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Etwa 150 Männer verrichten ihr Freitagsgebet vor dem Damaskustor in Jerusalem - Israels Regierung hatte den Tempelberg für sie gesperrt. Foto: Clara Hanfland Etwa 150 Männer verrichten ihr Freitagsgebet vor dem Damaskustor in Jerusalem - Israels Regierung hatte den Tempelberg für sie gesperrt. Foto: Clara Hanfland

Als Israel am Donnerstag die Schließung des Tempelbergs verkündete, war eine Gewalteskalation in Jerusalem erschreckend nah. Israel hatte mit der Maßnahme auf ein Attentat auf einen nationalistischen Rabbi und Aktivisten reagiert. Aus Jerusalem Clara Hanfland.

Es waren rund 150 junge Männer, die sich auf dem nassen Asphalt der Parkplätze versammelten. Sie schwiegen eisig, die Stille nur unterbrochen von den Gebetsrufen des Imams. Auf mitgebrachten Gebetsteppichen zelebrierten sie das Freitagsgebet vor dem Damaskustor, dem Eingang zu Jerusalems Altstadt, durch den die Gläubigen sonst zur Al-Aqsa-Moschee strömen.

Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 und dem Beginn der letzten Intifada hatte die israelische Regierung am Donnerstag die vollständige Schließung des Tempelbergs und damit der Aqsa-Moschee angeordnet. Ein Schritt mit großer Tragweite, gilt die Moschee doch als drittheiligster Ort des Islams und den Palästinensern als nationales Symbol. Mit der Schließung hatte Israels Regierung auf ein Attentat auf den als extrem nationalistisch geltenden Rabbi und Aktivisten Yehuda Glick reagiert. Ein mutmaßlich palästinensischer Attentäter hatte am Mittwoch vom Motorrad aus das Feuer auf ihn eröffnet. Glick hatte unter anderem die Wiedererrichtung des jüdischen Tempels auf dem Tempelberg propagierte. Der Tatverdächtige Motaz Hijazi wurde am Tag nach dem Attentat bei seiner versuchten Festnahme von der israelischen Polizei erschossen.

Präsident Abbas sprach von einer Kriegserklärung

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas bezeichnete die Schließung öffentlich als „Kriegserklärung“ Israels. Die seit Jahren wachsenden Spannungen in Jerusalem drohten, sich gewaltsam zu entladen. Um Demonstrationen und einer weiteren Gewalteskalation vorzubeugen, hoben die israelischen Behörden die Schließung des Tempelbergs vor dem Freitagsgebet schließlich wieder auf, begrenzten den Zutritt zur Al-Aqsa-Moschee aber auf Frauen und Männer über 50. Jüngeren Männern blieb der Zutritt verwehrt: Sie beteten auf offener Straße, ihnen gegenüber Dutzende israelische SoldatInnen, die Gewehre immer griffbereit.

Und auch in den Tagen zuvor war Jerusalem von einem Anschlag erschüttert worden. Ein palästinensischer Autofahrer war am Montag an einer Tramstation in eine Menschenmenge gerast und tötete so ein Baby und eine Frau und verletzte acht weitere Menschen. In Jerusalem herrscht seitdem die zweithöchste Sicherheitsstufe. Kaum ein Ort scheint ohne SoldatInnen zu sein; die Straßenbahn und alle palästinensischen Viertel werden streng überwacht und die engen Gassen der Altstadt sind gefüllt mit dem Khaki der Armee-Uniformen. In vielen Vierteln Ost-Jerusalems kommt es zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Immer wieder prallen israelische Polizei und PalästinenserInnen in Demonstrationen aufeinander und liefern sich regelrechte Straßenschlachten. Gleichzeitig verkündete die israelische Regierung den Bau von rund 3.000 Wohnungseinheiten in Siedlungen in besonders umstrittenen Gebieten Ost-Jerusalems.

Vor dem Damaskustor war die Stimmung so angespannt, dass ein fliegender Stein oder ein falsches Wort die beiden Gruppen aus Soldaten und jungen Männern ineinander getrieben hätte. Die Szenerie löste sich friedlich auf. Doch reicht inzwischen ein Funke und die explosive Atmosphäre könnte in eine dritte Intifada ausbrechen.

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