Von | | Hintergrund, Mashreq, Syrien.

Auch die 500.000 Palästinenser in Syrien gehören zu den Leidtragenden des Bürgerkriegs. Sie stehen zwischen den Fronten und haben kaum Fluchtmöglichkeiten. Die Nachbarstaaten zögern, palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen. Und der Weg bis Europa ist weit, teuer und riskant.

Ein Gastbeitrag von Susanne Schmelter.

„Es ist kalt geworden in Damaskus, aber wir lassen unser Fenster immer einen Spalt offen, damit uns bei einer Explosion nicht die Scheiben zerbersten.“ schildert Khaled seinen Alltag im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk. Al-Mukhayyam, das Camp, wie die Bewohner von Damaskus Yarmouk auch nennen, ist kein Zeltlager. Am Rand von Damaskus ist es ist über 50 Jahre lang gewachsen und besteht aus einfach gebauten, oft unverputzten, mehrgeschossigen Häusern. Yarmouk ist das größte palästinensische Flüchtlingslager in Syrien, rund 150.000 Menschen wohnen dort. In den Geschäftsstraßen von Yarmouk war fast alles zu finden, das Leben pulsierte. Heute kann davon keine Rede mehr sein. Die Menschen sehnen sich verzweifelt nach der verloren gegangenen Normalität. Täglich veröffentlichen palästinensische Aktivisten neue Bilder von zerstörten Häusern, ausgebrannten Autos, Toten und Schutz suchenden Menschen im Internet.

Die Palästinenser im syrischen Konflikt

Seit Beginn des Konfliktes in Syrien war Khaled vorsichtig. Er ist kein Befürworter des Regimes, aber er ist auch kein politischer Aktivist. Er fürchtet sich und er ist kein Draufgänger. Khaled und seine im siebten Monat schwangere Frau sind beide in Yarmouk aufgewachsen. Ihre Eltern und Großeltern waren unter den palästinensischen Flüchtlingen, die nach der Staatsgründung Israels 1948 und während des Sechs-Tage-Kriegs 1967 Hals über Kopf ihre Heimat verließen und Schutz in den Nachbarländern suchten. Insgesamt leben heute knapp 500.000 palästinensische Flüchtlinge in Syrien. Sie sind weitgehend integriert, erhalten jedoch nicht die syrische Staatsangehörigkeit.

Ähnlich wie in der gesamtsyrischen Gesellschaft hatten sie unterschiedliche Haltungen gegenüber dem Regime und der Revolution: Manche waren Nutznießer des politischen Systems, viele fürchteten Instabilität und einige standen dem Assad-Regime kritisch gegenüber. Trotz dieser Unterschiede bemühten sich die Palästinenser lange um Neutralität. Durch die Kriege in den Nachbarländern war ihnen nur allzu bewusst, dass sie ohne Staatsbürgerschaft schnell sämtliche Sicherheiten verlieren können.

Als im Juli 2012, fast zeitgleich mit Beginn des Fastenmonats Ramadan, die Kämpfe in Syrien Damaskus erreichten, wurde auch Yarmouk schnell von der Gewalt erfasst. Dort hatten viele Binnenflüchtlinge Zuflucht gesucht und durch den Versuch eine neutrale Position zu wahren, ernteten die Palästinenser Feindseligkeiten sowohl von Seiten der Rebellen als auch von Seiten des Regimes.

„Es ist sehr, sehr schwer auszuhalten. Wir hatten Befürchtungen, dass uns der Krieg auch erfasst. Aber in diesem Ausmaß, das hatten wir nicht erwartet.“ Khaled ist erschöpft, schon seit Monaten können die Menschen nicht mehr richtig schlafen. Manchmal verbringen er und seine Frau aus Angst vor Einschlägen die Nacht im Badezimmer. Seit Ende Juli geht er nur noch sporadisch zur Arbeit, denn der Weg ist oft zu gefährlich und er muss vier Checkpoints passieren.

Immer wieder sagt er: „Was können wir machen? So ist das Leben.“ Das klingt schicksalsergeben. In Wahrheit würde Khaled aber gerne fliehen, sich und seine hochschwangere Frau in Sicherheit bringen. Er weiß aber nicht wohin.

Kein Schutz in der Region

Mittlerweile suchen über eine halbe Million syrische Flüchtlinge Schutz in den Nachbarländern Türkei, Libanon, Jordanien und Irak. Wer kann, flieht um sein Leben zu retten. Die Palästinenser aber können nicht fliehen. Die Solidarität der Nachbarländer gegenüber den Flüchtlingen stößt bei den Palästinensern an ihre Grenzen. Sie wehren sich dagegen, dass die Palästinenser-Frage auf ihrem Gebiet ausgetragen wird. Vor allem Jordanien und Libanon beherbergen bereits große palästinensische Communities, was immer wieder Konflikte für das innergesellschaftliche Gleichgewicht mit sich brachte. Sie wollen nicht noch mehr staatenlose Palästinenser, die sie im Zweifel nicht mal zurückschieben können. Dennoch haben es mehr als 10.000 Palästinenser geschafft, nach Jordanien und in den Libanon zu fliehen. Dort können sie jedoch kaum überleben, denn sie werden mit ihren Schutzgesuchen gegenüber den anderen Flüchtlingen diskriminiert. Im Libanon müssen sie beispielsweise jede Woche Gebühren für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung zahlen und werden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) an das UN-Hilfswerk für die Palästinenser (UNRWA) verwiesen. Solche ungeklärten Zuständigkeiten machen den Zugang zu humanitärer Hilfe besonders schwierig.

In die Türkei können die Palästinenser, im Gegensatz zu den Syrern, in der Regel nicht Visa-frei einreisen und das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge aus dem Irak ist das jüngste Beispiel, dass sie es im Kriegsfall besonders schwer haben, Schutz in der Region zu finden.

Khaled meint, dass die Palästinenser derzeit in Ägypten am besten aufgenommen würden. Hilfsorganisationen, unter anderen von der Hamas, würden die Palästinenser dort unterstützen. Ägypten können sie jedoch nicht auf dem Landweg erreichen, sie müssten fliegen. Das syrische Pfund hat gegenüber dem US-Dollar erheblich an Wert verloren und die Flugtickets sind teuer. Außerdem hat Khaled keine Verwandten in Ägypten. Die Mitglieder seiner Großfamilie wohnen alle in Syrien, hauptsächlich in Damaskus. Manche sind sogar aus noch gefährlicheren Gegenden Syriens zu den Verwandten nach Yarmouk geflohen.

Geschlossene Grenzen nach Europa

Khaled hatte im Goethe-Institut Deutsch gelernt und war vor ein paar Jahren zu einem dreiwöchigen Besuch in Deutschland. Als die Kämpfe Damaskus erreichten, fragte er deutsche Freunde: „Vielleicht könnt ihr mir helfen, aus Syrien wegzukommen?“ Sie konnten nicht viel mehr sagen, als dass sie ihm natürlich gerne eine Einladung für das Visum schreiben würden. Das ist gut gemeint, hilft Khaled und seiner Frau aber nicht wirklich weiter. In Syrien haben nahezu alle ausländischen Botschaften geschlossen. Seit das Land zum Krisengebiet wurde, stellen die europäischen Schengen-Staaten für normalsterbliche Syrer und Palästinenser keine Visa mehr aus.

Mittlerweile resigniert Khaled bei dem Gedanken an eine Flucht. Er weiß, „die Reise nach Europa kostet 10.000 Dollar.“ Er meint den Weg mit einem Schlepper über die türkisch-griechische Grenze. Aber 10.000 Dollar – Geld, das er nicht hat – um zu riskieren, bei der Überfahrt durchs Mittelmeer zu ertrinken? Um in Griechenland wegen illegaler Einreise inhaftiert zu werden? Um in der EU vielleicht Jahre um die Anerkennung eines Asylantrages zu kämpfen? Um vielleicht doch wieder abgeschoben zu werden? Man muss sehr verzweifelt sein, um das auf sich zu nehmen. Beim langen Warten an den Checkpoints um Yarmouk wirkt aber schon allein der Weg bis in die Türkei unüberwindbar.

Dieser Artikel basiert auf Informationen von Anfang Dezember 2012.

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