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Pierre sitzt in seiner Wohnung. Sie wurde zu einem Schaltpunkt der Revolution. - Foto: Ahmed Mansour

Hischam trinkt süßen Tee und Pierre sammelt Postkarten. Asiem El Difraoui erzählt die Geschichten Ägyptens nach der Revolution. Er trifft die Menschen in ihrer Heimat. Nubier, Fellachen und Salafisten. Eine Rezension von Tim Glawion.

Da unten tut sich etwas. Facebook-Revolution, Brotunruhen oder Transformation? Vor knapp drei Jahren stürmten Ägypter und Tunesier einer demokratischen Zukunft entgegen. Der Arabische Frühling kam überraschend und eine Welle der Euphorie schwappte über die Region. Doch auf den Frühling folgte der Herbst und auf den Herbst der Winter. Desillusion, lange Gesichter und geschlossene Cafés.

Der deutsche Politologe und Dokumentarfilmautor Asiem El Difraoui lässt sich darauf nicht ein. Keine simplen Erklärungen. Kein Schwarz, kein Weiß. Er schreibt von Hagga Karima, von Mohamed, der stolzen Marktfrau und dem folternden Polizisten. Er erzählt Ägypten anhand von menschlichen Schicksalen. Er weiß nicht schon, er fragt. Er nimmt den Leser mit auf die „Reise durch ein Land im Aufruhr“. Monate der Recherche und zahlreiche Interviews führen zu einer differenzierten Analyse. Kein Frühling, kein Winter. Zu komplex, zu verschieden die Ansichten.

El Difraoui zeigt Ägyptens Facettenreichtum

Pierre wohnt am Tahrirplatz. Er ist Postkartensammler und in seiner Wohnung planen Demonstranten ihre Proteste. Anhand Pierres alter Kartenmotive erzählt El Difraoui die lange Geschichte Ägyptens. Doch die Ereignisse der letzten zwei Jahre handelt er zügig ab: von Mubarak zum Militär, vom Militär zur gewählten Regierung und zurück zum Militär. Drei Regierungswechsel in zwei Jahren auf vier Buchseiten. Andererseits reduziert El Difraoui Ägypten nicht auf den Tahrir Platz. Er untersucht, was die Menschen über die letzten zwei Jahre erlebten und bewegten. Er geht in die kleinen Dörfer auf dem Land, in die Moscheen und in die Paläste der alten Eliten.

Sein erster Zeuge der Revolution ist Amr Salama, Filmemacher mit internationalen Auszeichnungen. Sein berühmtestes Werk ist Tahrir 2011: The Good, the Bad, and the Politician. Mit anderen Aktivisten stand er täglich auf dem Platz im Herzen Kairos. Aus ihren Handyaufnahmen schnitt er eine Hommage an die Revolution.

Auch Nihal engagiert sich seit den Protesten. „Ein wahrer Traum“ waren für sie die Tage der Revolution: „Männer und Frauen waren völlig gleichberechtigt“. Das Glück endete mit dem Umsturz. Seitdem kämpft sie. Ihre Organisation verhindert Vergewaltigungen auf offener Straße und ermöglicht so jungen Frauen und Männern weiterhin an Demonstrationen teilzunehmen.

Wenn El Difraoui das Viertel der Kairoer Unterschicht besucht, dann spricht er von blauen Plastikplanen, zerschlissenen Sesseln und unverputzten Häusern. Wenn er die Enklaven der ägyptischen Elite betritt, stößt er auf Luxusstrände, 50-Meter-Yachten und neugierige Delphine. Der gesellschaftliche Kontrast spiegelt sich in seiner Sprache wider.

Hischam serviert überzuckerten Tee. „Es gibt eine Konspiration gegen uns“, sagt er. Er ist Anwalt, Muslimbruder und Familienvater. Tief sitzt in ihm die Paranoia. Für El Difraoui ist dies das Verhängnis der Muslimbrüder. Sie fantasieren sich eine „große Konspirationstheorie“ zusammen, fühlten sich von allen Seiten bedroht und drängten darum Revolutionsparteien und alt-eingesessene Machthaber an den Rand. Für die Salafisten spricht Dr. Hatem, ein kluger Mann. Unter Salafisten ungewöhnlich demokratisch. El Difraoui zeigt, dass Muslimbrüder nicht immer so gemäßigt und Salafisten nicht immer so extremistisch agieren, wie wir es täglich in der Presse lesen. Er zeichnet dabei ein problematisches Bild: Radikale Muslimbrüder und moderate Salafisten. Eine Gewichtung, die nur wenige Politologen teilen.

Marginalisierte Gruppen erhalten das Wort

„Pissou zeigt uns die Stadiontüren. Der größte Eingang […] ist zugeschweißt – hier gab es […] kein Entkommen“. Im Februar 2012 prügelten sich die Fans zweier Fußballclubs zu Tode. Angeblich. Das Militär hatte die Finger im Spiel und schleuste bezahlte Schläger ins Stadion. Der größte Rückschlag nach der Revolution. Alte Eliten gingen für ihre Interessen über Leichen.

In den letzten Kapiteln widmet sich El Difraoui all denen, die sonst wenig Beachtung finden: Fellachen – ägyptischen Ackerbauern; Nubier, deren Vertreibung in Ägypten gerne verschwiegen wird; und Beduinen, „die zum Teil in Frage stellen, dass sie überhaupt Ägypter sind“ und die den Schmuggel nach Gaza kontrollieren. Die letzte große Minderheit sind die Christen, die in Oberägypten mehr und mehr verfolgt werden.

„Um Mitternacht herrscht Totenstille“. So beginnt El Difraouis Werk. Poetisch, weniger eine wissenschaftliche Abhandlung als eine essayistische Betrachtung. Viel Meinung, viele Gesichter. Sie werden Ägypten weit mehr gerecht als so manche politische Analyse. Leicht und schön zu lesen, ein Werk für jedermann.

Das Buch endet im Nachtzug zurück nach Kairo. Auf dem Gang treffen sich die Menschen verschiedenster Schichten und diskutieren über ihr Ägypten. Einigen können sie sich nicht. El Difraoui überlässt dem Leser das Urteil: Ist das „Ein neues Ägypten?“.

 

Asiem El Difraoui: „Ein neues Ägypten? – Reise durch ein Land im Aufruhr“. Hamburg: Edition Körber Stiftung, 2013. 264 Seiten.

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