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Berichtet seit 2012 für die FAZ aus den Arabischen Ländern: Markus Bickel (links im Bild, Foto: Katharina Eglau).

Wie über den Nahen Osten berichten, ohne nur durch die deutsche Brille zu sehen? Markus Bickel, Korrespondent der FAZ mit Sitz in Kairo, erzählt im Alsharq-Interview, warum Künstler manchmal spannendere Themen bieten als Politiker, wie man immer wieder die eigene Arbeit überprüft – und was seine Arbeit zum Traumjob macht.

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Markus, Du bist seit bald zwei Jahren Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die arabischen Länder – ein riesiges Berichterstattungsgebiet. Wie deckt man das alleine ab?  

Indem man sich auf die wichtigsten Länder konzentriert. Seit ich hier bin sind das Ägypten, Syrien, Libyen und Irak. Diese Länder habe ich mehrfach bereist; dort verfüge ich auch über viele persönliche Kontakte. Syrien und Ägypten versuche ich kontinuierlich zu betreuen, sodass die Leserinnen und Leser verstehen können, was sich verändert. Das ist bei Ländern wie Kuweit, Oman oder Jemen gar nicht möglich, da ist die Berichterstattung sehr sprunghaft, hängt von Wahlen oder Ereignissen ab, auf die sich die Nachrichtenagenturen konzentrieren, woraufhin sich dann die Redaktion aus Frankfurt bei mir meldet.

Wie erlebst Du die Situation für Journalisten in Ägypten zur Zeit?

Man muss differenzieren zwischen Print-Journalisten und Fernsehjournalisten, die nie alleine unterwegs sind, sondern mindestens noch einen Kameramann und im Zweifel auch einen Tontechniker dabei haben. Für die ist es sehr schwierig geworden in Ägypten zu arbeiten, weil jeder dem Verdacht ausgesetzt ist, für al-Jazeera und damit für Katar und damit für die Muslimbrüder zu arbeiten. Auch mich haben Leute auf Demonstrationen oder in der Nähe von Wahlbüros angesprochen, ob ich für al-Jazeera arbeite oder aus welchem Land ich komme – obwohl ich noch nicht einmal den Kugelschreiber in der Hand hatte. Das Ganze findet in einer Atmosphäre statt, in der man kaum noch vernünftig argumentieren kann. Ich persönlich habe Anpöbelungen erlebt, aber bin nicht körperlich bedroht worden.

Vermeidest Du gefährliche Situationen?

Ich gehe schon auf Demonstrationen, muss aber nicht jeden Freitagnachmittag bei Muslimbrüder-Aufmärschen dabei sein, nur um zu sehen, wie Gewalt von Nahem aussieht. Fernsehjournalisten, vor allem die Einheimischen, die die Bilder bringen müssen, sind darauf angewiesen dort hinzugehen. Darum gibt es ja auch so viele verletzte und tote Journalisten in Ägypten in den letzten drei Jahren.

Dass Dir noch nichts passiert ist – könnte das auch daran liegen, dass Du für Deutschland berichtest?

Deutschland wird sehr ernst genommen von der ägyptischen Regierung. Auch die neuen Machthaber bemühen sich darum, Beziehungen wieder aufzubauen, die seit dem Sturz Mursis vor einem Jahr eher schlecht sind. Und der Staatsinformationsdienst, also der Propaganda-Arm des Präsidialamtes, liest die Berichte der deutschen Medien sehr genau. Über die Berichterstattung von Karim al-Gawhary beispielsweise, dem taz- und ORF-Korrespondenten, gab es Beschwerden seitens der ägyptischen Botschaft in Berlin. Auch andere Kollegen haben Anrufe bekommen – vor allem letztes Jahr nach den Protesten gegen die Mursi-Absetzung.

Mit Mursi hast Du damals ein Interview geführt. War es zu seiner Amtszeit leichter, in Regierungskreise vorzudringen?

Mursi hatte damals ein Interesse an dem Interview, weil er eine Woche später nach Berlin fuhr, um die Kanzlerin zu treffen. Es gab Anfragen von verschiedenen deutschen Medien – dass sich Mursis Leute für die FAZ entschieden haben, liegt wohl daran, dass sie im Auswärtigen Amt am meisten gelesen wird.

Neben Ägypten ist Syrien das wichtigste Land Deiner Berichterstattung. Wie berichtet man über diesen Konflikt, vor allem wenn man zurzeit kaum selbst hinfahren kann? 

Ich versuche, es über die Nachbarländer zu machen. Ich bin häufig im Libanon, aber auch im Nordirak und in Gaziantep in der Türkei, wo die Gegenregierung ihren Sitz hat. Dort treffe ich Aktivisten, Flüchtlinge und Oppositionspolitiker. Dadurch fehlen mir zwar die direkten Drähte zum Regime, aber was dort gesagt wird, bekomme ich über die Syrische Nachrichtenagentur SANA mit oder Freunde, die Syrien weiter bereisen und in Regierungskreisen verkehren. Klar: Es ist ein Berichten vom Rande des Konflikts und nicht aus seinem Herzen, aber ich sehe mich auch nicht als Kriegsreporter, sondern versuche, Zusammenhänge darzustellen und einzuordnen.

Und inhaltlich?

Das Problem ist, dass es immer schwerer wird, gegen den Trend der Mainstream-Medien anzuschreiben. Der besagt, vereinfacht ausgedrückt: Die einzige Alternative zu Assad ist al-Qaida, und die Opposition besteht eigentlich nur noch aus langbärtigen Dschihadisten. Das Bild hat Assad von Beginn an zu zeichnen versucht und dem sind viele westliche Staaten und Leitmedien auf den Leim gegangen. Ich versuche, den Aktivisten der ersten Stunde, die die Revolution gegen Assad begonnen haben, eine gewisse Solidarität entgegenzubringen, merke aber an den Leserkommentaren, dass in den Internetforen die meisten Nutzer auf Seiten Assads gegen die Islamisten stehen. Das ist eine Grundstimmung, gegen die man sich kaum durchsetzen kann.

Wie bringst Du diese Meinung ein in die Berichterstattung? 

Ich kommentiere kaum, ich berichte. Aber ich versuche, meinen Artikeln eine Rahmung zu geben, die klar macht, wer meines Erachtens der Gute und wer der Schlechte ist. Und ich treffe weiterhin Leute, die auf Seiten der Revolution stehen: Aktivisten, Journalisten, Filmemacher, die Gegen- und Parallelstrukturen zu denen des Regimes organisieren in den befreiten Gebieten. Diese Menschen werden von ISIS oder al-Qaida verfolgt und gefoltert, wenn sie gefangengenommen werden, und getötet. Zu behaupten, dass sie besser sind als Assad, der ja lange vor der Revolution Leute einkerkern, foltern und umbringen ließ – das ist meine Meinung. Aber dafür erntet man eigentlich nur Spott und Hohn in Leserkommentaren.

Wie sieht das  Bild vom Nahen Osten aus, das Du mit Deiner Arbeit zeichnen möchtest– als Alternative zum von Dir genannten Mainstream? 

Ich habe viele Länder abzudecken, und jedes Land hat seinen eigenen Narrativ. Bei Ägypten lautet seit letztem Sommer die Lesart: Gut, dass der islamistische Machthaber weg ist, jetzt kommen wieder die Säkularen dran. Aber ist das europäische Narrativ so falsch, zu sagen, dass jetzt wieder ähnlich Freiheiten eingeschränkt werden wie unter Mubarak, wenn nicht sogar noch schlimmer? Auch die Dominanz des Religiösen, die viele in Europa stört, finde ich oft bestätigt – Ägypten, wo ich wohne, ist sehr religiös. Auch Sisi, der angeblich säkulare Befreier von Mursi, redet öffentlich von Träumen, die seine Entscheidungen beeinflussten. Bei der Bewertung solcher Sachverhalte komme und will ich gar nicht aus meiner europäischen Haut heraus. Klar ist: Wenn hier ein demokratischer, ziviler Staat aufgebaut werden soll, dann müssen gewisse Grundregeln eingehalten werden, dann müssen universal gültige Menschenrechte durchgesetzt werden. Das sehen auch Demokratieaktivisten so, die nun unter Sisi genauso verfolgt werden wie unter Mursi oder Mubarak.

Wie kann man sich trotzdem hinterfragen, prüfen, ob man eine Situation nicht nur durch die europäische Brille sieht? 

Viel mit Ägyptern sprechen, mit Libanesen, mit Syrern, mit Libyern, mit Irakern. Sicher stammen die oft aus einer eher pro-westlichen Ecke, aber auch in Kairo habe ich mit Muslimbrüdern zu tun oder im Libanon mit Hizbollah-nahen Leuten. Aber im Kollegenkreis fällt eigentlich allen auf, dass es in Ägypten seit einem Jahr eine derartige Schere gibt zwischen dem, was die wenigen verbliebenen liberalen Ägypter denken, was Ausländer denken und was der Mainstream vom Taxifahrer über den Gemüsehändler bis zum Außenminister sagt, nämlich, dass es keinen Putsch gab gegen Mursi, sondern eine zweite Revolution.

Du hast von 2005 bis 2008 im Libanon gelebt, wo sich seit Jahren wenig bewegt. Ist das nicht irgendwann frustrierend, sich denken zu müssen: Mein Gott, hier geht ja überhaupt nichts voran? 

Ja, das ist manchmal so. Ich versuche dann aber, mich nicht nur von meinem Beruf leiten zu lassen. Ich habe eine wunderbare Familie und Freunde, die Weltmeisterschaft steht bevor, das Rote Meer ist nicht weit und die Wüste auch nicht. Ich habe aus dem Balkan berichtet, ich bin in Guatemala und Mexiko als Flüchtlingshelfer unterwegs gewesen, auch dort gibt es Elend und Armut. Die arabische Welt ist mir ans Herz gewachsen, aber ich zerbreche mir nicht den ganzen Tag den Kopf darüber, wie Ägypten wieder auf die Beine kommen kann. Berührt bin ich, weil ich Freunde habe, die in diesen Ländern an der Korruption und der Starrköpfigkeit der herrschenden Klasse zerbrechen. Gleichzeitig merke ich, wie die ständige Konzentration auf Politik viele frustriert, weil sie einfach auf der Stelle tritt.

Du schreibst nicht nur über Politik. Neulich hast Du über Fußball berichtet, davor über Theaterstücke in Beirut. Welche Rolle spielen solche Themen für Deine Arbeit? 

Wirtschaftsberichterstattung gehört auch zu meinem Aufgabenbereich. Nur durch Fächerung der Themen lassen sich gesellschaftliche Aspekte aufgreifen, die in eindimensionaler Politikanalyse untergehen. Als ich zum ersten Mal in Bagdad war, habe ich den Leiter des Symphonieorchesters getroffen; das ist sehr wohltuend, mit Künstlern zu tun zu haben, die vielleicht auch frustriert sind, aber die immer einen anderen Blick haben, der mir nicht so vertraut ist und mich rausbringt aus dieser negativen Betrachtung der Welt. Politiker benutzen einen halt doch, um bestimmte Botschaften in die Welt herauszutragen. Es gab selten politische Führer, die mich beeindruckt hätten. Bei Künstlern ist das anders.

Welche Rolle spielen Sprachkenntnisse, wenn man aus dem und über den Nahen Osten berichtet?

Sie sind hilfreich, gerade als Türöffner, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich lese aber mehr auf Englisch und Französisch, das geht schneller, und es gibt auch eine Menge Übersetzungen aus arabischen Zeitungen und Online-Medien.

Du bist seit bald zwei Jahren FAZ-Korrespondent für die arabischen Länder – wie fällt Dein Zwischenfazit aus?

Es ist ein Traumjob. Was mich allerdings überwältigt hat, war das Ausmaß an Arbeit, vor allem das erste Jahr über. Das bestätigen mir auch Kollegen, die vor Beginn der arabischen Aufstände 2011 aus der Region berichtet haben. Seitdem gab es so viele Tage, an denen ich über Syrien, über Ägypten, über Irak und über Libyen gleichzeitig berichten musste. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden. Oder, um es anders zu sagen: Das Interesse ist zurückgegangen, und die Ukraine-Krise nimmt zurzeit viel Zeitungsplatz in Anspruch.

Und was war dein Highlight?

Als ich mit der PKK an irakischen Checkpoints vorbei ins Kandil-Gebirge gelaufen bin, in die befreiten Gebiete. Dort von so einem jungen Schleuser an Bächen und Ufern entlang begleitet zu werden, das war vielleicht das Abenteuerlichste.

Markus, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview. 

Gerne – danke für das Interesse.

 

 

Markus Bickel, Jahrgang 1971, hat Politik-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften studiert. Nach der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München war er bis 2002 Politikredakteur der Wochenzeitung Jungle World, danach Balkan-Korrespondent mit Sitz in Sarajevo. Zwischen 2005 und 2008 berichtete er aus Beirut unter anderem für Spiegel Online, die Berliner Zeitung, die taz und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, zu der er 2008 fest wechselte; seit 2012 ist er FAZ-Korrespondent für die arabischen Länder mit Standort Kairo. Bei Edition Weltkiosk erschien von ihm das Buch „Der vergessene Nahostkonflikt – Syrien, Israel, Libanon, Hizbollah“.

Das Interview wurde vor den ägyptischen Präsidentschaftswahlen geführt.

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