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JournalistInnen fotografieren eine Auseinandersetzung zwischen Muslimbrüdern und Sicherheitskräften in Kairo, 31.01.2014. Foto: Mustafa Bassim.

Nach dem Sturz Mursis im Juni vergangenen Jahres wird in der polarisierten Stimmung auch die Situation für ägyptische JournalistInnen immer schwieriger. Nicht nur wird die Ausübung ihrer Arbeit durch staatliche Repressionen und Gewalt behindert, auch werden sie zunehmend von anderen BürgerInnen verbal und körperlich angegriffen. Unsere Gastautorin Anja Schmidt berichtet.

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Wenn man Mustafa Bassim kennenlernt, sieht man ihm nicht an, dass sich dieser stille junge Mann jeden Tag in lebensgefährliche Situationen begibt. Seine ruhige Art scheint im totalen Gegensatz zu dem Chaos und der Gewalt zu stehen, die ihn jeden Tag umgeben. Nur wenn man genau hinschaut, kann man erkennen, dass seine Augen müde aussehen und von den täglichen Gefahren zeugen, denen er als Journalist in Ägypten ausgesetzt ist.

Ägypten ist für JournalistInnen das dritt-tödlichste Land der Welt

JournalistIn in Ägypten zu sein war auch vor dem Militärputsch im Sommer 2013 keine ungefährliche Aufgabe. Jedoch wurden die Repressionen gegen Mustafa und seine KollegInnen in den letzten Monaten in solchem Maße verstärkt, dass Ägypten der NGO Committee to Protect Journalists (CPJ) zufolge für JournalistInnen inzwischen als das dritt-tödlichste Land der Welt gilt.

Erst vergangenen März wurde die Journalistin Mayada Ashraf durch einen Schuss in den Kopf getötet, als sie dabei war, über eine Demonstration von Mursi-Anhängern zu berichten. Ob die Kugel von den Sicherheitskräften kam oder von Demonstranten ist nicht klar. Beide Parteien beschuldigen sich gegenseitig, den Schuss abgegeben zu haben. Mindestens sieben JournalistInnen sind seit der Machtübernahme durch das Militär getötet worden, während sie ihrer Arbeit nachgingen. Viele weitere wurden teils schwer verletzt, wie zum Beispiel die beiden Journalisten Khaled Hussein und Amr Sayyed, die nur zwei Wochen nach dem Tod von Mayada angeschossen wurden. Auch sie berichteten über eine Demonstration zur Unterstützung Mursis, die nahe der Kairo-Universität stattfand.

Der Öffentlichkeit wird auch in Zukunft oft verborgen bleiben, wer genau hinter welcher Gewaltattacke gegen JournalistInnen steht – besonders wenn es sich um Schusswunden handelt. Was sich jedoch feststellen lässt, ist die Systematik an anderer Stelle, mit der die neuen Machthaber gegen kritische, oppositionelle und linienuntreue JournalistInnen vorgehen. Viele von ihnen sitzen seit Monaten ohne eine Anhörung oder Anklage im Gefängnis. Im Vorfeld der anstehenden Präsidentschaftswahlen stellt CPJ eine neue Verhaftungswelle fest. Einige der JournalistInnen wie zum Beispiel Mahmud Abu Zeid, der seit der gewaltsamen Auflösung des Pro-Mursi-Protestcamps im August 2013 inhaftiert ist, berichteten zudem, im Gefängnis gefoltert worden zu sein.

Die Gewalt kommt nicht nur von staatlicher Seite

Im Interview (siehe unten) erzählt der Journalist Mustafa, dass auch er schon willkürlich von der Polizei festgenommen wurde, während er eine Demonstration fotografierte. Bisher hatte er im Gegensatz zu anderen KollegInnen Glück und wurde nie länger als eine Nacht festgehalten. Die Angst ist aber sein ständiger Begleiter, denn seiner Erfahrung nach ist „schon eine Kamera bei sich zu tragen in Ägypten zur Straftat geworden“. Die Stimmung in der ägyptischen Gesellschaft ist inzwischen so polarisiert, dass DemonstrantInnen und PassantInnen von JournalistInnen vermuten, gegen sie zu sein und der jeweils anderen Seite anzugehören. Daher drohen ihnen auch von diesen Gruppen Gefahren, sobald sie als JournalistInnen erkannt werden. Musab al-Shamy, der als Fotojournalist schon ein Titelbild für das Time Magazine gemacht hat, berichtet von Übergriffen auf ihn und seine KollegInnen, bei denen sie verletzt und ihre Kameraausrüstung absichtlich zerstört wurden. Gewaltandrohungen von PassantInnen und willkürliche Fotografier-Verbote, ausgesprochen von Sicherheitskräften oder DemonstrantInnen, sind für ägyptische JournalistInnen inzwischen an der Tagesordnung.

Schusssichere Westen und Gasmasken als Lösung?

Im letzten Monat haben sich die Proteste und Streiks von JournalistInnen ob der für sie prekären Lage gehäuft. MitarbeiterInnen der unabhängigen Zeitungen wie al-Dostor, al-Watan, al-Fajr und al-Tahrir sowie freiberufliche JournalistInnen nahmen an den Streiks teil. Sie forderten die Behörden auf, die jüngsten Attacken auf ihre KollegInnen aufzuklären, freie Berichterstattung gefahrlos zu ermöglichen und die inhaftierten JournalistInnen freizulassen. Das Angebot des Innenministers, JounalistInnen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen hinter den Sicherheitskräften zu positionieren, klingt geradezu zynisch angesichts dessen, dass gerade das Militär und die Polizei einen wesentliches Teil des Problems darstellen und diese Art embedded Journalismus keinesfalls eine unabhängige Berichterstattung gewährleistet würde. Auch die Forderung des ägyptischen JournalistInnenverbands nach schusssicheren Westen und Gasmasken und nach Lebensversicherungen für alle JournalistInnen wirkt bestenfalls hilflos.

Keine der Reaktionen auf die Streiks geht auf das eigentliche Problem – die vielfältigen Repressionen – ein. Zudem verschleiern diese Vorschläge, dass die Gewalt gegen JournalistInnen systemisch bedingt und die Regierung oftmals die eigentliche Quelle der Repressionen ist. Die Institutionalisierung der Unterdrückung der Pressefreiheit drückt sich vor allem in den Militärtribunalen aus, in denen JournalistInnen in intransparenten Verfahren zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Auch die Feindseligkeit, die ägyptischen JournalistInnen auf den Straßen entgegenschlägt, ist aufgrund der kontinuierlichen Polarisierung der öffentlichen Meinung durch das neue Regime nicht verwunderlich.

Die Feindseligkeit gegen JournalistInnen ist ein Ergebnis der Pressezensur

In den von den neuen Machthabern kontrollierten Medien haben andere Meinungen als das staatlich verordnete Narrativ keinen Platz. Spätestens die Berichterstattung über das im Januar abgehaltene Verfassungsreferendum hat dies bewiesen, wie eine Studie des Cairo Institue for Human Right Studies zeigt. Gegenpositionen zu der „Ja-zur-Verfassung“-Kampagne wurden weder in Zeitungen noch im Fernsehen vertreten oder diskutiert. Vielmehr wurden die InitiatorInnen und BerichterstatterInnen der Gegenkampagne systematisch kriminalisiert. Eine objektive öffentliche Diskussion fand nicht statt und das Verfassungsreferendum wurde entgegen aller journalistischen Maßstäbe fast ausschließlich emotional und polemisch thematisiert, genauso wie alle vorherigen öffentlichen Debatten, wie zum Beispiel die über das Verbot der Muslimbrüder. So ist es zu erklären, dass Oppositionelle und Mursi-Anhänger ihre Frustration und Wut an JournalistInnen auslassen, mit denen sie die einseitige Berichterstattung verbinden, und diese als Mitverantwortliche für ihre eigene misslichen Lage sehen. Durch die verzerrte Berichterstattung in den Medien besteht zudem mittlerweile so viel Misstrauen in allen Teilen der Gesellschaft, dass Verschwörungstheorien viel Nährboden bekommen, sowohl bei Mursi-AnhängerInnen als auch bei AnhängerInnen der neuen Machthaber. So erklärt sich auch, dass JournalistInnen von allen Seiten verdächtigt werden, AgentInnen der jeweils anderen Seite zu sein und allein deshalb oft der Gefahr ausgesetzt sind, verbal und körperlich attackiert zu werden.

Diejenigen JournalistInnen, die trotz aller Widrigkeiten weiter ihrem Beruf nachgehen, müssen ein gewisses Maß an Idealismus und viel Mut mitbringen und haben sich gezwungenermaßen damit arrangiert. Auf die Frage, warum sie weiter diesen gefährlichen Beruf ausüben, antworten die befragten JournalistInnen im Interview daher ähnlich. Musab al-Shami sieht seine Rolle und die seiner KollegInnen darin, dort hinzusehen, wo Unrecht geschieht, weil sonst niemand erfahren würde, was gerade in Ägypten passiert. Seine Kollegin Amina Ismail weiß immer dann, dass sie neutral berichtet, wenn sie von allen Seiten in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis angefeindet wird. Und Mustafa macht weiter, weil Journalismus seine Leidenschaft ist, und, wie der Printjournalist Robert Omar Hamilton sagt, es die einzige Methode ist, mit der man sich gegen die neuen repressiven Machthaber wehren kann: nicht klein beigeben, sonst haben sie schon so gut wie gewonnen.

Die Interviews mit den JournalistInnen wurden im Rahmen des studentischen Projekts der Philipps-Universität Marburg „No pictures, please! – Kritischer Journalismus in Ägypten seit den Umbrüchen 2013“ geführt.

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