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Gaza-Streifen: Einst fruchtbares Anbaugebiet, müssen viele Lebensmittel jetzt eingeführt werden. Foto: Tobias Raschke Gaza-Streifen: Einst fruchtbares Anbaugebiet, müssen viele Lebensmittel jetzt eingeführt werden. Foto: Tobias Raschke

Seitdem die Hamas mit ihrem Putsch die Machtfrage für sich entschied, ist der Gaza-Streifen abgeriegelt. Auf den Spuren verlorener Jahre zeigt sich dabei insbesondere: die Verlierer sind die einfachen Menschen, für die ohne wirtschaftliche Perspektive auch das Geld für Lebensmittel knapp wird.

Auf den ersten Blick merkt man vom vermeintlichen Mangel in einem der größten Supermärkte einer Stadt im Süden des Gaza-Streifens nichts. Benzin, Getreide und Wasser gelangen bis heute über Pipelines und andere Güter über Lastwagen am Kerem Shalom-Grenzübergang aus Israel nach Gaza. Allerdings ist der offizielle Warenverkehr von und nach Israel und Ägypten seit vielen Jahren massiv eingeschränkt.

Einerseits versuchen Terroristen immer wieder, Waffen, Sprengstoff und Selbstmordattentäter nach Israel zu schmuggeln. Vereinzelt wurden Israelis bereits bei Lieferungen ermordet. Andererseits können bestimmte Waren wie etwa Düngemittel, Benzin oder Baumaterial prinzipiell sowohl zivil, als auch militärisch genutzt werden – das Dilemma wird als „Dual Use“ bezeichnet, womit der doppelte Verwendungszweck gemeint ist.

Um die anhaltende israelische Blockade im wörtlichen Sinne zu untergraben, führen daher von Rafah im Süden des Gaza-Streifens Schmuggler-Tunnel in den Sinai, wodurch von Lebensmitteln bis zu Waffen alles gehandelt werden kann. Während die Wirtschaft im Gaza-Streifen daher offiziell weitestgehend abgeriegelt und drangsaliert wird, sind die Tunnel zu einer wichtigen Lebensader der Menschen dort geworden.

Volle Märkte oder Mangel? Warenschmuggel aus Ägypten

Es gibt sogar Luxus-Produkte wie eine 400-Gramm-Packung einer weltweit bekannten Schokoladen-Marke für umgerechnet 9,70 Euro. In Israel kostet das gleiche Produkt bis zu 12 Euro, während es in Deutschland im Supermarkt für 5,59 € angeboten wird. Die florierende Tunnelökonomie und Importe aus Israel bringen mal mehr, mal weniger Lebensmittel aller Klassen nach Gaza. So bietet ein großer Obst- und Gemüseladen in Gaza eine saisonal stimmige Auswahl ähnlich wie in Jerusalem oder Ramallah an.

Früher galt der Gaza-Streifen als fruchtbares Anbaugebiet, aus dem Obst und Gemüse von sonnengereiften Tomaten bis zu aromatischen Erdbeeren nach Israel und in andere Länder exportiert wurden. Doch durch die langwierigen Sicherheitsprozeduren beim Export waren die Früchte oft schon halb vergammelt, bis sie beim Kunden ankamen. Die Verluste in der Landwirtschaft führten so dazu, dass heute Obst und Gemüse importiert werden muss. Nach Auskunft eines großen Obsthändlers stammen je nach Jahreszeit manchmal nur rund 20 Prozent aus einheimischer Produktion. Der Rest kommt dank guter Beziehungen des Inhabers aus dem vermeintlichen Feindesland. Aber das wird nur durch mehrfache Nachfrage klar.

Die Konsequenzen des Mangels zeigt die palästinensische Comedy-Gruppe „Tashwesh“ in ihrer Parodie eines populären Volvo-Werbeclips mit dem belgischen Schauspieler Jean Claude van Damme („The Muscles from Brussels“). Auf „Gaza Cars“ meldet sie sich ebenso humorvoll wie politisch zu Wort, um die Realität zu beanstanden:

Das Video steht symbolisch für eine Generation junger Menschen, die vor allem den Mangel kennen und in ihrem Leben den Gaza-Streifen nie verlassen haben.

Kostete ein Liter Diesel bis 2005 zwischen 43 und 64 Eurocent, so liegt der Preis nun bei umgerechnet 1,38 Euro. Gleichzeitig stieg die Nachfrage massiv, da es nur mehr acht Stunden am Tag Strom gibt. Die restliche Zeit müssen sich Privatleute und Geschäfte mit teuren Generatoren behelfen.

Seit der Absetzung des ägyptischen Präsidenten Mursi im Juli 2013, dessen Muslimbruderschaft Mutter der im Gaza-Streifen regierenden Hamas ist, verschlechtert sich die Situation in Gaza zunehmend. Denn das ägyptische Militär geht massiv wie nie zuvor gegen den Schmuggel vor und zerstört Tunnel. Einerseits auf Druck aus den USA; andererseits verdächtigen die ägyptischen Militärmachthaber die Hamas, die Unruhen in Ägypten zu fördern und der Muslimbruderschaft mit Waffen zu unterstützen.

Arbeit oder nicht! Wirtschaftssituation der einfachen Menschen

Der Eindruck der vollen Märkte täuscht, denn viele Güter sind für die meisten Menschen unerschwinglich geworden. Der Durchschnittslohn in Gaza sank von 1999 bis 2012 um knapp 15 Prozent. Die Kosten für Alltagsgüter stiegen gleichzeitig deutlich: der Konsumausgabenindex um knapp die Hälfte, bei Nahrungsmitteln sogar um zwei Drittel.

„Für den Großteil der Bevölkerung des Gaza-Streifens geht es soziökonomisch seit Langem bergab, für die meisten wohl seit Beginn der so genannten ersten Intifada 1987“, erzählt ein pensionierter Lehrer des UN-Werks für die palästinensischen Flüchtlinge (UNWRA). Aus dem Zaun um den Gaza-Streifen wurde ab der Errichtung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) nach und nach ein sicherheitstechnisch hochgerüsteter unüberwindbarer Betonwall. Bei den meisten Menschen in Gaza ist die Stimmung schlecht. Sichere Jobs haben neben Hamas-Mitgliedern und Sicherheitskräften nur mehr die Angestellten der Autonomiebehörde, die von Ramallah bezahlt werden, auch wenn sie nicht zur Arbeit bei der Hamas-Verwaltung gehen.

Mangels produktiven Gewerbes ist die Bauindustrie der einzige Wirtschaftszweig im Gaza-Streifen. Die Zufuhr von Baumaterial aus Ägypten oder Israel hat sich aufgrund des Dual-Use-Dilemmas jedoch so reduziert, dass viele Firmen seit Ende Juli 2013 nicht mehr arbeiten können. Ein mittelständischer Betonproduzent geht nicht mehr ans Telefon, denn er steht vor einem wirtschaftlichen Scherbenhaufen: „Alle wollen Geld von mir, obwohl das Geschäft weder Umsatz noch Gewinn bringt: Die 25 Arbeiter haben alle große Familien, die Miete für das Firmengrundstück ist fällig und meine eigene Großfamilie ist auf den Ertrag angewiesen.“ Zwei Frauen, 13 Kinder, die zum Teil schon verheiratet sind, sowie Brüder und Schwestern mit ihren Familien brauchen die Hilfe des Unternehmers zum Überleben.

„Die Armut wächst schleichend, aber massiv“, sagt ein für eine Hilfsorganisation tätiger Sozialarbeiter. „Die Menschen ziehen sich zurück in ihre Häuser, weil sie sich nichts mehr leisten können, und beim Laden um die Ecke haben sie zu viel anschreiben lassen.“ Viele Ältere erinnern sich noch an die Zeit vor 1994 und 2000 zurück, als tausende Menschen täglich in Israel Arbeit hatten, ihre Familien gut ernähren und Häuser bauen konnten. Der Terror hat diese Option zunichte gemacht. In der israelischen Bauindustrie arbeiten daher jetzt Arbeiter aus den Philippinen, Vietnam oder China, während in Gaza und auch der Westbank die Menschen arbeitslos am Zaun stehen. Als Folge geben 57 Prozent der Gaza-Haushalte an, eingeschränkten Zugang zu Nahrungsmitteln zu haben, für die durchschnittlich die Hälfte des Einkommens ausgegeben wird (zum Vergleich: in Deutschland sind es unter 15 Prozent). 89 Prozent der Gaza-Haushalte haben Nahrungsmittel auf Kredit beschafft, von Familie oder Freunden geliehen oder sie essen weniger oder schlechter als früher.
Ein Mercedes ist bis heute für viele in Gaza ein Statussymbol - der mindestens ehemals erfolgreichen. Die Armut der riesigen Familien wächst. Foto: Tobias Raschke
Ein Mercedes ist bis heute für viele in Gaza ein Statussymbol – der mindestens ehemals erfolgreichen. Die Armut der riesigen Familien wächst. Foto: Tobias Raschke

Menschen wie der Bauarbeiter Mohammed haben seit Jahren kein festes Einkommen mehr. „Früher konnten wir uns überall in Israel bewegen und Arbeit suchen“, erinnert er sich wehmütig an die Zeit vor 1994. Manchmal hat er noch telefonischen Kontakt mit seinem letzten israelischen Arbeitgeber, der aber auch nichts für ihn tun kann. Heute arbeitet er gelegentlich auf Baustellen in Gaza, falls es Baumaterial und damit Arbeit gibt. Oder er kurvt mit seinem Wagen durch das Zentrum, um als Taxifahrer etwas zu verdienen. Doch beim Preis von etwa 1,38 Euro pro Liter Sprit bleibt der blankgeputzte Mercedes mit dem röhrenden Motor ohnehin die meiste Zeit am Straßenrand stehen. Eine Lizenz hat er nicht.

 

Zu Teil 1 dieses Reiseberichts geht es hier.

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