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Al Jazeera drängt auf den US-Markt. Mit der Übernahme von Current TV und dem Start von Al Jazeera America will der Sender aus Qatar den etablierten Nachrichtenkanälen wie CNN, Fox News und MSNBC Marktanteile abnehmen. Doch wichtige Kabel-TV-Anbieter wollen das neue Programm nicht ausstrahlen. Konservative Amerikaner verdächtigen den Sender noch immer der Propaganda für muslimische Terroristen. Ein Gastbeitrag von Stefanie Groth.

2013 könnte das Jahr werden, in dem Al Jazeera die lang ersehnte Expansion auf den US-Nachrichtenmarkt gelingt. Der Sender gab in der vergangenen Woche den Kauf des amerikanischen Kabelsenders Current TV bekannt, unter dessen Vertriebsnetz Al Jazeeras neuer US-Nachrichtensender auf Sendung gehen soll: Al Jazeera America. Damit hat sich Al Jazeera die Möglichkeit erkauft, unter amerikanischen Zuschauern mehr Präsenz zu zeigen und sich endlich auf jenem Absatzmarkt zu etablieren, auf welchem dem arabischen Sender Einflussmöglichkeiten lange Zeit verschlossen geblieben waren.

Bisher konnte man Al Jazeera in den USA nur über das Internet empfangen, da sich kein Kabelanbieter fand, der bereit war, Al Jazeera English auszustrahlen. Mit der Übernahme von Current TV erreicht Al Jazeera nun mehr als 40 Millionen US-Haushalte. Und trotzdem: Es dürfte kein Leichtes sein, den „historischen Moment in Al Jazeeras 16-jähriger Geschichte“ – wie der Direktor des arabischen Nachrichtennetzwerks, Ahmed bin Jassim Al Thani, die neuesten Entwicklungen beschrieb – umzusetzen und auf dem umkämpften amerikanischen Markt Fuß zu fassen.

Das liegt zunächst weniger an mangelndem Interesse unter amerikanischen Zuschauern, sondern am Rückzug der Kabel-TV-Anbieter. Denn kurz nach Ankündigung des Geschäfts zwischen Al Jazeera und Current TV nahm Time Warner, der zweitgrößte TV-Betreiber in den USA, Current TV aus seinem Angebot. Damit wird Al Jazeera America für Time-Warner-Abonnenten nicht zu empfangen sein und verliert noch vor Sendebeginn immerhin 9 Millionen potentielle Zuschauer. Auch Bright House Networks, sechstgrößter Kabel-TV-Anbieter in den USA, wird Current TV ab sofort nicht mehr im Angebot führen. Berichten nach prüfen auch andere Anbieter, ob sie Current  unter den neuen Bedingungen weiterhin ausstrahlen werden.

Die Bush-Regierung betrachtete den Sender als Feind

Al Jazeera stößt damit auf altbekannten Widerstand seitens amerikanischer Kabel-TV-Anbieter. Mit wenigen Ausnahmen wie in New York und Washington, haben sich amerikanische Kabel- und Satellitenfernsehen-Vertreiber seit Sendestart im Jahr 2006 weitgehend geweigert, Al Jazeera English anzubieten. Al Jazeera hat sich in den vergangenen Jahren zwar bemüht, Anbieter durch Lobbyismus und Zuschauer-Petitionen umzustimmen, allerdings ohne Erfolg. Diese scheinen auch jetzt nicht gewillt, dem arabischen Sender Platz einzuräumen. Wobei die Kabel-TV-Anbieter das Abstoßen von Current TV als lang in Erwägung gezogene Entscheidung deklarieren, die man nun in Anbetracht der neuen Umstände in die Tat umsetze. Angesichts der niedrigen Quoten von Current TV ist das sogar eine plausible Begründung. Als eine Art digitales Bürgerfernsehen, das von Zuschauern gefilmte Beiträge sendete, hatte Current TV – 2005 vom ehemaligen US-Vize-Präsidenten Al Gore mitbegründet – von Anfang an mit niedrigen Zuschauerzahlen kämpfen und um ein klares Sendeprofil ringen müssen. Es bleibt vorerst offen, ob Al Jazeeras Rechnung aufgehen und der Kauf von Current TV sich auszahlen wird. Dessen Geschäftswert wurde zwar nicht öffentlich gemacht, wird laut Forbes und Reuters aber zwischen 400 und 500 Millionen Dollar eingeschätzt.

Der Widerwille der amerikanischen Kabel-TV-Anbieter gegenüber Al Jazeera lässt sich auf die ausgesprochene Feindseligkeit zurückführen, welche die Bush-Regierung dem arabischen Sender seinerzeit entgegen brachte. Unter dieser galt Al Jazeera, insbesondere wegen der kritischen Berichterstattung des Senders über den Irak-Krieg, als anti-amerikanische Propaganda. Das Image von Al Jazeera English und die Einstellung amerikanischer Politiker und Diplomaten gegenüber dem Sender haben sich jedoch spätestens seit dem Frühjahr 2011 grundlegend gewandelt. Während der sich überschlagenden Ereignnisse im Verlauf des Arabischen Frühlings 2011 wurde Al Jazeera English mit zur wichtigstens Informationsquelle über die Revolutionen, vor allem über die Ereignisse in Ägypten. Die Obama-Administration hatte auch die Bedeutung erkannt, selbst im Programm von Al Jazeera zu erscheinen und gegenüber dem arabisch-sprachigen Publikum weltweit amerikanische Standpunkte vertreten zu können. Doch während im Weißen Haus die Ereignisse des Arabischen Frühlings 2011 auf Al Jazeera English verfolgt wurden, musste der Großteil der interessierten Amerikaner auf den Livestream im Internet zurückgreifen.

Lob von Hillary Clinton

Die Berichterstattung von Al Jazeera English wurde in den USA weitgehend als überlegen wahrgenommen im Vergleich zu dem, was amerikanische Nachrichtensender berichteten. Hillary Clinton sprach Al Jazeera im März 2011 sogar zu, weltweit führend zu sein, wenn es darum gehe, die Meinungen und Einstellungen von Zuschauern durch Nachrichten nachhaltig zu beeinflussen und fügte hinzu, dass die Zuschauerzahl von Al Jazeera English in den USA de facto ansteige, weil der Sender seinem Publikum echte Nachrichten rund um die Uhr biete, anstatt millionenweise Werbespots.

Tatsächlich kommen laut Al Jazeera fast 40 Prozent aller Online-viewings von Al Jazeera English aus den USA. Zudem lassen Leserkommentare auf einen Artikel der New York Times darauf schließen, dass Al Jazeera America als Alternative zum amerikanischen Nachrichtenangebot von CNN, Fox News und MSNBC durchaus willkommen ist. Natürlich finden sich auch die zu erwartenden ablehnenden Kommentare über Al Jazeera als Propaganda-Sender, der muslimische Terroristen unterstütze. Von anderen jedoch scheint die Aussicht, Al Jazeera bald regulär empfangen zu können, positiv aufgenommen zu werden.

Doch auch wenn Clinton hier einen leisen Trend erkennt, bei der Mehrheit der amerikanischen Zuschauer rennt Al Jazeera seit dem arabischen Frühling noch immer keine offenen Türen ein. Studien von William Youmans und Katie Brown (2011) zeigen, dass Al Jazeera English seinen „ägyptischen Moment“ aus dem Frühjahr 2011 nicht nutzen konnte, um zu größerer Beliebtheit unter amerikanischen Zuschauern zu gelangen. Und das, obwohl sich Al Jazeera English nie als arabischer Nachrichtensender, der in englischer Sprache berichtet, positioniert hat, sondern vielmehr stets bemüht war, sich eine globale Identität aufzubauen – als internationaler Nachrichtensender mit dem Profil jene Regionen und Themen abzudecken die von anderen großen Nachrichtensendern vernachlässigt werden.

Qatar hat seine Hausaufgaben gemacht

Der Studie zufolge gibt es zwar Interessierte an Al Jazeera English, die man als potentiell wachsende Minorität einschätzen könne, das allgemeine Interesse des amerikanischen Publikums an Al Jazeera English sei allerdings nicht erheblich. Die Forschungsergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass Al Jazeera English einen langen Weg vor sich hat, wenn es die negativen Assoziationen und Vorurteile, die seit der Bush-Regierung mit dem Sender verbunden sind, überwinden will. Youmans und Brown nach wurzeln diese äußerst tief. Sie kommen daher zu dem Schluss, dass Al Jazeera English zwar weiterhin in der Nachrichtenlandschaft der USA als Contra-Bewegung gegen den Mainstream existieren wird, aber nur Online, mit begrenztem Einfluss und anhaltender Mobilisierung gegen den Sender.

Interessant wird es nun aber trotzdem, denn Al Jazeera plant mit dem Kauf von Current TV keinesfalls nur die Ausstrahlung des existierenden Programms von Al Jazeera English in die Wohnzimmer von Millionen amerikanischer Zuschauer, sondern bringt einen eigenständigen Sender mit eigenem Namen, Al Jazeera America, auf den Markt. Dieser ist nicht nur weitgehendend gesättigt, sondern zeichnet sich vor allem auch dadurch aus, dass amerikanische Zuschauer relativ wenig Interesse an internationalen Nachrichten zeigen und das Publikum für solche Nachrichtenangebote auf dem nationalen US Markt folglich relativ klein ist. Qatar hat also seine Hausaufgaben gemacht, denn Al Jazeera America wird sein Programm zu 60 Prozent in den USA selbst produzieren, während die verbleibenden 40 Prozent von Al Jazeera English bereitgestellt werden sollen. Al Jazeera America wird deshalb seinen Hauptsitz in New York haben und neben den bereits existierenden Nachrichtenbüros in New York, Washington D.C., Los Angeles, Miami und Chicago sollen weitere Büros in zentralen Orten der USA eröffnet werden. Zudem plant Al Jazeera, die Zahl seiner Angestellten in den USA auf mehr als 300 zu verdoppeln.

Auch BBC und Russia Today drängen auf den US-Markt

Damit beweist der Sender, wie auch schon mit Al Jazeera English, dass man es versteht, Nachrichten zu produzieren, die auf den jeweiligen Absatzmarkt und die Interessen der Zuschauer abgestimmt sind. Dies bestätigte auch Muhammad al-Mukhtar, der im Interview mit Alsharq im Oktober 2010, erklärte, dass die Auswahl der Themen von der Sprache des Empfängers abhänge: „Der Empfänger des englischsprachigen Angebots unterscheidet sich von dem des arabischsprachigen. Daher unterscheiden sich die Schwerpunkte.“ Mukhtar betonte in diesem Interview übrigens auch, dass die USA auf Platz eins der Interessenskala von Aljazeera.net liegen würden. Diese Anpassungsfähigkeit kann man als sehr geschäftstüchtig ansehen. Andererseits versteckt sich dahinter in gewisser Weise auch die kritisch zu hinterfragende Narrenfreiheit eines Senders, der, finanziert über den grenzenlosen Reichtum des qatarischen Königshaus Al-Thani, praktisch außerhalb jeder wirtschaftlichen Konkurrenz läuft. Das ermöglicht es, positiv gesehen, mit hochwertigen Formaten zu experimentieren welche die Medienlandschaft bereichern, deren Risiko sich andere Sender oft nicht leisten. Die Kehrseite dessen jedoch ist eben die, dass jene Medienmacher, die finanziell nicht mithalten können, über kurz oder lang vom Markt verdrängt werden. Wo das große Geld (noch) dafür sorgt, dass Al Jazeera hochwertiges Programm erzeugt und den Markt bereichert, bringt es zugleich die Gefahr von Monopolisierungsdynamiken mit sich.

Mit seinem Einstieg auf dem amerikanischen Markt ist Al Jazeera zudem nicht allein, sondern Teil eines interessanten Trends. Andere ausländische Anbieter wie die BBC oder Russia Today versuchen ebenso auf den US-Markt zu gelangen oder dort zu expandieren. Die Expansion in die USA kommt zudem zu einem Zeitpunkt, an dem Al Jazeera auf dem heimischen Markt zunehmend an Boden verliert. Zahlreiche arabische und internationale Nachrichtenorganisationen sind zur Konkurrenz geworden und wollen in der arabischen Medienlandschaft mitmischen. Ironischerweise, kommentiert der Economist, sind die Revolutionen die Al Jazeera in seiner Berichterstattung unterstützt hat, zur Herausfordung für die eigene Vorherrschaft geworden. Zuschauer in Tunesien, Ägypten und im Irak könnten lokale Ereignisse nun viel eher über unabhängige nationale Nachrichtenanbieter sowie soziale Medien verfolgen, die im neugewonnenen freieren politischen Klima zugänglich geworden sind. Nichtzuletzt hat Al Jazeera’s viel gepriesener Ruf für objektive Berichterstattung in den vergangenen Jahren erheblich gelitten. Viele arabische Zuschauer hinterfragen die Aufrichtigkeit Al Jazeeras, aufgrund der einseitigen Berichterstattung über von Qatar unterstützte Rebellen in Libyen und Syrien sowie die Muslimbrüder in Ägypten, genauso wie die Tendenz Menschenrechtsverletzungen derselben Rebellen zu ignorieren und das schwerwiegende Versäumnis über den Aufstand der schiitischen Mehrheit in Qatars Nachbarland Bahrain zu berichten.

Trying to win America’s but loosing Arab’s Hearts and Minds? – so könnte man die neuesten Entwicklungen von Al Jazeera zugespitzt zusammenfassen. Weniger dramatisch formuliert bleibt jedenfalls zu hoffen, dass Al Jazeera über seine Bemühungen, sich auf anderen Nachrichtenmärkten zu etablieren – in 2013 ist auch die Inbetriebnahme von Al Jazeera Turk geplant – nicht die eigenen Prinzipien vergisst, die in der Berichterstattung so lange hochgehalten wurden: Unabhängigkeit, Objektivität und Ausgewogenheit.

Stefanie Groth hat Islamwissenschaft und Kommunikationswissenschaft studiert und ist vor kurzem an der School of Oriental and African Studies, London, graduiert. Ihre Schwerpunkte  sind Internationale Politische Kommunikation, Medien und Entwicklung sowie das Zusammenspiel von Kultur, Identität und Politik in arabischen Gesellschaften.

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