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Schützengraben in der Oase: Italienische Soldaten in Libyen, 1911. Bild: wikipedia (CC)

Wo begann der Erste Weltkrieg? In Sarajevo, werden die meisten wohl antworten. Der Mord an Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seiner Frau am 28. Juni 1914 in der bosnischen Stadt gilt allgemein als Auslöser des Großen Krieges. Kaum jemand würde wohl Libyen als die Lunte ansehen, die das Pulverfass der europäischen Mächterivalitäten in Brand setzte. Dabei gibt es gute Gründe dafür. Von Jakob Krais

Ende Juli 1911 erhielt der italienische Ministerpräsident Giovanni Giolitti in seinem Urlaubsort in den piemontesischen Alpen einen Brief. Er kam vom Marchese di San Giuliano, seinem Außenminister. Der hatte die Ferienzeit dazu genutzt, sich zu überlegen, wie Italien endlich eine Kolonie am Mittelmeer erobern könnte. Der Blick der Italiener ruhte seit langem auf Libyen oder, wie man damals sagte, Tripolitanien. Der Außenminister sah nun die Zeit zum Zuschlagen gekommen – das einzige, was ihn noch zögern ließ, war die Tatsache, dass man, um Libyen zu erobern, Krieg mit dem Osmanischen Reich führen musste, zu dem das Gebiet in Nordafrika gehörte.

Ein italienisch-osmanischer Krieg könnte nun aber, so San Giuliano weiter, die Balkanländer dazu anstacheln, sich auf Kosten der Osmanen zu vergrößern, was wiederum Österreich-Ungarn auf den Plan rufen würde, das sich als Vormacht in Südosteuropa verstand. Durch die Verwicklungen der europäischen Bündnissysteme der damaligen Zeit könnten dann auch Deutschland und Russland und so immer mehr Staaten in einen großen Konflikt hineingezogen werden. Zu allem Überfluss schien just im Sommer 1911 ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich nicht unwahrscheinlich. Ministerpräsident Giolitti schrieb später, er habe damals jeden Moment mit dem „Funken für den europäischen Brand“ gerechnet. Die Gefahr eines Weltkriegs sah die italienische Regierung also voraus – trotzdem ordnete sie Ende September schließlich den Angriff auf Libyen an.

Antonino Paternò Castello, Marchese di San Giuliano, italienischer Außenminister von 1910 bis 1914. Bild: wikipedia (CC)

Antonino Paternò Castello, Marchese di San Giuliano, italienischer Außenminister von 1910 bis 1914. Quelle wikipedia (CC)

Genau drei Jahre nach dem Brief des Marchese di San Giuliano richtete Österreich ein Ultimatum an Serbien, die verschiedenen Bündnisse wurden aktiv, Armeen mobilisiert: Der Erste Weltkrieg begann. Das Erstaunliche daran ist, dass die Ereignisse während jener drei Jahre fast genau dem Drehbuch folgten, das der Außenminister skizziert hatte.

Nordafrika als Spielball der Imperien

Das von den Italienern begehrte Libyen befand sich im Schnittpunkt von zwei internationalen Entwicklungen, die die Konkurrenz der europäischen Großmächte anheizten: der so genannten orientalischen Frage um die Zukunft des Osmanischen Reichs und dem scramble for Africa, der kolonialen Aufteilung des afrikanischen Kontinents. Anfang des 20. Jahrhunderts kontrollierten die Briten Ägypten, und die Franzosen hatten sich schon seit einiger Zeit in Algerien und Tunesien festgesetzt. Das einzige unabhängige Land im Norden Afrikas war Marokko. Allerdings versuchten die europäischen Staaten auch hier, ihren Einfluss geltend zu machen – allen voran Frankreich, das das Land gerne zur Abrundung seines Kolonialreichs im Maghreb besetzt hätte.

Die Franzosen hatten die Rechnung freilich ohne die „nervöse Großmacht“ Deutschland, ihren Hauptgegner, gemacht: Schon 1905 hatte Kaiser Wilhelm II. Tanger besucht und einem etwas verdutzten Sultan Moulay Abdelaziz die volle deutsche Unterstützung für die Unabhängigkeit Marokkos zugesagt. Die folgende Erste Marokkokrise wurde durch eine internationale Konferenz beigelegt, die marokkanische Souveränität blieb – zumindest formal – noch intakt.

Ein „Panthersprung nach Agadir“

Nun, im Sommer 1911, schickte Paris Truppen in die marokkanische Hauptstadt Fes, Berlin antwortete mit der Entsendung des Kanonenboots Panther nach Agadir. Die nationalistische Presse in Deutschland war begeistert. Der französische „Erbfeind“ sollte endlich wieder einmal in die Schranken gewiesen werden: „Hurrah! Eine Tat“, bejubelte etwa die Rheinisch-Westfälische Zeitung den „Panthersprung nach Agadir“.

Die Begeisterung flaute allerdings schnell wieder ab. Nach guter imperialistischer Manier wurde der Konflikt durch ein paar Verschiebungen auf dem afrikanischen Spielbrett gelöst: Gegen einige Quadratkilometer kongolesischen Dschungels, der der deutschen Kolonie Kamerun zugeschlagen wurde, durften die Franzosen ihr Protektorat über Marokko errichten. Die Zweite Marokkokrise war noch einmal glimpflich ausgegangen.

Jedoch nutzte Italien die Veränderung der Machtbalance in Nordafrika, um seine lange gehegten Pläne in Libyen in die Tat umzusetzen. Wie gegenwärtig die Gefahr eines bewaffneten Konflikts auch in Europa damals war, zeigt außerdem die Mobilisierung der Kriegsgegner: Im September demonstrierten in Berlin 250 000 Menschen für Frieden.

Istanbul in deutscher Hand

Nachdem sich zwei große internationale Krisen also an Nordafrika entzündet hatten, entspann sich die nächste am Bosporus. Im Dezember 1913 traf in Istanbul eine deutsche Militärmission ein, die die Modernisierung der osmanischen Streitkräfte vorantreiben sollte. Ihr Leiter, General Otto Liman von Sanders, sollte außerdem das Kommando über die Truppen in der Stadt übernehmen. Der russische Botschafter – unterstützt von seinen Kollegen aus Großbritannien und Frankreich – protestierte auf das Schärfste: Die osmanische Hauptstadt Istanbul und, noch wichtiger, die Meerengen Bosporus und Dardanellen in deutscher Hand? Aus russischer Sicht undenkbar, der strategische Alptraum der Außenpolitiker in Sankt Petersburg schien wahr zu werden. Die russischen Schwarzmeerhäfen, die als einzige im Land eisfrei (das heißt ganzjährig benutzbar) waren, wären so vom Mittelmeer abgeschnitten, eine Verbindung Russlands zu seinen westlichen Bündnispartnern fast unmöglich. Wenn das Zarenreich für irgendetwas einen Krieg beginnen würde, dann für die Öffnung der Meerengen.

Auch diese Krise führte allerdings noch nicht direkt zum Krieg. Sie wurde entschärft, indem der deutsche General kurzerhand zum osmanischen Marschall und damit weg von seinem Istanbuler Kommando befördert wurde. Das Misstrauen zwischen den europäischen Mächten aber blieb.

Der „kranke Mann am Bosporus“ und seine eigennützigen Helfer

Die verschiedenen Mächte belauerten sich bereits am Bett des „kranken Mannes am Bosporus“: Der endgültige Zusammenbruch des Osmanischen Reichs schien nur noch eine Frage der Zeit. Bis dahin ging es den Europäern darum, der Regierung in Istanbul ihre Dienste für die nötigen Reformen anzubieten – und den eigenen Interessen eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. In der Liman-von-Sanders-Krise hatten sich die britischen und französischen Diplomaten dem russischen Protest nur halbherzig angeschlossen, konnten sie doch kaum etwas gegen die deutsche Mission einwenden. Während die Osmanen ihr Heer nämlich nach preußischem Muster reorganisieren wollten, brachten die Briten die Flotte und die Franzosen die Polizei auf den neuesten Stand.

Deutschland war allerdings schon seit geraumer Zeit besonders aktiv. Militärische Berater waren ebenso wie Ingenieure wichtige Ansprechpartner für das osmanische Modernisierungsprogramm. Auf diplomatischer Ebene arbeitete ein Schwergewicht der deutschen Außenpolitik unermüdlich daran, die wirtschaftlichen und politischen Interessen des wilhelminischen Reichs im Nahen Osten voranzubringen. Der ehemalige preußische Außenminister und Staatssekretär im Auswärtigen Amt mit dem tönenden Namen Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein malte sich bereits 1899 die Ergebnisse seines Engagements als Botschafter in Istanbul aus, „wenn Deutschland fortfährt, sich im Oriente wirthschaftlich auszustrecken – der Hafen in Haidar-Pascha, dem zu erheblichem Theile auf deutschen Schiffen deutsche Waaren zugeführt werden, um ins Innere des Landes geführt zu werden, die Bahnlinie von dort bis Bagdad ein deutsches Unternehmen, das nur deutsches Material verwendet und zugleich für Güter und Personen die kürzeste Linie bildet aus dem Herzen Deutschlands nach seinen ostasiatischen Besitzungen“.

 

„Das Erwachen der orientalischen Frage“: Der osmanische Sultan muss tatenlos zusehen, wie die Monarchen von Österreich-Ungarn und Bulgarien Stücke aus seinem Territorium reißen. Karikatur von 1908. Quelle: wikipedia (CC)

 

Die „orientalische Frage“ und das Pulverfass Balkan

Die „orientalische Frage“ wurde insofern immer dringlicher, als für die Osmanen eine Niederlage auf die nächste folgte: 1908 hatte Österreich-Ungarn sich das völkerrechtlich zum Osmanischen Reich gehörende Bosnien-Herzegowina einverleibt. Kurz nach der Zweiten Marokkokrise begannen die Italiener, die letzte osmanische Provinz in Nordafrika zu besetzen. Obwohl weder die osmanische Armee noch die Einheiten arabischer und berberischer Kämpfer – die Italien erst nach zwei Jahrzehnten endgültig besiegen konnte – schnell geschlagen waren, mussten die Osmanen sich doch bald aus ihrem nordafrikanischen Territorium zurückziehen. Die größere Gefahr lauerte nun nämlich im Herzen des Reichs: Der Italienisch-Osmanische Krieg ließ die Balkanländer ihre Chance wittern – als Rom und Istanbul im Oktober 1912 wieder Frieden schlossen, hatten Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland ihrerseits dem Sultan bereits den Krieg erklärt. Im Frühjahr 1913 standen die Verbündeten vor den Toren der Hauptstadt und beendeten mit ihrem Erfolg in diesem Ersten Balkankrieg nach einem halben Jahrtausend die osmanische Herrschaft im Südosten Europas.

Dass die Türkei heute überhaupt noch über ein Territorium westlich von Istanbul verfügt, liegt einzig an der Zerstrittenheit der damaligen Gewinner. Kaum war nämlich der Friedensvertrag unterzeichnet, brach im Frühsommer 1913 auch schon der Zweite Balkankrieg aus. Dieses Mal sah sich Sofia in der Position der von allen Seiten Bedrängten – die Osmanen taten sich schnell mit ihren serbischen und griechischen Feinden von gestern zusammen und nahmen den Bulgaren unter anderem die alte Sultansstadt Edirne wieder ab. Die strahlenden Sieger der beiden Balkankriege saßen jedoch in Belgrad: Das mit Russland verbündete Serbien schien sich zur Regionalmacht zu mausern.

Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur Konfrontation mit Österreich, die den Ersten Weltkrieg auslöste. Der Dominoeffekt, den die Italiener mit ihrer Invasion in Libyen – im Windschatten der Marokkokrise – angestoßen hatten, hatte die Konflikte gewissermaßen in einem Halbkreis über das Osmanische Reich und den Balkan ins Herz Europas getragen. „Die beiden Balkankriege und der vorangegangene Krieg um Libyen“, meint denn auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, „hatten für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs entscheidende Bedeutung.“ Die Befürchtungen des Marchese di San Giuliano waren also eingetroffen – der italienische Außenminister starb übrigens, noch immer im Amt, aber nach den Ereignissen völlig entkräftet, im Herbst 1914.

 

Im ersten Artikel meiner/unserer dreiteiligen Serie zum Ersten Weltkrieg im Nahen Osten und Nordafrika stehen die internationalen Beziehungen und die Rivalität der europäischen Mächte, die sich im Vorfeld des Krieges an der Region entzündete, im Mittelpunkt. Der zweite Artikel geht auf den Konflikt der Jahre 1914 bis 1918 selbst ein und nimmt seine Bedeutung für die islamische Welt in den Blick. Der dritte Teil beschäftigt sich mit Ergebnissen und Folgen des Ersten Weltkriegs in der Region, die den Nahen Osten zum Teil bis heute prägen.

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