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Das schwarze Kleid und die gelben Pumps der Künstlerin erinnern an ein ikonisches Foto der ersten Intifada – eine steinewerfende Frau, noch im Kostüm des sonntäglichen Kirchgangs. Foto: Jan Hennies.

Die Biennale Qalandiya International sucht kurz nach dem Gaza-Krieg und inmitten der Proteste in Ostjerusalem nach der palästinensischen Identität. Unter dem Motto „Archives, Lived and Share“greifen Künstler ihre Geschichte kreativ und kritisch auf. Die Frage nach der eigenen Geschichte wird in den besetzten Gebieten zum feinsinnigen Widerstand, berichtet aus Ramallah Jan Hennies. 
Eben noch standen die circa 70 Menschen erwartungsvoll am zentralen Manara-Platz in Ramallah, beobachtet von interessierten Passanten. Kurze Zeit später zieht die Gruppe durch das Stadtzentrum, erobert die Straßen für sich und lässt Autos warten. Ein Gefühl wie auf einer Demonstration entsteht. Vorne gehen Jongleure und ein Akrobat auf bunten Stelzen, Flugblätter werden an Passanten und Ladenbesitzer verteilt. Sichtlich irritiert reagieren diese auf die Zettel, die ihnen von Personen in 1980er-Jahre-Kleidung oder mit Kufiyahs maskiert gereicht werden: Es sind Kopien eines Aufrufs zum Widerstand von 1988 während der Ersten Intifada. „Wo ist die Polizei?“, murmeln manche Passanten verdutzt.

Die Prozession ist Teil der zweiten palästinensischen Biennale Qalandiya International, deren Ausstellungen und Events vom 22. Oktober bis 15. November in verschiedenen Städten innerhalb der palästinensischen Gebiete und Israel stattfinden. Der vermeintliche Demonstrationszug durch Ramallah, organisiert durch das Khalil Sakakini-Kulturzentrum, ist im Programm als „Mapping Procession“ ausgeschrieben. Eine Kunstperformance, „um die Erste Intifada zu markieren“, „im öffentlichen Raum zu intervenieren und diesen zurück zu erobern.“

„Heutzutage wissen viele junge Leute nicht mehr, was damals passierte. Sie fangen an, die Essenz dieser wichtigen Zeit zu vergessen“, erklärt Rula Khoury, künstlerische Leiterin der Aktion, die Motivation für das Projekt. Und deshalb verteilt Ghantus Ghantus, Student in Ramallah, am 29. Oktober die Flugblätter der ersten Intifada in den Straßen des Regierungszentrums des Westjordanlands. „Es ist ein wahnsinniges Gefühl“, beschreibt er. „Ich wurde 1988 geboren. Damals war eine solche Aktion illegal und Menschen sind dafür ins Gefängnis gegangen.“ Die Idee für die Flugblätter stammt vom renommierten palästinensischen Künstler Khaled Hourani. Für ihn bedeutet die Aktion mehr, als nur das Gefühl des Widerstands aufleben zu lassen. Sie sind Ausdruck des Stillstandes in der Situation der Palästinenser: „Ich wollte die Flugblätter zurückbringen, um zu zeigen, dass ihr Inhalt nach wie vor aktuell ist. Sie können verteilt werden, als wären sie von heute.“

Kunstfestival auf der Suche nach palästinensischer Identität

Die Aktion knüpft damit an das Gesamtkonzept der Biennale an. „Archives, Lived and Shared“ ist das Motto des diesjährigen Qalandiya Internationals – eine Einladung an Künstler und Besucher, sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der palästinensischen Geschichte zu beschäftigen. Bei einer der vielfältigen Diskussionsrunden im Rahmen des Kunstfestivals begründet Ann Butler, Archivdirektorin am Center for Curatorial Studies des englischen Bard-Colleges, die Wichtigkeit einer Auseinandersetzung mit Archiven: „Archive sind die Mittel, mit denen sich eine Gesellschaft kategorisiert und erinnert.“ So wird die Biennale zur Suche nach der palästinensischen Identität. Keine einfache Suche, denn Palästina leide unter „Israels Kulturkannibalismus“, beschreibt Soziologe Salim Tamari und weist auf die Vereinnahmung lokaler Kultur durch den Staat Israel hin.

Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht jedoch abseits von abstrakten Diskussionen über die palästinensische Identität sehr schnell. Nahe der Stadtverwaltung schiebt die Performance-Künstlerin Riham Isaac im Rahmen der „Mapping Procession“ einen großen Stein auf die Straße. Ihr schwarzes Kleid und die gelben Pumps erinnern an ein ikonisches Foto der ersten Intifada – eine steinewerfende Frau, noch im Kostüm des sonntäglichen Kirchgangs. „Was bedeutet das?“, fragt eine Touristin. Doch die palästinensischen Zuschauer verbinden die Performance direkt mit den Straßenblockaden der Ersten Intifada. Manche fangen an, der Künstlerin zu helfen. Für Isaac sind diese Interaktionen mit Passanten entscheidend. „In den Galerien sieht man immer die gleichen Gesichter“, erzählt sie und betont die Notwendigkeit von einer erneuten Annäherung der Kunst an die Menschen und bemängelt: „Manchmal ist Kunst hier nur noch für die Geldgeber.“

Künstler verteilen im Zentrum Ramallahs Flyer aus der Zeit der Ersten Intifada. Foto: Jan Hennies.

Künstler verteilen im Zentrum Ramallahs Flyer aus der Zeit der Ersten Intifada. Foto: Jan Hennies.

Ausstellung erzeugt alternative Geschichtsschreibung

Dass andere Kunst möglich ist, beweisen die neun Finalisten des Young Artist of the Year Award (YAYA). Die jungen palästinensischen Künstler zeigen in ihrer Ausstellung Werke, die das Motto des Qalandiya Internationals auf kritische Weise verarbeiten.

Die Künstlerin Hanadi Azmi setzt scheinbar wahllos aus alten Tonscherben Tongefäße zusammen und stellt damit die Frage: „Ist es möglich, die Geschichte einer Stadt auf Basis einer vagen Geschichte zu schreiben?“ Die Scherben sollen an Überreste der zahlreichen Zivilisationen erinnern, die Teil Jerusalems waren. Durch ihre individuelle Zusammensetzung der vermeintlichen Artefakte vergangener Zeiten fragt Hanadi jedoch kritisch nach den hegemonialen Narrativen in der Geschichtsschreibung und der Rolle der Archäologie in dieser. Diese Frage ist im Kontext des Nahostkonfliktes besonders bedeutungsschwer, da mittels Ausgrabungen und historischer Deutungen die Übernahme von Ländereien legitimiert wird. Die israelische Ausgrabungsstätte „City of David“ zur Legitimation israelischer Siedlungen im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan ist nur eines dieser Beispiele.

Alle neun Künstler der YAYA-Austellung „Suspended Accounts“ suchen in ihrer Kunst nach den marginalisierten und nicht beachteten Perspektiven. So erwarten Besucher unter anderem sprechende Archive mit Geschichten der Nakba, eine künstlerische Transformation der Werke des berühmten Malers Suleiman Mansour in die heutige Situation Palästinas oder Videokunst über die Situation palästinensischer Kinder in Internaten der ehemaligen Sowjetunion.

Inspiriert wurde die Kuratorin Viviana Checchia von der 2006 realisierten Ausstellung „Interrupted Histories“ in Ljubljana in Slowenien. Ihre Ausstellung folgt den gleichen Fragen: „Was sind die Implikationen des Fehlens einer systematischen Historisierung der Räume außerhalb der westlichen Welt? Welche Methoden werden benötigt, um eine solche Geschichtsschreibung zu beschleunigen?“

„Suspended Accounts“ ist damit sowohl eine Suche nach der Identität der Palästinenser, als auch ein künstlerischer Widerstand gegen einseitige Narrative der Geschichtsschreibung im Zuge der Besatzung der palästinensischen Gebiete.

Wörter und Uhren gegen Besatzung

Eine klare Kampfansage bietet dagegen der Künstler Majd Abdel Hamid in seiner Ausstellung in Ramallah. Unter den Werken finden sich verschiedene Sanduhren mit einer Gemeinsamkeit: Der Sand in ihnen ist Staub der israelischen Sperranlage zum Westjordanland. Manche der Uhren laufen langsamer, andere schneller – sie alle laufen ab.

Die politische Haltung der Biennale spiegelt sich letztlich auch in ihrem Namen wieder. Qalandiya, heute als Checkpoint zwischen Ramallah und Jerusalem bekannt, war auch der Name des heute geschlossenen Flughafens des Westjordanlands. Aus dem Tor zur Welt wurde das Symbol der Isolation durch die israelische Besatzung. Mit ihren zahlreichen Ausstellungen und Events in verschiedenen Städten öffnet das Qalandiya International ein neues Tor und zeigt Künstlern und Besuchern die Widersprüche Palästinas auf. Die Biennale wird so zum feinsinnigen Widerstand gegen die israelische Besatzung der palästinensische Gebiete und die Situation der Palästinenser weltweit.

 

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