Von | | Interviews, Mashreq, Syrien.

Zerstörte Schule in Zamalka. In dem Damaszener Vorort soll es in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zu einem Giftgasangriff des Regimes gekommen sein. Foto: Flickr/ FreedomHouse cc

Setzt das syrische Regime Giftgas gegen die eigene Bevölkerung ein? AugenzeugInnen berichten davon, dass am gestrigen Mittwoch mehr als eintausend Menschen in Damaszener Vororten an den Folgen des Angriffs gestorben sein sollen. Im Interview beschreibt ein Aktivist seine Eindrücke. Die Krankenhäuser sind überfordert.

Ohnmacht, Atemnot, gelbliches Anlaufen und Schaum in Nase und Mund – Syriens Regime um Diktator Bashar al-Assad soll gegen BewohnerInnen der Vororte von Damaskus (östliches und westliches Ghouta) Giftgas eingesetzt haben. Von 1228 Toten spricht der Bericht eines Gremiums der Opposition, das die Fälle untersucht.

Dass es schon zuvor zum Einsatz von chemischen Waffen gekommen war, haben französische JournalistInnen bereits vor Monaten nachgewiesen; sie hatten Bodenproben aus Syrien herausgeschmuggelt. Oppositionelle AktivistInnen haben daher bereits seit Tagen vor einem möglichen Giftgas-Angriff seitens der Regierung gewarnt. Dazu ist es AugenzeugInnen zufolge jetzt gestern Nacht um 3 Uhr gekommen. Seitdem tauchen fast minütlich Videos von Opfern im Internet auf.

Dem Einsatz der Chemiewaffen folgten heftige Bombenangriffe sowie der Versuch, das östliche Ghouta mit Panzern einzunehmen. Diese Gegend steht bereits seit zehn Monaten fest unter Kontrolle der Rebellen. Allerdings war die Lage dort schon zuvor fatal, da das Regime versuchte, die Nahrungsmitteleinfuhr zu unterbinden. Strom und Wasser gab es schon seit Monaten nicht mehr. Der Einsatz von Giftgas kam für viele dennoch überraschend, denn erst vor vier Tagen waren UN-Beobachter, die den Einsatz von Chemiewaffen überprüfen sollten, in ein Hotel in der Nähe von Damaskus gezogen.

Im Folgenden ein Interview mit einem Aktivsten aus Erbin. Erbin liegt nur wenige Kilometer von den betroffenen Gebieten entfernt. 

Uns erreichen Berichte, dass es heute in den frühen Morgenstunden in Ain Tarma, Zamalka und Moadamieh zu einem großen Einsatz von Giftgas gekommen sei. Was war in Erbin davon mitzubekommen?

Sami: Erbin liegt nur vier Kilometer von Zamalka entfernt. Zwischen vier und fünf Uhr haben die Moscheen in Erbin per Lautsprecher alle Einwohner dazu aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten, weil es zu einem Giftgasanschlag in der Nähe gekommen ist. Gleichzeitig haben wir im ganzen Ort Feuer gelegt, um das Gas zu vertreiben. In der ganzen Stadt roch es nach Rauch.

Gab es auch in Erbin Tote und Verletzte?

Nein, in Erbin selbst sind mir keine Opfer bekannt. Allerdings wurden ab 5 Uhr morgens Tote und Verletzte aus Zamalka und Ain Tarma zu uns ins Krankenhaus gebracht. Bis heute Mittag um 12 Uhr wurden allein bei uns im Krankenhaus 85 Tote gezählt, weitere 40 Menschen sind in Behandlung. Aus den anderen Ortschaften in Ost-Ghouta hören wir ähnliche Zahlen. Zusammengezählt müssen über 750 Menschen betroffen sein.

Was für Verletzungen haben die Menschen, die in die Krankenhäuser eingeliefert werden?

Alle eingelieferten haben Atemprobleme, viele sind bleich und haben Schaum vor dem Mund, insbesondere die Kinder. Ihre Pupillen sind ganz klein, die Region um den Mund und die Nase sind grau.

Wie werden die Menschen behandelt?

Unser Feldkrankenhaus ist mit dieser Anzahl der Verletzten absolut überfordert. Wir haben keine passenden Medikamente. Um die Atemwege frei zuhalten, reiben wir die Menschen mit Zwiebeln ein. Das hilft ein wenig.

Was belegt, dass es ein Angriff mit Chemiewaffen war? Könnte es sich nicht auch einfach um eine Offensive in Zamalka handeln?

Es ist anders als bei sonstigen Angriffen: Es fließt kein Blut, die Menschen haben keine äußeren Verletzungen, sie sterben von innen. Unser Ort wird fast jeden Tag mit Mörsern und aus Kampfflugzeugen beschossen, auch wieder seit heute morgen um 7 Uhr. Dabei sterben pro Tag zwischen zehn und 20 Menschen, wir wissen also, wie diese Opfer normalerweise aussehen. Bei den heftigsten Luftangriffen im Juli 2012, die es bislang bei uns gab, sind 36 Menschen gestorben. Heute Nacht wurden über 750 Menschen umgebracht. Was sollte es denn anderes sein als Giftgas?

In Syrien sind letzte Woche UN-Beobachter eingetroffen, die Giftgaseinsätze untersuchen sollen. Sind sie schon in Zamalka eingetroffen?

Wir haben gehört, dass die UN-Inspektoren in der Innenstadt von Damaskus in einem Hotel untergebracht sind, das nur wenige Kilometer von Zamalka entfernt ist. Sie könnten innerhalb von 20 Minuten hier sein, aber bislang sind sie nicht aufgetaucht. Wir verstehen einfach nicht, warum.

Welche Schutzmaßnahmen ergreifen die Menschen in Erbin gegen einen Gasangriff?

Eigentlich gar keine. Vom Komitee aus haben wir versucht, selbst Gasmasken herzustellen. Aber die funktionieren nicht wirklich. Wir versuchen uns gegenseitig zu warnen, wie heute morgen. Aber einen richtigen Schutz gibt es nicht.

 

Das Interview wurde von der deutschen Initiative Adopt a Revolution per Skype am 21.08.2013 um 13:30 geführt. AaR unterstützt bereits seit zwei Jahren AktivistInnen aus ganz Syrien bei ihrem friedlichen Widerstand gegen das Regime. Die Originalversion des Interviews findet sich hier.

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