Menschen mehr zusammengebracht hat. Dass wir Solidarität erlebt haben. Aber das zählt alles nicht mehr. Das ist vorbei.“  Auch sie konnte mir keine Antwort geben, die mich hätte zufrieden stellen können.

Irgendwo muss sie doch zu finden sein, dachte ich mir. Ich zog mit meiner jemenitischen Freundin Rana durch die Straßen Downtowns. „Ich habe das Gefühl, dass die Männer nach der Revolution noch viel schlimmer geworden sind“, sagte ich zu ihr, als wir bemerkten, dass wir uns kaum frei bewegen konnten. Von fast allen Seiten hörte ich, wie sie uns zuriefen, wie mir in das Ohr geflüstert wurde, wie ich plötzlich fremde Gesichter direkt vor meinem Gesicht hatte.  Die Belästigung von den ägyptischen Männern ist kaum mehr auszuhalten. „Warten diese Jungs tatsächlich nur darauf, dass wir eines Tages um uns schlagen ?“ fauchte ich.

Dabei ging es doch um Freiheit in der ägyptischen Revolution. Doch ich kann noch nicht einmal einen Spaziergang in meiner Nachbarschaft machen, ohne dass ich mich aufgefressen fühle von den gierigen Blicken und den unverschämten Worten.  Fast so, als würde ich auf Wanderschaft im Knast sein.  Ich drehte mich umher.  Die Palmen tanzten nicht mehr im Wind, die Blumen schienen wehmütig ihre Blüten hochzuhalten.  Ich dachte an die Worte meines  Freundes Hema, der lange schwieg, bevor er mir eine Antwort auf meine Frage geben konnte. „Ich finde keine Schönheit in der Revolution. Meine Hoffnungen sind nicht mehr da. Ich habe so viele Freunde verloren. Ich bin traurig. Nein, in der Revolution finde ich keine Schönheit.“

Mit diesen Gedanken lief ich die Straßen entlang.  Wir setzten uns in eines der Cafés an der Börse. Dort, wo viele Aktivisten und Künstler sitzen. Ich trank einen Limonensaft.  Vor mir stand die große Mauer mit den Malereien und kleinen Graffitis. Vielleicht sehen einige Leute Schönheit in dieser Mauer, dachte ich mir. Ich suchte. Ich konnte sie nicht finden. Ich wurde traurig. Ich sah die gemalten Gesichter der Märtyrer.  Bilder rauschten durch meinen Kopf. Das Blut, die Tränen meiner Freunde. Die Hoffnungslosigkeit, die einen fast in den Wahnsinn treiben kann. Die Ungerechtigkeit, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Der unstillbare Hass, die Wut, den Wunsch einfach nur laut zu schreien und sich wild durch die Haare fahren zu wollen.  Die Folternarben auf dem Rücken meines Freundes.  Die Hilflosigkeit. Wo sollte ich da nur die Schönheit finden?

Ich bin müde von dem Beobachten. Ich bin müde von dem Schauspiel, von dem Austricksen. Von dem Katz-und Mausspiel. Ich bin müde davon, mir vorzustellen, wie die Mächtigen sich lachend in die Hände klatschen, während sie ihre Bauern auf dem Schachbrett in den Kampf ziehen lassen. Ich bin müde von den Demonstranten, die denken,  wenn sie mit Steinen auf Sicherheitskräften werfen, würden sie für eine bessere Zukunft kämpfen. Ich bin müde davon, meinen Freunden gut zuzureden. Ich bin müde davon, dass ich jedes Mal, wenn es in der Stadt zu Ausschreitungen kommt, Angst um meine Freunde haben muss. Vielleicht bin ich blind, aber nein, für mich hat der Kampf um Macht nichts mit Schönheit zu tun.  Vielleicht werden die Palmen wieder im Wind tanzen, wenn der Wunsch nach Frieden und Freiheit nicht mehr mit dem Hass auf den Feind in Verbindung gebracht wird.

Kristin Jankowski lebt und arbeitet seit Jahren in Kairo. Sie schreibt u.a. für den Transit-Blog des Goethe-Instituts.

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