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Wien, Juni 2014: Das Interesse an den Verhandlungen zum iranischen Atomprogramm hält an - was dabei heraus kommt, bleibt dagegen offen. Photo: AFP PHOTO/SAMUEL KUBAN (CC) Wien, Juni 2014: Das Interesse an den Verhandlungen zum iranischen Atomprogramm hält an - was dabei heraus kommt, bleibt dagegen offen. Photo: AFP PHOTO/SAMUEL KUBAN (CC)

Noch immer ist der Atomkonflikt zwischen dem Iran und dem Westen nicht abschließend gelöst. In seinem Buch Atommacht Iran – die Geburt eines nuklearen Staates liefert der britische Journalist David Patrikarakos eine facettenreiche Gesamtdarstellung der Geschichte des iranischen Atomprogramms, die sehr viel länger ist, als der rund zehnjährige Konflikt darüber. Eine Rezension von Henning Schmidt

Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen, heißt es. Der britische Journalist und Autor David Patrikarakos nimmt sich diese Weisheit zu Herzen und erzählt die technische und politische Geschichte des iranischen Atomprogramms von Anfang an – das heißt ab dessen Start 1957 bis zum Ende des Jahres 2012. Um dies zu leisten, hat sich Patrikarakos mit einer Vielzahl von Experten und Zeitzeugen unterhalten und Akten ausgewertet. Auf rund 400 Seiten zeigt der Band in überwiegend spannend zu lesender Form, welchen Aufs und Abs das Programm im 55-jährigen Betrachtungszeitraum des Buches unterworfen war.

Symbol für imperiale Größe und technischen Fortschritt

Letztlich, so die Grundthese des Buches, ging es dem Iran von Anfang an darum, mittels des Atomprogramms den selbst empfundenen Mangel an Prestige und internationaler Anerkennung auszugleichen. Dennoch setzten sowohl das Shah-Regime als auch die Islamische Republik unterschiedliche Akzente in diesem Bestreben. Für Patrikarakos war das Atomprogramm anfänglich die konsequente Umsetzung der Analyse des iranischen Niedergangs seit dem 19. Jahrhundert durch den Schah). Für den Herrscher nämlich war nicht der Imperialismus schuld am Niedergang des Iran, sondern dessen technologische Rückständigkeit. Der Schah leitete daraus vor allem das Ziel ab, das Land zu modernisieren und Persiens Glanz wiederherzustellen. Das Atomprogramm sollte dieses Bestreben krönen und Irans Ölverbrauch drosseln. Atomwaffen spielten zu dieser Zeit noch keine Rolle. Zwar dachte man Mitte der 70er Jahre kurzzeitig darüber nach, entschied sich dann aber doch dagegen und unterschrieb den Nichtverbreitungsvertrag, weil man sich mit seiner konventionellen Bewaffnung überlegen genug fühlte, um sich gegen Angriffe zur Wehr zu setzen. Außerdem war dem Schah klar, dass die USA selbst einen mit ihnen koalierenden, atomar bewaffneten Iran nicht akzeptieren würden.

Vom Nationalen Symbol  zum Teufelszeug und wieder zurück.

Nach der Revolution, so Patrikarakos, begann die Bewertung des Programms zu schwanken. Zunächst wurde es als Symbol der Verschwendungssucht des verhassten Schahs und der Abhängigkeit vom westlichen Imperialismus diskreditiert, in Folge des Krieges gegen den Irak jedoch reaktiviert. Nun ging es nicht mehr nur um technischen Fortschritt, sondern vielmehr darum, das Wissen über Atomenergie soweit zu vermehren, dass man sich vom Westen unabhängig machen könne. Heute schließlich, so bilanziert Patrikarakos die Stellung des Atomprogrammes durchaus zutreffend, ist es vor allem zu einem Symbol für nationale Unabhängigkeit und die Abgrenzung zum Westen und insbesondere zu den USA geworden, von denen sich der Iran zu Unrecht um seinen Platz im Internationalen System betrogen sieht. Denkt man sich also die scharfe Gegnerschaft zu den USA einmal weg, schließt sich in gewisser Weise in der Atomfrage von 1957 bis heute der Kreis.  

Breiten Raum in Patrikarakos Argumentation nimmt denn auch die jüngere iranische Geschichte ein. Dabei hebt er die Auswirkungen der historischen Traumata auf den Atomkonflikt gesondert hervor, die der Sturz Mossadeghs und die Unterstützung des Schahs durch die USA einerseits für den Iran,und die Geiselnahme in der US-Botschaft im November 1979 andererseits für die USA bedeuten. Gelegentlich etwas zu detailverliebt, aber durchaus schlüssig, wird gezeigt, wie immer wieder eine Mischung aus historischen Altlasten und Befindlichkeiten, gegenseitigen Fehleinschätzungen, aber auch schlichtes geopolitisches Kalkül, eine Konfliktlösung verhinderte oder deutlich erschwerte und vermutlich noch immer erschwert. Hier liegt die Hauptstärke des Buches, denn es gelingt dem Autor, die Gedankenwelt der Akteure USA, Europa und Iran für den Leser plastisch begreifbar zu machen.

Das System reformieren – nicht zerstören

Der Band ist zudem ein nahezu lückenloses Protokoll aller Verhandlungsrunden bis Ende 2012 und weist hier durchaus Längen auf. Jedoch arbeitet Patrikarakos in seinem Fazit einen wichtigen Fingerzeig für Leser und Entscheidungsträger heraus, wenn er schließlich das Folgende feststellt: Wichtig sei, so Patrikarakos, dass der Iran das internationale System der Atomwaffenkontrolle nicht per se ablehnt, sondern um mehr Unabhängigkeit innerhalb des Systems kämpft. Iran will aus seiner Sicht die Internationale Ordnung nicht überwinden oder zerstören, sondern vielmehr seinen rechtmäßigen Platz innerhalb dieser Ordnung, als ’starker Mann am Golf‘, der in der Weltpolitik ein gewichtiges Wort mitzureden hat, sichern und ausbauen. Dabei gehe er trotz aller Differenzen im Grundsatz konstruktiv vor, ganz im Gegensatz zu beispielsweise Nordkorea. Dies alles gibt Patrikarakos Anlass zur Hoffnung, dass der Atomkonflikt letztendlich trotz aller Irrungen und Wirrungen gelöst werden könne, den guten Willen aller Beteiligten vorausgesetzt. Zur Frage, ob Iran Atomwaffen anstrebt, oder gar bereits besitzt, kann Patrikarakos indes keine abschließenden Erkenntnisse liefern. Wie die meisten Autoren, zeigt er starke Indizien auf, an unumstößlichen Beweisen mangelt es aber auch ihm.

Alles in allem liefert der Band eine umfassende Chronik der politischen und technischen Geschichte, sowohl des iranischen Atomprogrammes als auch des Atomkonflikts zwischen dem Iran und dem Westen. In seinen guten Passagen, die eindeutig überwiegen, schafft es der Band Handeln und Gedankenwelt beider Seiten gut nachvollziehbar zu machen. Nur gelegentlich verliert sich Patrikarakos in zu vielen wenig relevanten Details. Insgesamt also ist das Buch jedem Wissenschaftler, Medienschaffenden sowie interessierten Laien, der sich eine fundierte Kenntnis über Irans Atomprogramm und den Atomkonflikt anlesen möchte, zur Lektüre empfohlen.

David Patrikarakos, Atommacht Iran – die Geburt eines nuklearen Staates, Berlin 2013, 432 Seiten.  

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