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Foto und Design: Adham Bakry (CC BY-NC 3.0)

In Berlin bietet das Festival „Voicing Resistance“ der künstlerischen Auseinandersetzung mit Widerstand eine Bühne. Das Stück „Whims of Freedom“ aus Ägypten hält der Revolution den Spiegel der Geschichte vor. Eine Rezension

Die Zeit heilt Wunden, heißt es. Die Toten und Verwundeten, die Tragik und die Mühen einer Revolution – über sie legt sich mit der Zeit der Schleier der Vergessenheit. Die Heilung, das ließe sich hinzufügen, beschleunigt die Verklärung, die sich wie Schorf auf die Wunden legt und sie verkrusten lässt. Wer im Zuge der Revolution die Oberhand gewonnen hat, der wird die Geschichte schreiben und dabei glorifizieren und heroisieren wie es den eigenen Interessen nützt. Jahrzehnte später muss man schon die Kruste aufreißen, damit sichtbar wird, wie tief die Wunden wirklich reichten.

„Niemand erzählt dir vom Schmerz. Vom Warten. Von den vielen gescheiterten Versuchen, die einem erfolgreichen vorangehen.“ Alia Mosallam, eine junge Soziologin aus Kairo, hatte sich schon Mitte der 2000er jugendlichen Oppositionsbewegungen in Ägypten angeschlossen. Jahrelang blieben ihre Stimmen ungehört, 2011 dann brach sich öffentliche Frustration im Protest gegen Mubarak Bahn. Doch der Hochstimmung folgten Tiefschläge.

„Die Archive sind löchrig. Wahrheit bergen sie nur stückweise.“

Diese bewegte Zeit regt Alia drei Jahre später dazu an, die Vergangenheit nach ähnlichen Erfahrungen derjenigen zu durchforsten, die schon einmal Ägyptens Politik durch zivilen Widerstand umkrempelten. Ihr Fokus fällt auf die Jahre des ersten Weltkriegs und die Revolution von 1919, in der Arbeiter- und Bauernbewegungen die Kolonialherrschaft angriffen und die für Ägypten zu einem wichtigen Pfeiler nationaler Identitätsbildung wurde. Sie beginnt, an alten Wunden zu rühren.

Schnell muss Alia feststellen: In staatlichen Archiven ist kaum Material zu finden, das Aufschluss über zivile Bewegungen oder das Erleben einfacher Bürger gibt. Also durchforstet sie Kairos Märkte und Antiquariate nach Tonaufnahmen, Schriftstücken, Erzählungen. Sie findet die Musik: Dutzende von Liedern singt man ihr vor, Lieder der Revolutionsjahre, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den Straßen gesungen wurden und bis heute bei Demonstrationen zu hören sind. Die Texte erzählen von Gefangennahmen, dem Exil und der Rückkehr. „Die Lieder handeln von der Wut, Traurigkeit, Verbitterung. Aber auch von Errungenschaften“, so Alia. „Sie, viel mehr als alle Geschichtsschreibung, halten kollektive Erinnerungen fest.“

„Wenn man alte Schwarz-Weiß-Bilder länger betrachtet, dann beginnen sie lebendig zu werden. Dann verlieren sie ihren Charme.“

Aus der Auseinandersetzung damit, wie Erinnerung von offiziellen stellen einerseits, im kollektiven Gedächtnis andererseits festgehalten wird, entsteht ein eigenes Werk: Im Bühnenstück „Whims of Freedom“ führen Alia Mosallam und die Theaterregisseurin Laila Soliman die Geschichte der Revolution von 1919, die Erinnerung daran und eigene Erfahrungen aus den Jahren 2011 und 2013 zusammen. Wie lassen sich eigene Erfahrungen durch die Erinnerung lesen? „Whims of Freedom“ ist ein Zwiegespräch, durchsetzt von Bezügen zu alten Liedern, Texten und Bildern. Die Schauspielerinnen, Nanda Mohammed und Zainab Magdy, sprechen mal miteinander, mal aneinander vorbei. Während Nanda bemüht sachlich zu Erinnerungskultur und Mitteln staatlicher Geschichtsschreibung zu referieren versucht, schwelgt Zainab in den Melodien vergangener Zeiten, spielt brüchige Schallplatten und singt mit klarer Stimme die Lieder der Revolutionen. Ihre Monologe treffen sich in den Bezügen zum Heute: Gemeinsam erinnern sie an das Maspero-Massaker, bei dem am 9. November 2011 in Kairo über 25 Demonstranten von Soldaten getötet wurden, und an die zehntausende junge Menschen, die unter Ägyptens amtierendem Präsidenten Al-Sisi in Gefängnisse des neuen Militärregimes gesperrt worden sind.

„Der Gedanke daran, dass die Menschen vergessen werden, tut weh.“

Im Gorki STUDIO Я war das Stück auf Arabisch mit deutschen Übertiteln zu sehen und bewahrte sich so Wortwitz und Sprachmelodie. Im anschließenden Publikumsgespräch gaben Alia Mosallam und Laila Soliman Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Stücks und die aktuell niederschmetternde Unterdrückung gegenüber Oppositionellen in Ägypten. Mit „Whims of Freedom“ ist es den Autorinnen auf beeindruckende Weise gelungen, ihre Revolution – voller Hoffnungen, voller Schmerz – im Spiegel der Geschichte zu reflektieren. Hier lehnt sich Kunst gegen die Vereinnahmung der Geschichte durch die Obrigkeit auf. Die Kinder entlassen ihre Revolution, aber den Widerstand setzen sie fort.

 

Whims of Freedom läuft nicht noch einmal im Rahmen des Festivals. Doch am kommenden Wochenende sind weitere spannende Produktionen u.a. von Künstler_innen aus Syrien und Marokko zu sehen. Zum Spielplan geht es hier.

Eine Kurzvita von Autorin Laila Soliman findet sich hier.

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