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Denkmal zur Unabhängigkeit Algeriens: Für die Erinnerung und Bürgerrechte zugleich. Photo: Aslan Media/Flickr. Denkmal zur Unabhängigkeit Algeriens: Für die Erinnerung und Bürgerrechte zugleich. Photo: Aslan Media/Flickr.

Das flächenmäßig größte Land Afrikas, der wichtigste Energielieferant Südeuropas und hochgerüsteter Mittelmeer-Anrainer-Staat: Al Djazair (arabisch: die Insel) ist in der deutschen Öffentlichkeit und im gesellschaftlichen Diskurs jedoch weithin unbekannt, die Berichterstattung darüber oftmals verzerrt. Wie kommt das? Einige Stichpunkte zur Entschlüsselung dieses Enigmas von Klaus-Peter Treydte

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Algerien durch die Milchglasscheibe der französischen Berichterstattung, auch von Deutschland aus besehen: Das „Buch Algerien“ wird gemeinhin durch eine französischen Polarisationsbrille, in der Orthographie und der Grammatik der Frankophonie gelesen. 130 Jahre lang drückte Frankreich diesem Landstrich „Al Djazair“ zwischen Marokko im Westen und Tunesien im Osten seinen Stempel auf. So ist es bis heute typisch, dass für eine Berichterstattung über Algerien deutsche Korrespondenten aus Paris anreisen und dorthin zurückkehren. Vielleicht muss man sich deshalb die historische Erfahrung Algeriens und die damit verbundenen Eindrücke vergegenwärtigen, um die Schlüssel zum Verständnis vom Land und von dessen Gesellschaft zu finden.

Schlüsselerlebnis Befreiungskampf

Der algerische Befreiungskampf von Frankreich war einer der heftigsten der Geschichte der Entkolonialisierung. Die Dekolonialisierung Indiens dauerte im Unterschied dazu zwar länger und war zu Beginn hochgradig repressiv. Nach dem zweiten Weltkrieg erkannten die Briten als Kolonialmacht allerdings „the wind of change“ und gewährten dem Congress die Unabhängigkeit. 

Anders Frankreich: Bis zum Schluss sah sich Frankreich als Heilsbringer der Zivilisation, betrieb eine Politik der Segregation und Apartheid in seiner Kolonie Algerien, mit einem groben Verteilungsverhältnis von neun Algeriern auf einen Franzosen. Obwohl die Zusammensetzung der Bevölkerung völlig „asymmetrisch“ war, wurde die Kolonie Algerien zu einem département français (also Mutterland) erklärt. Frankreich errichtete in Algerien Konzentrationslager, siedelte die indigene Bevölkerung massiv in urbane Siedlungsprojekte um und betrieb in der Spätzeit auch eine Politik der „verbrannten Erde“.

Entsprechend hart, ja unüberwindlich, waren die politischen Fronten zwischen den Algeriern und den Franzosen. Vom Aufruf zum bewaffneten Befreiungskampf am 1. November 1954 bis zum Friedensschluss in Evian im Juli 1962 vergingen immerhin acht Jahre.

Die Unabhängigkeit Algeriens dann führte zu einem vollständigen politischen Bruch mit Frankreich, verbunden mit der Enteignung und dem Exodus von Kolonialfranzosen, Pieds-Noirs (in Algerien geborener Franzosen) und Harkis (Algerier, die für Franzosen arbeiteten). Und doch hängt Algerien noch heute, 50 Jahre nach der Unabhängigkeit am Tropf Frankreichs: intellektuell und ideengeschichtlich, familiär (doppelte Staatsbürgerschaft), sozial, wirtschaftlich und politisch.

Es ist, als sei die Zeit stehen geblieben: Bis heute wiederholen sich die Muster der Kolonialzeit. Ein kranker algerischer Präsident, der Zeit seiner Jugend noch selbst am Befreiungskampf teilgenommen hatte, fliegt zur Behandlung nach Paris. Er wird in einem französischen Militärhospital versorgt und verbringt seine Rehabilitation anschließend in einem Seitenflügel des Invalidendoms – dem Sinnbild französischer, militärischer, kolonialer, napoléonischer Hegemonie. Viele Algerier tun es ihrem Präsidenten nach. Die politische und wirtschaftliche Elite legt ihre Ersparnisse in Häusern und Apartments in Paris sowie in Feriendomizilen an der Côte d’Azur an.

Hebel Frankophonie

Viele Menschen in Algerien wachsen frankophon auf. Dabei scheint es gerade die das Denken prägende Grammatik der Frankophonie zu sein, die die permanente Abhängigkeit von Frankreich schafft. Darunter leidet dann auch das Verständnis der Situation. Denn Algerien hat gewissermaßen „natürlicherweise“ das politische Modell einer zentralistischen Staatsphilosophie Frankreichs übernommen. Es herrscht in Algerien auch heute ein „elementarer Jakobinismus“, in dem der Staat Alles, der Bürger in seiner sozialen Einbindung, Orientierung, Umgebung und Interessenlage aber Nichts ist.

Verkürzt könnte man es auf die Formel bringen: „Stimmbürger ja; Staatsbürger nein“. Der algerische Bürger kann ab und zu wählen – wie repräsentativ die Wahlergebnisse sind, ist dann jedoch eine andere Frage. Entscheidend aber ist, dass der Bürger nach der Wahl angehalten ist, den „Staat“ und die Verwaltung die Dinge regeln zu lassen. Beteiligen, einmischen, kritisieren, vorschlagen… – bitte nicht! Wirklicher Partizipation werden so klare Grenzen gesetzt. Die Staatsgewalt gibt vor, sie wisse, was zu machen ist – der Präsident und, von ihm abgeleitet, die Regierung kümmern sich in jakobinischer Tradition um das allgemeine Wohl des Volkes. Nur sie sind dazu autorisiert und berufen.

Diesem arrivierten Staats- entspricht ein althergebrachtes Wirtschaftsmodell: die Staatsökonomie Colbert’s, dem Wirtschafts- und Finanzminister Ludwigs des XIV. Colber versah Frankreich im 17. Jahrhundert mit Handelskompanien, Manufakturen und befestigten Chausseen, gründete ein Geflecht von staatlichen und halb-staatlichen Unternehmen zur Importsubstitution und hob eine Volkswirtschaft mit dem Staat als Pilot, Initiator oder Katalysator aus der Taufe. Das unabhängige Algerien hatte diese französische Kolonialökonomie mit einer starken Komponente von Eingriffen des Staates in das Wirtschaftsgeschehen geerbt und fortgeführt. Unter Staatschef Boumediènne wurde das Ganze ohne ideologische Bedenken oder „markttheoretische Bauchschmerzen“ gar zu einer „Sowjetökonomie“ umfunktioniert.

Zwar sind seither knapp 50 Jahre vergangen, aber auch heute noch, zu Beginn des vierten Mandats von Präsident Bouteflika, hat die unglücklich verlaufene Privatisierung primär zu einer abgebrochenen Transformation der Wirtschaft geführt. Die Indikatoren dafür sind vielfältig: staatliche Interventionen in Preisen und Faktorkosten, Subventionen, administrierter Wechselkurs, unternehmerische Aktivität als Residualgröße, Abwesenheit von Mittelstand, Vernachlässigung von Wettbewerb, mangelnde Integrationstiefe in die Weltwirtschaft.

Eine große soziale Kluft besteht zwischen Staat, Verwaltung und Staatsbetrieben auf der einen und dem informellen Sektor des Wirtschaftens und Überlebens auf der anderen Seite. Staatssektor und Sozialpolitik werden finanziert aus der „Rente“ von Erdöl- und Erdgasexporten: soziale Kohäsion und politische Akzeptanz wird so erkauft. Man spricht deshalb vom „Fluch der Rentenökonomie“. Parallel dazu verlief eine soziologische Deformation. Aus einer Befreiungsfront, die für das Projekt der Befreiung die Unterstützung der Bevölkerung bekam (und den Beifall der Weltöffentlichkeit), wurde eine „Nomenklatura“ vom Machtverwaltern, Bonzen und Administratoren, die ihres ursprünglich progressiven politisch-sozialen Inhalts verlustig ging.

Politische Parteien als Seilschaften

Die Aufsplitterung und „Verseilschaftung“ des politischen Lebens und insbesondere der politischen Parteien bedingt eine weitere Schwierigkeit, das Land zu verstehen und die Belange der Menschen zu vermitteln. Denn ohne eine breite soziale „horizontale“ Verankerung in der Bevölkerung verkommen politische Parteien in Algerien zu „vertikalen“ Seilschaften. Das Machtgefüge verläuft demnach nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Demokratisierung bedeutet für die wenigen Machthaber deshalb nicht Verbreiterung der politischen Basis, sondern die Gefahr von deren Verengung. Im Wettbewerb der Führungseliten spalten sich Parteien daher häufiger einfach auf, als sich wirklich zu reformieren. Der Rassemblement National Démocratique ist letztendlich ein Klon der National Liberation Front Bouteflikas; bei den gemäßigten Nationalisten und Islamisten sieht es nicht anders aus.

Doch Namen verschleiern mehr, als dass sie zu einer Klärung führen. Da die Staatsgewerkschaft UGTA zum Beispiel ihre Aufgabe einer allgemeinen Interessenvertretung aller Arbeitnehmer nicht mehr wahrnimmt, „klonen“ sich autonome Gewerkschaften an der Basis. Auch in der Zivilgesellschaft ist das Phänomen zu beobachten. Doch diese Bewegungen sind vergleichsweise informell und daher nur mit viel Aufwand zu identifizieren. So gibt es derzeit nur zwei offizielle algerische Menschenrechtsorganisationen – das liegt aber nicht nur daran, dass die Arbeit der anderen reglementiert wird, sondern auch, dass die beteiligten Akteure untereinander oft zerstritten sind. Als Beobachter lässt sich daher erst nach Studium der Konfliktgeschichte der Führungspersönlichkeiten Klarheit darüber gewinnen, welche Aussagen zu welcher Person gehören. Einzuschätzen und zu verstehen, wie es sich mit Reformenbestrebungen in Algerien verhält, ist darüber hinaus ein noch schwierigeres Unterfangen.

Hinzu kommt, dass algerische politische Parteien nicht Sammelbecken unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen des Landes sind, sondern Kapellen und Denkschulen, die sich seit jeher auf einen charismatischen „Caudillo“ beziehen. Hocine Ait-Ahmed zum Beispiel war 50 Jahre lang Vorsitzender der Oppositionspartei FFS, obwohl er die meiste Zeit davon im Schweizer Exil verbrachte. „Zaïmisierung“ nennt Isabelle Werenfels jenes Phänomen in den algerischen politischen Parteien.[i] Man leitet es von der ibaditischen und malekitischer Ausprägung des Islam ab, der sich in „Klosterschulen“ (Arabisch: Zaïms) unter der Führung eines Marabut manifestiert. Der Marabut spendet Glaube, Orientierung und Orthodoxie, an der nicht gezweifelt wird. Dieses Verhaltensmuster hat sich auf die politischen Parteien übertragen. Noch heute besteht der engste Zirkel um Bouteflika beispielsweise aus den Getreuen seiner Geburtsstadt Oujda (heute Marokko).

Optisch-politische Täuschung

So besteht die Vergangenheit in vielen Momenten der heutigen Politik fort. Auch die Gewalt wird weiter idealisiert. Der Psychiater und Ideologe des Befreiungskampfs vom Kolonialismus Frantz Fanon hat das als „nordafrikanische Syndrom“ bezeichnet. So wird auch heute noch der Geist vom November 1954 angerufen, dem Beginn des bewaffneten Aufstands gegen die Franzosen. Und so heißt Politik in Algerien auch immer noch vor allem „Niedermachen, Ausschluss, Durchsetzen und Mundtotmachen des politischen Gegners“. Mit Kompromiss und Ausgleich hat das nicht viel zu tun, weil die Monopolisierung der öffentlichen Meinung, Mobbing und gar Mord durch Polizei- und Sicherheitskräfte zum Mittel dieser Politik gehören.

Diese am Krieg orientierte Werteskala, in der die Gewalt eine Form von Akkumulation und Verteilung von Reichtum darstellt, durchzieht die algerische Gesellschaft. Es ist ein Vexierbild, ein im Gehirn tief eingegrabenes „imaginaire“, in dem die Vorstellung vorherrscht, dass Gewalt für den Menschen die einzig denkbare Form des „Vorankommens“ sei. Dieser „kulturelle Code des sozialen Aufstiegs“ durch die Ausübung von Gewalt, so schrieb Fanon einstmals, macht auch heute demokratische, zivile und friedliche Zusammenlebensformen in Algerien so kompliziert.

In der Verklärung der Gewalt täuschte sich auch die deutsche und europäische Linke; auch sie unterschätzte die religiös-nationalistische Dimension des „algerischen Weges“. Die intellektuellen „Kofferträger“ gingen dabei von ihrem eigenen säkular-linken Weltbild aus. Mit verheerenden Folgen projizierten sie dieses Weltbild auf in eine politische Elite in Algerien, die aber Militärs und Muslime waren oder sich als „Araber“ sahen (Ben Bella im Kairoer Exil) und alle anderen Bewegungen, unter denen auch einzelne progressive waren, kalt gestellt oder umgebracht hat. In Anbetracht dieser Gewalt wurde das äußere und innere Exil über 50 Jahre so die Daseinsform politischen Überlebens in Algerien.

Das Leuchtturmprojekt der Linken, die Befreiung Algeriens vom kolonialen Joch und damit (pars pro toto) die Befreiung der Völker Afrikas und Asiens scheiterte. Es wandelte sich, so kann man es sehen, in ein nationalistisch-religiöses, kleinbürgerliches Populismusmodell. Dabei riss sich eine „Nomenklatura“ bestehend aus der Staatspartei FLN und dem Militär die produktiven und aneignungsfähigen Ressourcen einer Volkswirtschaft unter den Nagel. Das einfache Opfer dieser Entwicklung war die breite Bevölkerung, in Deutschland kommt davon jedoch bis heute wenig an.

Es ist schwierig, aus der Fülle von Informationen ein zutreffendes Bild des politischen und sozialen Geschehens zu zeichnen. Einzelne Puzzle-Teilchen passen auch gar nicht zusammen. Doch in der Analyse der Ereignisse lässt sich manchmal mit Rückblick auf vergangene Jahre ein kleiner Einblick gewinnen, wieso etwas gerade heute passiert und in welcher Form die Ereignisse ablaufen. Das aber ist aufwendig, weil man an der Oberfläche kratzen und in die Tiefen der kollektiven Erfahrung von Gesellschaften eintauchen muss, um das Verständnis von Algerien heute entwickeln zu können.

 


[i] Isabelle Werenfels 2012. Managing Instability in Algeria, Elites and Political Change since 1995. Routledge.

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