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Jews and Arabs Refuse to be Enemies

Tobias Rochlitz ist Freiwilliger an einem Jerusalemer Begegnungszentrum, in dem junge Israelis und PalästinenserInnen versuchen zu kooperieren. Das Prinzip der doppelten Solidarität ist für ihn alternativlos, damit in Zeiten des Krieges das eigene Handeln nicht durch Wut, Hass und Rachefühlen geleitet wird.

Es gibt Raketenalarm in Jerusalem, die Sirenen heulen. In Ostjerusalemer Stadtteilen stehen Menschen auf der Straße und jubeln und klatschen. Der Gazastreifen wird bombardiert, hier gibt es keine Sirenen. Auf Facebook gibt es Kommentare, die große Freude über die Bombardierung von ZivilistInnen in Gaza ausdrücken. Auf rechtsextremen Demonstrationen in Israel wird „Tod den Arabern“ gerufen und Hetzjagd auf Linke gemacht. In Europa, derweil, machen sich Tausende Rechtsextreme, IslamistInnen und selbsternannte Linke auf, um gegen den Staat Israel zu demonstrieren, gegen JüdInnen zu hetzen und den Holocaust zu leugnen. Was alle diese Menschen auf den Straßen Israels, Palästinas und Europas gemein haben: Sie sind getrieben von Wut, Trauer und Hass. Es ist wieder einmal so weit gekommen, dass diese Gefühle das Denken und Handeln im Nahen Osten und im Diskurs über den Nahen Osten bestimmen.

In diesen Zeiten ist es nicht einfach, sich aus dieser Spirale herauszuhalten. Es gibt einige Menschen, die das versuchen, ich gehöre zu ihnen. Die Einstellung, die das für mich am besten beschreibt, ist die doppelte Solidarität. Sie drückt für mich persönlich vor allem zwei Dinge aus.

Solidarität mit allen, die zu Opfern werden

Erstens fühle ich mich solidarisch mit allen Menschen, die durch den gewaltsamen Konflikt im Allgemeinen und durch die jüngste Eskalation im Speziellen zu Opfern werden und kein freies Leben mehr führen können, ganz gleich welcher Nationalität oder Religion sie angehören. Ich möchte dabei auch auf die Vergleiche von Opferzahlen verzichten, da ich mathematische Parameter zu oberflächlich für die Betrachtung eines Konfliktes halte.

Zweitens möchte ich mich mit allen Menschen solidarisch erklären, die im Nahen Osten für eine friedliche Lösung stehen, die sich in ihren Gesellschaften unter starkem Druck für eine Deeskalation einsetzen und nicht versuchen, „die Anderen“ zu dämonisieren. Diese Menschen stellen in ihren Gesellschaften nicht die Mehrheit, aber es gibt sie. Dass PalästinenserInnenpräsident Mahmud Abbas den Raketenbeschuss der Hamas und anderen islamistischen Gruppen auf israelisches Territorium verurteilt hat, ebenso wie die Vorsitzende der israelischen Meretz-Partei Zahava Gal-On das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen, geht beispielsweise fast unter.

Im vergangenen Jahr durfte ich in meiner Arbeitsstelle viele Israelis und PalästinenserInnen kennenlernen, die ebenso denken. Sie werden in ihren Gesellschaften zum Teil als „Friedens-Hippies“ wahrgenommen, die der Realität nicht ins Auge blickten. Eine Israelin, die in einem Kibutz direkt am Gazastreifen wohnt und somit täglich von Raketenbeschuss betroffen ist, erzählte mir einmal, wie sie auf solche Vorwürfe reagiert. „Wenn Menschen mich auf mein Engagement für den Dialog mit PalästinenserInnen ansprechen und mir vorwerfen, ich sei ein Träumerin, dann antworte ich: ‚Wenn es Menschen auf der einen wie auf der anderen Seite gibt, die glauben, dass Juden oder Araber jemals von diesem Stück Land verschwinden werden, wer sind hier die Träumer? Weder Juden noch Araber werden verschwinden. Die Menschen, die das glauben und ihr Handeln danach ausrichten, das sind die Träumer!'“.

Wer sind hier die Träumer?

Ich will damit keinesfalls sagen, dass der Ansatz der doppelten Solidarität ein einfacher ist. Gerade in den letzten Wochen wird er immer wieder auf die Probe gestellt. Zu sehen, wie Menschen sich dem Druck der Mehrheitsmeinung beugen und schließlich doch in ihrer Identität gefangen zu sein scheinen. Sich zu fragen, wen man in diesen Zeiten erreichen kann, in denen Treffen zwischen Israelis und PalästinenserInnen fast unmöglich sind. Zu wissen, wie schwer es sein wird, den ganzen entstehenden Hass irgendwann wieder verschwinden zu lassen. Das alles macht traurig und frustriert.

Die Ambivalenz der doppelten Solidarität ist offensichtlich: sich mit verschiedenen Identitäten, Sichtweisen und Meinungen solidarisch zu erklären, die zum Teil sehr widersprüchlich zueinander sind, und doch zu versuchen, Gemeinsamkeiten festzustellen und Dialog herzustellen. Dieses vermeintliche Paradoxon wirkt aus meiner Sicht nur dann als Schwäche, wenn in dem Konflikt eine uneingeschränkte Unterstützung der einen oder anderen Seite favorisiert wird. Es ist kein Prinzip der kurzfristigen und zweifellosen Lösungen. Die vermeintliche Schwäche ist aus meiner Sicht eine Stärke. Sie drückt nämlich eine Wahrheit aus, die vermeintlich eindeutige und schnelle Lösungen verschweigen: Es wird hier für keine Seite eine dauerhafte Lösung geben, wenn diese nicht auch für beide befriedigend ist.

So muss ich mir eingestehen, dass dieses Prinzip innerlich an mir zerrt und dass es nicht immer einfach ist, es mir und anderen gegenüber zu vertreten. Und doch scheint es mir das Lohnenswerteste von allen und es tut gut zu wissen, dass ich damit nicht alleine stehe.

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