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Shlomo Lahat (l.) und Jitzhak Rabin nach der Demonstration in Tel Aviv am 4. November 1995. Wenige Minuten später wird Rabin erschossen. Bild: Screenshot. Shlomo Lahat (l.) und Jitzhak Rabin nach der Demonstration in Tel Aviv am 4. November 1995. Wenige Minuten später wird Rabin erschossen. Bild: Screenshot.

Heute vor 19 Jahren erschoss ein rechtsextremer jüdischer Siedler den damaligen israelischen Premierminister Jitzhak Rabin, direkt nach der größten Friedenskundgebung in der Geschichte Israels. Shlomo „Tschitsch“ Lahat hatte die Demonstration organisiert und machte sich deswegen für den Rest seines Lebens Vorwürfe. Ein Gespräch über die Demonstration und Rabin.

Dieses Interview wurde bereits vor einigen Jahren geführt. Shlomo Lahat, der frühere Likudnik, Oberbürgermeister von Tel Aviv und General, starb am 1. Oktober 2014. Lesen Sie hier einen persönlichen Nachruf auf ihn.

 

Alsharq: Sie waren ein Freund Rabins.

Shlomo Lahat: Ich habe ihn 1948 in der Givati-Brigade kennengelernt. Wir attackierten die Ägypter südlich von Ashkelon, um die ägyptische Front zu einigen Kibbuzim im Süden zu durchbrechen. Ich glaube, es war das einzige Mal, dass Ben-Gurion sagte, dass dies um jeden Preis geschehen müsse. Sechs Kompanien sind losgezogen und nur meine ist durchgekommen. Seitdem war ich mit Rabin befreundet.

Sie machten beide in der Armee Karriere.

1947 meldete ich mich freiwillig zum Militär. 1948, als das Land entstand, hatten wir Leute aus 102 Ländern, die 75 Sprachen gesprochen haben. Ich war ein Kompanie-Kommandeur 1948. Einen Tagesbefehl sagte ich auf Ivrith, Polnisch, Arabisch (für die Marokkaner) und Französisch. Wir haben Dolmetscher gebraucht, damit alle verstehen, was wir sprechen. Ich habe ihnen immer gesagt, mir alles nachzumachen… 27 Jahre gehörte ich der Armee an, zuletzt im Rang eines Major-Generals. Anfang 1973 dachte ich, dass wir bald Frieden bekommen werden, und bin ausgestiegen.

Rabin entwickelte sich vom brutalen General zum Freund des Friedens, der sogar Arafat die Hand schüttelte.

Das will ich Ihnen sagen: Er hatte keine fixe Idee. Wenn die Bedingungen sich änderten, wechselte er seine Meinung. Wir haben das diskutiert. Er wollte Frieden. Wie die Mehrheit der Bevölkerung hat er nicht geglaubt, dass wir Frieden mit den Arabern bekommen können. Ich dachte anders – und wir hatten viele Diskussionen. Als er zu der Überzeugung gelangte, dass mindestens ein Teil der arabischen Bevölkerung Frieden wolle, hat er seine Meinung geändert. Daher hat er die Verantwortung für den Frieden übernommen.

Das betrifft auch die Golan-Höhen. Im Wahlkampf 1992 sagte er, dass wir den Golan nicht hergeben können, weil es sich um einen wichtigen strategischen Punkt handelt und man sich nicht darauf verlassen könne, dass die Syrer uns nicht wieder attackieren wie 1967. Ein Jahr später änderte er seine Meinung. Hört mal her, sagte er dann, die Syrer wollen auch Frieden. Da er im Wahlkampf etwas anderes versprochen hatte, sagte er ein Referendum über den Golan zu. Wenn die Mehrheit für die Aufgabe ist, geben wir ihn her, ist sie dagegen, bleiben wir da – auch wenn ich anders denke.

Ein sehr ehrlicher Mann. Deswegen hat er seine Meinung auch für den Frieden geändert.

Von 1994 bis 2002 waren Sie Vorsitzender des „Rats für Frieden und Sicherheit“.

Das Council for Peace and Security ist eine 1988 gegründete Gruppe von über 1200 ehemaligen Offizieren vom Rang des Obersts an aufwärts. Wir gehören zu keiner politischen Partei. Unser Manifest besteht aus sechs Punkten: (1) Die Kontrolle eines fremden Landes/ Volkes widerspricht unseren menschlichen Werten. Je früher man das beenden kann, desto besser. (2) Frieden ist wichtig für die Sicherheit des Staates Israel. (3) Wenn wir nicht innerhalb weniger Jahre zu einem Frieden kommen, gibt es Krieg. Die Initiative liegt dann bei Ländern wie Iran oder Libyen mit atomaren und chemischen Waffen. Das bringt niemandem Gutes. (4) Wenn wir den Frieden möchten – und das wollen wir – müssen wir verzichten und einen Kompromiss finden, Land zurückgeben und auch, wenn es keinen anderen Weg gibt, ein paar Siedlungen aufgeben. (5) Ein palästinensischer Staat stellt für Israel keine Gefahr dar. Mit anderen Worten: Wir möchten, dass die Palästinenser einen Staat bekommen. (6) Früher hieß es, dass Jerusalem die vereinte Hauptstadt Israels sein soll. Seit dem Jahr 2000 sagen wir, dass man Jerusalem teilen sollte, in eine jüdische und eine palästinensische Stadt. Der Tempelberg sollte unter internationale Verwaltung, so dass jeder kommen und beten kann.

Für den Friedensprozess wurde Rabin sehr angefeindet und sogar als Nazi verunglimpft.

Nachher kam der Friedensvertrag von Oslo. Wir, die Gruppe des Rates für Frieden und Sicherheit, haben Rabin sehr unterstützt. Uns wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das gab es zum ersten Mal, dass 100 Ex-Generäle mit Plakaten auf der Straße standen. Viele haben nicht geglaubt, dass sie sich in der Wirklichkeit befinden. Das war etwas Besonderes. Denn es waren alles Leute, die mindestens 20 bis 40 Jahre in der Armee waren. Wir hatten fünf Kriege durchgemacht und engagierten uns jetzt für den Frieden. Normalerweise denkt man, dass die Leute in der Armee extremistisch sind und nur kämpfen wollen. Bei uns war das ganz anders.

Das wohl berühmteste Bild von Rabin: Mit Bill Clinton und Yassir Arafat nach dem Unterzeichnen des Oslo-Abkommens vor dem Weißen Haus in Washington. Bild: Vince Musi / The White House

Das wohl berühmteste Bild von Rabin: Mit Bill Clinton und Yassir Arafat nach dem Unterzeichnen des Oslo-Abkommens vor dem Weißen Haus in Washington. Bild: Vince Musi / The White House

 

Wie war die Stimmung 1995?

Die rechten Parteien haben jeden Freitag auf vielen Straßenkreuzungen demonstriert, auch neben Rabins Haus. Lea Rabin wurde beschimpft und Jitzhak in SS-Uniform abgebildet. Über mehrere Monate sagte ich zu Jitzhak, dass wir etwas machen müssen, da das so nicht weitergehen kann. Er wurde tätlich angegriffen und sie wollten ihn schlagen. Grauenhaft.

Was sagten Sie ihm?

Wir müssen etwas machen. Wir verlieren jeden Tag Leute. Das war meine Initiative, die Demonstration, als Rabin ermordet wurde.

Wie reagierte Rabin?

Tschitsch, Du irrst Dich. Was passiert, wenn wir in Tel Aviv eine Demo organisieren und zu wenige Leute kommen? Wenn die Leute sehen, dass wir nur eine kleine Gruppe sind, werden sie die Seiten wechseln.

Wie konnten Sie ihn überzeugen?

Ich hab ihm gesagt; Jitzhak, vertrau mir. Er war im Militär ein paar Mal mein Kommandant und da hat er mir mal den Spitznamen „Repräsentant des wilden Mobs“ gegeben. Darauf sagte ich ihm, er könne sich auf den Repräsentanten des Pöbels verlassen.

Zehn Tage vor der Demo waren wir bei Peres in Jerusalem. Er sagte, dass nur eine Person Rabin überzeugen könne, zur Demo zu kommen. Wer, fragte ich? Du, sagte Peres. Ich rief sofort Rabins Büro an. Sein Assistent meinte, ich solle gleich kommen. In seinem Büro sprach ich mit Rabin, der schließlich sagte: Tschitsch, ich nehme an, das ist ein Befehl. Ich komme.

Wie sah die Organisation aus?

Mit Hilfe eines Freundes aus Paris, Jean Friedman, organisierte der Rat für Frieden und Sicherheit 600 Busse zur Demonstration. Nur zwei Personen sollten sprechen, Peres und Rabin, da sie für den Friedensprozess verantwortlich sind. Keine weiteren Politiker.

Es muss überwältigend gewesen sein, wenn man an den großen Platz vor dem Tel Aviver Rathaus denkt …

Es waren viele Organisationen beteiligt und etwa 200 000 Leute da. Das hätte ich vorher niemandem geglaubt, dass so viele Leute kommen würden. Rabin war ganz begeistert. Er kam zu mir, fuhr sich – wie es seine Gewohnheit war, wenn er etwas vergessen hatte – mit der Faust an den Kopf und sagte „Tschitsch, ich Idiot hab mich gar nicht bei Dir bedankt. Das war einer der glücklichsten Tage meines Lebens. Sowas hab ich mir nicht vorgestellt. Und das ist alles Eurer Initiative zu verdanken.“ Wir waren die Letzten, mit denen er gesprochen hat. Nach zwei Minuten sah ich auf einmal Leute laufen und fragte meine Frau, was passiert sei. Ich ging die Treppe hinunter und sah es.

 

Was haben Sie gemacht?

Ich bin gleich ins Krankenhaus gefahren, das in Tel Aviv der Stadt gehört, und suchte den Direktor auf. Der kam gerade aus dem OP und sagte: Unser Ministerpräsident ist verwundet, aber er wird überleben. Ich sah in seinen Augen, dass er log. Er hatte nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen.

Sie konnten es nicht verhindern.

Ich verzeihe mir das bis heute nicht. Es war meine Verantwortung. Es ist meine Schuld, dass es passiert ist.

Der Täter wollte schon vorher an einem anderen Ort zuschlagen.

Das sagen mir alle Leute bis heute. Der Mörder hatte es ja schon zweimal vorher versucht. Der Unterschied ist, dass dies nicht unter meiner Verantwortung geschehen wäre. Es war meine Initiative und ich habe Rabin gebeten zu kommen.

Politischer Mord in Israel – unvorstellbar bis dahin?

Samstagabend war die Demo. Samstagfrüh um 10 Uhr interviewte mich das holländische Fernsehen. Die letzte Frage nach 25 Minuten lautete, ob ich die Möglichkeit eines politischen Mordes sehe. Ja, aber nicht jetzt. Nicht einen, sondern leider mehrere. So wie 1983, als (der Peace-Now-Aktivist) Emil Grünzweig (bei einer Friedensdemonstration gegen den Libanon-Krieg) ermordet wurde. Das wird passieren, wenn wir mit einem Palästinenser-Staat einverstanden sind oder wenn wir Siedlungen räumen. Aber jetzt, heute? Unmöglich.

Ein Mahnmal erinnert heute an die Ermordung Jitzhak Rabins - an der Stelle, an der er erschossen wurde. Bild:  צולם ע"י חדוה שנדרוביץ / WikiCommons (CC-BY-2.5)

Ein Mahnmal erinnert heute an die Ermordung Jitzhak Rabins – an der Stelle, an der er erschossen wurde. Bild: צולם ע“י חדוה שנדרוביץ / WikiCommons (CC-BY-2.5)

 

Die israelische Gesellschaft hat sich seit dem Mord verändert.

Ich glaube, das ist wahr. Die Sachen haben existiert, aber wir wussten davon nicht. Die Orthodoxen, die Fanatiker, die auf einmal rauskamen. Wir waren uns nicht bewusst, dass so eine Bevölkerung unter uns lebt.

Was hat sich verändert?

Es ist die große Tragödie, dass wir Rabin nicht mehr unter uns haben. Es gibt doch das Sprichwort „Niemand ist unersetzlich.“ Das ist nicht wahr. Keiner ist Rabin ähnlich, mit seiner Ehrlichkeit, seiner Autorität, Vernunft und Mut. Seit seiner Ermordung haben wir viel von unserer Hoffnung verloren.

Herr Lahat, vielen Dank für das Gespräch.

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