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Zahran Alloush, Militärchef der "Islamischen Front", will Kobane "vom IS und der PKK befreien". Quelle: Screenshot.

Peschmerga und Freie Syrische Armee sollen Kobane retten. So zumindest suggerieren es hiesige Medien wie Spiegel Online und die türkische Regierung. ln Kobane offenbart sich ein von Europa und den USA geduldetes falsches Spiel: Erdogan lässt radikale Salafisten gegen den IS in Kobane kämpfen.

Warum duldete Erdogan bisher den Vormarsch des IS?

In der Duldung des Vormarsches des selbsterklärten Islamischen Staats (IS) durch die türkische Regierung lässt sich sehr leicht ein politisches Kalkül erkennen, in erster Linie, um die kurdische Seite zu schwächen. Aus türkischer Sicht mag dies durchaus verständlich sein, doch geschieht es auf dem Rücken Hunderttausender kurdischer Zivilisten. Seit dem weitgehenden Rückzug der Assad-Armee aus dem Nordosten Syriens hatten die Kurden dort über Jahre eine autonome Infrastruktur errichtet. Treibende Kraft war und ist dabei die Partei der Demokratischen Union (PYD). Selbst wenn diese Partei nicht identisch mit der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) ist, so teilt sie zumindest deren Ideologie und sieht auch Abdullah Öcalan als ihren Führer an.

Nicht nur in der Türkei, auch in Europa, wird die PKK als terroristische Vereinigung eingestuft. In der türkischen Community kursiert oftmals die Zahl 40.000. So viele Türken sollen dem Terror der PKK zum Opfer gefallen sein. Beim Konflikt zwischen PKK und türkischen Streitkräften kamen tausende Menschen zu Tode. Nach türkischen Regierungsangaben wurden bei den Kämpfen etwa 7.000 türkische Sicherheitskräfte getötet. Allerdings wurden ebenso zwischen 25.000 und 30.000 Kurden getötet, sowie 2.000 kurdische Dörfer zerstört. Zudem wurden etwa eine Million Kurden vertrieben. Insgesamt kamen etwa 40.000 Menschen beim türkisch-kurdischen Konflikt ums Leben, wobei Opferzahl und Folgen oft einer extrem unterschiedlichen Lesart unterliegen.Für die türkische Regierung sind alle Getöteten gemäß der türkischen Verfassung getötete Türken, was wiederum viele Kurden ablehnen.

All diese Aspekte aus regierungsnaher türkischer und regierungskritischer kurdischer Sicht dürfen bei den heutigen Ereignissen nicht vernachlässigt werden. Für viele Türken wäre es ein Tabubruch, die syrische Kurdenmiliz YPG zu unterstützen, weil dies einer Legitimierung der PKK gleichkäme. Viele Kurden sehen im fehlenden türkischen Eingreifen auf Seiten der YPG eine Kontinuität antikurdischer Politik. Für die türkische Regierung und deren Anhänger sind PYD, YPG und die PKK ein- und dasselbe.

Zwar wird inzwischen auch der IS als Bedrohung wahrgenommen, die Errichtung eines kurdischen Autonomiegebietes durch die PYD an der Grenze zur Türkei stellt aus Sicht der türkischen Regierung aber die größere Gefahr dar, da es zu Spannungen zwischen Türken und Kurden in der Türkei führen könnte; schließlich befürwortet ein großer Teil der türkisch-kurdischen Bevölkerung selbst ein solches Vorhaben. Der Vormarsch des IS macht diese Pläne der syrischen Kurden zunichte, ohne dass die Türkei selbst eingreifen und Verluste befürchten müsste. Eine direkte militärische Allianz der Türkei mit dem IS bedeutet dies zwar nicht, doch eine Art “Gentlemans Agreement” ist nicht zu übersehen.

Zwar ist der IS durchaus auch innenpolitisch eine Gefahr für die Türkei, die kurdischen Autonomiebestrebungen scheinen aber als gefährlicher eingestuft zu werden. Erdogan möchte um jeden Preis eine Bewaffnung der YPG in Syrien verhindern. Nach einem möglichen Sieg der YPG über den IS würden dessen moderne Waffen unweigerlich zum Schutz eines künftigen Autonomiegebietes genutzt oder gar in die Hände von PKK-Kämpfern auf türkischer Seite gelangen. Deshalb wurde zunächst der Ruf nach irakisch-kurdischen Kämpfern aus dem Irak laut, die ideologisch mit YPG und PKK verfeindet sind. Mehr als 150 Peschmerga (Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan im Irak) wollte Erdogan allerdings nicht nach Kobane lassen. Auch die PYD will grundsätzlich keine Unterstützung durch Bodentruppen, auch nicht der Peschmerga. Sie ist insbesondere an Waffenlieferungen interessiert, um aus dem Konflikt gestärkt hervorzugehen. Ein Fall Kobanes könnte aber die Türkei an den Rand eines Bürgerkrieges bringen.

Neue Allianzen: Freie Syrische Armee und YPG

Der Kampf gegen den IS lässt alte Rivalen auf syrischem Boden zu neuen Verbündeten werden. Kobane wird von Beginn an nicht nur von der kurdischen YPG verteidigt. Auch die Freie Syrische Armee ist mit Brigaden im Kampf gegen den IS vertreten, selbst wenn sie sich aus militärischer Sicht auf verlorenem Posten befindet. Alte ideologische Barrieren wurden überwunden und eine Allianz mit gemeinsamen Militärorganisationen geschmiedet und öffentlichkeitswirksam inszeniert. In der Videoerklärung zu dem neuen Bündnis Burkan al-Furat standen kurdische Kämpferinnen neben Kämpfern der Freien Syrischen Armee.

Als der IS auf Kobane zu marschierte, kämpften FSA-Brigaden an der Seite der YPG. In folgendem Video sieht man Einheiten der FSA (Wagen mit grün-weiß-schwarzen Flagge) gemeinsam mit der YPG (Wagen mit gelber Flagge) gegen den IS kämp-fen. Das Video wurde von türkischer Seite aufgenommen.

Die radikal-salafistische Islamische Front als zweifelhafter Verbündeter

Auch jetzt solle vor allem die Freie Syrische Armee die Wende bringen, so Erdogan. Verständlich, denn auch die FSA möchte keine zu weit reichende Autonomie oder gar staatliche Unabhängigkeit der Kurdengebiete. Für die türkische Regierung ist die FSA aber kein zuverlässiger Partner mehr, da die FSA auch von der Türkei und dem Westen im Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad fallen gelassen wurde. Am 29. Oktober berichtete der Fernsehsender AlAlanTV aus Dubai von den ersten Kräften der Freien Syrischen Armee, die kurz nach den 150 Peschmerga in Kobane eingetroffen sein sollen.

Sollten diese Filmaufnahmen stimmen, dann handelt es sich aber nicht um Kämpfer der FSA. Ab 1:21 des Videos ist ein Kämpfer mit einem Fahrzeug und einer weiß-grünen Fahne zu erkennen. Diese erinnert stark an das Emblem der Gruppierung Ahrar al-Sham, die Teil der salafistischen Islamischen Front ist. Die Islamische Front gründete sich Ende 2013 in Konkurrenz zur Freien Syrischen Armee und strebt selbst die Errichtung einer islamistischen Diktatur an (Übersetzung des Grundsatzprogramms hier). Noch eindeutiger aber ab 1:29, wo Kämpfer auf einem Wagen mit der Flagge der Dschaisch al-Islam fahren. Diese radikal-salafistische Gruppierung ist ebenfalls Teil der Islamischen Front.

Aus dem Beitrag von AlAlanTv ist nicht zu erkennen, wie viele Kämpfer der Islamischen Front in Kobane sind, doch ist diese Entwicklung bemerkenswert, denn die Islamische Front stellte sich in der Vergangenheit auch teilweise militärisch gegen die FSA. Bereits bei der Erklärung zum Bündnis zwischen FSA und YPG waren Kämpfer der Islamischen Front anwesend, wie Filmaufnahmen des kurdischen Senders Rudaw belegen. Jedoch erklärte der Militärchef der Islamischen Front, Zahran Alloush, der bezeichnenderweise nach Beginn der Revolution 2011 in einer Amnestie vom syrischen Regime aus dem Gefängnis Sednaya bei Damaskus freigelassen wurde, dass er Kobane vom IS und der PKK befreien wolle. Alloush macht schlussfolgernd keinen Hehl daraus, dass gemeinsame Aktionen mit den kurdischen Kämpfern nur ein zeitlich begrenztes Zweckbündnis sind. Es kann also gut sein, dass sich die Islamische Front nach gemeinsamen Aktionen mit FSA und YPG auch gegen die Kurden wenden wird.

Das wäre eindeutig im Sinne Erdogans, der scheinbar um jeden Preis den Aufbau einer kurdischen Autonomie unter der PYD/YPG verhindern möchte. Islamische Front-Chef Alloush ist darüber hinaus radikal antischiitisch eingestellt und sprach in der Vergangenheit davon, Syrien “vom Schmutz der Schiiten reinigen” und “die Köpfe der Rawafid (Schimpfwort für Schiiten) zerstampfen” zu wollen.

Kooperation von der Türkei mit al-Qaida und radikalen Salafistenmilizen unter Duldung „des Westens“

Diese Kooperation zwischen der Türkei und Dschihadisten begann vor allem im Juli 2012, als die Schlacht um Aleppo anbrach. Damals konnten sich erstmals große Kontingente der neuen NusraFront und anderer Dschihadisten in Syrien etablieren. Die Nusra-Front (arab. Dschabhat al-Nusra, dt. Unterstützungsfront) ist der syrische Ableger des Terrornetzwerkes al-Qaida. Die Kämpfer von al-Qaida kamen überwiegend über die türkische Grenze nach Syrien. Besonders zu erkennen war dies in der Offensive al-Anfal an der syrischen Küstenregion, die an die türkische Provinz Hattay grenzt. Angeführt wurde die Offensive von der al-Qaida-Gruppe Dschabhat al-Nusra und der Islamischen Front, die jetzt auch nach Kobane entsandt wurde.

Auf Filmaufnahmen ist zu erkennen, dass Nusra und Islamische Front die syrisch-türkische Grenze in Richtung der syrischen Stadt Kasab überqueren und die Grenzposten der Türken anscheinend verlassen wurde. IF-Kämpfer und geflohene Dorfbewohner berichteten gleichermaßen, dass die Kämpfer über die türkische nach Kasab gelangten. Kasab ist zudem armenisch bevölkert. Human Rights Watch zufolge hätte dies nicht ohne Wissen der türkischen Behörden passieren können.

Folgendes Video soll von den Rebellen stammen und zeigen, wie diese den Grenzübergang von Kasab nutzten:

Doch die Kooperation zwischen türkischen Behörden und salafistischen Milizen allein der Türkei negativ anzulasten ist falsch. Die Türkei ist Mitglied der NATO und als Nachbarstaat des Iran und Brückenkopf der USA nach Russland von enormer strategischer Wichtigkeit. Die Vorstellung, dass eine Allianz zwischen salafistischen Kampfgruppen und der türkischen Seite ohne aktive Duldung Europas und der USA stattgefunden haben könnte, ist absurd. EU und USA müssen nicht nur davon gewusst, sondern diese Allianz auch mindestens stillschweigend unterstützt haben. Wenn heute europäische und amerikanische Politiker in erster Linie die Türkei für die Eskalation verantwortlich machen, ist das daher mehr als fragwürdig und scheinheilig.

Verantwortung von Türkei, Europa und den USA

Die Kämpfer für die Nusra-Front reisten meist über die türkische Grenze ein. Im April 2013 kam es aber zum Bruch zwischen dem IS und der Nusra-Front (arabisches Dokument der Erklärung von al-Qaida gegen ISIS). Die große Mehrheit der Kämpfer wechselte von Nusra zum IS (damals noch ISIS), insbesondere die ausländischen Dschihadisten. Wie bereits erwähnt, müssen Europäer und USA dieses Vorgehen der Unterstützung von Dschihadisten mindestens wissend geduldet haben, genauso wie jetzt den Einsatz salafistischer Gruppierungen gegen den IS in Kobane.

„Der Westen“ hat die zivile Opposition Syriens, die kurdischen Zivilisten und auch die moderaten Teile der bewaffneten Opposition fallen gelassen. Begriffe wie Menschenrechte, Freiheit und Demokratie sind anscheinend wertlos geworden. Europa, die USA und die Türkei scheinen tatsächlich auch kein Interesse an der Unterstützung moderater Kräfte in Syrien und damit der Errichtung eines zivilen Staates zu haben. Die Kräfte, die einen solchen Staat wollen, sind bereits deutlich geschwächt worden, doch es gibt sie nach wie vor. Umso beschämender ist, dass selbst im Kampf gegen radikale militante Salafisten etwas weniger radikale Salafisten die Hauptverbündeten sind.

 

Der Text erschien in anderer Form zuerst auf dem Blog Der Orient, den der Autor betreibt.

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