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Ziyad Shkhadi betend in seiner Höhle in Maghayir al-Abeed. Foto: Eduardo Soteras Jalil (C) Ziyad Shkhadi betend in seiner Höhle in Maghayir al-Abeed. Foto: Eduardo Soteras Jalil (C)

Im Süden der Westbank droht hunderten Palästinensern die Vertreibung: Die israelische Armee beschlagnahmt Land für militärische Trainings und Siedlungsbau. Besatzung und Widerstand verändern die ländliche Gesellschaft von Grund auf. Dies ist Teil II / III der Reportage aus Masafer Yatta. Zum ersten Teil geht es hier.

Tatsächlich hat die drohende Vertreibung alles verändert in Masafer Yatta – und dabei alles erstarren lassen. War das Leben traditionell von den Jahreszeiten bestimmt, bleiben die Familien jetzt ganzjährig in den Höhlen und Zelten, aus Angst, von der Armee an der Rückkehr gehindert zu werden. So hat die beabsichtigte Verdrängung der Menschen nur dazu geführt, sie stärker in den Hügeln zu verwurzeln.

Auch in Tuba bleiben Mahmud Awad, sein Vater Ibrahim und drei seiner Brüder mit Frauen und Kindern jetzt sommers wie winters in ihren Zelten und Höhlen. Im Gesicht von Mahmuds Mutter, Shrour Awad, haben sich die Spuren von 67 Jahren in Masafer Yatta tief in die Haut eingegraben. Sie hat neun Söhne auf die Welt gebracht und sechs Töchter. Einige sind in den Höhlen geblieben, die anderen leben in Yatta.

Das Leben unter Besatzung, sagt Mahmud, lauge sie aus. »Aber wo sollen wir hin? Wir verdienen unseren Lebensunterhalt mit den Tieren. Soll ich meine Schafe vielleicht in einem Haus in Yatta halten? Wenn ich denn ein Haus hätte …« Allein der engere Kreis der Familie Awad besitzt mehrere tausend Schafe und Ziegen – mit all den Mühen, die dazugehören. Werden die Tiere krank, sperrt das Militär die Straßen oder fallen die Preise auf dem Markt, dann wird das Geld zum Leben knapp.

Heute bleiben die Hirten das ganze Jahr über in den kargen Hügeln

Das Sich-Wehren, Bleiben hat etwas Standhaftes. In Palästina gibt es dafür einen eigenen Begriff, Sumud: das Verteidigen des Landes dadurch, dass es allen Repressalien zum Trotz weiter bewirtschaftet wird. Oder weiter gefasst: alltäglicher ziviler Widerstand.

Oft verklären Aktivisten den Begriff essentialistisch zu einer Art heroischer Seele des palästinensischen Volkes. In der Realität mag der Widerstand ehrbar sein. Doch ist er für die Betroffenen oft auch alternativlos – und hat seinen Preis. In Masafer Yatta ist das Leben rau. Hätte nicht Enteignung gedroht, die traditionelle Lebensweise wäre vielleicht nach ein, zwei Generationen aufgegeben worden.

Der Sommer hier draußen ist unerträglich heiß – und teuer. Dann müssen die Bewohner neben Lebensmitteln auch Wasser und Futter für die Tiere für viel Geld kaufen und zu den Höhlen transportieren. Die Familien in Masafer Yatta sind nicht an die Wasserversorgung angeschlossen. Üblicherweise sammelte man den Winterregen in unterirdischen Zisternen und hatte so genug bis zum Frühjahr. Im Sommer, wenn es nicht regnet, zog man in die Stadt zurück.

Um die Hunderte von Tieren starken Herden in Masafer Yatta heute durch den Sommer zu bringen, muss Wasser von israelischen Unternehmen zugekauft werden. Eine öffentliche Infrastruktur für die palästinensische Bevölkerung wurde von den Besatzungsbehörden schlicht nicht zur Verfügung gestellt. In weiten Teilen Palästinas stammen Leitungen und Straßen noch aus Zeit der jordanischen Besatzung oder wurden erst durch die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) erneuert. In ländlichen Gebieten wie Masafer Yatta, wo der PA aufgrund der Oslo-Abkommen die Hände gebunden sind, existiert meist überhaupt keine Versorgungsstruktur – wenn nicht private Initiativen oder Hilfsorganisationen helfen.

Israel gewährleistet die Grundversorgung nicht, der PA sind die Hände gebunden

Von Tuba aus fährt Mahmud Awads Bruder Ali im Sommer zweimal täglich zum Wasserholen ins nächste Dorf, Al-Najada. Dort gibt es eine Ausgabestelle des israelischen Wasserunternehmens Mekorot. Sie zahlen hier 6,5 Schekel für den Kubikmeter, umgerechnet etwa 1,25 Euro. Hinzu kommen pro Tank etwa 50 Schekel (10 Euro) für Benzin. Im israelischen Kernland kostet der Kubikmeter 4 Schekel und kommt direkt aus dem Hahn; Wasser für die Landwirtschaft ist noch günstiger, da es seit jeher stark subventioniert wird. »Für Wasser geben wir einen großen Teil unserer Einnahmen aus. Doch wenn wir hier bleiben und die Tiere durchbringen wollen, dann müssen wir es hier kaufen. Wir sind davon abhängig«, sagt Ali. Und fügt an: »Erst haben sie uns das Land genommen, und jetzt verkaufen sie uns das Wasser, das daraus stammt.«

Die Unterversorgung und mangelnde Entwicklungsperspektiven im Westjordanland haben eine rapide Abwanderung in die städtischen A-Gebiete wie Ramallah oder Hebron ausgelöst. Die Verstädterung ist jedoch mehr als eine Folge unzureichender Versorgung und Planung; auch sie hat eine politische Dimension: Schon immer war die Konzentration einer Bevölkerung auf engem städtischem Raum ein effektives Instrument staatlicher Kontrolle. Im besetzten Westjordanland kann das israelische Militär die Städte umfassend überwachen, im Ernstfall lässt sich der Verkehr zwischen den Städten – wie auch in den Stadtzentren – mit Straßensperren und Patrouillen innerhalb weniger Stunden vollständig unterbinden.

Zumindest in rechten Kreisen Israels wird die Ballung der Palästinenser in Städten auch als Vision für die Zukunft gehandelt: So forderte die Partei HaBayit HaYehudi (»Das jüdische Haus«), die die Interessen der nationalreligiösen Siedler vertritt, im letzten Wahlkampf ausdrücklich, die palästinensische Bevölkerung des Westjordanlands in teilautonomen Städten zu konzentrieren und die ländlichen C-Gebiete zu annektieren. Inzwischen ist HaBayit HaYehudi als drittstärkste Kraft an der Regierung beteiligt. Der Annexionsplan wird angesichts der israelisch-palästinensischen Gespräche derzeit nicht öffentlich debattiert, davon losgesagt hat sich die Partei aber keinesfalls. Viele Siedler begreifen die Besatzung als ein Spiel auf Zeit.

In Israel nennt man die besetzten Gebiete auch den Wilden Westen

Auch Tuba ist umgeben von zwei der größeren israelischen Siedlungen hier im Süden. Ma’on und Karmel entstanden in den frühen 1980er Jahren, auf Land, das die Besatzungsbehörden erst zu »Staatsland« erklärten und dann an zionistische Organisationen zur Besiedlung übergaben. Umgehend wurden sie an das israelische Strom- und Wassernetz angeschlossen und mit Straßen, Wachtposten und öffentlichen Einrichtungen versehen.

Im Gegensatz zu denjenigen, die eher aus ökonomischen Gründen in den »Vorstadt-Siedlungen« im mittleren Westjordanland leben, sind Siedler wie die in Masafer Yatta meist ideologisch motiviert. Sie begreifen es als ihr Recht, aber auch ihre Pflicht, in »Judäa und Samaria« zu siedeln – die Regionen sind für sie Teil von »Eretz Israel«, des gottgegebenen Landes. Daher lassen sie sich auch inmitten des Westjordanlands nieder. Die Siedler betrachten die ansässigen Palästinenser oft als Eindringlinge und blenden sie im Alltag aus, so gut es geht. Der Staat befördert das Wegsehen, indem er Siedlungen wirtschaftlich subventioniert, rechtlich protegiert und von der Armee schützen lässt.

Kommen Palästinenser den Siedlungen zu nahe, werden sie von schwer bewaffneten Wachleuten gestoppt, nicht selten gewaltsam. Die Siedler können sich der Unterstützung der Armee sicher sein: Die nimmt »Eindringlinge« häufig erst einmal in Gewahrsam. Und während für die Siedler israelisches Zivilrecht gilt, unterstehen Palästinenser Militärrecht. Kommt es zu einer Konfrontation, ist für die Siedler die Polizei, für Palästinenser die Armee zuständig – mit einer ungleich härteren Strafverfolgung. Wegen dieses Ungleichgewichts und weil manche der radikalsten Siedler – unter ihnen die »Hilltop Youth« – nicht einmal mehr von der Armee von Übergriffen auf Palästinenser abgehalten werden können, nennen viele Israelis das Westjordanland mittlerweile »Wilder Westen«.

Teil III / III der Reportage folgt in Kürze. Zum ersten Teil geht es hier.

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