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Der Sinai ist für den ägyptischen Staat kaum kontrollierbar. Ein kleiner Militärposten irgendwo in der Wüste. Foto: Tobias Raschke

Am südlichen Sinai-Strand von Sharm al-Sheikh sonnen sich europäische Touristen, tauchen und genießen das Spiel der Wellen. Im Norden um al-Arish leiden insbesondere ostafrikanische Christen, aber auch Muslime, in den Fängen brutaler Menschenhändler. Eine kleine Alsharq-Serie beleuchtet die Hintergründe.

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer Serie über ostafrikanische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Israel und ihr Leben dort. Die weiteren Teile erscheinen in den kommenden Wochen, jeweils am Donnerstag.

 

Die meisten Flüchtlinge bleiben anonym. Anonym liegen sie tot am Strand von Lampedusa. Fast am Ziel im rettenden Europa sind sie umgekommen. Ertrunken, weil die Schlepper wieder ein Schiff so überladen haben, dass es kenterte. Alle europäischen Regierungen, die sonst gerne von Menschenrechten und dem westlichen Wertesystem reden, verschieben das Flüchtlingsproblem an die europäischen Außengrenzen und die Drittstaatenregelung. Asyl kann demnach nur in dem EU-Staat beantragt werden, der zuerst betreten wurde. Rechtsstaatliche Verfahren sind in vielen südeuropäischen Ländern, die von modernen Verwaltungsstrukturen noch weit entfernt sind, nicht gewährleistet. Aus Griechenland gibt es regelmäßig Berichte über völkerrechtswidrige Push-back-Operationen, bei denen die griechische Küstenwache Flüchtlinge nicht rettet, sondern zurück ins offene Meer oder türkische Gewässer bringt.

Was die Flüchtlinge auf dem Weg bis zu einer Grenze der westlichen Welt mitgemacht haben, bekommt kaum jemand mit.

Furchtbare Schicksale
Selomon aus Eritrea, der seinen echten Namen und Gesicht zum eigenen Schutz nicht preisgeben will, gehört zu den Menschen, die seinem Heimatland immer mehr fehlen: Er hat studiert, ist kreativ, engagiert sich, spricht einnehmend und überzeugend. Doch Diktaturen sehen solche Menschen als Feinde. Selomon ist seit der Reportage von Michael Obert, die im Magazin der Süddeutschen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung sowie einigen anderen Medien veröffentlicht wurde, wohl einer der bekanntesten eritreischen Flüchtlinge der Welt. Im Sinai wurde er von Menschenhändlern an Haken aufgehängt. Seine Hände und Finger wurden dabei so misshandelt und verwundet, dass nur mehr Stumpen übrig sind.

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Selomon aus Eritrea: Nach der Folter im Sinai sind von seinen Händen nur mehr Stumpen übrig. Foto: Tobias Raschke

Videos mit Berichten über die ostafrikanischen Opfer der Folterkeller oder des Organraubs aus dem Sinai machen betroffen und verstören angesichts dieser brutalen Geschäftemacherei und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal dieser Flüchtlinge. Der Menschenhandel ist für die organisierte Kriminalität ein äußerst erträgliches Geschäft, das Europäer nicht nur beim Thema Zwangsprostitution betrifft, sondern auch, wenn es um die Fluchtrouten nach Europa geht.

Ich treffe Selomon in Tel Aviv an der Central Bus Station. Wir gehen in ein eritreisches Café um die Ecke. Wollte er nach Israel?

Geraubt von Menschenhändlern
Es verwundert, warum Flüchtlinge den Weg durch die Wüste Sinai wählen. Israel ist der einzige Industriestaat mit einer Landgrenze zu Afrika. Das schien vielen Flüchtlingen, wie den in Eritrea verfolgten Christen, sicherer als über das Mittelmeer in Richtung Italien aufzubrechen. Doch nach den ersten Berichten über die Flüchtlingsfalle Sinai kamen die meisten unfreiwillig. Wem Israel früher ein sicheres Fluchtziel schien, der harrte nun in einem Flüchtlingslager aus, bis sich die Zustände in Eritrea gebessert hatten, oder er versuchte, sich über Ägypten oder Libyen nach Europa durchzuschlagen.

Dennoch landeten viele Flüchtlinge auf dem Sinai. In einem UN-Flüchtlingslager im Sudan von zerrten bewaffnete Männern den Eritreer Selomon in ein Fahrzeug. Dieser Menschenraub geschah unter den Augen von UN-Soldaten, die wie schon früher in der Geschichte wegschauten und nicht den erwarteten Schutz boten. Andere vertrauten Schleppern viel Geld an, um sie an die ägyptische oder libysche Küste zu einem Schiff in Richtung Europa zu bringen. Dort kamen sie nie an.

Das Handy als Erpressungsinstrument
Denn die beduinischen Menschenhändler verdienen an Zehntausenden von Afrikanern aus dem Sudan und Eritrea nicht nur als Schlepper, sondern verkaufen sie weiter. Die Sklavenhalter erpressen Lösegeld von den Verwandten der Betroffenen. Wo anfangs ein paar Tausend Dollar gefordert wurden, sind es heute bis zu 50 000 US-Dollar pro Person. Zum Verhängnis wird den Flüchtlingen dabei ihr letztes Verbindungsglied zur Heimat – ihr Mobiltelefon. Die Menschenhändler, die es Berichten zufolge insbesondere auf „ungläubige“ Christen abgesehen haben, suchen darin nach Nummern von Menschen im Ausland. Sobald sie eine Nummer gefunden haben, beginnt die Folter, welche die Angerufenen live am Telefon mithören müssen, wie Überlebende berichten. Die Banden halten die Opfer gefangen; sie werden festgehalten, gefoltert und vergewaltigt, wie auch Human Rights Watch dokumentiert hat.

Wer keine Verwandten in Europa hat, die entsprechende Summen aufbringen können,  dessen Angehörige in Eritrea, Sudan oder Äthiopien setzen meist ihre kompletten Ersparnisse ein. Sie verkaufen alles, was sie besitzen, ihr Haus, ihre Felder, verschulden sich bei Freunden und nehmen Hypotheken auf. Anschließend stehen die Familien, die bereits unter hohem finanziellen Aufwand ein Familienmitglied zur Unterstützung der zurückgebliebenen losgeschickt haben, oftmals mittellos ohne irgendeine Alterssicherung vor einem existentiellen Scherbenhaufen.

Wer keine Familie hat, den versklaven oder erschießen die Peiniger, oder sie liefern ihn ans tödliche Messer krimineller Ärzte, die damit in Ägypten für ausreichenden Nachschub an Nieren und Lebern zur Transplantation sorgen. Organhandel ist ein weiteres äußerst lukratives Geschäft. Manchmal wird ein Ehepartner oder ein Geschwisterteil freigelassen, um das Geld besser auftreiben zu können – im Bewusstsein, was dem Zurückgebliebenen tagtäglich angetan wird und final droht.

Das Leben der Flüchtlinge zählt in Ägypten wenig
Wer freigekauft wird, wird nach Kairo gebracht oder irgendwo im Sinai ausgesetzt. Das Martyrium ist damit für die traumatisierten und oftmals körperlich verstümmelten, darunter Frauen und Minderjährige, noch nicht zu Ende. Denn die ägyptischen Sicherheitsbehörden gehen nicht etwa gegen die Menschenhändler und ihre Folterkeller vor, obwohl teilweise schon lange bekannt ist, wo sich diese befinden. Zeugenaussagen weisen darauf hin, dass Polizei und Militär mit den Menschenhändlern zusammenarbeiten. Menschenrechtsexperten verweisen auf den korrupten ägyptischen Polizeistaat, wo zahlreiche Offizielle vor allem auf den persönlichen Vorteil bedacht sind.

Menschenrechtler im Sinai, wie der bekannte Aktivist Hamdy al-Azazy, Vorsitzender der New Generation Foundation for Human Rights in al-Arish (Sinai), werfen dem ägyptischen Staat vor, Migranten und Flüchtlinge in menschenunwürdige Gefängnisse zu werfen, statt sie zu beschützen. Das Leben der ostafrikanischen Flüchtlinge in Ägypten zählt wenig. Dies zeigt, dass auf Flüchtlinge beim Versuch, die Grenze zu Israel illegal zu überqueren, scharf geschossen wird, obwohl eine Inobhutnahme oder Verhaftung möglich wäre. So entledigt sich der ägyptische Staat seiner Verantwortung.

Entmilitarisierte Zone und Schmugglerparadies
Im Sinai gilt nicht das Gewaltmonopol des ägyptischen Staates, sondern das Recht des jeweils Stärkeren. Begünstigt wird dies einerseits durch das unwegsame Wüstengelände und die glühende Hitze, mit der die ortskundigen Beduinen viel besser zurechtkommen als zugezogene Ägypter. Jahrzehntelang vernachlässigte die Regierung in Kairo den Sinai. Die Straßen stammen meist noch aus der Zeit der israelischen Besatzung von 1967 bis 1979. Der Staat versuchte, Oberägypter anzusiedeln und den Tourismus anzukurbeln, was zu einer Verschandelung der Küste und unzähligen Hotelruinen führte. Die Beduinen überließ man sich selbst, die folglich auf den Schmuggel als Einkommensquelle setzten.

Gleichzeitig ist der Sinai gemäß des Begin-Sadat-Friedensvertrags eine entmilitarisierte Zone mit wenigen leicht bewaffneten Soldaten. Die Sicherheitsverpflichtungen gegenüber Israel führten folglich aufgrund der Bevölkerungsexplosion auch unter den Beduinen und deren stärkerer Bewaffnung mit automatischen Waffen wie AK47 oder Uzis und von Hand bedienbaren Panzerabwehr-Granatwerfern (RPGs) sowie leistungsstarken Toyota-Pickups befeuert durch den Waffenschmuggel in den Gaza-Streifen zu einem Machtvakuum, dem die mit leichten Waffen gerüstete ägyptische Armee schwach und auf den Guerillakampf unvorbereitet und unwillig gegenüber steht. Ein bewaffneter Kampf gegen Islamisten und kriminelle Beduinen wäre teuer zu bezahlen. Die ägyptischen Behörden interessieren sich für die Schmiergelder der Schmuggler und ihren formalen Machterhalt, während der Sinai zum gesetzlosen Raum wird. Hinzu kommt, dass die ägyptische Führung mit sich selbst und den Muslimbrüdern beschäftigt ist, aus denen sich die in Gaza regierende Hamas entwickelt hat.

Der Einfluss der USA und der EU durch Militär bzw. Entwicklungshilfe ist begrenzt. Touristen meiden das Land derzeit aufgrund der ungeklärten Sicherheitslage. Eine Boykott-Kampagne würde Touristen auf die Flüchtlingsproblematik aufmerksam machen und würde Länder wie Ägypten, Tunesien, aber auch das EU-Mitglied Griechenland langfristig motivieren, mit den Flüchtlingen menschenrechtskonform umzugehen. Doch aktuell spielen die Menschenrechte namenloser ostafrikanischer Flüchtlinge keine Rolle, denn deren tödliches Schicksal hat bisher keinen Preis für Ägyptens Machthaber.

Freie Hand für Menschenhändler – bis heute
In Tel Aviv erzählt eine Mitarbeiterin der Hotline for Migrant Workers von ihren Gesprächen mit den Opfern. Israel erreichten seit 2006 über 64.000 Flüchtlinge über den Sinai und die hier gestrandeten sind am stärksten betroffen. Die menschliche Dimension ist für die Betroffenen und ihre Familien so verheerend, dass dies kaum vorstellbar ist. Denn auch wenn die Lösegelderpressung „erfolgreich“ abgeschlossen wird, kommen die Flüchtlinge, wenn überhaupt, traumatisiert heraus, die es kaum mehr in ein sicheres Land schaffen, seit die ägyptisch-israelische Grenze mit hohen Zäunen massiv ausgebaut wurde.

Und Selomon? Er ist enttäuscht, wie die israelische Regierung mit den Flüchtlingen umgeht. „Es ist eine Schande“, sagt er. Aber am schlimmsten findet er, dass die Menschenhändler im Sinai nach wie vor ihr Unwesen treiben und unbehelligt ihrem mörderischen Geschäft nachgehen.

Global könnte die Lösegelderpressung dieser Art als feige Methode gegenüber lobby- und wehrlosen Migranten und Flüchtlingen in jedem fragilen Land kopiert werden, dem nicht der reiche Westen, sondern die Ärmsten der Armen schutzlos ausgeliefert wären.

Am nächsten Donnerstag: Unwillkommen und traumatisiert: Flüchtlinge gestrandet im Heiligen Land

Hinweis:

Wer den traumatisierten Opfern des Flüchtlingsdramas auf dem Sinai helfen möchte, kann dies durch eine Spende zugunsten der Hotline for Migrant Workers tun. Eine Vertreterin der Hotline ist auch am Donnerstagabend zu Gast bei einer spannenden Veranstaltung in Berlin, die das Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung und borderline-europe Menschenrecht ohne Grenzen ausrichten. Hier kann man sich dazu anmelden.

 

Weiterführende Links

Youtube-Kanal einer eritreischen Aktivistin

Betroffenen-Organisation SOS-Sinai

EVERY ONE Group for International Cooperation on Human Rights Culture

PRO ASYL: Folterkammer Sinai

The Economist:  Human trafficking in the Sinai – Houses of torture

CNN-Dokumentation 2011

ARD: Tod vor Lampedusa. Europas Sündenfall. 2014

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