Von | | Libanon, Mashreq, Syrien.

Der Raum des Vereins für Aktivitäten mit Kindern bleibt leer. Foto: FoS

Während Millionen SyrerInnen zu Flüchtlingen werden, gibt es auch eine erstarkende Zivilgesellschaft unter ihnen. Doch der Kampf um Finanzierung und Spenden ist für die AktivistInnen, die ja selber Flüchtlinge sind, oft zermürbend. Focus on Syria erzählt die Geschichte eines jungen Syrers im Libanon, beschreibt seinen anfänglichen Enthusiasmus und seinen Zusammenprall mit der Realität.

Ich hatte ihn anders in Erinnerung: Ein moderner und dynamischer junger Mann. Vor sechs Monaten hatte er uns an einem Winterabend während einer angeregten Unterhaltung in einem Café an der Küste Tripolis eine Fülle von Informationen, Kontakten und Ratschlägen für unsere Arbeit gegeben. Seine Gruppe aus jungen AktivistInnen bestand aus vielen wie ihm: Sie hatten uns in der Stadt herumgeführt, um syrische Flüchtlingsfamilien zu besuchen, und sie hatten uns von ihren Anstrengungen erzählt, bedürftigen Landsleuten zu helfen. Dabei hörte man die Entschlossenheit und den Enthusiasmus, der in ihren Sätzen lag. Nachdem sie ihr Land aus Angst vor Verfolgung verlassen mussten, hatte die ehrenamtliche Arbeit und humanitäre Hilfe ihrem Leben eine neue Bedeutung gegeben.

Wir treffen Ashraf an einem sengend heißen Nachtmittag im Juli mitten im Ramadan wieder. Er ist lebhaft, freundlich und aufgeschlossen wie immer. Eine Gruppe von Frauen begleitet ihn. Wir schnappen uns ein Taxi und fahren zu dem Büros ihres Vereins. Wir hätten gerne mehr Informationen über ihre Arbeit und würden, wenn möglich, gerne einige ihrer Aktivitäten filmen. Sie führen uns nach Abi Samra, einem Arbeiterviertel in Tripoli. Wir betreten ein Wohnhaus, dann laufen wir den Gang einer schwach beleuchteten Wohnung entlang bis wir in einem großen Zimmer mit einem Stuhlkreis in der Mitte ankommen. Hier sind wir: in ihrem Büro.

Guter Wille, aber mangelnde Professionalität

Ashraf beschreibt seine Arbeit mit der syrischen Bevölkerung während der vergangenen Monate. Bei diversen Besuchen in Sammelunterkünften für Flüchtlinge haben sie Kinder zusammengebracht, sie gemeinsam spielen lassen und dazu ermutigt, sich zu entspannen und Spaß zu haben. Sie sind oft zu Krankenhäusern gefahren, um Verletze zu treffen, die sich auf dem Weg der Besserung befanden. Sie haben für Leute, die ihre Beine nicht mehr bewegen können, einen Trainingskurs in Informatik organisiert. Um es kurz zu machen, sie haben versucht, ihrer Solidarität Ausdruck zu verleihen und ihre syrischen Mitmenschen sowohl moralisch als auch psychologisch zu unterstützen. Ihre Geschichten zeigen viel guten Willen, aber auch eine gewisse Naivität und einen Mangel an Organisation und Professionalität. Sie sind Anfänger auf dem Gebiet der ehrenamtlichen Arbeit, ehrlich und spontan. Sie haben sich selbst inmitten einer humanitären Katastrophe wiedergefunden, auf die sie nicht vorbereitet waren. Niemand hat ihnen erklärt, was sie machen sollen, also haben sie es auf eigene Faust versucht – mit ihren eigenen Mitteln.

Leider ist es ihrem Verein nicht so gut ergangen. Sie leiden an Unterfinanzierung. Sie werden weder von der UN noch von internationalen NGOs unterstützt. In den vergangenen Monaten haben sie einige Spenden erhalten und konnten diese Wohnung mieten. Aber sie dürfen nur zwei Räume benutzen, der Rest der Wohnung steht leer. Sie können ihn nicht nutzen, das wäre zu teuer. Trotzdem haben sie in dem kleinen Raum, der ihnen zur Verfügung steht, eine Menge hinbekommen: Sie haben die Wände in verschiedenen Farben gestrichen, sie haben Spielzeug gekauft und sie haben Freizeitaktivitäten für Kinder vorbereitet. Einen einzigen Tag konnten sie das Büro dann für die eigentliche Arbeit nutzen. Dann mussten sie aufhören. Warum? Die Sozialarbeiter und Erzieher leben zu weit entfernt und es gab kein Geld, um ihnen ein Gehalt zu zahlen. Es gibt nicht einmal genug Geld, um ihnen die Transportkosten zu erstatten.

Enthusiasmus löst sich auf, nur Träume bleiben

Ein Gefühl von Melancholie überkommt mich. Wie viele Arbeitstage haben sie damit verbracht, gemeinsam und voller Optimismus und Zuversicht zu putzen und das Büro zu streichen? Wie viele Hoffnungen haben sie in dieses Projekt gesteckt? Und jetzt, noch bevor sie angefangen haben, ist alles ins Wasser gefallen. Ein enormer Kraftaufwand, nicht genug durchdacht und mit einem Minimum an Unterstützung, die am Ende zu nichts geführt hat. In einem Monat müssen sie wahrscheinlich ihr Büro verlassen. Sie können den Mietvertrag nicht erneuern. Die Stimmung in der Gruppe ist ganz anders als vor sechs Monaten. Niemand ergreift das Wort, um Ashrafs Erzählung zu ergänzen. Die anderen Mitglieder verhalten sich still und sagen nichts.

Der anfängliche Enthusiasmus hat sich in Luft aufgelöst, aber die Träume sind noch da. Ein gescheitertes Projekt, sie hoffen auf ein Neues. Heute reden sie davon, gemeinsame Abende mit libanesischen und syrischen Familien zu organisieren, um das Wissen übereinander zu verbessen und die Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen zu vermindern. Sie wollten damit schon zu Beginn des Ramadans anfangen, aber sie sind sehr spät dran. Sie wissen noch nicht wie sie an Essen kommen sollen oder wer teilnehmen wird. Gut möglich, dass diese Initiative auch zum Scheitern verurteilt ist. Aber sie wollen die Hoffnung und den Glauben daran nicht aufgeben. Ich selbst bin gespalten zwischen Bewunderung und Mitleid ihnen gegenüber.

Die AktivistInnen selber leben in prekären Lagen

Am Ende habe ich die Gelegenheit, Ashraf einige persönliche Fragen zu stellen. Er ist 29 Jahre alt. Sein BWL- und Informatik-Studium hat er ein Jahr vor dem Abschluss abbrechen müssen, als er in aller Eile aus Syrien floh, um einer Festnahme durch die Sicherheitskräfte des Regimes zu entgehen. Seit einem Jahr lebt er jetzt in Tripoli und versucht seitdem, seinen Verein aufzubauen. Aber er kann so nicht weiter machen. Er sucht nach einem richtigen Job, er braucht ein Gehalt. Er hat nicht einmal eine Wohnung und verbringt die Nacht im Büro. Und dennoch kennt ihn jeder und weiß ihn zu schätzen. Wenn er uns in die Krankenhäuser für SyrerInnen in Tripoli bringt, grüßen und umarmen ihn die Direktoren, seine Anwesenheit öffnet alle Türen. Ein Arzt sagt: „Er ist ein guter Junge, er macht großartige Arbeit, aber er braucht Unterstützung.“

Leider hatte Ashraf kein Glück. Die Unterstützung haben andere Vereine bekommen und wer weiß, ob wir ihn in sechs Monaten noch als Leiter seiner Gruppe von Freiwilligen wiedertreffen – oder eher als Taxifahrer oder als Verkäufer an einem Marktstand.

 

Dieser Bericht erschien am 17. August 2013 bei unserem Partner Focus on Syria. Ansar Jasim und Natalia Gorzawski haben ihn aus dem englischen Original übersetzt. Auf Alsharq sind weitere Beiträge von Focus on Syria erschienen – hier geht es zu

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