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Brüder unter sich: Der verstorbene König Abdullah und sein Nachfolger Salman bin Abdulaziz Al Saud. Photo: Tribes of the World/Flickr (CC BY-SA 2.0) Brüder unter sich: Der verstorbene König Abdullah und sein Nachfolger Salman bin Abdulaziz Al Saud. Photo: Tribes of the World/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Die erste Amtshandlung des neuen König Salman in Saudi Arabien nach dem Tod seines Vorgängers Abdullah im Januar 2015 war die Neuordnung und Verjüngung der Thronfolge. Zunächst als Signal für zukünftige Stabilität interpretiert, kamen erst später die eigentlichen Beweggründe des neuen Königs zu Tage: Die Machtkonsolidierung seines Familienclans. Von Maria Debre

Der König ist tot, lang lebe der König. Auch wenn der Machtwechsel an der Spitze des saudischen Königshauses im Januar diesen Jahres nach außen völlig harmonisch abzulaufen schien, die rivalisierenden Clans der Monarchenfamilie lieferten sich intern einen harten Machtkampf. Details über die Intrigen, die hinter der Bühne abliefen, kommen dabei erst langsam ans Licht.

Nur wenige Tage nach dem Begräbnis des alten Königs Abdullah überraschte sein Nachfolger und Halbbruder Salman die Welt mit einer Neuordnung der Thronfolge: Er besetzte das vakante Amt des Vizekronprinzen zum ersten Mal mit einem jungen Mitglied der Enkelgeneration, dem bisherigen Innenminister Mohammed Ibn Naif. Damit könnnte der saudische Thron im Falle von Salmans Tod, selbst schon fast 80 Jahre alt, zum ersten Mal an ein Mitglied der Enkelgeneration übergeben werden.

Dieser Generationenwechsel an der saudischen Machtspitze war lange überfällig. Medien und Politikkenner spekulierten, Salman wolle damit seinem Volk und internationalen Partnern anhaltende Stabilität für kommende Jahrzehnte signalisieren.

Die Thronfolge war bis dato den geschätzt 43 Söhnen des 1953 verstorbenen Staatsgründers Abdul Aziz vorbehalten. Doch die erste Nachfolgegeneration ist mittlerweile längst überreif: Salmans Vorgänger, König Abdullah, bestieg den Thron im Jahr 2005 mit gut 80 Jahren – sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt – und starb mit circa 90. Beide von ihm in seiner Amtszeit benannten Nachfolger, Kronprinz Sultan und Kronprinz Naif, starben bereits 2011 und 2012, bevor sie ihren Dienst überhaupt antreten konnten. Der neue König Salman begann seine Amtszeit im Alter von 79 Jahren, Gerüchte, er leide unter Demenz, machen schon seit längerem die Runde.

Der Kampf um Abdullahs Nachfolge: Salman versus Miteb

Neben der Beförderung Mohammeds zum Vizekronprinzen tauschte der neue König Salman noch eine Handvoll lang gedienter Politiker des Hofes mit jüngeren Zöglingen aus. So setzte er unter anderem seinen Sohn als neuen Verteidigungsminister ein. Doch was von außen als Tatendrang und Zeichen der Stabilität interpretiert wurde, dürfte jedoch vielmehr Ausdruck eines klassischen Familienmachtkampfs um die Spitzenpositionen und langfristige Machtverteilung zwischen verschiedenen Faktionen des Hauses Al Saud sein.

König Salman selbst ist Mitglied der sogenannten Sudairi-Sieben, einer reichen und einflussreichen Gruppe von sieben Brüdern aus Abdul Azizs Ehe mit seiner Lieblingsfrau Hassa bint Ahmen Al Sudairi, die seit den 1980ern die Geschicke des Landes zentral mitentscheiden. Abdullah jedoch war kein Mitglied dieser Familienfaktion, sondern Nachfolger der Al Rashid Dynastie, eines konkurrierenden Stammes des Hauses Al Saud.

Dennoch musste Abdullah 2012 notgedrungen das nächste nachfolgeberechtigte Familienmitglied, seinen Sudairi-Clan Halbbruder Salman, zum neuen Kronprinzen ernennen. Um zu verhindern, dass die Macht nach dem Tode Abdullahs erneut für lange Jahre dem Sudairi-Clan zufällt, hatten Abdullahs Sohn Miteb und der Chef des königlichen Hofes, Khalid al-Tuwaijri, den alten König schon bald zu einer Neuregelung der Thronfolge gedrängt. Zum ersten Mal sollte Miteb als Mitglied der Enkelgeneration als Vizekronprinz eingesetzt werden, um die Thronfolge langfristig an Abdullahs Familienfaktion zu binden. Abdullahs rapide abnehmender Gesundheitszustand verhinderte dies jedoch.

Als er am 31. Dezember 2014 überraschend mit Lungenentzündung ins Krankenhaus in Riad transportiert wurde, versuchten Prinz Miteb und Tuwaijri noch erfolglos, den schlechten Gesundheitszustand Abdullahs geheim zu halten. Sie wollten ein letztes Dekret in seinem Namen erlassen: Salman sollte als Kronprinz geschasst und Abdullahs Sohn Miteb als Vize in die Nachfolge aufgenommen werden. Gemäß Berichten verschiedener Quellen involvierten sie dafür sogar den Abdullah eng verbundenen ägyptischen Präsidenten Sisi. Dieser ließ im ägyptischen Fernsehen von Moderator Hosseini Gerüchte verbreiten, wonach Salman aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt als Kronprinz entlassen werden sollte.

Doch Salmans Entschlossenheit machte den beiden einen Strich durch die Rechnung. Salman ließ bereits am 2. Januar eine Pressemitteilung veröffentlichen, mit der er bekannt machte, dass König Abdullah im Koma liege und künstlich beatmet werde. Damit war öffentlich klargestellt, dass Abdullah nicht mehr in der Lage war, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Miteb und Tuwaijri versuchten daraufhin noch, Salman einen Deal anzubieten, damit er Abdullahs Sohn doch noch als Vize einsetzten würde. Doch auch diese Offerte scheiterte und Abdullah verstarb am 23. Januar 2014, ohne dass die rivalisierenden Faktionen zu einer Übereinkunft gekommen wären. Salman ließ Tuwaijri noch vor dem Begräbnis Abdullahs verhaften; momentan sitzt der ehemals einflussreiche Chef des saudischen Hofes unter Hausarrest, während gegen ihn wegen angeblicher Korruption ermittelt wird.

Nur wenige Tage nach dem Begräbnis Abdullahs vollzog Salman mit der Neuregelung der Thronfolge den Generationenwechsel in der saudischen Nachfolge – allerdings zu Gunsten seiner eigenen Sudairi Familienfaktion. Prinz Miteb ging bei der Neuverteilung des Amtes leer aus. Zudem wird die baldige Abschaffung seines Amtest als Chef der saudischen Nationalgarde erwartet

König Salman konsolidiert die Macht des Sudairi-Clans

Im April nahm schließlich der letzte Akt des Familiendramas seinen Lauf. Salman beförderte den im Januar eingesetzten Vizekronprinzen Mohammed Ibn Naif zum neuen Kronprinzen und ernannte seinen eigenen 29-Jahre alten Sohn zum Vize. Mohammed selbst ist Sohn eines Sudairi-Sieben und damit ebenfalls Nachfolger des einflussreichen Clans. Damit scheint die Macht nun vollends und für lange Zeit im Sudairi-Clan konsolidiert.

Für Salman scheint Mohammed allerdings aus einem weiteren Grund ein idealer Kandidat als Kronprinz zu sein, weswegen er wohl auch den vielen anderen Mitgliedern der Enkelgeneration mit weit höherer Seniorität vorgezogen wurde: Prinz Mohammed hat nur Töchter, die im saudischen Königshaus – „selbstverständlich“ – nicht nachfolgeberechtigt sind. Salman wird Mohammed deshalb nicht als Bedrohung für die zukünftige Regentschaft seines eigenen Sohnes sehen.

Diese Episode zeigt, wie intrigenhaft es am saudischen Hof auch heute noch zugeht. Auch wenn gewaltsame Palastrevolten, wie sie im vergangenen Jahrhundert noch lange üblichen waren, wohl keine Gefahr mehr für das Leben und die Macht der regierenden Könige darstellen, sind zukünftig dennoch keine vertrauensvollen Beziehungen zwischen den rivalisierenden Familienfaktionen zu erwarten. Dafür sind die Mitglieder der saudischen Königsfamilie zu sehr an der Absicherung ihrer Macht, ihrem eigenen Überleben und dem ihres Clans interessiert. Diese Ziele, und nicht die der saudischen Gesellschaft, leiten die Prinzen in ihren Entscheidungen und ihrem politischen Handeln.

An der grundsätzlichen Ausrichtung der saudischen Innen- und Außenpolitik wird dieser interne Machtkampf jedoch kaum etwas ändern. Sowohl Salman als auch sein neuer Kronprinz Naif sind Hardliner im Kampf gegen Dissidenten und islamisch-radikale Gruppierungen. Auch an der traditionell engen Partnerschaft mit den USA wird das neue Führungsteam nicht rütteln. Naif hat in den USA studiert und gilt als Kenner und Freund des Weißen Hauses. Doch trotz des jungen Alters der neuen Thronfolger und ihrer westlichen Ausbildung halten sie auch an der streng konservativen Sozialpolitik des Landes fest. Hoffnungen auf verstärkte Förderung von Frauenrechten oder die Verbesserung des Menschenrechtsschutzes in Saudi Arabien scheinen deshalb auch in Zukunft äußerst unrealistisch.

 

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