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"Geht auf die Straße" - Graffiti in Cairo, aufgenommen im November 2011. Foto: Denis Bocquet (CC) "Geht auf die Straße" - Graffiti in Cairo, aufgenommen im November 2011. Foto: Denis Bocquet (CC)

Konfliktorientiert, kulturalistisch, gewaltzentriert: so könnte man das Bild von Islam und arabischem Raum in der deutschen Presse zusammenfassen. Eine Studie zeigt: Die oftmals vereinfachende Berichterstattung hat sich auch im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings kaum verändert. Doch zumindest einige Leitmedien waren lernfähig. Ein Gastbeitrag von Patrick Stegemann

Heute vor drei Jahren, am 17. Dezember 2010, verbrannte sich der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi in der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid. Die Verzweiflungstat gilt vielen als Auslöser des sogenannten Arabischen Frühlings, in dessen Folge nicht nur in Tunesien und Ägypten die Diktatoren gestürzt wurden, sondern eine ganze Region in Bewegung geriet. Die tiefgreifenden Veränderungen in der arabischen Welt waren von Beginn an auch ein mediales Ereignis. „The revolution will not be televised?“ Die zum Bonmot gewordene Liedzeile des US-amerikanischen Dichters und Sängers Gil Scott-Heron wurde Lügen gestraft.

Diese Revolution wurde in einem Maße übertragen, das so gar nicht zu der meist spärlichen und konfliktorientierten Berichterstattung über den arabischen Raum passte. Dieser Umstand nährte in kritischen Kreisen der Kommunikationswissenschaft die Hoffnung, dass das verfestigte Islambild großer Teile der deutschen Öffentlichkeit eine Öffnung erfahren könnte. Heute, drei Jahre nach Ausbruch des Arabischen Frühlings, fällt der Befund jedoch sehr ambivalent aus.

Hat der „revolutionäre Frühling“ das Islambild in deutschen Medien verändert?

In einer umfangreichen Forschungsarbeit hat eine Gruppe junger Kommunikationswissenschaftler_innen die Berichterstattung der sechs großen deutschen Printmedien Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bild, Spiegel, Die Zeit und taz.tagezeitung über die Ereignisse in Tunesien und Ägypten im ersten Jahr nach der Selbstverbrennung Bouazizis untersucht. Im Sommer dieses Jahres sind die Ergebnisse dann in einem von Prof. Kai Hafez von der Universität Erfurt herausgegebenen Band „Arabischer Frühling und deutsches Islambild“ vorgestellt worden. Ausgangspunkt der Studie war die Annahme, dass sich durch den Schock der unvorhergesehenen Ereignisse die Möglichkeit auftat, dass Leitmedien ihre Darstellung von Islam und arabischer Welt verändern würden. Einige wichtige Aspekte der Studie werden im Folgenden zusammengefasst.

Die deutsche Berichterstattung ist geprägt von einem negativen Bild des Islams und der islamischen Welt. Besonders fatal wirkt dies, da mediale Darstellungen des Islams für große Teile der Bevölkerung oftmals die einzige Erfahrungsquelle sind. Es ist so etwas wie die Gretchenfrage der Medien- und Kommunikationswissenschaft: Wie wirken mediale Darstellungen überhaupt? Ziemlich sicher scheint: Medien bestimmen zwar keinesfalls, was wir über ein Thema denken, sehr wohl aber über welches Thema wir überhaupt nachdenken.

Der Islam als totalitäre Antithese

Folgenreich ist daher die Kontextualisierung des Islams, der vorrangig in konfliktträchtigen Zusammenhängen verortet wird; Islamische Akteur_innen oder der Islam werden zumeist thematisiert, wenn es um die großen K‘s geht: Krisen, Kriege, Konflikte. Dieses Muster ist besonders dominant in der Darstellung des Nahen und Mittleren Ostens: Im Zeitraum zwischen 1950 und 1990 war der Islam das in den deutschen Leitmedien am zweithäufigsten in negativen Kontexten dargestellte Thema – nur übertroffen von direkten Kriegen in der Region.

Es wäre zu einfach, diese Berichterstattung als rassistisch abzutun: In den deutschen Redaktionsstuben sitzen in ihrer übergroßen Mehrzahl keine Redakteur_innen, die bewusst rassistisch argumentieren. Das Islam-Stereotyp ist latenter, funktioniert eher als verstecktes Vorurteil, in dem der Islam als das dezidiert Andere, Fremde dargestellt und  als vermeintlich rückschrittlich-fundamentale Antithese zur „westlich-aufgeklärten Welt“ in Stellung gebracht wird. Kai Hafez hat dafür den Begriff der „aufgeklärten Islamophobie“ vorgeschlagen, die sich stets im Rahmen des öffentlich Sagbaren bewegt, aber eben bestimmte Bilder durch eine sehr auf Negativthemen zentrierte Berichterstattung provoziert. Anders als Edward Said mit seinem maßgeblichen Konzept des „Orientalismus“ behauptet, kann dieses Bild, so meinen die Autoren, in Schwingung geraten. Ereignisse wie die islamische Revolution im Iran 1979, der Sechstagekrieg 1967 oder auch die Algerienwahl 1990 sind hierfür zwar unterschiedlich wirkmächtige, aber gleichsam gute Beispiele.

Diskursöffnung durch ein Medienereignis?

Der Arabische Frühling passte in seiner Anfangszeit nicht so recht in das dargestellte Medienbild: Breite Bevölkerungsschichten in Tunesien und Ägypten gingen überwiegend friedlich auf die Straße, um gegen ein Regime aufzubegehren, das doch eigentlich in den Worten westlicher Regierungschefs als Brandmauer gegen Chaos und Islamismus diente. Anlass zu Hoffnung auf einen Bildwandel konnte durch zweierlei Effekte auf die Medienwelt genährt werden: Zum einen wurde in jener Zeit in einem nie zuvor bekannten Maße über die beiden untersuchten Länder berichtet. Eine ausdauernde Berichterstattung kann zu einem differenzierteren Bild führen, da allein durch die gestiegene Berichterstattung Raum für plurale Ansichten geschaffen wird. Die herrschende Nachrichtenökonomie, nach der „only bad news good news“ sind, wird eine zeitlang weniger wichtig. Die politischen Umbrüche hatten jedoch noch eine zweite entscheidende Dimension, indem sie es plötzlich möglich machten, zwei Dinge zusammen zu thematisieren, die für die deutsche Öffentlichkeit bislang zumeist nicht zusammen gingen: Demokratie und Islam.

Gemeinsam mit einer Bildsprache der Revolutionen, die mit Demonstrationen und (gemeinhin in ihrer Wichtigkeit überschätzten) Facebook-Gruppen und Twitter-Hashtags „westliche“ Wege zur Artikulation ihrer Bedürfnisse nutzten, wurde so die Möglichkeit einer Durchkreuzung vorherrschender Politikvorstellungen der islamischen Welt geschaffen.

Manisch-depressive Berichterstattung mit schwerem Kater

Die Ergebnisse der Studie zeigen: Man könnte man die Berichterstattung zum Arabischen Frühling „manisch-depressiv“ nennen. Oder, um es mit den Worten eines im Rahmen des Forschungsprojekts interviewten Auslandkorrespondenten zu sagen: „Zuerst waren alle besoffen, dann kam der Kater“. Gerade die Anfangszeit der Umbrüche war gekennzeichnet von einer großen Euphorie. Allein in den ersten zwei Monaten nach Ausbruch der Unruhen wurde die Hälfte aller im Jahr 2011 erschienen Artikel publiziert. Insgesamt erschienen in allen sechs untersuchten Medien 1063 Artikel, die Tunesien oder Ägypten zum Thema hatten.

Die größte Ausnahme bildet wenig überraschend die Bildzeitung, die offen für die Stützung Mubaraks eintrat und das Gespenst eines vom Gottesstaat Ägypten ausgehenden Flächenbrands in Nahost zeichnete. Die große Euphorie der anderen Medien ist dabei klar mit der Ausblendung islamischer Akteur_innen und einer starken Ereigniszentrierung verbunden. Über den kulturellen, politischen und ökonomischen Wandel in den im Umbruch befindlichen Gesellschaften wurde gerade in der Anfangszeit kaum berichtet. Für die geneigte Leserin im Westen wurden die Gründe für die Umbrüche so kaum verständlich. Der Islam wurde als Thema jedoch im Laufe des ersten Jahres der Arabischen Revolutionen zunehmend wichtiger, wenngleich er niemals als vorrangiger Gegenstand der Berichterstattung eine Rolle spielte, sondern zumeist als politisierte Ideologie aufgegriffen wurde.

Das Machtvakuum lenkte die Blicke auf Stimmen aus der Bevölkerung

Durch diese Fokussierung kam es zu einer weitgehenden Ausblendung des Alltäglichen, Sozialen und Kulturellen, was durch die sehr starke Konzentration auf Akteur_innen islamistischer Parteien noch verstärkt wurde. Gleichwohl kann in den Monaten nach dem Sturz der Diktatoren Mubarak in Ägypten und Ben Ali in Tunesien eine Neuorientierungsphase der Journalist_innen beobachtet werden. In jener Zeit, in der die alten politischen Eliten abgetreten waren und sich neue Eliten noch nicht formiert hatten, tauchten verstärkt Akteur_innen aus der Bevölkerung und Zivilgesellschaft in der Berichterstattung auf. Mit der absehbaren Wahl, die Ende des Jahres 2011 in beiden Ländern stattfand, kamen verstärkt neuformierte politische Eliten zu Wort. Die verhältnismäßig starke Abbildung der Wahlen barg insofern das Potential einer Bildöffnung, da demokratische Rituale wie Wahlen eine politisch-kulturelle Nähe schaffen.

Tatsächlich kam es insbesondere in der Abbildung Ägyptens zu einer Differenzierung politischer Akteur_innen und partiell damit auch zu einer Anerkennung islamisch-politischer Kräfte als legitime Akteur_innen in einem islamischen Land. Im Falle von Ägypten kann somit eine eindeutige Öffnung des Diskurses um den Islam und seine politische Wirkung konstatiert werden, in der Teile der Berichterstattung die liberalen Bemühungen politisch-islamischer Akteure anerkannten und deren Handeln und Ziele reflektiert und ausgeglichen begleiteten. In Tunesien fand diese Öffnung so nicht statt: Vor allem aufgrund der schnellen Verdrängung von der Agenda kam es kaum zu einer differenzierten Berichterstattung, obschon sich hier ähnliche und im Vergleich zu Ägypten sehr rasche Reformbestrebungen zeigten. Ein differenziertes Islambild scheint somit ganz wesentlich mit Frequenz und Umfang der Berichterstattung eines Landes zusammenzuhängen.

Islamskepsis bei der SZ, nüchtern-aufklärerischer Ton bei der FAZ

Neben diesem aufgeklärtem Diskursstrang, dessen mediale Verhandlung dem Schlüsselereignis des Arabischen Frühlings zugerechnet werden kann, blieben auch die beschriebenen vereinfachenden, den Islam auf seinen angeblich gewaltförmigen Grundcharakter beschränkenden Diskurse präsent. Ein weit verbreitetes Muster der Berichterstattung ist die Unterstellung eines allumfassenden Glaubwürdigkeitsproblems islamischer Akteur_innen. In der Darstellung wurden politische Forderungen im Lichte des islamischen Charakters bewertet, wobei andere – soziale, kulturelle wie politische – Dimensionen und Differenzen zwischen verschiedenen islamischen Kräften kaum Beachtung fanden. Anderslautende Argumente, die auf ein demokratisches Verständnis islamischer Parteien hindeuten, wurden im Lichte dieses „Glaubwürdigkeitsframes“ entwertet. So konnten auf argumentativer Ebene durchaus ausgeglichen wirkende Diskurse negativ überformt werden.

Diese Glaubwürdigkeitsargumentation wurde besonders stark in der Berichterstattung des Spiegels aber auch in der Süddeutschen Zeitung genutzt. In der Reihe der untersuchten Zeitungen sind es auch diese beiden Blätter, die neben der Boulevardzeitung Bild am negativsten berichteten und die kulturelle und politische Andersartigkeit des Islams und des arabischen Raumes hervorhoben. Zwar konnten insbesondere bei der Süddeutschen Zeitung auch gegenläufige Tendenzen und alternative Argumente beobachtet werden, allerdings traten im weiteren Verlauf der arabischen Umbrüche und nach der Anfangseuphorie verstärkt kulturalistische Deutungsmuster in den Vordergrund. Taz, FAZ und Zeit berichteten dagegen differenzierter über die Ereignisse in Tunesien und Ägypten.

Folgt ein Winter der Islamberichterstattung?

Der Arabische Frühling war für den deutschen Journalismus ein Ausnahmeereignis, das tatsächlich manche routinierten Muster der Berichterstattung durchkreuzen konnte. Auf den Titelseiten der großen deutschen Zeitungen wurde Platz gemacht auch für alternative Sichtweisen, Redakteur_innen mit Expertise in der Region wurden verstärkt eingebunden, gleichsam wurden Ressourcen innerhalb der Redaktion auf die Region konzentriert: All das führte zumindest in Teilen der deutschen Presselandschaft zu einem aufgeklärteren Islambild. Doch erste Rückschritte lassen sich bereits nach der großen Aufregung im Jahr 2011 feststellen. Diese sind natürlich auch verbunden mit der realen Entwicklung in den Ländern, die zunehmend prekär und zeitweise gewaltförmig verlaufen.

Gemessen an der überbordenden Euphorie erscheint einem Großteil der untersuchten Medien der reale politische Wandel über alle Maßen enttäuschend. So ist wohl auch zu erklären, dass in der ja tatsächlich konfliktträchtig verlaufenden politischen Transformation in Ägypten im Jahr 2012 wieder verstärkt auf alte Klischees und negative Muster zurückgegriffen wird. Die SZ beschrieb am Tag der Amtsübernahme Mursis den politischen Islam beispielsweise als „fossile Ideologie“. Die wieder in ihre alten konfliktzentrierten Muster zurückgefallene Berichterstattung ist dabei offenbar auch Ergebnis struktureller Probleme knapper Platzressourcen: Während in der Zeit der hohen Ereignisdichte in den beiden Ländern auch alternative Sichtweisen in den großen Zeitungen Platz fanden, überschreiten nun vor allem wieder Gewalt- und Negativereignisse die Nachrichtenschwelle.

Ob das deutsche Islambild nach einer manisch-positiven Phase nun tatsächlich vollkommen in eine postrevolutionäre Depression verfällt und alte Klischees wieder bedient, ist derweil noch nicht ausgemacht. Denn eines hat die Zeit nach den Umbrüchen deutlich gemacht: zu welcher Pluralisierung die deutsche Presselandschaft grundsätzlich fähig ist.

Patrick Stegemann ist Mitautor der vorgestellten Studie. Er lebt, studiert und arbeitet als Journalist für Hörfunk und Online in Berlin, nachdem er im Osten (Erfurt) und Nahen Osten (Haifa) Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Friends- und Konfliktstudien studiert hat. 

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