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Morgenröte oder Abenddämmerung? Die alte osmanische Hauptstadt Istanbul verlor ihre Funktion nach dem Ersten Weltkrieg an Ankara. (Foto: Jakob Krais)

Während des Krieges ging Großbritannien drei Abmachungen ein, die die Zukunft des Nahen Ostens prägen sollten: mit den Franzosen, mit den Arabern und mit den Juden. Aber die drei Pläne schlossen sich gegenseitig aus. Im so genannten Wilsonschen Augenblick schien weltweit Selbstbestimmung möglich – doch dann erlebten die arabischen Länder die Vollendung der Kolonisierung. Von Jakob Krais

In der ersten Novemberwoche des Jahres 1917 wurde Weltgeschichte geschrieben. Nicht nur in Russland (mit der kommunistischen Revolution), sondern auch im Nahen Osten stellten sich damals die Weichen für das 20. Jahrhundert: Am 2. November gab der britische Außenminister Sir Arthur James Balfour auf Anfrage die Erklärung ab, dass seine Regierung „mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ betrachte. Auch wenn viele Zionisten wegen der vagen Aussage etwas enttäuscht waren, lag die Aktualität der Balfour-Deklaration auf der Hand. Noch in derselben Woche – an dem Tag, an dem Lenin mit seinen Sowjets in Moskau die Macht übernahm – eroberten britische Truppen nämlich Gaza. Einen Monat später rückten sie in Jerusalem ein; das bislang osmanische Palästina kam unter die Kontrolle Großbritanniens.

Zionisten und Haschemiten

Die Zionisten hofften nun auf die Erfüllung ihres Traums vom Judenstaat, auch wenn Balfour ausdrücklich hervorgehoben hatte, die „Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nicht-jüdischen Bevölkerung“ sollten nicht beeinträchtigt werden. Aber auch den Arabern, die bisher zwischen Mosul und Mekka unter osmanischer Herrschaft gelebt hatten, stand jetzt die Unabhängigkeit vor Augen. Was für die einen die Eroberung Jerusalems bringen sollte, verkörperte sich für die anderen in der Einnahme von Damaskus. Als Faisal bin Hussein aus der Familie der Haschemiten mit seinen Anhängern am 1. Oktober 1918 in die syrische Stadt einzog, wähnten sich die Kämpfer des Arabischen Aufstands am Ziel.

Auch ihnen hatten die Briten Unterstützung für einen eigenen Staat zugesagt. Faisals Vater, der Scherif Hussein von Mekka, hatte 1915 und 1916 mit Sir Henry McMahon, dem britischen Hochkommissar in Kairo, über eine arabische Beteiligung am Krieg gegen die Osmanen verhandelt und den arabischen Nahen Osten dabei als sein zukünftiges Reich gefordert. McMahon sagte dem Scherifen die Anerkennung der „Unabhängigkeit der Araber“ in der Region zu. Allerdings nahm er bestimmte Gebiete davon aus – Bagdad und Basra ebenso wie den syrischen Küstenstreifen –, und wie bei der Balfour-Deklaration gingen die konkreten Interpretationen des Briefwechsels in späteren Jahren deutlich auseinander.

Der später gerne glorifizierte Aufstand unter Führung der haschemitischen Nachkommen des Propheten Muhammad mobilisierte 1916 zunächst kaum ein paar Tausend Kämpfer auf der Arabischen Halbinsel – nicht gerade viel in einem Weltkrieg, in dem sich Millionen Soldaten an den verschiedenen Fronten gegenüberstanden. Doch nicht nur unter der arabischen Bevölkerung abgelegener Wüstenregionen gärte es, auch im osmanischen Syrien meldeten sich Vertreter eines arabischen Nationalbewusstseins immer stärker zu Wort.

Die osmanische Führung, seit Kriegsbeginn stets auf der Jagd nach inneren Gegnern, ging mit aller Härte vor: Cemal Pascha ließ in Damaskus und Beirut zahlreiche arabische Nationalisten hinrichten. Zeitweise herrschte er fast uneingeschränkt in der Region – war er doch nicht nur Gouverneur Syriens, sondern auch Mitglied des in Istanbul regierenden jungtürkischen Triumvirats, Marineminister sowie Oberbefehlshaber der 4. osmanischen Armee. Viele Bewohner des Nahen Ostens waren froh, dem Terrorregime Cemals zu entkommen. Daher liefen, je deutlicher sich die Niederlage der Osmanen abzeichnete, umso mehr arabische Offiziere und Funktionäre zu Faisal und den Haschemiten über.

Britische Offiziere betreten im Dezember 1917 Jerusalem, aus Respekt vor der heiligen Stadt zu Fuß. Quelle: Liberty's Victorious Conflict: A Photographic History of the World War / WikiCommons.

Britische Offiziere betreten im Dezember 1917 Jerusalem, aus Respekt vor der heiligen Stadt zu Fuß. Quelle: Liberty’s Victorious Conflict: A Photographic History of the World War / WikiCommons.

Der „Wilsonsche Augenblick“

Die Hoffnungen auf Unabhängigkeit wurden noch bestärkt durch das Schlagwort vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, das damals die Runde machte. Zuerst hatten Lenins Revolutionäre den Begriff aufgebracht – gerade im muslimischen Zentralasien bedeutete das Ende der Zarenherrschaft nicht nur eine soziale, sondern auch eine nationale Befreiung. Auch in den berühmten 14 Punkten , dem Friedensplan von US-Präsident Woodrow Wilson, spielte die Idee der nationalen Selbstbestimmung eine zentrale Rolle. Der Harvard-Historiker Erez Manela sieht in dem „Wilsonschen Augenblick“ am Ende des Ersten Weltkriegs deshalb gar die postimperiale „Morgenröte einer neuen Ära“ aufscheinen.

„Für mich ist der gegenwärtige Krieg ja überhaupt nur der Anfang einer langen historischen Entwicklung, an deren Ende der Untergang der englischen Weltstellung stehen wird“, hatte schon 1915 auch der deutsche Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz in Bagdad seinem Tagebuch anvertraut: „Die Signatur des 20. Jahrhunderts dürfte der Aufstand der farbigen Rassen gegen den Kolonialimperialismus der Europäer sein.“

Tatsächlich brodelte es in den Jahren ab 1918 an den verschiedensten Stellen: Von der Verfassungsbewegung in Tunesien über Libyen, wo zum ersten Mal in der arabischen Welt eine Republik ausgerufen wurde, bis hin zu Experimenten mit dem Sowjetsystem in Iran – überall traten Nationalisten und Revolutionäre für Selbstbestimmung ein. Der größte Paukenschlag war jedoch aus Ägypten zu hören, das seit Jahrzehnten britisch besetzt und mit Kriegsbeginn auch offiziell zum Protektorat seiner Majestät erklärt worden war. Hier plante eine Delegation die Teilnahme an der Pariser Friedenskonferenz , um auf die Umsetzung von Wilsons Prinzipien zu dringen. Die Reisegruppe blieb zwar erfolglos, doch ihre Mitglieder wurden zu Volkshelden, und die aus der Delegation (arabisch wafd) hervorgegangene Wafd-Partei dominierte von nun an in Kairo die Politik – nur drei Jahre nach der Revolution von 1919 erklärte London Ägypten für unabhängig.

Vom imperialen Traum zum türkischen Versailles

Ein Land hatte nicht nur seinen eigenen imperialen Traum ausgeträumt, sondern musste sich sofort fremder Expansionsbestrebungen erwehren: das Osmanische Reich. Wofür in Deutschland in der Nachkriegszeit „Versailles“ stand – ein aufgezwungenes Abkommen, das einem Reich vermeintlich ungerechterweise nichts von seiner einstigen Größe ließ –, das rief in der Türkei der Name Sèvres hervor. Nach dem 1920 in diesem Pariser Vorort – unweit von Versailles – unterzeichneten Friedensvertrag konnten sich Griechenland, Italien und Frankreich am osmanischen Kernland bedienen. Dazu waren ein großer armenischer sowie ein eigener kurdischer Staat vorgesehen  – das Selbstbestimmungsrecht der Völker forderte nun einmal seinen Tribut. Übrig blieb nur ein Restterritorium, wesentlich kleiner als die heutige Türkei.

Erst nach einem erneuten Krieg gelang es der nationalistischen Gegenregierung, die sich unter Mustafa Kemal (Atatürk) genau im Zentrum dieses Rumpfgebiets, in Ankara, etabliert hatte, diese Pläne zu vereiteln. Im Jahr 1923 errichtete sie die Türkische Republik und erreichte eine Revision der Bestimmungen von Sèvres. Der Preis dafür waren ein jahrelanger erbitterter Kampf und die Vertreibung zahlreicher Minderheiten. Anatolien, das alte Herz des multikulturellen Osmanischen Reichs war fortan nur noch ein Land für Türken.

Das Imperium schlägt zurück

Die alten Imperien blieben währenddessen nicht untätig: Bereits im Krieg hatten sie versucht, den antikolonialen Kampf vor den Karren des einen europäischen Imperialismus zu spannen, um den anderen zu schwächen. Die von deutschen Militärs wie von der Goltz erhoffte Wirkung eines Aufrufs zum Dschihad war ausgeblieben, oder kam jedenfalls zu spät. Die „englische Weltstellung“ war noch keineswegs dem Untergang geweiht. Die Siegermächte mit ihren Kolonialreichen gingen vielmehr gestärkt aus dem Ersten Weltkrieg hervor.

Abgesehen von der kemalistischen Türkei  entpuppte sich die von Präsident Wilson gebrachte „Morgenröte“ zwischen Tunis und Teheran eher als kurzes Wetterleuchten, wenn nicht gar als letzte Abenddämmerung vor der Nacht einer neuen Fremdherrschaft: Der Maghreb blieb fest im französischen Griff, Libyen wurde erstmals vollständig von den Italienern erobert, und in Iran schien man ohnehin nur die Wahl zwischen dem britischen Regen und der russischen Traufe zu haben. Selbst die ägyptische Unabhängigkeit besaß bei genauerem Hinsehen kaum einen Wert, solange Großbritannien die Außenpolitik, den Suezkanal sowie den Sudan kontrollierte und weiterhin Truppen im Land unterhielt.

Lawrence von Arabien und der neue Nahe Osten

Es ist sicher kein Zufall, dass die bekannteste Figur des Arabischen Aufstands im Westen heute weder Scherif Hussein noch sein Sohn Faisal ist, sondern Thomas Edward Lawrence, der britische Offizier und Geheimdienstler, der sich selbst als „Lawrence von Arabien“ zum romantischen Helden stilisierte. Der Nahe Osten wurde nun nämlich zwar teilweise haschemitisch, vor allem aber wurde er britisch. Bei seinem Einzug in Damaskus hatte Faisal sich noch als Befreier der arabischen Länder fühlen dürfen, im Frühjahr 1920 rief er sich dort zum König aus. Doch schon im Sommer rückten die Franzosen in Syrien ein, Faisal musste fliehen. Seine ehemaligen britischen Verbündeten erlaubten ihm zwar, seinen Thron nun in Bagdad aufzustellen – allerdings nur unter der Aufsicht eines aus London entsandten Hochkommissars.

Ab 1920 unterstand der Irak als Mandatsgebiet offiziell Großbritannien. Das ehemals osmanische Syrien wurde auf mehrere Mandate aufgeteilt: Die im Süden geschaffenen Staaten Palästina und Transjordanien gingen ebenfalls an die Briten, während die Franzosen sich im Norden niederließen, im Libanon sowie auf dem Territorium, das seitdem den Namen Syrien trägt.

Faisal bin Hussein (vorn) mit seiner Delegation 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz, rechts hinter ihm Thomas Edward Lawrence. Quelle: WikiCommons.

Faisal bin Hussein (vorn) mit seiner Delegation 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz, rechts hinter ihm Thomas Edward Lawrence. Quelle: WikiCommons.

Trumpfkarte Sykes-Picot

Als Grundlage hierfür diente eine dritte Abmachung, die London während des Ersten Weltkriegs mit Blick auf die Region eingegangen war. In den Jahren 1915 und 1916 hatten ein britischer und ein französischer Diplomat, Sir Mark Sykes und François Georges-Picot, unter Mitwissen der Russen einen Plan zur kolonialen Aufteilung des Nahen Ostens ausgearbeitet, der als Sykes-Picot-Abkommen in die Geschichte einging Dieses Sykes-Picot-Abkommen musste Zionisten und arabischen Nationalisten vorkommen wie eine Trumpfkarte, die die Asse, die sie bereits ausgespielt hatten – die Balfour-Deklaration  beziehungsweise die Hussein-McMahon-Korrespondenz  –, einfach ausstach.

Als hätte es die Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker nie gegeben, gingen Briten und Franzosen in den Jahren nach dem Krieg nämlich daran, ihre Vorstellungen umzusetzen: Das laizistische Frankreich besann sich im Ausland gerne auf seine katholischen Wurzeln und sympathisierte schon seit langem mit den maronitischen Christen – mit dem Libanon erhielten sie nun ihren eigenen Staat, in dem sich plötzlich auch viele Muslime wiederfanden. Frankreich betrachtete sich außerdem als Ursprungsland republikanischer Traditionen – in Beirut und Damaskus wurden Republiken installiert. Umgekehrt verstanden die häufig adligen britischen Kolonialbeamten sich stets am besten mit anderen Aristokraten – die edlen Prophetennachfahren Faisal und Abdallah (Faisals Bruder) durften als Monarchen im Irak und Transjordanien regieren, wo die aus Mekka stammenden Herrscher kaum weniger ortsfremd waren als ihre europäischen Aufseher.

Churchills Schluckauf

Die Bevölkerungen wurden bei alledem natürlich nicht gefragt. In Palästina setzte die Mandatsverwaltung noch nicht einmal dem Anschein nach eine einheimische Regierung ein. Einer Anekdote zufolge soll sich in der jordanischen Ostgrenze mit ihrer charakteristischen Dreiecksform gar der Schluckauf Winston Churchills verewigt haben: Als der damalige britische Kolonialminister gerade die neue Landkarte des Nahen Ostens gezeichnet habe, habe ihn plötzlich ein Schluckauf überkommen und ihm sei die Hand ausgerutscht, daher der Knick. Noch heute ist mit Abdallah II. ein Urenkel des von den Briten eingesetzten Abdallah bin Hussein König von Jordanien, und auch die nach dem Ersten Weltkrieg am Reißbrett gezogenen Grenzen gelten mit wenigen Ausnahmen nach wie vor.

War hier der Schluckauf im Spiel? Die Ostgrenze Jordaniens. Quelle: CIA World Factbook.

War hier der Schluckauf im Spiel? Die Ostgrenze Jordaniens hat eine merkwürdige Form. Quelle: CIA World Factbook.

Dass es sich nicht mehr offiziell um Kolonien handelte, sondern um vom Völkerbund, also der Weltgemeinschaft, zu treuen Händen vergebene „Mandate“, gab dem britisch-französischen Imperialismus einen Wilsonschen Anstrich – wie die Morgenröte einer neuen Ära wird es den Kolonisierten aber wohl kaum vorgekommen sein. Tatsächlich griffen sie fast überall schon nach wenigen Jahren zu den Waffen, um die Fremdherrscher zu vertreiben, und wurden blutig zurückgeschlagen.

Die Grundlagen des 20. Jahrhunderts

„Der Erste Weltkrieg kann als eine Zäsur in der Geschichte des Nahen Ostens gelten“, meint die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer. Allerdings läutete diese Zäsur eben keine hoffnungsfrohe neue Ära der Freiheit und Unabhängigkeit ein: „Ungeachtet der traumatischen Wirkungen des Kriegs auf die europäische Kultur und Gesellschaft war die Zwischenkriegszeit die Hoch-Zeit des Imperialismus: Erst jetzt erreichten die europäischen Kolonialreiche ihre größte Ausdehnung.“

Als nach einem weiteren Weltkrieg mit Palästina schließlich das letzte Mandatsgebiet im Nahen Osten geräumt wurde, schienen die drei Jahrzehnte alten widersprüchlichen Versprechungen so frisch wie am ersten Tag. Die Briten zogen im Mai 1948 einfach aus Jerusalem ab, ohne irgendjemandem die Macht zu übergeben. Die Politik der Unvereinbarkeit zwischen Balfour-Deklaration und Hussein-McMahon-Korrespondenz wurde nun mit anderen Mitteln fortgesetzt – als erster israelisch-arabischer Krieg . Das erste Land, das den neuen jüdischen Staat damals anerkannte, war übrigens eines, das seine Entstehung auf dieselben Tage im Herbst 1917 zurückführte: die Sowjetunion.

Die in jener ersten Novemberwoche 1917 gesäten Samen sollten die Geschichte des Nahen Ostens also noch lange bestimmen. Die widerstreitenden Zusagen an Juden und Araber aus dem Ersten Weltkrieg halten bis heute einen der langwierigsten und kompliziertesten Konflikte der Welt am Laufen, und das Sykes-Picot-Abkommen bildet – noch – die Basis für die Staatenwelt der Region .

 Dieser Artikel ist der dritte und letzte Teil einer Serie von Jakob Krais für Alsharq zum Ersten Weltkrieg im Nahen Osten. Lesen Sie im ersten Beitrag, warum viele der Ursachen für den „Großen Krieg“ im Nahen Osten zu finden waren, sowie im zweiten Artikel, wie der Weltkrieg auch in der Region ausgefochten wurde.

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