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Kein Mensch ist illegal. Bild: Denis Bocquet / Flickr. CC-BY 2.0

Mitte Juli lud der Berliner Verein 14km zur Fachtagung „Flucht / Migration / Entwicklung – Facetten der Migration zwischen Nordafrika und Europa“ ein. Fazit: Die Politik beginnt, migrantisch-diasporische Gruppen stärker in Migrationspolitik einzubinden – doch von solcher Zusammenarbeit braucht es mehr! Ein Veranstaltungsbericht. 

„Flucht, Migration und Entwicklung sind eng miteinander verknüpft. Über die Wechselwirkungen weiß man aber viel zu wenig“, sagt Anja Gebel, Leiterin des Vereins 14km in Berlin. Gebel studierte Internationale Beziehungen und stieß 2012 zu 14km. 14 Kilometer misst die Meerenge von Gibraltar – die kürzeste Entfernung zwischen Nordafrika und Europa. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, interkulturellen Austausch und Kooperation zwischen Nordafrika und Europa zu fördern. Das Verhältnis sollte ein nachbarschaftliches sein“, fasst Anja Gebel die Vision des Vereins zusammen.

Wenige Themen werden so polarisierend diskutiert wie Migration. Gleichzeitig sind Daten häufig wenig bekannt und Begrifflichkeiten vage definiert. Das betreffe auch die europäische Migrationspolitik, befanden die Experten des ersten Panels, das einen Überblick zur Migration von und über Nordafrika nach Europa gab. „Inzwischen migrieren fast so viele Menschen innerhalb des globalen Südens wie von Süd nach Nord“, berichtete Steffen Angenendt, Referent für Migrationspolitik von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Nach jahrelanger Abnahme der Zuwanderung stiegen die Zahlen für Asyl- und Visumsanträge erst seit 2013 wieder. Zunehmend ließe sich dabei zwischen Flucht und Migration, also Wanderung auf Grund von Zwang oder der Suche nach besseren Lebensumständen, nicht mehr differenzieren, so Angenendt.

Diese Unterscheidung aber präge die europäische Migrationspolitik von Grund auf, erklärte Harald Glöde, Vorstandsmitglied des Vereins borderline Europe – Menschenrechte ohne Grenzen. „Gilt man als Migrant, möchte man also nach Europa um unter menschenwürdigeren Umständen zu leben, gibt es kaum Möglichkeiten, legal an ein Visum zu kommen: Zu wenige werden vergeben, zu teuer und nur an Hochqualifizierte“, so Glöde. „Für Flüchtlinge gibt es zusätzliche Hindernisse: Als Flüchtling kann man nicht legal in die EU einreisen. Die Menschen müssen in den allermeisten Fällen illegal einreisen und dann Asyl beantragen.“

Politik der Abschottung schafft Realität der Illegalisierung

Die Politik der Abschottung hat, so könnte das Fazit des Panels lauten, eine Realität der Illegalisierung geschaffen. Die sei unmenschlich – man denke an die Tausenden von Toten, welche die illegalen Mittelmeer-Überfahrten jährlich fordern – und bedeute neben moralischem Versagen auch vergebenes Potenzial, vor allem an motivierten Arbeitskräften. Nicht nur in der „Festung Europa“, auch im Bezug auf die Herkunftsländer gilt Migration bislang häufig als Negativphänomen. „Da ist das Stichwort ‚brain drain’. Doch diese Wahrnehmung hat sich gewandelt“, beschrieb Stephanie Deubler vom Sektorvorhaben Migration und Entwicklung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Deubler eröffnete gemeinsam mit Vertreter_innen migrantischer Organisationen den zweiten Tagungstag mit dem Schwerpunkt Migration und Entwicklung. „In der Entwicklungszusammenarbeit wird verstärkt darauf gesetzt, Migranten mit einzubeziehen und gegebenenfalls Rückkehrer zu unterstützen“, sagte Deubler.

Migration nicht mehr als Negativphänomen betrachten

Von diesem Paradigmenwechsel, der konstruktiven Betrachtung von Migration, profitieren auch Migrant_innen-Verbände in Deutschland. „Man hat angefangen wertzuschätzen, was für ein Potenzial und was für Netzwerke migrantische Organisationen haben“, so Lucía Muriel, Beraterin für migrantisch-diasporische Gruppen beim Verband moveGlobal e.V., der erst 2012 als Dachorganisation für migrantische Organisationen gegründet wurde und diese einerseits berät und andererseits verstärkt als Interessenvertretung nach außen repräsentieren soll. Ihre Vernetzungsarbeit und Fortbildungen stießen bei migrantischen Organisationen auf großes Interesse, wurden diese doch gerade von staatlicher Seite lange vernachlässigt. Die Organisationen arbeiten in die migrantische Community hinein, engagieren sich in den Herkunftsländern und sind bemüht, entwicklungspolitische Bildung zu fördern.

Vernetzung und Austausch förderte auch die Fachtagung „Flucht / Migration / Entwicklung“: Den Abschluss der Tagung bildete ein sogenanntes Bar-Camp, in dem Teilnehmende verschiedener Initiativen Diskussionspunkte und Ideen in Kleingruppen vorstellen und Lösungsansätze erarbeiten konnten. Eine Veranstaltung, die sich den Streitthemen Migration und Flucht erfrischend diskussionsfreudig und konstruktiv näherte. 14km e.V. möchte mit weiteren Seminaren und Vorträgen die Arbeit fortsetzen. Aktuelle Veranstaltungshinweise finden sich auf http://14km.org/.

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