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Ein missverständliches Bild: Der Maronitische Patriarch Beschara al-Ra'i (sitzend Mitte) vor einer libanesischen Fahne - dabei war er nicht als Vertreter des Libanon nach Israel gereist. Foto: Twitter-Account des Knesset-Abgeordneten Ahmad Tibi (https://twitter.com/Ahmad_tibi/status/471284511662424065) Ein missverständliches Bild: Der Maronitische Patriarch Beschara al-Ra'i (sitzend Mitte) vor einer libanesischen Fahne - dabei war er nicht als Vertreter des Libanon nach Israel gereist. Foto: Twitter-Account des Knesset-Abgeordneten Ahmad Tibi (https://twitter.com/Ahmad_tibi/status/471284511662424065)

Die Reise des Oberhaupts der größten libanesischen Kirche nach Israel stellte auf vielen Ebenen einen Tabubruch dar. Die Hisbollah warf Patriarch Bischara al-Ra’i vor, die Beziehungen mit dem südlichen Nachbarn zu normalisieren und ehemalige Kämpfer der Südlibanesischen Armee getroffen zu haben. Politisch brisant war der Besuch zudem, weil Israel die „Entarabisierung“ der christlichen Bevölkerung zuletzt forcierte. Von Tobias Lang

An Patriarch al-Ra‘is Reiseplänen im Rahmen des Papstbesuchs hatten besonders linke und Hisbollah-nahe Medien heftige Kritik geübt. Die Hisbollah selbst versuchte noch, den Patriarchen von seiner Reise abzubringen – ohne Erfolg. Al-Ra‘i hat sich schon häufig als stur und beratungsresistent erwiesen: Kurz nach seinem Amtsantritt etwa hatte er durch eine Reise nach Damaskus mit der anti-syrischen Linie seines Vorgängers gebrochen und somit den anti-syrischen Teil der libanesischen Christen gegen sich aufgebracht. Die Kritik von christlicher Seite an der geplanten Reise nach Israel war im Libanon dagegen sehr verhalten, vermutlich auch, weil ihnen eine eingehende Auseinandersetzung mit dem maronitisch-zionistischen Verhältnis hochgradig unangenehm wäre.

Die Idee einer zionistisch-maronitischen Minderheitenallianz1

Schon lange vor der Gründung des Staates Israel hatten zionistische Aktivisten die Maroniten als potenzielle Verbündete im Rahmen einer regionalen Minderheitenallianz ausgemacht. Gleichzeitig hatte auch manche Maroniten die Zionisten als nützlich bei der Verwirklichung eines explizit christlichen Libanon betrachtet. Neben Politikern, die einen anti-arabischen und christlich-isolationistischen Kurs verfolgten, waren bis 1948 besonders die höchsten Repräsentanten der maronitischen Kirche die wichtigsten Ansprechpartner für zionistische Aktivisten. Vertreter der maronitischen Kirche und der Jewish Agency unterzeichneten sogar 1946 einen Vertrag, in dem sie die gegenseitigen Ansprüche auf ein jüdisches Heimatland in Palästina und ein christliches Heimatland im Libanon anerkannten. Doch nach 1948 kam es anders: Durch die israelische Staatsgründung und der libanesischen Beteiligung am ersten arabisch-israelischen Krieg wurden Kontakte mit Israel zu einem Tabu. Ignatius Mubarak, der Erzbischof von Beirut und stärkster öffentlicher Unterstützer Israels im Libanon, wurde von seinem Amt entfernt und die Kontakte zwischen Kirche und Zionisten möglichst schnell vergessen gemacht.

Während des Libanesischen Bürgerkrieges stützte sich Israel daher besonders auf zwei Verbündete: die Phalange-Partei, die zeitweise sogar ein Büro in Jerusalem unterhielt, sowie die Südlibanesische Armee. So war die Idee, ein Israel-freundliches maronitisches Regime zu etablieren, 1982 einer der Hauptgründe für die israelische Invasion in den Libanon. Obwohl es Israel zunächst gelang, die Wahl des phalangistischen Milizenchefs Baschir Gemayel zum Staatspräsidenten durchzusetzen, stellt diese Episode jedoch auch den Anfang vom Ende der maronitisch-israelischen Beziehungen dar.

Nachdem ein pro-syrischer Aktivist Gemayel ermordete, verübten phalangistische Milizen unter Duldung der israelischen Besatzungsmacht die Massaker in den Palästinenserlagern von Sabra und Schatila. Diese stellten Israel und das Bündnis mit den Phalangisten international an den Pranger und Verteidigungsminister Ariel Sharon, der die Wahl von Baschir Gemayel propagiert hatte, musste zurücktreten.

Ein weiterer Grund für die Abkühlung des maronitisch-israelischen Verhältnisses war schließlich das Scheitern des libanesisch-israelischen Abkommens vom 17. Mai 1983. Das Abkommen sah nicht nur ein Ende des seit 1948 andauernden Kriegszustandes zwischen den beiden Ländern, sondern auch eine enge Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen vor. Doch Amin Gemayel, der seinem Bruder Baschir ins libanesische Präsidentenamt gefolgt war, ratifizierte das Abkommen unter dem Druck Syriens und weiter Teile der libanesischen Öffentlichkeit nicht.2 Der Traum eines befreundeten maronitischen Regimes in Beirut, den schon David Ben-Gurion formuliert hatte, war so endgültig vorbei.

Die Südlibanesische Armee: Strandgut der Geschichte

Nach dem das israelische Militär sich teilweise aus dem Libanon zurückzuziehen begann, blieb eine „Sicherheitszone“ südlich des Flusses Litani unter der Kontrolle Israels. Bereits ab 1976 war nach der Spaltung der Libanesischen Armee im Südlibanon eine mit Israel verbündete Miliz entstanden, aus der sich die Südlibanesische Armee entwickelte. Diese war konfessionell gemischt und bestand aus Christen, Schiiten und Drusen, aber die Führung war überwiegend christlich. Fast zweieinhalb Jahrzehnte kämpften sie als israelische Verbündete, zunächst gegen Palästinenser und linke libanesische Milizen, und später verstärkt gegen schiitische Milizen, aus denen sich die Hisbollah entwickelte.

Nach dem überhasteten israelischen Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 und dem daraus folgenden Zusammenbruch der „Sicherheitszone“ flüchtete besonders das überwiegend maronitische Führungspersonal der Südlibanesischen Armee mit ihren Familien nach Israel. Bis zu etwa 2500 davon sind bis heute in Israel geblieben. Viele von ihnen haben unterdessen sogar die israelische Staatsbürgerschaft angenommen, ihre wirtschaftliche Situation ist dagegen oft prekär. Eine Rückkehr in den Libanon ist aber für viele aus Angst vor juristischer Verfolgung nicht möglich, steht doch auf die Kollaboration mit Israel theoretisch die Todesstrafe. Militärgerichte urteilten über viele der im Libanon verbliebenen Angehörigen der Südlibanesischen Armee, die Todesstrafe verhängten sie aber nie.

Der maronitische Patriarch hat deshalb versprochen, sich in der Heimat für eine Rückkehr der ehemaligen Angehörigen der Südlibanesischen Armee einzusetzen, was allerdings die Hisbollah umgehend zurückwies. Tatsächlich ist unterdessen rund ein Drittel der ursprünglich geflüchteten Kämpfer in den Libanon zurückgekehrt. Eine überharte Verfolgung hat tatsächlich nicht stattgefunden, aber allein die angedrohte Verfolgung schreckt viele potenzielle Rückkehrer ab. 

Interne Vertriebene und aramäisches Nationalbewusstsein

Neben der libanesischen Community gibt es auch eine kleine indigene maronitische Gemeinschaft von einigen Tausend in Israel. Sie leben überwiegend in und um Haifa, in Nazareth sowie im Dorf Jisch in Galiläa. Jisch ist das einzige Dorf in Israel mit einer maronitischen Mehrheit (der Rest der etwa 3000 Bewohner ist griechisch-katholisch oder sunnitisch) und ist in den letzten Jahren durch eine Wiederbelebung des Aramäischen bekannt geworden.

Die Maroniten, wie der Rest der indigenen christlichen Bevölkerung Israels, sprechen eigentlich Arabisch. Doch in den vergangenen Jahren versuchen sie zunehmend, Aramäisch, das eigentlich nur als Liturgiesprache in Verwendung war, auch als gesprochene Sprache zu etablieren. Diese Entwicklung ist verknüpft mit einem regelrechten aramäischen Nationalbewusstsein. Dieses wird durch die aramäisch-assyrische Exilgemeinschaft, besonders den in Schweden beheimateten Fernsehsender Suroyo TV sowie auch durch Israelische Medien und staatliche Institutionen gefördert. Im Zentrum dieses Nationalbewusstseins steht eine nicht-arabische christlich-aramäische Identität, die sich besonders durch die Sprache ausdrückt und dem jüdischen Staat gegenüber explizit positiv eingestellt ist. Ein Indiz für die proisraelische Richtung dieses Nationalbewusstseins ist auch die Tatsache, dass sich unter den aramäischen Aktivisten in Jisch verstärkt ehemalige christliche Soldaten der israelischen Armee finden, die freiwillig gedient haben.

Jisch ist aber nicht nur ein Zentrum des aramäischen Nationalbewusstseins. Es ist auch die Heimat von sogenannten internen Vertriebenen, die 1948 vor der israelischen Armee aus ihren Dörfern flohen. Die Maroniten von Jisch stammen nämlich ursprünglich überwiegend aus Kafr Bir‘im an der libanesischen Grenze. Die Bevölkerung von Kafr Bir‘im wurde, wie in den meisten arabischen Dörfer an der libanesischen Grenze, 1948 vertrieben. Die Hoffnung, dass den Maroniten von Kafr Bir‘im dieses Schicksal aufgrund der Beziehungen des maronitischen Patriarchats zu zionistischen Aktivisten erspart bliebe, oder sie gar in ihr Dorf zurückkehren dürften, erfüllten sich nicht.

Die Bewohner von Kafr Bir‘im, das in den 1950er Jahren vollständig zerstört wurde, siedelten überwiegend in das nahegelegene Jisch um. Dessen ursprüngliche Bevölkerung war größtenteils ebenfalls geflohen oder vertrieben worden. Seit Jahrzehnten kämpfen die Einwohner von Kafr Bir‘im und ihre Nachkommen deshalb einen mühsamen Rechtsstreit um eine Rückkehr – bisher vergeblich. Patriarch Al-Ra‘i las denn auch in den Ruinen von Kafr Bir‘im eine Messe und versprach, sich über den Vatikan für eine Rückkehr der ehemaligen Bewohner einzusetzen. Vermutlich werden diese Appelle aber genauso ungehört bleiben wie jene von Papst Johannes Paul II.

Es erscheint paradox, dass unter diesen Bedingungen ein aramäisches Nationalbewusstsein überhaupt entstehen kann. Wie stark die Unterstützung für einen anti-arabischen Kurs unter den Maroniten in Israel tatsächlich ist, kann schwer bestimmt werden. Nimmt man die Wahlergebnisse für die letzte Wahl zur Knesset – also die Unterstützung für jüdisch-zionistische Parteien – als Indikator für eine anti-arabische Einstellung, so liegt allerdings für Jisch der Schluss nahe, dass die Agitation durchaus Früchte trägt. Das Wahlergebnis dort unterscheidet sich nämlich erheblich von dem in vergleichbaren arabischen Dörfern und weist einen deutlich höheren Anteil (mehr als 40 Prozent) an Stimmen für jüdisch-zionistische Parteien aus.

Versuche einer „Entarabisierung“ der arabischen Christen

Während für Drusen und die sehr kleine tscherkessische Gemeinschaft in Israel die Wehrpflicht gilt, sind Christen und arabische Muslime generell von der Wehrpflicht ausgenommen. Die Drusen gelten auch offiziell nicht als Araber, sondern werden trotz der arabischen Sprache als separate Nationalität geführt. Über die Jahrzehnte – die diesbezüglichen Bestimmungen gelten bereits seit den 1950er Jahren – hat sich auch tatsächlich etwas wie eine eigene partikularistische drusisch-israelische Identität gebildet. Heute ist die Rekrutierungsrate unter Drusen höher als unter der jüdischen Bevölkerung und in drusischen Dörfern erhalten jüdisch-zionistische Parteien mehr als 80 Prozent der Stimmen – im gesamten „arabischen Sektor“ dagegen durchschnittlich nur rund 20 Prozent.

Es ist offensichtlich, dass die israelische Regierung versucht, das Vorgehen, das bei den Drusen sehr gut funktioniert hat, auch bei der christlichen Bevölkerung umzusetzen. In den vergangenen Jahren wird daher verstärkt auf die Einführung der Wehrpflicht für Christen hingearbeitet und die christliche Bevölkerung bereits auf verschiedenen Ebenen juristisch als eigene Bevölkerungsgruppe geführt. Kürzlich erhielten sogar junge Christen erstmals Einladungen zur Musterung. Bisher mussten sich Freiwillige noch von selbst bei den Behörden melden. Es liegt der Schluss nahe, das für Christen ein gesetzlicher Status vergleichbar mit dem der Drusen, also eine eigene Bevölkerungsgruppe und die Einführung der Wehrpflicht, nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Vor diesem Hintergrund erhält der Besuch des Patriarchen einer Kirche, die eine lange umstrittene Geschichte von Kontakten mit Israel hat, zusätzliche Brisanz.

Ein Tabubruch ohne Ausrutscher

Al-Ra‘i hat es aber tunlichst vermieden, sich für christlich-partikularistische Zwecke einspannen zu lassen. Er besuchte zuerst die Westbank, wo es keine maronitische Bevölkerung gibt und trug eine Kufiya mit der Aufschrift „Palestine“, den traditionellen palästinensischen Schal, der gleichzeitig Nationalsymbol ist. Das kann als Geste zur Beschwichtigung seiner Kritiker, besonders der Hisbollah gewertet werden.

Ein Zusammentreffen mit israelischen Vertretern vermied al-Ra‘i ebenfalls, nur mit dem arabischen Knessetabgeordneten Ahmad Tibi gab es ein Zusammentreffen. Tibi twitterte ein Foto, das den Patriarchen flankiert von einer libanesischen Fahne zeigt. Ein zwiespältiges Signal, da es den Eindruck erweckt, der Patriarch sei ein offizieller Vertreter des Libanon. Dass das Treffen gerade mit Tibi stattfand, einem ehemaligen Berater Arafats, sollte wohl auch Distanz gegenüber Israel zeigen, gilt der Muslim Tibi doch als profilierter und manchmal auch schriller Kritiker des jüdischen Staates.

In ‘Isfiya nahe Haifa, einem drusischen Dorf mit einigen wenigen Maroniten, kam es zudem zu einem Zusammentreffen mit dem Oberhaupt der israelischen Drusen, Scheich Muwaffaq Tarif. Der Scheich ist ausgesprochen pro-israelisch und ein vehementer Befürworter der Wehrpflicht. Das Treffen sollte aber mehr als von der drusisch-maronitischen Versöhnungszeremonie kurz zuvor im Libanongebirge inspiriert betrachtet werden und weniger als Zustimmung zu der politischen Einstellung des Scheichs.

Insgesamt lässt sich sagen, dass sich der Patriarch trotz der heiklen Umstände scheinbar gut geschlagen hat und auf dem glatten israelischen Parkett nicht ausgerutscht ist. Die Reise war für sich ein Tabubruch und besonders das Zusammentreffen mit ehemaligen Angehörigen der Südlibanesischen Armee hat erwartungsgemäß zu heftiger Kritik geführt. Es wird sich zeigen, ob die Reise das Verhältnis des Patriarchen zur Hisbollah dauerhaft stören wird.

Obwohl der Besuch vorher in Israel sehr wohl im Kontext einer Minderheitenallianz interpretiert worden war, hat der Patriarch es erfolgreich vermieden, einer solchen Interpretation Anknüpfungspunkte zu bieten. Der Tabubruch einer Reise nach Israel lässt sich nicht wegdiskutieren, aber er wird mit großer Wahrscheinlichkeit weder für die Christen in Israel noch im Libanon bleibende Auswirkungen haben.

 

Tobias lang ist Politikwissenschafter und Autor von „Die Drusen in Libanon und Israel“ (Klaus Schwarz Verlag, Berlin: 2013). Er betreibt den Blog MENA Minorities über religiöse Minderheiten in der Region. Twitter: @tob_la

 


1 Vgl. hierzu Schulze, Kirsten E. (1997): Israel’s Covert Diplomacy in Lebanon, Palgrave Macmillan, Basingstoke sowie Eisenberg, Laura Zittrain (1994): My Enemy’s Enemy: Lebanon in the Early Zionist Imagination, 1900–1948, Wayne State University Press, Detroit.

2 Zum israelisch-libanesischen Abkommen vom 17. Mai1983 vgl. Eisenberg, Laura Zittrain/Kaplan, Neil (1998): Negotiating Arab-Israeli peace: patterns, problems, possibilities,  Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis, S. 43-59.

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