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Deutsche Polizisten als Ausbilder im Einsatz in Afghanistan. Foto: isafmedia (CC)

Hastig zogen die Koalitionsmächte 2001 in den Krieg gegen Afghanistans Taliban. Den Aufbau eines neuen Staatswesens sollen dort auch ausländische Entwicklungshelfer_innen und Berater_innen vorantreiben. Kristin Höltge arbeitete über drei Jahre für die GIZ in Kabul. Ein frustrierender Job? Nicht, wenn man sich realistische Ziele setzt, erklärt sie im Alsharq-Interview.

Alsharq: Sie waren mehrere Jahre für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Afghanistan. Wie haben Sie Ihre Zeit dort erlebt?

Kristin Höltge: Die GIZ setzt im Auftrag der Bundesregierung etwa 60 Projekte der Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan um. Ich selbst war als Komponentenleiterin im Polizeiaufbauprogramm tätig und dort für die Umsetzung von Trainings- und Mentoringmaßnahmen in Zusammenarbeit mit der EU Polizeimission in Afghanistan EUPOL zuständig.

Ich hatte das Glück, sehr viel im Land unterwegs gewesen zu sein, weil die Trainings für Polizisten und Staatsanwälte landesweit durchgeführt werden. Dies gab mir die Chance, in elf Provinzen zu reisen und mit den dortigen Leitern der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft Details der Trainings zu erörtern und somit auch die regionalen Besonderheiten besser zu verstehen. Beispielsweise sind die Vorkenntnisse der Teilnehmenden in großen Städten mit Universitäten wie Mazar-e-Sharif und Herat bei weitem besser als in den südlichen Provinzen wie Uruzgan und Helmand.

Wie frei konnten Sie sich bewegen? Welche Möglichkeiten der Begegnung mit Afghanen gab es?

Die Bewegung innerhalb der Städte ist aus Sicherheitsgründen vielfach auf Autofahrten beschränkt, für Reisen in andere Provinzen waren Flüge die Regel.Insofern waren Kolleginnen und Kollegen, die Partner in den afghanischen Behörden und die Trainingsteilnehmenden die wichtigsten Kontaktpersonen, um Land und Leute kennenzulernen.

Schade fand ich, dass das Polizei- und Justizumfeld natürlich noch viel stärker als beispielsweise in Europa männerdominiert ist und ich daher eher wenig Kontakt zu afghanischen Frauen hatte.

Was sind die Schwerpunkte deutscher Entwicklungszusammenarbeit im Land?

Das Portfolio der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ist sehr umfangreich. Die GIZ unterstützt die afghanischen Partner beispielsweise dabei, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und Strom sicherzustellen, Schulen zu bauen oder, wie schon gesagt, beim Aufbau einer gut ausgebildeten Polizei für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Können Sie von wahren Erfolgsgeschichten erzählen?

Ja. Natürlich sind Erfolge auch eine Frage der gesteckten Ziele. Mit realistischen Erwartungen jedoch fallen mir zwei Beispiele für Erfolgsgeschichten ein.

Gemeinsam mit EUPOL hat die GIZ die Fernseh-Krimiserie „Kommissar Amanullah“ umgesetzt. Finanziert wurde das Projekt vom Auswärtigen Amt. Die Serie ist bei den Afghanen sehr gut angekommen. In 40 Episoden folgen die Zuschauer einem Ermittler, der Straftaten vom Familienmord über Korruption bis hin zu Terrorismus aufklärt und dabei selbst auf seine Bestechlichkeit geprüft wird. Aber Amanullah bleibt standhaft und folgt seinem Eid, sich für das Wohl der Bürger und Bürgerinnen einzusetzen. Neben der reinen Unterhaltung zielt die Serie darauf ab, das Vertrauen der Bevölkerung in die afghanische Polizei zu stärken, die bislang keinen guten Ruf hat. Außerdem soll „Kommissar Amanullah“ helfen, Nachwuchs für den Polizeidienst zu gewinnen.

Aber auch ein von der niederländischen Regierung finanziertes Projekt zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft lief sehr gut. Die GIZ hat hier gemeinsam mit EUPOL einen Pool afghanischer Trainer aufgebaut. Diese schulen Polizisten und Staatsanwälte in 13 afghanischen Provinzen darin, worauf sie bei den Ermittlungen achten müssen und wie sie dabei zusammenarbeiten sollten. Dazu spielen die Teilnehmer einen fiktiven Mordfall nach und diskutieren Schritt für Schritt das Vorgehen. Es war großartig zu sehen, wie aktiv sich die Teilnehmer untereinander ausgetauscht haben und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen gelangt sind. Unter anderem durch solche Trainings verbessert sich schrittweise die Aufklärungsrate von Verbrechen in Afghanistan.

Welches Fazit der Zeit in Afghanistan ziehen Sie für sich, aber auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im weiteren Sinne?

Ich kann nur für mich sprechen. Mein Fazit lautet: engagiert bleiben. Auch auf Projektebene die Afghanen bestärken, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Und bescheiden sein, was die Projektziele angeht.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Höltge. 

 

Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Kristin Höltge wurde von der GIZ autorisiert. 

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