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Viel zu entdecken: Besucher des diesjährigen Pal Fest. Foto: Pal Fest/Rob Stothard Viel zu entdecken: Besucher des diesjährigen Pal Fest. Foto: Pal Fest/Rob Stothard

– English version included – Die palästinensische Kultur in Haifa erlebt eine Renaissance. Die junge Generation palästinensischer Araber formt eine lebhafte Subkultur in der „gemischten Stadt“. Sie trotzen dem Widerstand aus Politik und Gesellschaft und lassen die palästinensische Kultur aufblühen. Von Kolja Brandtstedt

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Während eine Auswanderungswelle jüdischer Künstler nach Berlin Israel trifft, schafft eine neue Generation palästinensischer Araber ihre ganz eigene Subkultur in Haifa. Die Stadt bringt viele junge Künstler hervor, deren Ziel es ist, sich dem traditionellen Bild der palästinensischen Kultur zu entledigen und gleichzeitig das kulturelle Gesicht der Stadt zu beleben. Wäre Ayman Odeh, der bei den israelischen Parlamentswahlen im März zum prominentesten palästinensisch-israelischen Politiker aufstieg und in Haifa aufgewachsen ist, einige Jahre jünger, er wäre wohl auch ein Haifster geworden: einer von Haifas arabischen Hipstern.

Haifa wird in Israel gern als Beispiel für die friedliche Koexistenz der im Lande lebenden Juden, Muslime, Bahai und Christen angeführt. Frei von Konflikten ist das Zusammenleben in der Stadt zwar nicht, doch prallen in Haifa verschiedene Sprachen, Traditionen und Kulturen in einer Weise aufeinander, die eine spannungsreiche Grundlage für eine lebendige Subkultur bietet. Khulood Tannous, Mitglied im Khashabi Ensemble und Managerin des aufstrebenden Khashabi Theaters im Stadtteil Wadi Salib, ist der Meinung, dass die israelische Besatzung und die Diskriminierung durch den israelischen Staat gut für die palästinensische Kunst ist, denn „man hinterfragt sich, man ringt und kämpft mit sich, man ist ständig auf der Suche und all dies belebt die Kunst“. So finden in Haifa, der „gemischten Stadt“, regelmäßig eine Vielzahl an kulturellen Kooperationsprojekten, Konzerten und Festivals statt und wird kulturelle Konfrontation unter anderem im Beit HaGefem, einem jüdisch-arabischen Kulturzentrum, und im Al-Midan Theater, dem einzigen professionellen palästinensischen Theater in Israel, gelebt.

Al-Midan – ein Ort für palästinensische Kultur

Im September letzten Jahres wurde dort erstmalig ein Theaterstück in hebräischer Sprache aufgeführt, „Oved Shabbat“/„Quieter Days“. Die Verantwortlichen glauben daran, dass das Medium Theater sozialen Wandel befördern kann und wollten durch dieses Theaterstück auch das jüdisch-israelische Publikum ansprechen.

Erst kürzlich kam es im Al-Midan Theater jedoch zu einem Eklat; Grund dafür war das Theaterstück „A Parallel Time“ von Bashar Murkus, einem jungen Künstler aus Haifa und ebenfalls Mitglied im Khashabi Ensemble. Der Vorwurf lautete, sein Theaterstück basiere einzig und allein auf einer Geschichte von Walid Daka, der als Mitglied der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er den israelischen Soldaten Mosche Tamam entführt und ermordet haben soll. Auf Drängen von Shai Blumenthal, Stadtrat und Mitglied der Partei HaBayit HaYehudi (Jüdisches Heim), behielt die Stadt die finanzielle Unterstützung für das Theater ein, aufgrund der angeblichen Glorifizierung eines Terroristen.

Mittlerweile fließen die Mittel wieder; das Überleben des Theaters, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1994 einen großen Zulauf seitens der arabischen und jüdischen Bevölkerung erarbeitet hat, ist gesichert. Dies sorgte nicht nur bei den Theaterschaffenden für Erleichterung: Auch das palästinensische Filmfestival, das seit zwei Jahren von Zochrot (Hebräisch für Erinnern) und Al-Midan organisiert wird, nutzt die Räumlichkeiten des Theaters, um palästinensische und internationale Produktionen zu zeigen. Im März fand das palästinensische Filmfestival statt und Ende des Jahres wird das internationale Festival organisiert. Auch das Pal Fest, ein palästinensisches Literaturfestival, das neben Haifa auch in Ramallah, Gaza und Jerusalem Station macht und immer beliebter wird, fand zuletzt in den Räumen des Theaters statt.

Ein sicherer Hafen für palästinensische Kultur

Haifa gilt somit immer noch als sicherer Hafen für palästinensische Kultur, denn mehr als anderswo in Israel fühlen sich gerade junge palästinensische Araber frei, ihre Muttersprache Arabisch zu sprechen – sei es auf der Straße, auf der Bühne oder im Nachtleben. Zudem bietet die Stadt jungen Studenten und Künstlern gewisse Freiräume, lockt mit günstigeren Mieten und Lebenshaltungskosten als in der Metropole Tel Aviv und ist gleichzeitig liberaler als das Hinterland. Das Internet und die neuen Medien öffnen ihnen Türen und geben ihnen die Möglichkeit, zu experimentieren. Dies bestätigt auch Rasha Hilwi, Medienkoordinatorin in der Arab Culture Association und freie Journalistin: „Die Kultur und das Leben sind offener geworden, wir bereichern uns gegenseitig und kooperieren auch über Staatsgrenzen hinweg.“

Auf der Massada Street, dem hippen Viertel in Haifa, begegnet man modisch gekleideten Studenten mit Dreadlocks oder auffälligen Tattoos, auf der Suche nach Vintage-Möbeln und Second-Hand-Klamotten oder sieht sie in Cafés sitzen, bereits mittags an ihrem Bier nippend. Das Elika, ein Kunst- und Kulturcafé, das alle Altersgruppen mit ständig wechselnden Musik- und Kulturveranstaltungen anspricht, gilt als Anlaufpunkt der kultur- und kunstinteressierten Szene. Das alternative Lebensmodell der Haifsters, das man aus Berlin oder Tel Aviv kennt, bereichert das kulturelle Leben der Stadt durch neue Musikbands, Partys, Kunstgalerien, Bars und Kulturveranstaltungen, denn sie benutzen die Musik, Mode, Malerei und Schauspielerei, um ihrer neuen Lebensweise Ausdruck zu verleihen. „Manchmal weiß ich nicht, wo ich hingehen soll, denn es passieren so viele Sachen gleichzeitig“, erzählt Khashabi-Managerin Khulood.

Die zweite Intifada bewirkte einen Identitätswandel

Ein wichtiger Wendepunkt für den Wandel von Identität und Lebensmodell markierte das Jahr 2000. Vor dem Ausbruch der zweiten Intifada wollten viele Palästinenser den israelischen Lifestyle nachahmen, doch dies änderte sich schlagartig. Das palästinensische Publikum verlangte von den Künstlern, das Wort Palästina oder die palästinensische Flagge in ihre Arbeiten zu integrieren, um auf ihre ethnische Identität hinzuweisen. Die palästinensische Symbolik behält ihre Berechtigung, doch eine Reduzierung auf diese Symbole wird strikt abgelehnt, denn man „kann auch Palästinenser sein, ohne Hatta („Palästinensertuch“) zu tragen“, schildert Rasha die Gefühlslage der jungen Generation. Denn neben der Identifikation als Palästinenser möchte die neue Generation ausdrücken, dass sie eben auch Menschen sind: „Palästinenser trinken Kaffee, verlieben sich, weinen und haben Träume.“

Die jungen Kulturschaffenden erzählen ihre persönlichen Geschichten, abwechslungsreich und symbolträchtig zugleich. Darüber hinaus beschäftigen sie sich zunehmend mit innergesellschaftlichen Themen wie der Stellung der Frau innerhalb der arabischen Gesellschaft. Ihrem Protest gegenüber dem israelisch-palästinensischen Konflikt wird durch die Kraft der Kunst Ausdruck verliehen und in diesem Aspekt sehen sie sich in einer Reihe mit jungen Menschen auf der ganzen Welt und sich entwickelnden Subkulturen. Haifa, mit seiner großen Vielfalt an arabischen Kultureinrichtungen, bietet den Kulturschaffenden die passende Umgebung, um ihre kulturelle Identität zu definieren.

Haifa ist das Zentrum der palästinensischen Kultur in Israel

Die Arab Culture Association (ACA) hat das Potenzial von Haifa erkannt und wird im arabischen Stadtteil Wadi Nisnas, in der Nähe vom historischen Zentrum von Haifa, ein arabisches Kulturzentrum aufbauen. „Wir wollen einen Raum für Kreativität, Produktivität, Selbstdarstellung und Freiheit erschaffen“, sagt Eyad Barghhuthy, Schriftsteller und Direktor der ACA. Damit wollen sie bisher ungenutzte kulturelle Kräfte entfalten und fördern, die Künstler in der Produktion und im Vertrieb ihrer Arbeiten unterstützen, den Austausch von Kompetenzen und Wissen ermöglichen und sie mit einem Umfeld versorgen, das ihre Kreativität anregt. „Erfolg kommt, wenn Künstler und Kulturschaffende das tun können, was sie lieben und dabei auch Geld verdienen, damit sie sich voll und ganz auf ihre kreative Arbeit konzentrieren können“, erklärt Rasha die Vision, die die ACA verfolgt. Wer Kunst macht, soll auch Geld verdienen. Dazu wird ein Online-Shop geschaffen, der den Künstlern eine Plattform für kommerzielle Erfolge bietet.

Doch der Fokus liegt auf der Renovierung und Fertigstellung des Gebäudes, das vorher ein Kino und danach einen Nachtclub beherbergte, damit der Traum vom ersten palästinensischen Kulturzentrum innerhalb der Grenzen von 1948 wahr wird. Auf 1600 Quadratmetern sollen eine Mehrzweckhalle mit 500 Zuschauerplätzen, eine Galerie, Probe- und Trainingsräume, Künstlerateliers, ein Studio für audiovisuelle Medien, eine Bibliothek mit kulturellem Schwerpunkt, kleine Shops, ein Kulturcafé und verschiedene Mehrzweckräume entstehen. Die ACA ist die einzige Organisation, die sich allein auf die palästinensische Kultur fokussiert und möchte den Künstlern und Kulturschaffenden das Gefühl geben, dass dieses Zentrum ihr Zentrum ist.

Bereits vor 1948 war Haifa ein kulturelles Zentrum für die palästinensischen Araber. Heute entwickelt es sich zur palästinensisch-arabischen Kulturhauptstadt in Israel, mit einer wachsenden Zahl an Kulturschaffenden und Künstlern, sowie kulturell und künstlerisch interessierten Bürgern. Dieser Trend wird sich fortsetzen und sogar intensivieren, solange es jungen Studenten und Künstlern frei steht, zu tun und zu sagen, was sie wollen. Jedoch spürt man den Rechtsruck und die antidemokratische Stimmung im Land in Form von Kampagnen, Demonstrationen und bürokratischen Blockaden gegen arabische Organisationen oder Institutionen, die im Kulturbereich tätig sind. Das abgeschlossene Leuchtturmprojekt Compound 21, in dem 21 Künstler Arbeitsräume für zwei Jahre mietfrei beziehen konnten und von der Stadt Steuererleichterungen erhalten haben, sowie der Abriss von Teilen der Altstadt zugunsten neuer Glaskästen, in denen jetzt Regierungsbüros Platz gefunden haben, manifestiert die Sorgen der Kulturschaffenden. Auch die fortschreitende Gentrifizierung, die von der Stadt, Stadtentwicklern und Grundstücksmaklern vorangetrieben wird und teure Cafés, Restaurants und Geschäfte im ehemaligen Hafengebiet von Downtown Haifa hervorbringt, wird nicht von allen als Heilsbringer angesehen. Die Stimmung ist trotz alledem positiv und viele Menschen erkennen, dass sich etwas tut in ihrer Stadt. Sie sind enorm stolz, daran teilzuhaben. Rasha formuliert es so: „Im Jahr 1948 haben wir die Stadt verloren, doch heute blüht die palästinensische Kultur auf“.

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