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Ein Junge in Istanbul am Tag seiner Beschneidung. Ein Junge in Istanbul am Tag seiner Beschneidung.

Vor gut zwei Jahren löste das Kölner Landgericht eine heftige Kontroverse aus, indem es die Knabenbeschneidung ohne medizinische Notwendigkeit zum Straftatbestand der Körperverletzung erklärte. Schnell bekam die Debatte den Tenor: „‚Wir‘ als aufgeklärte Gesellschaft gegen ‚Die‘ als Rückwärtsgewandte, die nicht hinterfragen“. Dieser Denkansatz ist falsch, argumentiert Fabian Schmidmeier, da die Beschneidung innerhalb der muslimischen Welt selbst umstritten ist. Er hat im Rahmen einer Hausarbeit Texte von zwei muslimischen Beschneidungsgegnern ausgewertet.

 

Die Suche nach arabischen Beschneidungskritikern oder -gegnern führt häufig zum Palästinenser Sami Aldeeb Abu-Sahlieh. Er betreibt im schweizerischen Saint-Sulpice das Zentrum für arabisches und islamisches Recht. Im Jahr 2000, also schon 12 Jahre vor der deutschen Beschneidungsdebatte, veröffentlichte er in seinem Buch „Knaben- und Mädchenbeschneidung bei Juden, Christen und Muslimen“ die Grundsätze muslimischer Beschneidungsgegner.Doch auch weniger bekannte islamische Gelehrte sprechen sich gegen die Beschneidung aus – die Argumentation zweier von ihnen soll hier vorgestellt werden:

Der libysche Richter Mustafa Kamal al-Mahdawi

Der Libyer Mustafa Kamal al-Mahdawi (DMG. Muṣṭafā Kamāl al-Mahdawī). hielt seit der Machtübernahme Muammar al-Gaddafis das Amt des Richters am Berufungsgericht in Bengazi inne und war daher eng mit dem Regime verbunden. In seinem Buch „Die Botschaft im Koran“ (1991) wandte er sich scharf gegen jede Form der Beschneidung bei Mädchen und Knaben.

Die Beschneidung sieht er als spezifisch jüdische Tradition. Die Juden seien seiner Ansicht nach der Auffassung gewesen, Gott könne sie nur als zugehörig zum auserwählten Volk erkennen, wenn sie das „Merkmal“ der Beschneidung trügen. Mit dem Neuen Testament der Christen sei dieses jüdische Gebot aber aufgehoben worden, weswegen es unsinnig sei, diesen Brauch als Muslim zu praktizieren.

Im Koran gebe es keinerlei Hinweise auf ein Gebot der Beschneidung bei muslimischen Männern und Frauen, womit ein solcher chirurgischer Eingriff nach seiner Interpretation ein klarer Verstoß gegen Gottes Wort im Koran darstelle. Ein weiterer Beweis für die Falschheit der Beschneidung sei die Erwähnung des Rasierens und Nägelschneidens im Koran. Wichtige Pflichten seien direkt von Gott im Koran erwähnt und die Beschneidung sei somit im Gegensatz zum Rasieren oder zum Stutzen der Nägel nicht notwendig.

Mustafa al-Mahdawi unterscheidet sich in einer Rechtsfindung aber von traditionell-sunnitischen Rechtsgelehrten, da er sich ausschließlich auf den Koran beruft. Sunnitische Scheichs ziehen hierbei oft Hadithe (Überlieferungen über Aussagen und Lebensweise des Propheten Muhammad) heran. In Gaddafis Libyen wurden Hadithe als Quelle der Rechtsfindung abgelehnt, da diese nicht direkt von Gott stammen. Dies machte al-Mahdawi zur Zielscheibe vor allem radikaler Rechtsgelehrter aus Saudi-Arabien, die ihm Unglaube (arab. Kufr) und Abfall vom Glauben vorwarfen, das Verbot seiner Schriften und seine Hinrichtung forderten. Somit kann al-Mahdawi als Vertreter einer kleinen Minderheit innerhalb des Islam angesehen werden.

Der ägyptische Intellektuelle Gamal al-Banna

Anders verhält es sich bei dem islamischen Gelehrten Gamal al-Banna aus Ägypten, der im vergangenen Jahr verstarb. Er war der Bruder des Gründers der Muslimbruderschaft, Hasan al-Banna, galt aber als Vertreter eines der Moderne angepassten Islam. Anders als al-Mahdawi folgte Gamal al-Banna der traditionellen sunnitischen Rechtsfindung und zog demzufolge auch Hadithe für seine Argumentation gegen Beschneidung heran. Ein Hadith muss für seine Glaubwürdigkeit eine Überliefererkette aufweisen. Viele Hadithe haben aber Lücken, was al-Banna in seiner Schrift „Sichtweisen zur Beschneidung“ gerade in Bezug auf die Beschneidung anprangert. Jene Hadithe, die sich für eine Beschneidung aussprechen, wiesen solche Überlieferungslücken auf, wohingegen andere Prophetenüberlieferungen ohne Lücke vor einer Beschädigung des Körpers warnten. Für Gamal al-Banna könne ein solch gravierender Eingriff wie die Beschneidung nicht auf derart zweifelhafte Überlieferungen gestützt werden.

Al-Banna zitiert Sure 95 Vers 4: „Wir erschufen den Menschen gewiss in schönster Gestalt“. Nach al-Bannas Interpretation wäre die Beschneidung nicht nur ein Verstoß gegen die gesunden Hadithe, sondern auch gegen den Koran.

Die Tradition der Beschneidung führt al-Banna bis in das pharaonische Zeitalter zurück. Über das Judentum habe die Beschneidung Einzug bei den Muslimen gefunden, obwohl diese das islamische Gebot der „Heiligkeit des menschlichen Körpers“ verletze. Die Erschaffung des Menschen „in schönster Gestalt“ impliziere selbstverständlich auch dessen Geschlechtsteile. Gott habe mit deren Erschaffung auch das Lustempfinden von Mann und Frau beabsichtigt. Gerade für die Frau sei die Beschneidung aber ein besonders barbarischer Akt, da sie ihr jegliches Lustempfinden in sexueller Hinsicht nehme und der schmerzhafte Vorgang der Mädchenbeschneidung zu einer lebenslänglichen Traumatisierung führe.

Auch habe Muhammad die Frauen zu „Schwestern der Männer“ erklärt, was seiner Interpretation die Gleichwertigkeit von Mann und Frau bedeute. Die Beschneidung der Geschlechtsteile der Frau würden gerade dieses Gleichgewicht zunichte machen und ein ungesundes Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen Mann und Frau herstellen. Gerade die Mädchenbeschneidung sei damit ein „Verbrechen, das beendet werden“ müsse. Anders als der Libyer Mustafa al-Mahdawi wird Gamal al-Bannas sunnitische Argumentation im Allgemeinen respektiert und ist nicht mit dem Vorwurf des Unglaubens behaftet.

Beschneidungsdebatte – auch im Islam

Die Positionen der beiden Beschneidungsgegner zeigen, dass die Debatte über die Richtigkeit der Beschneidung nicht nur eine westliche beziehungsweise europäische Debatte hinsichtlich der Grenzen der Religionsfreiheit und der Körperverletzung ist. Sie wird innerhalb der muslimischen Gelehrsamkeit sehr kontrovers diskutiert. Zwar sind die Texte von al-Mahdawi und al-Banna nicht tagesaktuell, aber sie werden in der Gegenwart rezipiert. Das in Europa weit verbreitete Bild vom Islam als rückständige Religion mit barbarischen Traditionen wird dadurch entkräftet. Meinungspluralismus, mit sich teilweise auch komplett widersprechenden Ansichten, kann nicht, wie viele meinen, nur im christlich geprägten Abendland existieren. Er ist auch Teil der Kultur der islamischen Welt, die eben nicht „rückständig“ ist, sondern mit ganz anderen Problemen als Europa zu kämpfen hat. Eine Beschneidungsdebatte kann ein wichtiger Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft sein und ist kein Zeichen eines Zusammenpralls der Kulturen.

 

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Alle im Text enthaltenen Zitate wurden der Arbeit „Beschneidungsgegner in der islamischen Welt“ von Fabian Schmidmeier entnommen. Diese ist auf http://derorient.files.wordpress.com/2014/05/ha-beschneidungsgegner-pdf.pdf abrufbar. Die Positionen von Mustafa Kamal al-Mahdawi und Gamal al-Banna finden sich zudem im Buch itān aukūr wa-l-ināṯ ʿind al-yahūd wa-l-masīḥiyīn wa-l-muslimīn (dt. „Knaben- und Mädchenbeschneidung bei Juden, Christen und Muslimen“) des palästinensisch-schweizerischen Juristen und Leiters des Zetrums für arabisches und islamisches Recht in Saint-Sulpice (Schweiz), Sami AlDeeb.

 

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