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Mit der iNakba-App lassen sich zerstörte palästinensischen Dörfer in Israel finden. Foto: Tobias Pietsch (C) Mit der iNakba-App lassen sich zerstörte palästinensischen Dörfer in Israel finden. Foto: Tobias Pietsch (C)

Eitan Bronstein und seine Organisation „Zochrot“ werben unter jüdischen Israelis für die Aufarbeitung der „Nakba“. Ein Interview über Schrecken der Vergangenheit, Schläge gegen Linke und die iNakba-App.

Eitan Bronstein, Jahrgang 1960, wanderte als Kind mit seiner Familie aus Argentinien nach Israel ein und wuchs in einem Kibbutz auf. In den 1980er Jahren verweigerte er wiederholt den Reservedienst an der Waffe. 2001 gründete er die Organisation Zochrot, die sich für die Anerkennung der „Nakba“, also der Verbrechen gegen und Vertreibung der Palästinenser innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft einsetzt. Anfang November sprach Bronstein auf Einladung der Mediziner-Organisation IPPNW – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. in Berlin. Zum Interview mit Alsharq kam der charismatische Aktivist natürlich mit seinem iPhone – inklusive iNakba-App.

Alsharq: Herr Bronstein, Zochrot gilt in Israel als radikal links. Wofür setzen Sie sich ein?

Eitan Bronstein: Zochrot zielt darauf ab, unter israelischen Juden ein Bewusstsein für die Nakba zu schaffen. Denn in Israel lernt man normalerweise nichts über die Nakba [arab. „Katastrophe“] und auch mir hat in der Schule nie irgendjemand von der Vertreibung der Palästinenser erzählt. Im Allgemeinen wissen Israelis, dass es hier vor 1948 Araber gab. Aber es wird so dargestellt, dass sie eben den Krieg verloren haben und Punkt. Heute weiß ich: Die Nakba war die aktive Vertreibung der Palästinenser, mehrheitlich Zivilisten, durch bewaffnete Einheiten und anschließend die aktive Verhinderung ihrer Rückkehr.

Deshalb unser Ziel: Israelis sollen um diese Geschichte wissen. Ein wichtiges Anliegen ist es, das Wort Nakba in die hebräische Sprache zu übernehmen. Die Nakba ist nicht bloß ein palästinensischer Narrativ, sie ist auch unsere Geschichte, die wir kennen und anerkennen sollten. Israel wurde als jüdischer Staat auch durch die Nakba gegründet. Dafür sollten wir Verantwortung übernehmen und Reparationen leisten. Darüber hinaus unterstützt Zochrot das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge. Das ist eine Komponente der Anerkennung. Die Palästinenser müssen die Wahl haben, ob sie Reparationen annehmen oder ob sie zurückkehren möchten.

Zochrot hat zuletzt mit der iNakba-App für Aufsehen gesorgt.

Zochrot ist auf unterschiedliche Arten aktiv. Zum einen veranstalten wir Touren, markieren alte palästinensische Ortschaften in Israel und veröffentlichen Infomaterial. Ein wichtiger Aspekt dabei sind Augenzeugenberichte, die wir von Palästinensern, aber auch von ehemaligen Kämpfern der jüdischen Verbände wie dem Palmach sammeln. Gerade die Erzählungen der alten jüdischen Kämpfer sind wichtig: Sie berichten von vielerlei, unter anderem von Massakern – sie benutzen das Wort „Schlachtungen“ – und der Vertreibung. Häufig ist die Rede davon, wie Gegenden „gesäubert“ wurden. Das sind Stimmen, die man sonst nicht findet und die in der israelischen Gesellschaft stärker wahrgenommen werden als die der Palästinenser.

Jetzt gibt es die App von Zochrot, iNakba: Damit kann man zerstörte und bestehende palästinensische Ortschaften in Israel ausfindig machen. Das ganze funktioniert partizipativ: Man kann Fotos hochladen, Geschichten lesen. Das Ganze ist gut angelaufen: Schon aus dem Libanon haben Flüchtlinge alte Fotos hinzugefügt. Außerdem arbeiten wir im Bildungsbereich, bilden Lehrer fort und haben einen Lehrplan zur Nakba erstellt.

Wie kommen diese Aktivitäten in Israel an?

Die Atmosphäre der israelischen Öffentlichkeit gegenüber solcher Arbeit ist sehr schlecht. Würde ein Lehrer einfach offen unser Material im Unterricht benutzen, würde er wahrscheinlich seinen Job verlieren. Also benutzen viele Lehrer unser Material heimlich: Es ist zum Beispiel fast schon in Mode, bei Unterrichtseinheiten zu Israels Unabhängigkeit die „Gegenperspektive“ darzustellen. Wie haben die Palästinenser das gesehen? Da nutzen dann viele die Zochrot-Unterlagen. Der Bildungsminister hat schon einmal ganz klar gesagt: Aus staatlicher Sicht ist das Zochrot-Material illegal. Aber wir haben ja nicht um Erlaubnis gebeten.

Zochrot hat es tatsächlich geschafft, die Art und Weise, wie in Israel über die Nakba gesprochen wird, zu verändern. Unsere Aktivitäten haben Offizielle dazu genötigt, die Nakba zu kommentieren. Schließlich wurde [2011] sogar ein Gesetz erlassen, das all jenen Organisationen die finanzielle Unterstützung vom Staat entzieht, die in Israel Aktivitäten zum Gedenken an die Nakba abhalten. Das ist natürlich negativ, aber es zeigt auch, dass sich die Regierung zu einem Verbot genötigt sah, weil das Thema Aufmerksamkeit bekam.

Wie würden Sie die Stimmung in Israel aktuell beschreiben?

Momentan – und ich glaube, das würden die meisten Israelis so sehen – ist es so schlimm wie noch nie. Während des Krieges in Gaza gab es viel Hetze gegen Palästinenser. Der wirkliche Wandel aber lag in der jüdisch-israelischen Gesellschaft selbst: Nie gab es so viel Hetze und so viele Übergriffe gegenüber Menschen wie uns, linken jüdischen Israelis. Ich habe bei einer Anti-Kriegs-Demo in Tel Aviv erlebt, wie linke Demonstranten von Rechten zusammengeschlagen wurden.

Allgemein hat die Verzweiflung zugenommen: Es bietet einfach niemand mehr Visionen für Frieden. Und nicht mal die Rechte hat eine Vision! Sie sagen einfach, Krieg ist eben das, was wir immer hatten und immer haben werden. Shimon Peres, glaube ich, ist der Letzte, der noch an Frieden glaubt. Ich sehe nicht, dass zwei Staaten entstehen werden. Die tatsächlichen Gegebenheiten lassen das nicht mehr zu. Inzwischen sind selbst die größten Patrioten verzweifelt. Selbst sie sagen nun öffentlich, dass sie sich überlegen, auszuwandern. Nicht umsonst gab es kürzlich den Protest gegen hohe Lebenshaltungskosten, der übrigens von Israelis in Berlin losgetreten worden war.

Ich hoffe nur, das nach der großen Verzweiflung die Suche nach wirklich radikalen Lösungen beginnt. Der vorherrschende Gedanke an Trennung und Spaltung hat uns doch in ebenjene Situation geführt, in der wir heute sind. Wenn wir immer noch Frieden wollen, sollten wir neue Wege suchen. Wir müssen mit den Menschen zusammenleben, die von diesem Land stammen. Das haben wir noch nie versucht.

Wenn es um eine Lösung für die Zukunft geht, warum beschäftigt sich Zochrot dann so stark mit der Vergangenheit?

Ich verstehe gut, dass es in der Situation des anhaltenden Konflikts schwierig ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, besonders in Israel. Doch Israels Vergangenheit ist eng verknüpft mit seiner Gegenwart und seiner Zukunft. Wir sprechen nicht umsonst von der „anhaltenden Nakba“. Der Konflikt wird so lange andauern, bis eine gerechte Lösung umgesetzt ist. Es muss das Rückkehrrecht geben. Ohne das wird es keinen Frieden geben. Ja, das anzuerkennen, wird das Ende des Konzepts des „jüdischen Staates“ bedeuten, aber dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.

Dass Israel einmal kein „jüdischer Staat“ sein könnte, macht vielen Israelis große Angst…

Es war eine der wichtigsten Lernerfahrungen für mich, die Ängste, die sich um dieses Thema ranken, anzunehmen und zu akzeptieren. Wenn das Gespräch auf das Thema jüdischer Staat kommt, wird die Atmosphäre oft feindlich, sehr ablehnend. Das liegt nicht daran, dass die Menschen hier schlechter wären als sonst irgendwo; es ist die Art der Bildung, die man hier bekommt. Wenn einem oft genug erzählt wird, alle Araber seien Terroristen, dann glaubt man eher daran, und das passiert hier die ganze Zeit. Die Kunst ist, dabei geduldig zu bleiben und immer wieder aufzuzeigen, dass es andere Wege gibt.

Ebenso umstritten ist das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge. Wo sehen Sie Lösungsansätze?

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie das Rückkehrrecht praktisch umgesetzt werden könnte. Wir von Zochrot veranstalten immer wieder Treffen mit Palästinensern zu diesem Thema. Dabei war ich oft vor den Kopf gestoßen, zu merken, dass die palästinensischen Gesprächspartner oft viel pragmatischer an die Sache gingen als wir – und weniger forderten als gedacht. Für die, denen ich begegnet bin, war das Rückkehrrecht nichts, was die Existenz der Juden in Frage stellte. Sie wollen, dass ihre Rechte anerkannt werden und dass auf diese Anerkennung Kompensation folgt.

Ich habe kürzlich mit einem Mann gesprochen, der aus Zakariya stammt, einem Dorf neben dem heutigen Bet Shemesh. Er hatte Land dort und sein Zuhause. Er sagte mir: Okay, wir wissen, dass heute dort ein Moshav [jüdisches, halb-kollektivistisches Dorf] steht. Wir wollen nicht unbedingt genau dieses Land zurück, aber wir wollen Kompensation dafür, vielleicht ein neues Dorf daneben bauen. Viele Palästinenser sind da sehr pragmatisch und bereit zu schauen, wie man eine Lösung finden kann. Ich hoffe aber, dass sie niemals bereit sein werden, Israel als Ort nur für Juden anzuerkennen. Aus meiner Sicht wäre das unmoralisch.

„Zochrot“ heißt auf Hebräisch „wir erinnern uns“ – in femininer Form. In Israel ist das ein Statement. Was hat es damit auf sich?

Der Name wurde als bewusste Abgrenzung und als Zeichen gewählt: Die hebräische Sprache ist stark geschlechtlich, Verben zum Beispiel werden männlich oder weiblich dekliniert. Dabei ist die maskuline Form die Norm, im Feminin zu sprechen gilt als unnormal. Mit der femininen Form von „sich erinnern“ als Namen wollten wir deutlich machen, dass unsere Sprache, unsere Botschaft dem Standard widersprechen.

Zochrot repräsentiert eine kleine Minderheit in Israel. Aber – eine positive Botschaft – wir sollten den Einfluss von Minderheiten nicht unterschätzen.

Wie blicken Sie auf die nahe Zukunft?

Ich denke nicht, dass Israelis von selbst aufhören werden, Kolonisten zu sein und ihre Privilegien aufzugeben. Meine Hoffnung auf Veränderung richtet sich nach außen: Wir brauchen den Boykott, die BDS-Bewegung, um das Regime zu stürzen.

Gerade in Deutschland ist das natürlich ein sensibles Thema. Doch dazu möchte ich sagen: Ich meine, mit Israel ist der Traum der Antisemiten wahr geworden. Das ganze Projekt Israel ist so erfolgreich, dass Israel sich heute anmaßen kann, für alle Juden zu sprechen. Ja, in Deutschland sollte es besondere Sensibilität geben, wenn es auf das Thema kommt. Aber ich glaube, dass man gerade deshalb hier besonders genau hinschauen sollte. Deutsche, die Verantwortung zeigen möchten, sollten sich gegen Israel stellen und es boykottieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bronstein.

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