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Liebe Leserinnen und Leser,

nach Teil 1 folgt nun Teil 2 unserer Studie zum Thema „10 Jahre nach dem 11. September“.

Der Afghanistan-Krieg und der „Krieg gegen den Terror“: Das erste unmittelbare Ergebnis nach dem 11. September

Hintergrund:

Der Krieg in Afghanistan war die erste schwerwiegende Konsequenz der Anschläge vom 11. September 2001. Sie war zum Einen fast unmittelbar, da zwischen dem Tag der Attentate und dem Kriegsbeginn am 7. Oktober 2001 nur knapp 4 Wochen lagen. Zum Anderen ist sie das am längsten direkt spürbare Resultat des „Krieges gegen den Terror“. So wie auch der 11. September jährt sich 2011 nämlich auch das militärische Engagement am Hindukusch und stellt damit einen direkten Rückgriff und ein ständiges Erinnern an das Ereignis dar.

Das schiere Ausmaß der Anschläge sowie die schnelle Identifizierung der Täter und Drahtzieher ermöglichte es den Vereinigten Staaten, sich binnen kürzester Zeit internationale Absicherung für eine militärische Intervention zu sichern. Bereits am 12. September 2001 hatte der UN-Sicherheitsrat den USA implizit das Recht auf Selbstverteidigung zugestanden. Drei Tage vor Kriegsbeginn, am 4. Oktober 2001, stellte der NATO-Rat erstmals in seiner Geschichte den Bündnisfall fest und schuf so die Grundlage für eine Intervention anderer NATO-Mitglieder. Am 20. Dezember, also knapp einen Monat nach dem Fall von Kabul, verabschiedete die UN das ISAF (International Security Assistance Force)-Mandat unter Führung der NATO, das bis heute den rechtlichen Rahmen für das militärische Engagement in Afghanistan bildet.

Die breite internationale Unterstützung, sowie die für eine US-geführte Militärintervention ungewöhnlich große Solidarität hingen auch mit den zu Beginn sehr klaren Zielvorgaben zusammen. Nachdem die Taliban-geführte Regierung unter Mullah Omar die Auslieferung Osama Bin Ladens abgelehnt hatte, rückte der Sturz des Regimes in Kabul, ebenso wie die Ausmerzung der al-Qaida-Zentrale in Afghanistan auf die Tagesordnung. Insbesondere die Festnahme Bin Ladens und seiner Entourage genoss Priorität. Aufgrund der direkten Verbindung zum Ereignis 11. September konnte somit auch der Einsatz im Ausland gerechtfertigt werden.

Der Afghanistan-Feldzug in der arabischen Presse

Auch in der arabischen Presse herrschte zu Kriegsbeginn am 7. Oktober 2001 weitgehender Konsens darüber, dass die Taliban in Afghanistan gestürzt werden müssten. Unverständnis machte sich jedoch darüber breit, dass sich US-Präsident George W. Bush und der Westen fast ausschließlich auf die Figur Usama Bin Laden fokussierten. Gleichzeitig wuchs in den arabischen Hauptstädten die Furcht vor einem Flächenbrand und davor, dass schon bald ein arabischer Staat zur Zielscheibe im Krieg gegen der Terror werden könnte.

Dieser Sorge verlieh auch Abdel Bari Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung „al-Quds al-Arabi“, in seinem Leitartikel vom 8. Oktober 2001 Ausdruck:

„Wir befinden uns jetzt inmitten eines neuen Krieges. Wir wissen, was ihn auslöste, aber wir wissen nicht wie er enden wird. Die Amerikaner sprechen von einem Krieg der mindestens zehn Jahre andauern wird. Präsident George W Bush weigert sich, den arabischen Staaten zu garantieren, dass arabische Staaten, allen voran der Irak, nicht angegriffen werden.“

Ähnlich äußerte sich das in Amman erscheinende Blatt „al-Dustour“:

„Wir befürchten, dass die Vereinigten Staaten im Rahmen ihres 10-Jahres-Plans, den sie Krieg gegen den Terror nennen, ihre militärischen Pläne über die Grenzen Afghanistans hinaus auf arabische und islamische Staaten ausdehnen, die auf der Terrorliste des State Departments stehen. Das wird die erwarteten Auswirkungen dieses Krieges erhöhen und zu negativen Entwicklungen führen, die die arabische und islamische Welt beeinflussen. Das wird erst recht der Fall sein, wenn Israels Freunde in Washington die US-Regierung überzeugen sollten, in späteren Etappen dieses langwährenden Kriegs Irak, den Sudan oder andere Staaten anzugreifen.“

Im Leitartikel der staatlichen ägyptischen Zeitung „al-Ahram“ heißt es am 9. Oktober 2001:

„Mit dem Ausbruch des ersten Krieges des 21. Jahrhunderts wünschen wir uns, dass die Vereinigten Staaten den Krieg gegen den Terrorismus gewinnen. Aber wir wollen nicht, dass dieser Krieg neue Generationen von Terroristen heranzüchtet, die noch grausamer und rücksichtsloser als ihre Vorgänger sind. Die Ankündigung der USA, dass dieser Krieg sich auf andere Regionen ausweiten könnte ist sehr gefährlich, da dies zu mehr Hass und Abneigung führen würde. Wir glauben, dass nach dem Ende der Militärintervention in Afghanistan die internationale Gemeinschaft neue Mechanismen zum Umgang mit dieser Situation entwickeln muss.“

Zweifel an den von Washington offiziell erklärten Kriegszielen äußert am 22. Oktober 2001 „al-Wafd“, die Tageszeitung der gleichnamigen ägyptischen Oppositionspartei:

„Es ist kein Geheimnis, jedenfalls jetzt nicht mehr, dass Amerikas Krieg in Afghanistan geplant war, lange bevor die Anschläge im September überhaupt stattfanden. Amerikas Ziel ist es, die ölreiche Region Zentralasien zu kontrollieren, oder sich zumindest die Kontrolle mit China und Russland zu teilen. Eine Welt, die Amerikas Tun vorbehaltlos begrüßt ist wahrlich eine Welt ohne Gewissen.“

Noch deutlicher wird Iman Ahmed, Redakteur der irakischen Regierungszeitung „al-Thawra“ Ende November 2001:

„Bush und all die Strategen und Experten hinter ihm versuchen die Situation seit dem September auszunutzen um Szenarien auszuspielen, die schon im Vorhinein entworfen wurden, um amerikanische Ziele umzusetzen. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass die Aggression gegen Afghanistan nicht wegen Bin Laden begonnen wurde, sondern um das geopolitische Gleichgewicht zu Gunsten amerikanischer Ziele zu verändern. Ganz egal wie hart der Irak daran arbeitet zu beweisen, dass er keine Massenvernichtungswaffen besitzt – die Vereinigten Staaten werden einen Grund finden, ihre feindliche Haltung gegenüber dem Irak aufrecht zu erhalten.“

Eine Woche nach Beginn der amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan bringt „al-Sharq al-Awsat“ diese Karikatur auf der letzten Seite. „Flugverbot für Friedenstauben“:
 
Kritik an der US-geführten Invasion wurde auch aus anderen Gründen laut. Der Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan fiel auf auf den 17. November 2001, mitten hinein in die Kriegshandlungen in Afghanistan.
Doch auch mit den arabischen al-Qaida-Kämpfern, die sich in die afghanischen Berge zurückgezogen hatten, gingen die arabischen Blätter hart ins Gericht. Ali Jalili schrieb in der ägyptischen „al-Ahram:“
„Die Paschtunen werden gegenüber den Arabern und Pakistanern keine Gnade walten lassen. Sie kamen dorthin, um gegen die ganze Welt Krieg zu führen und haben währenddessen den Ruf Afghanistans ruiniert und dem Land nichts anderes als politisches, wirtschaftliches und militärisches Leid zugefügt. Die Afghanen sind bereit, anderen Afghanen die Hand zu reichen, aber nicht den Arabern. Es gibt keine Garantie für ihre Sicherheit wenn sie sich ergeben.“
Im November und Dezember 2001 begann der Afghanistankrieg in der arabischen Presse in den Hintergrund zu treten. Grund hierfür waren der erste Jahrestag des Ausbruchs der sogenannten al-Aqsa-Intifada und andauernde militärische Operationen der israelischen Armee in den Besetzten Gebieten.
Exkurs: al-Jazeera erscheint auf den internationalen Bildschirmen
Für die meisten Araber waren ohnehin nicht die Zeitungen das wichtigste Medium, um sich über den Verlauf des Afghanistankriegs zu informieren. Weitaus breitere Wirkung in der arabischen Welt erzielte der in Katar ansässige Nachrichtensender al-Jazeera. Als einziger ausländischer Fernsehsender unterhielt der 1996 gegründete Kanal, der täglich zwischen 60 und 70 Millionen Zuschauer erreicht, unter den Taliban ein Redaktionsbüro in Kabul. Zu Beginn der Angriffe auf Afghanistan versorgte des ansässige Reporterteam die Welt mit den einzigen TV-Bildern aus Kabul, die zum Teil auch von westlichen Sendern übernommen wurden. Die Berichterstattung konzentrierte sich sehr stark auf das Leid der afghanischen Zivilbevölkerung.
Weltbekannt wurde al-Jazeera, als der Kanal Anfang Oktober kurz nach Beginn der amerikanischen Luftangriffe ein Videoband des al-Qaida-Anführers Usama Bin Laden ausstrahlte. Aus Sicht der US-Regierung wurde damit aus dem Fernsehsender ein Gegner im Kampf gegen den Terror. Im November 2001 zerstörten amerikanische Bomben das al-Jazeera-Studio in Kabul. Der syrische Journalist Taisir Allouni, der seit 1999 al-Jazeera-Korrespondent in Afghanistan war, wurde 2005 von einem spanischen Gericht zu fünf Jahren Haft verurteilt, da er während seiner Zeit am Hindukusch als Geldkurier für al-Qaida tätig gewesen sein soll. Auch al-Jazeeras Kameramann Sami al-Haj wurde im Dezember 2001 auf dem Weg nach Afghanistan festgenommen, von den Vereinigten Staaten als „feindlicher Kämpfer“ eingestuft und ins Gefangenenlager Guantanamo gebracht. Bis zu seiner Freilassung am 1. Mai 2008 wurde al-Haj dort ohne Anklage festgehalten.
Auch wenn der Sender heute das Image als Sprachrohr der Terroristen ablegen konnte, wird die Berichterstattung von al-Jazeera im Westen kritisch bewertet. Einerseits wird dem Sender zugute gehalten, dass er ein breites Meinungsspektrum abbildet und sich damit deutlich von den staatlich kontrollierten Medien in den meisten arabischen Ländern abhebt. Für Kritik sorgt jedoch die Tatsache, dass Islamisten wie dem prominenten Prediger Yussuf al-Qaradawi eine große Plattform gegeben wird. Außerdem wird dem Kanal oft vorgehalten, durch die drastische Darstellung von Kriegsopfern – etwa aus Afghanistan, Irak und dem Libanon -Stimmung gegen die USA und Israel zu machen. Die Programmverantwortlichen halten diesen Vorwürfen entgegen, dass sie anders als etwa CNN die andere Seite des Krieges abbilden und den Zuschauer nicht der Illusion eines klinisch reinen Krieges ohne zivile Opfer aussetzen.
Ein Jahr nach Kriegsbeginn
Ein Jahr nach Beginn des Afghanistan-Feldzugs wandelt sich die Bewertung der US-Politik in den arabischen Medien. So schreibt die ägyptische Wochenzeitschrift „al-Ahram al-Usbui“:
„Die Kategorisierung einzelner Mitglieder der internationalen Gemeinschaft auf unilateraler und rein subjektiver Basis als ‚Achse des Bösen‘ wird den Gewaltakten kein Ende setzen. Statt dessen wird dadurch die anti-amerikanische Stimmung, die in diesem Teil der Welt seit einer Weile brodelt, weiter wachsen. Die US-Regierung – Falken und Tauben gleichermaßen – müssen erkennen, dass das arabische Mitgefühl, das durch die Tragödie des 11. Septembers geweckt wurde, rasch schwindet. Die Welt blickt mit Schrecken darauf, wie die Vereinigten Staaten um sich schlagen, afghanische Dorfbewohner bombardieren, irakische Kinder verhungern lassen und Israel gestatten, palästinensische Häuser zu zerstören sowie Aktivisten und Unschuldige zu töten.“
Ähnlich äußert sich Abeer Mishkhas am Jahrestag des Kriegsbeginns in der saudischen Zeitung „Arab News“. Unter der Überschrift „Willkommen in der Dritten Welt, Herr Bush“ schreibt er:
„Es scheint, dass Amerikas Ruf als „Land of the Free“ für George W. Bush keine Anziehung mehr hat. Offensichtlich ist er neidisch darauf, wie sich Dritte-Welt-Länder verhalten können. Warum sollte man nicht einige Methoden ausprobieren, die in anderen Ländern praktiziert werden? Während also Bush neue Gesetze und Regelungen ausprobiert, die das Leben für alle Nicht-Staatsbürger in Amerika nahezu unmöglich machen, fragt man sich, wie viel vom ursprünglichen Bild der USA als Verteidiger von Menschenrechten und Demokratie übrigbleiben wird, wenn der Krieg gegen den Terror einst vorbei sein wird.“
Auswirkungen des Afghanistankriegs auf die Islamwissenschaftler
In Deutschland stieg mit Beginn des Afghanistankriegs das Interesse an Informationen über Geschichte und aktuelle Situation des zentralasiatischen Landes, sowie über Usama Bin Laden und sein al-Qaida-Netzwerk. Die Zahl der Veröffentlichungen stieg um den Jahreswechsel 2001/02 sprunghaft an. Die meisten von ihnen waren populärwissenschaftlicher oder journalistischer Art, die sich an ein breites Publikum richteten.
Zu nennen wären hier etwa eine dünne Usama Bin Laden-Biografie des Afghanistan-Experten Michael Pohly oder das Buch „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam“ von Peter Scholl-Latour, das 2002 erschien. In der Fachliteratur gerieten in der Folge ethnologische und kulturwissenschaftliche Abhandlungen gegenüber politikwissenschaftlichen Veröffentlichungen in den Hintergrund. In den deutschen Medien etablierte sich gleichzeitig eine Gleichsetzung von „Terrorismus-Experten“ mit „Afghanistan-Experten.“ Trotz des Krieges und der deutschen Beteiligung am ISAF-Mandat erlebten die deutschen Hochschulen keinen Boom afghanischer Lokalsprachen wie Paschtu oder Dari.
In den USA begannen mit dem Ausbruch des Afghanistankriegs Islamwissenschaftler, sich verstärkt in die öffentliche Diskussion einzumischen. Exemplarisch hierfür steht der Nahost-Historiker Juan Cole, der seit 2002 in seinem Blog „Informed Comment“ Stellung zum amerikanischen Krieg gegen den Terror nimmt und über Entwicklungen in der Islamischen Welt informiert. Dabei bezog er deutlich Position gegen die Außenpolitik der Bush-Regierung. Andere amerikanische Nahostwissenschaftler folgten später seinem Vorbild, zu nennen sind Marc Lynch und Michael Collins.
Literaturhinweise:
Hugh Miles: Al-Dschasira: Ein arabischer Nachrichtensender fordert den Westen heraus. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2005
Abdo Jamil Al-Mikhlafy: Al-Jazeera. Ein regionaler Spieler und globaler Herausforderer. Schüren, Marburg 2006.
Barbara Korte, Horst Tonn (Hrsg.): Kriegskorrespondenten. Deutungsinstanzen in der Mediengesellschaft. Wiesbaden 2007.
Kaltoum Djeridi: Die Berichterstattung über die Taliban in der arabischen Presse, Berlin 2008.
Akademische Blogs:
Juan Cole: Informed Comment: www.juancole.com
Marc Lynch: Abu Aardvark: www.lynch.foreignpolicy.com
Michael Collins: MEI Editor’s Blog: http://mideasti.blogspot.com/

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