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Rabbi Nachman Froman. Foto: flickr/asafantman

Menachem Froman ist gestern im Alter von 68 Jahren seiner langjährigen Krebserkrankung erlegen. Der polarisierende Rabbi verstarb in seinem Haus in Tekoa, einer Siedlung im Westjordanland nahe Bethlehem, die er 1975 als Mitglied der radikalen Siedlerbewegung „Gush Emmunim“ gegründet und mit aufgebaut hatte. Die jüdische Besiedlung des „Heiligen Landes“ unterstützte er bis zu seinem Tod. Gleichzeitig trat der Oberrabbiner von Tekoa für interreligiösen Dialog und eine politische Verständigung zwischen Israelis und PalästinenserInnen ein. Die SharqistInnen Amina Nolte und Christoph Dinkelaker trafen Froman, der seine Frau Hadassa und zehn Kinder zurücklässt, vor zwei Jahren. Ein persönlicher Nachruf.

2011 hatten wir, im Rahmen einer Alsharq-Studienreise, die Möglichkeit, den etwas anderen Rabbi kennenzulernen. Gezeichnet von seiner fortgeschrittenen Erkrankung empfing er uns bei sich zu Hause und gab uns bereitwillig einen Einblick in seine religiösen Vorstellungen und daraus resultierende politische Ansichten.

Froman sprach von der Gründungszeit Tekoas, den Idealen und Hoffnungen der Siedlerbewegung, aber auch von dem ständigen Ringen um die „richtige Sache“, wie er die jüdische Besiedlung des palästinensischen Westjordanlands – nach seiner Auffassung das biblische Judäa und Samaria – nannte. Er sprach gleichzeitig von Annäherung, Dialog und Frieden. Wir saßen in einer völkerrechtswidrigen Siedlung auf palästinensischem Land und hörten von dessen geistigem und spirituellem Führer, dass ein Dialog mit den Palästinensern unumgänglich sei. Dass man ihnen politische Rechte und gegebenenfalls den Aufbau einer eigenen Staatlichkeit und die Verwendung nationaler Symbole zubilligen müsse. Auch wenn er vorziehe, in einem jüdisch-israelischen Staat zu leben, so Froman in unserem Gespräch, würde er im Rahmen eines Friedensabkommens akzeptieren, die palästinensische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Die weltliche Herrschaft über das Territorium sei sekundär, primär sei die jüdische Präsenz in Judäa und Samaria und die unmittelbare Verbindung  zu „heiligen Stätten“ wie Tekoa, laut Tanach der Herkunftsort des Propheten Amos.

Der Besuch war verwirrend: Ein Siedler der ersten Stunde, Teil einer national-religiösen Bewegung, die sich mit Gewalt gegen die spärlichen Räumungsversuche des israelischen Militärs wehrte und deren terroristische Untergrundbewegung Anschläge auf palästinensische Politiker verübte sowie die Sprengung des Felsendoms plante, saß uns gegenüber und sprach sich für Dialog, Frieden und die Möglichkeit eines palästinensischen Staates aus. Mit seiner Nähe zu palästinensischen Führungspersönlichkeiten wie Yassir Arafat und dem Hamas-Gründer Scheich Ahmad Yassin habe er sich viele Feinde gemacht, erzählte Froman. Auch Teile seiner Gemeinde in Tekoa wandten sich von ihm ab.

Der säkular erzogene und als Fallschirmjäger an der Eroberung der Westmauer im 1967er-Krieg beteiligte Geistliche ließ uns wissen, dass sich seine versöhnlichen Positionen über die Jahre entwickelt hätten. Als sich die Siedlerbewegung Anfang der1980er-Jahre radikalisierte und Teil der Besatzung wurde, habe er sich abgewandt. Im Bestreben, weltlichen Besitz und Macht auszubauen, sah Froman den Kern einer irregeleiteten jüdischen Lehre, die besitzen und kontrollieren, nicht aber zuhören und wertschätzen wolle, was ihr von Gott gegeben wurde. In Rabbi Fromans Haltung zu Jerusalem kristallisierte sich seine Haltung zum andauernden Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis: nicht besitzen und dominieren sollten die Juden Jerusalem, sondern teilen. Das was den jüdischen Gläubigen zustehe, sollte auch den Muslimen Palästinas zustehen können. Jerusalem könne die „spirituelle Hauptstadt für Muslime, Juden und Christen und politische Hauptstadt der Palästinenser und Israelis gleichermaßen“ sein.

Den Anspruch aller abrahamitischen Religionen auf das „Heilige Land“ betrachtete Froman nicht als Hindernis, sondern als Schlüssel zu einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Seine Gemeindemitglieder ließ er den muslimischen Ausruf Allahu Akbar („Gott ist groß“) wiederholen, um darauf aufmerksam zu machen, dass man zum gleichen Gott bete, so Froman. Die Rückbesinnung auf das Gemeinsame zwischen den Religionen biete die Gelegenheit, politische Rivalitäten zu überwinden. So berichtete er gerne von einem Treffen mit Scheich Ahmed Yassin, in dem sich die Beiden einig gewesen seien, dass man in fünf Minuten Frieden schließen könne, denn: „Wir sind beide Gläubige“. Dagegen sei der Oslo-Friedensprozess nicht zuletzt daran gescheitert, dass religiöse Autoritäten von den Verhandlungen ausgeschlossen wurden.

Der Rabbi bleibt auch nach seinem Tod eine extrem umstrittene Persönlichkeit. Unstrittig ist, dass er unter den SiedlerInnen des Westjordanlands einen einzigartigen Weg im Umgang mit seiner palästinensischen Umgebung wählte.

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