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Dieses Schild bei Eilat heißt Besucher in Israel willkommen. Foto: Tobias Pietsch

In ihrem neuen Werk Das zionistische Israel – Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts setzt sich Autorin Tamar Amar-Dahl ideologiekritisch mit der Geschichte israelischer Sicherheitspolitik auseinander. Im Zentrum der Analyse steht die innere Verfasstheit und Entwicklung Israels – ein Fokus der zugleich Stärke und Schwäche des Buches ist. Eine Rezension von Sebastian Kunze

Das zionistische Israel von Tamar Amar-Dahl liest sich streckenweise wie ein Polit-Thriller. So beschreibt Amar-Dahl unter anderem, wie Sicherheitspolitiker um den jetzigen Staatspräsidenten Shimon Peres in den 50er Jahren durch geheime Gespräche und Abkommen die nukleare Bewaffnung des Landes ermöglichten. Anhand einer Reihe ähnlicher Episoden untersucht Das zionistische Israel nicht nur den (ideen-)geschichtlichen Hintergrund der Staatsgründung Israels, sondern verknüpft die Geschichte des Zionismus mit den Konflikten, in die Israel verstrickt war und immer noch ist. Shimon Peres ist ein immer wiederkehrender Akteur.

Die Autorin gründet ihre Analyse auf im Vorwort klar definierte Leitfragen: „Wie ist das zionistische Israel entstanden? Was bedeutet die dem israelischen Staat zu Grunde liegende zionistische Ideologie? Was bedeutet diese für die Umsetzung des Zionismus in einem de facto bi-nationalen Palästina? Welche politische Ordnung ist im Laufe der Jahre angesichts dieses Spannungsverhältnisses zwischen Staatsverständnis und demografischer bzw. geopolitischer Realität entstanden? Wie lassen sich die politische Kultur, das Verhältnis von Staat, Politik, Militär und Gesellschaft in Israel charakterisieren?“ (8) Die Fragen erschließt Amar-Dahl in fünf Themenkomplexen, die als Ganzes eine umfassende Untersuchung bilden, im Einzelnen jedoch ausbaufähig bleiben.

Ideengeschichte und Polit-Thriller

Im ersten Teil ihres Werkes, ergründet Amar-Dahl Herkunft und Ideologie des Zionismus; eine Vorstellung die differenzierter hätte sein können. Die revisionistischen Zionisten zum Beispiel hat Amar-Dahl in ihrer Betrachtung vollkommen außer Acht gelassen. Stark hingegen ist ihre Analyse orientalisierender Diskurse der zionistischen Wegbereiter und in der israelischen Politik.

Im zweiten Schritt setzt sich Amar-Dahl mit dem israelischen Feindverständnis, der jüdischen Demokratie, der Bedeutung des Krieges in Israels Selbstverständnis und der Möglichkeit einer friedlichen Regelung der Konflikte auseinander. Die Autorin entwirft die Idee einer israelischen Ordnung und führt diese auf zwei grundlegende Mythen des Staates Israels zurück: den Begriff des Eretz Israel und die kollektive Leidensgeschichte.Titel: Verlag Schöningh

Der Mythos von Eretz Israel definiert den Besitzanspruch auf (ganz) Israel als das Land der Juden. Eretz Israel (Hebr. ישראל ארץ) ist ein religiöser Terminus des Judentums, der in der hebräischen Bibel auftaucht und Abram und seinen Nachkommen das Land Gottes verspricht (vgl. Genesis 15,18f.). Da in der Schrift unterschiedliche Angaben zur Ausdehnung dieses Gebietes zu finden sind, existieren auch Maximalforderungen für ein Groß-Israel, das auch Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon betreffen würde. Nach Meinung der Autorin, bedeute dieser religiös begründete Besitzanspruch auch, dass das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser Vertretern dieser These zufolge nicht anerkannt werden kann.

Der Sicherheitsmythos als Basis staatlicher Ordnung

Neben der Idee des von Gott versprochenen Landes, ist laut Amar-Dahl die Leidensgeschichte der Juden grundlegend für den Sicherheitsmythos Israels. Es sei die Auffassung entstanden, dass es unauflösliche feindliche Verhältnisse zwischen Juden und Nicht-Juden gäbe. Mit dem Sicherheitsmythos etablierte sich der Autorin zufolge auch eine Friedensideologie, die Israel als friedenswillig und die arabische Umgebung als widerspenstig darstelle. Amar-Dahl zufolge leitete dieses Wir-Gegen-Den-Rest-Denken nicht nur das Rechte politische Lager in Israel, sondern auch die sogenannten Linkszionisten. Entstanden sei ein Selbstbild, dass bipolar zu unterscheiden ermögliche: zwischen Guten und Bösen oder aber Friedenswilligen und Friedensunwilligen.

Wiederkehrendes Thema und zentrale These Amar-Dahls ist die Idee der Entpolitisierung des Konfliktes: „In der Tat führen der Sicherheitsmythos und die Friedensideologie jeweils zu einem entpolitisierten Konfliktverständnis: Der Konflikt wird jenseits von dessen konkreter politischer bzw. historischer Entstehung begriffen und an einer gegen Juden als solche gerichteten Feindseligkeit festgemacht. […] Die Entpolitisierung des Konflikts ist die Konsequenz der beiden Gründungsmythen.“ (229) Noch dramatischer fällt ihr Urteil zur Konsequenz der Entpolitisierung aus: „Die Entpolitisierung des Konflikts führt unweigerlich zur Entpolitisierung des Friedens: Ein letztlich auf unerklärbarer Feindseligkeit basierendes Konfliktverständnis lässt wohl kaum echte Versöhnung zu.“ (229f.)

Ideologiekritik die provoziert

So ist das Das zionistische Israel auch eine Art Gegengeschichte. Es bricht häufig mit der offiziellen, israelischen Selbstdarstellung und betrachtet wenig beachtete Aspekte Israels und des Konflikts mit den Palästinensern und arabischen Nachbarn. Mit dem Konzept der Entpolitisierung bietet es einen interessanten Ansatz, der Perspektiven eröffnen und weitere Einblicke gewähren kann. Das neue Werk Amar-Dahls provoziert – und das soll es auch. Es ist keine Geschichte des Staates Israel mit den üblichen Zahlen und Akteuren, sondern eine ideologiekritische Arbeit über das Sicherheitsestablishment, seine Politik und deren Folgen.

Ohne Frage ist das Buch stellenweise auch problematisch. Die Autorin macht keinen Hehl aus ihrer eigenen politischen Position. So lässt sich zwischen den Zeilen durchaus gewisse Enttäuschung und womöglich Abneigung gegenüber Shimon Peres erkennen, über den Amar-Dahl bereits eine kritische politische Biografie verfasst hat. Auch bleiben Teilaspekte ausgespart, so unter anderem der Antisemitismus Nassers oder die eigenen politischen Aspirationen der arabischen Nachbarstaaten.

Allerdings kann und soll das Buch nicht ausgeglichen sein und andere arabische Staaten und die PLO betrachten, denn das ist nicht der Fokus der Arbeit und sollte in vergleichbaren Büchern über Ägypten, Syrien, Jordanien oder die palästinensischen Gebiete behandelt werden, um die entsprechenden ideologischen Hintergründe und mögliche okzidentalisierende Diskurse zu beschreiben.

Insgesamt ist Tamar Amar-Dahls Werk trotz problematischer Stellen sehr interessant und lesenswert. Für wissenschaftlich Interessierte bietet es die Möglichkeit, neue Perspektiven zu erkunden und sich auf neue Fragestellungen einzulassen. Kritiker Israels mögen das Buch als Bestätigung ihrer Annahmen lesen – obgleich das wohl kaum die Intention der Autorin ist – doch auch sogenannte ‚Freunde Israels’ werden hier Interessantes finden. Für all jene, die sich mit Israel oder der Geschichte des Zionismus beschäftigen, ist das Buch allemal eine lohnende Lektüre.

Tamar Amar-Dahl: Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 2012.
Tamar Amar-Dahl: Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist. Paderborn, 2010.

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