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Denkmal des 2005 ermordeten ehemaligen Premierministers Rafik Hariri in Beirut. Bild: Straub

Als im März 2005 ein Viertel der libanesischen Bevölkerung gegen die syrische Besatzung demonstrierte, glaubten viele an einen Neuanfang. Doch heute ist davon nicht mehr viel übrig. Die Korruption im Land ist weiter schrankenlos, die Konfliktfelder sind eher mehr als weniger geworden, die Bevölkerung ist gespalten wie lange nicht. Der Sammelband „Lebanon – After the Cedar Revolution“ beleuchtet die Lage des Landes.

Die Bilder sind schon acht Jahre alt, aber sie bleiben unvergesslich: Ein gigantisches rot-weißes Fahnenmeer wogt über den Beiruter Märtyrerplatz, fast eine Million Menschen fordern energisch den Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon und die Aufklärung des Attentats auf den ehemaligen Premierminister Rafik Hariri. Die Massendemonstration in Beirut am 14. März 2005 war der Höhepunkt einer politischen Bewegung, die als „Zedernrevolution“ einen Wendepunkt in der jüngeren libanesischen Geschichte markiert – das behaupten zumindest Are Knudsen und Michael Kerr.

Die beiden Wissenschaftler haben mit „Lebanon – After the Cedar Revolution“ einen Sammelband herausgegeben, der versucht, die politische und gesellschaftliche Situation seit 2005, dem „Jahr des libanesischen Erwachens“, abzubilden. Die Herangehensweise ist dabei hochinteressant und bietet eine willkommene Abwechslung zur bisherigen zeitgenössischen Libanon-Literatur. Die acht Männer und drei Frauen, die an dem Band mitgearbeitet haben, kommen aus dem Libanon selbst, aber auch aus Europa, Kanada und Marokko. Allesamt haben sie zudem unterschiedliche wissenschaftliche Blickwinkel beigetragen. Neben den erwartbaren Perspektiven aus Politikwissenschaft und Soziologie, sind auch Geographie, Konfliktforschung, Wirtschaftswissenschaften und Entwicklungsplanung vertreten. Auf diese Weise versucht das Werk, der Vielschichtigkeit des Landes gerecht zu werden.

Konfessionalismus als Wappen und Rüstung

Diese Vielschichtigkeit war bis dato die große Schwäche des Libanon – in der gleichzeitig auch seine Stärke lag. Das Land war weder von innen noch von außen zu dominieren, da es zu unterschiedlich war. Aber seit dem Jahr 2005 ist der Libanon politisch in zwei große Blöcke gespalten: den prosyrischen, antiwestlichen „8. März“ sowie den antisyrischen, prowestlichen „14. März“. Und wenn bisher alle Entscheidungen von gesellschaftlichem Belang im Konsens getroffen wurden, so ist seit dem Mai 2008, als die Hizbollah in einer einzigartigen Machtdemonstration West-Beirut handstreichartig und gewaltsam unter ihre Kontrolle brachte, die schiitische Miliz der einzige Akteur mit einem Veto, das niemand in Frage stellen kann: ihre militärische Überlegenheit.

Der Libanon dreht sich im Kreis und die Zedernrevolution hat daran nichts geändert. In der libanesischen Politik geht es auch heute, 23 Jahre nach dem Bürgerkrieg, immer noch vor allem um die jeweiligen Sekten und deren Gefühl der Bedrohung. Aktuell ist dies an der Debatte zum Wahlgesetz zu sehen. Der Vertrag von Taif, der den Bürgerkrieg beendete, hat eher die politischen Eliten miteinander versöhnt als die Bevölkerung. So ist auch die christliche Gemeinschaft zum Beispiel in zwei wesentliche Blöcke gespalten: Die einen haben vor allem vor den Sunniten Angst, die anderen vor allem vor den Schiiten. Der Konfessionalismus ist für die libanesische Bevölkerung dabei sowohl Wappen, als auch Rüstung. Da der Staat offensichtlich weder in der Lage, noch willens ist, seine Bürger zu beschützen, nimmt die zivile Wiederbewaffnung zu.

Interessant ist in diesem Kontext der Beitrag „Sects and the City“. Auf der Basis von Interviews mit Beiruter Jugendlichen zeigt er, wie diese in ihren Köpfen die Beiruter Innenstadt in „unsere Gebiete“ und „deren Gebiete“ zerlegen. Räume und Plätze werden mit konfessioneller Bedeutung aufgeladen. Das gegenseitige Misstrauen ist auch in der Nachkriegsgeneration noch gewaltig. Selbst Kinder aus interkonfessionellen Ehen lehnen diese zum Teil ab. Viele sagen, sie vertrauen eher Fremden der gleichen Konfession als einem Kollegen oder Kommilitonen der anderen Konfession. Junge Libanesen, so schließt der Text, leben hinter einer Fassade der „oberflächlichen Normalität“.

Ein kalter Bürgerkrieg voll Kummer und Groll

Zwar gibt es, wie das Buch zeigt, seit 2005 vereinzelte Kunstprojekte, welche sich mit der jüngeren Vergangenheit auseinandersetzen. Die kollektive „Politik der Amnestie“, welche eine gesellschaftliche Aufarbeitung des Bürgerkriegs verhinderte, hält jedoch auch nach der Zedernrevolution größtenteils an. Ein Grund dafür ist natürlich auch, dass die beteiligten Politiker mit ihren jeweiligen familiären Klüngeleien immer noch die gleichen sind wie vor 2005. Dazu zählt ironischerweise auch der Hariri-Clan; ironisch deshalb, weil die Zedernrevolution erst durch die Ermordung Rafik Hariris ausgelöst wurde, doch sein Sohn Saad, der sein politisches Erbe antrat, kein Interesse daran hat, die bestehenden Machtstrukturen zu ändern.

In einem brillanten Beitrag mit dem Titel „Der Wiederaufbau des Libanon oder das Gesetz der dunklen Machenschaften“ arbeitet Fabrice Balanche die Korruption und Vetternwirtschaft heraus, durch die sich Rafik Hariri mit der Gesellschaft „Solidere“ maßlos bereicherte. Solidere wurde 1994 von Rafik Hariri für den Wiederaufbau Beiruts gegründet. Ihre Aufträge erhielt die Gesellschaft von der libanesischen Regierung unter dem Premierminister Rafik Hariri sowie der Beiruter Stadtverwaltung, die eng mit Rafik Hariri verflochten war. Der Baugrund war praktisch umsonst, die Rendite gigantisch. Und es blieb nicht bei Immobilien: Noch heute finanziert der Profit der Beiruter Abfallverwertungsgesellschaft Sukleen mit immerhin rund 60 Millionen Dollar im Jahr den Wahlkampf von Saad Hariris Future Movement. Dennoch unterstützt nach wie vor ein großer Teil der libanesischen Sunniten Hariri, selbst wenn dessen Wirtschaftssystem sie in den Ruin getrieben hat – im Libanon sind vertikale Verbindungen einfach stärker als horizontale.

Mit all diesen Entwicklungen vor Augen kommt Are Knudsen zu dem Schluss, dass der libanesische „Nachkriegs-Frieden“ nur ein Zwischenspiel ist, ein kalter Bürgerkrieg voll ungelöstem Kummer und Groll. Und es wird auch in Zukunft keine Wahrheit und keine Gerechtigkeit geben, so sein düsterer Ausblick. Das gigantische Fahnenmeer auf dem Beiruter Märtyrerplatz bleibt daher letztendlich ein schönes Bild – von einem tatsächlichen Wendepunkt zu sprechen, ist allerdings schwierig.

Insgesamt überzeugt „Lebanon – After the Cedar Revolution“ in seiner Vielseitigkeit. Doch genau diese wird letztendlich auch zum Problem: Man weiß auch am Ende des Buches noch nicht so richtig, was es eigentlich will. Einerseits hat es einen starken Fokus auf der Zedernrevolution und ihren Auswirkungen, andererseits beschreibt es allgemein die Situation im Libanon. So fehlt der rote Faden zwischen den einzelnen Beiträgen – die aber jeder für sich größtenteils sehr gelungen sind. Natürlich gibt es auch hier vereinzelte Schwachstellen. So kann man mit Sicherheit diskutieren, ob der Vergleich von palästinensischen Flüchtlingslagern mit dem US-Gefangenenlager in Guantanamo Bay wirklich angemessen ist. Problematisch ist auch die Aussage, die libanesischen Sekten hätten in sich keine homogene Meinung und seien ebenfalls zersplittert. Dies vor allem, wenn im nächsten Absatz dann pauschal vom „Kummer der Schiiten“ die Sprache ist, die von allen hohen politischen Ämtern ausgeschlossen sind. Und auch die Zentriertheit auf Beirut ist störend. Beiträge und Beispiele aus anderen Teilen des Landes hätten dem Band sehr gut getan. Dennoch bleibt „Lebanon – After the Ceder Revolution“ eines der besten Bücher, das in den letzten Jahren zum Libanon erschienen ist – wissenschaftlich fundiert, inhaltlich sehr anspruchsvoll und bei aller Scharfsinnigkeit angenehm zu lesen.

 

Are Knudsen, Michael Kerr (Hrsg.): „Lebanon – After the Cedar Revolution“ (Hurst Verlag 2012, 323 Seiten)

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