Von | | Interviews, Israel, Mashreq, Palästina.

Heikel und politisch: Gesicht bewahren, Gefühle zeigen. Photo: Frankieleon/Flickr (CC BY 2.0) Heikel und politisch: Gesicht bewahren, Gefühle zeigen. Photo: Frankieleon/Flickr (CC BY 2.0)

Seit Beginn der Gewalteskalation Anfang Oktober dominiert in Israel und Palästina die Angst. Wir haben vier jüdischen Israelis, zwei palästinensischen Israelis und zwei Palästinensern aus den besetzten Gebieten dieselben Fragen zu den jüngsten Entwicklungen gestellt. In den Antworten kommen starke, bewegende, aggressive und nachdenkliche Stimmen zu Wort, die sonst in den Medien kaum Gehör finden.

 

Fadwa, Haifa

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Ich lebe in Haifa, hier ist es relativ ruhig. Aber jede Eskalation betrifft auch mich. Es beginnt damit, dass ich es möglichst vermeide, andere jüdische Städte wie Jerusalem oder Tel Aviv zu besuchen. Ich habe Angst davor, dass ein extremistischer Israeli hört, wie ich Arabisch spreche. Wie bereits andernorts geschehen, könnte er mich grundlos beschuldigen, ich hätte ein Messer bei mir – und mich dann angreifen.

Aber ebenso habe ich auch Angst davor, meine Freundinnen und Freunde im Westjordanland zu besuchen, weil die Situation dort sehr gespannt ist, vor allem in den Flüchtlingslagern.

In den überwiegend arabischen Nachbarschaften in der Unterstadt Haifas gab es einige wenige Demonstrationen rechts-extremer Israelis. Die meisten Anwohner vermieden es, auf die Straße zu gehen, weil diese Demonstrationen in aller Regel Reaktionen der arabischen Minderheit provozieren sollen. Kommt es tatsächlich zu Auseinandersetzungen, ergreifen Polizei und Regierung jedoch gewöhnlich Partei für die Rechtsextremen.

Die Eskalation beeinflusst auch meine Arbeit und Leidenschaft: Als palästinensische Künstlerin fällt es mir momentan schwer, in der jüdisch-israelisch-dominierten lokalen Szene aktiv zu sein. Andere fühlen dagegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Eskalation: Ladenbesitzer in den arabischen Nachbarschaften leiden zum Beispiel sehr darunter, dass deutlich weniger jüdisch-israelische Kunden bei ihnen einkaufen.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Die anhaltende Besatzung des Westjordanlandes, Ostjerusalems und des Gazastreifens sowie die Diskriminierung der arabischen Minderheit in Israel sind aus meiner Sicht die strukturellen Hintergründe für die neuerliche Gewaltwelle. Die einseitige Medienberichterstattung auf allen Seiten und das Aufstacheln in den sozialen Medien tragen außerdem zur Eskalation der Gewalt maßgeblich bei.

 

Israel, Jerusalem

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Die jüngsten Ereignisse erfüllen mich mit einem ständigen Gefühl der Bedrohung. Sie haben die Art und Weise verändert, wie ich durch die Straßen gehe, immer misstrauisch und psychisch gestört. Ich stelle mir unzählige Angriffsszenarien vor, die mir widerfahren könnten.

Neben der immer präsenten physischen Gefahr begegnen wir auf der psychologischen Ebene einer Gefahr, die wir noch nie erlebt haben. Sie regt uns dazu an, darüber nachzudenken, wie wir an diesen Punkt gekommen sind und was einfache Staatsbürger dazu bewegt, Menschen anzugreifen und zu töten. Wir fragen uns, wie wir mit dieser schrecklichen Situation umgehen und der Gewalt ein Ende setzen können.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Ich denke, dass keine der Seiten in diesem Konflikt dazu bereit ist, die inneren Konflikte anzugehen. Die jüdischen Israelis können sich nicht entscheiden ob sie einen jüdischen oder einen demokratischen Staat wollen. Unter ihresgleichen können sie demokratisch sein. Aber gegenüber den Anderen geht das nicht, da ihr Staat auch ein jüdischer sein soll. Und auch die Palästinenser haben ihrerseits einen inneren Konflikt, was die Gewichtung der patriarchalen Familie, der Religion und der Demokratie angeht.

Sowohl Israelis als auch Palästinenser wollen grundsätzlich gleiche Rechte und Freiheit für alle, sie werden aber durch ethnisch-religiöse Denkmuster gebremst. Daher müssen beide herausfinden, wie sie die Vorteile einer modernen Demokratie mit den identitären ethnisch-religiösen Wurzeln in Einklang bringen können.

 

Roni, Netiv HaAsera

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Was kann man anderes als Schmerz, Frustration und Traurigkeit fühlen? Ohne Zweifel beeinflusst die Gewalt mein Leben. Ich habe Angst um mich, um meine Familie und meine Freunde. Ich bin dieser Tage misstrauisch – eine Eigenschaft, die nicht meinem Naturell entspricht. Letzte Woche war ich wegen einer Knieoperation in Beer Sheva. Ich hatte weniger Angst wärhrend der Operation als in dem Moment, als ein junger Beduine mit mir in den Fahrstuhl des Krankenhauses stieg. Ich habe mich so geschämt, konnte an meinen Gefühlen aber nichts ändern.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Israelis und Palästinenser müssen verstehen, dass wir mit Gewalt nicht weiterkommen. Gewalt verstärkt nur die Angst, den Hass, die Wut und die Rachegefühle.

Was bringt einen elf- oder zwölfjährigen Jungen dazu, unschuldige Menschen mit einen Messer zu attackieren. Was bringt einen jungen Palästinenser dazu, ein Auto anzuhalten und zwei junge Eltern im Beisein der Kinder zu erschießen? Ist es Angst? Ist es Wut? Ist es Verzweiflung? Ist es etwas anderes? Wir müssen bei der Bildung ansetzen. Vielmehr müssen wir aber diesen Menschen einen Perspektive bieten, dass sie leben können und nicht kämpfen wollen.

All denjenigen, die sagen, es gebe keine Lösung und dass wir für immer mit dem Schwert leben müssten, erwidere ich: Nein! Ich weigere mich, dies als vermeintliche Tatsache zu akzeptieren. Die Realität kann anders aussehen. Wir müssen das Leben zur Priorität machen: Leben in Gerechtigkeit, in Würde, Freiheit und Sicherheit. Geben und Nehmen, Leben und Leben lassen, die verschiedenen Überzeugungen und Religionen akzeptieren. Es ist möglich und ich wünsche mir, dass unsere Führungsfiguren verstehen, dass dieser status quo der Feindseligkeit keine Zukunft hat. Es ist so vielversprechend, den status quo zu überwinden. Und eine friedliche und respektvolle Zukunft zu planen und zu entwickeln. Ich glaube nicht, dass diese Gedanken naiv sind. Für mich sind sie die Wahrheit.

 

Alaa, Ramallah

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Die jüngsten Ereignisse beklemmen mich. Die täglichen Nachrichten über Tötungen und Exekutionen zumeist palästinensischer Jugendlicher machen mich traurig. Ich gehörte zu denjenigen, die zu Beginn des Aufstandes dachten, dieser würde nicht lange anhalten. Ich ging davon aus, dass sich die allgegenwärtige Frustration kurzzeitig entladen und die Lage sich anschließend wieder beruhigen würde. In der Zwischenzeit sind Wochen und Monate vergangen, ich lag offensichtlich falsch. Wir werden diese traurigen Nachrichten noch für längere Zeit hören müssen.

Anfangs fragte ich mich: Warum werfen diese jungen Palästinenser durch ihre Messerattacken ihr Leben weg? Der eigene Tod durch Erschießung ist schließlich höchstwahrscheinlich. Sie, die jungen Angreifer, hatten doch eigentlich alles. Erst mit der Zeit realisierte ich, dass sie nichts hatten. Manche Angreifer hatten sehr gute Bildung genossen, waren die besten Studenten an ihren Universitäten gewesen; doch sie hatten keine Arbeitsmöglichkeiten. Manche hatten ein Auto; doch sie durften mit ihren Autos nicht frei verkehren. Sie hatten ein Zuhause; doch dieses Zuhause war nicht sicher, konnte jederzeit von israelischen Soldaten gestürmt werden. Sie hatten Familien, doch Familienmitglieder saßen in israelischen Gefängnissen oder waren von der Besatzungsarmee getötet worden. Sie hatten Felder, Oliven- und Orangenhaine; doch sie konnten durch die Sperranlage die Ernte nicht einfahren oder wurden Opfer von Siedlergewalt.

Seit Beginn der Gewalteskalation habe ich meine Heimatstadt nicht mehr verlassen. Aufgrund der Abriegelung der wichtigsten palästinensischen Städte und den Bewegungseinschränkungen zwischen den Städten habe ich einige meiner besten Freunde seit einem Monat nicht mehr gesehen. Wir haben das Gefühl von Pseudo-Sicherheit nach einigen Jahren relativer Stabilität im Westjordanland verloren. Der Konflikt ist wieder in jedem Gespräch, in jeder Handlung präsent.

Als Doktor weiß ich, dass kein Ort mehr sicher ist, sogar die Krankenhäuser. Die Stürmung eines der wichtigsten palästinensischen Krankenhäsuer in Hebron durch eine israelische Spezialeinhheit vergangen Woche zeigt dies deutlich und wühlt mich auf.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Jedem, der hier lebt, war klar, dass die Situation wieder explodieren würde. Die Entführung der drei israelischen Teenager letztes Jahr, die Verbrennungen Mohammad Abou Khdeirs und zuletzt der Dawabshi-Familie, all das hat die Situation eskalieren lassen. Provokationen zwischen Palästinensern und Siedlern haben eine neue Qualität erreicht. Die Lebenssituation der Araber hat sich von Tag zu Tag verschlechtert, die Einschränkungen und Demütigungen nehmen stetig zu. Wenn man dann noch zwei Regierungen hinzufügt, die sich aus unterschiedlichen Gründen weigern, an einem Tisch zu sitzen, dann hat man genug Gründe zusammen, warum es mit der Pseudo-Stabilität vorbei ist.

Diejenigen Palästinenser, die keine Perspektive und nichts mehr zu verlieren haben, haben das Heft des Handelns nun in die Hand genommen. Sie vertrauen den Verhandlungsteams nicht mehr, die nichts als Siedlungen und Checkpoints gebracht haben.

Auf der anderen Seite agieren diejenigen, die glauben, dass man mit verstärkter Gewalt und Kollektivstrafen die eigene Sicherheit garantieren kann.

Ich hoffe, dass diese Welle der Gewalt bald enden wird. Gewalt wird nur noch mehr Gewalt und Kollektivstrafen werden keine Sicherheit bringen. Den Palästinensern ein annehmbares Leben in Würde zu ermöglichen, das würde Sicherheit bringen.

 

Tal, Tel Aviv

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Als die Messerattacken begannen war ich mit meinem Fahrrad in Tel Aviv unterwegs. Jeder Halt an einer Ampel fühlte sich wie in einem Horrorfilm an: Man beginnt, alle Passanten misstrauisch zu beäugen und fragt sich: Sieht so eine Person aus, die im nächsten Moment ein Messer ziehen könnte? Was würde ich dann machen? Weglaufen oder mit ihr kämpfen?

In vielerlei Hinsicht fühlt sich die jetzige Gewalteskalation schlimmer an als der Sommer 2014, als israelische Städte von der Hamas aus dem Gazastreifen mit Raketen angegriffen wurden. Damals konnte man zumindest hoffen, dass das Iron-Dome-Systen die Rakten abfangen würde. Man konnte die Schutzräume aufsuchen und nach Ende der Sirenen kehrte eine Art von Alltag ein.

Durch die jetzige Form von Gewalt fühlt es sich an wie Russisch-Roulette, wenn man auf die Straße geht. Die Menschen ziehen sich dementsprechen in ihre Häusern zurück.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Die Gewalt mag durch Fehlinterpretationen und Fehlwahrnehmungen der israelischen Absichten in Bezug auf den Tempelberg/Haram Ash-Sharif ausgelöst worden sein. Es scheint jedoch auch einen nicht unmittelbar hiermit zusammenhängenden Grund zu geben: ein weit verbreitetes und tieferes Gefühl von Frustration. Der ehemalige Chef des Inlandgeheimdienstes, Yuval Diskin, hatte bereits letztes Jahr vor einer solchen Implosion palästinensischer Frustration gewarnt. Der amerikanische Außenminister sagte vor zwei Jahren, dass die Zweistaatenlösung innerhalb der nächsten zwei Jahre sterben könnte. Seitdem scheinen viele Palästinenser ihre Hoffnung verloren zu haben. Die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde ist für alle, die nicht von ihr angestellt sind, irrelevant geworden. Und es ist allseits bekannt, dass die gegenwärtige israelische Regierung keine Absicht hat, ernsthafte Maßnahmen zur Beendigung der Besatzung zu ergreifen. Man macht es sich zu leicht, wenn man argumentiert, die Gewalteskalation sei einzig das Resultat palästinensischer Aufhetzung rund um den Tempelberg/Haram ash-Sharif.

 

Abdallah, Ostjerusalem

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Zunächst haben wir Genugtuung verspürt. Genugtuung, dass nicht mehr nur wir Ostjerusalemer mit ständiger Angst umgehen müssen. Die ersten Tage waren aufregend, über die sozialen Medien und das Fernsehen haben wir den vermeintlichen Beginn einer dritten Intifada gebannt verfolgt. Wir hatten Hoffnung, dass eine Dynamik ensteht, die am untragbaren Status quo der Besatzung und der täglichen Schikanen rüttelt. Die Euphorie ist der Unsicherheit gewichen.

Wir können nachvollziehen, dass Jugendliche mit ihren Messerattacken bewusst ihr Leben aufgeben (denn in den meisten Fällen werden diese Jugendlichen exekutiert, selbst wenn sie keine Gefahr mehr darstellen). Sie haben rein gar nichts zu verlieren, weder eine Perspektive noch Erinnerungen an eine besser Vergangenheit. Sie haben keine „freieren“ Tage wie die Älteren erlebt. Sie haben keine Aussicht auf Arbeit. Sie sind noch zu jung, um Kinder zu haben und damit zumindest für diese verantwortlich zu sein. Israel lernten sie von klein auf als brutale Besatzungsmacht kennen, staatliche Institutionen verkörpern für sie Gewalt und Erniedrigung.

Mein Leben hat sich nicht so sehr verändert. Mein Stadtteil wurde auch zuvor oft abgeriegelt, ich wurde auch schon vor der Gewalteskalation regelmäßig genug kontrolliert und gedemütigt. Vor der Gewalt arbeitete ich auch als Wächter, obwohl ich ein Studium abgeschlossen habe. Keine große Veränderung – im Gegensatz zu unseren Nachbarn im jüdischen Westteil der Stadt, die nun auch in Anspannung leben. Hoffentlich regt es sie zum Nachdenken an.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Die Besatzung, die Entrechtung, die tägliche Erniedrigung, die Perspektivlosigkeit und die Vernachlässigung insbesondere Ostjerusalems. Wir waren die reichste Stadt des Westjordanlands, das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum. Heute sind die meisten Stadtteile Slums, die infrastruktruellen Unterschiede zwischen dem jüdischen Westen und dem palästinensischen Osten sind kaum in Worte zu fassen.

 

Erez, Westjerusalem

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Gewalt gegen Juden in ihrem eigenen Land ist nichts neues. Seit hunderten, tausenden Jahren sind Juden Opfer von Gewalt geworden. Araber haben Juden schon lange vor der Ausrede, dass „Siedlungen“ den Frieden verhinderten, ermordet. Deshalb überrascht mich der jüngste Aufstand nicht.

Der Grund für die Gewalt ist schlicht und ergreifend Hetze. Viele Araber in Israel werden zu gewaltsamer Aufwiegelung gegen Juden und Nicht-Muslime erzogen. Kindern wird in Schulen gelehrt, dass Juden böse sind – und diese Propaganda wirkt. Sie denken, dass Gewalt das Problem lösen wird. Sie zeigen keinen echten Willen für Frieden. Es gibt nicht einen einzigen Israeli in Gaza, Ramallah oder in den anderen palästinensischen Städten und Dörfern. Im Prinzip sind sie unabhängig. Auf der anderen Seite leben, arbeiten und/oder studieren viele Araber/Palästinenser in Israel. Außerdem haben sie das Wahlrecht. An der Hebräischen Universität, wo ich lehre, sind sieben meiner zehn Studenten Araber/Palästinenser. Israel ist ein jüdischer Staat, aber er ist ein Staat für all seine Bewohner. Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Wenn die arabischen/palästinensischen Einwohner ein Problem haben, können sie 60 andere muslimische Länder ausprobieren.

Manche der „besetzten Gebiete“ wurden von Jordanien besetzt. Warum sollten wir sie nicht an Jordanien zurückgeben? Vielleicht bevorzugen die Palästinenser jordanisches Gesetz?

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Die Aufhetzung nahm aufgrund falscher Informationen zur vermeintlichen Veränderung des Status quos auf dem Tempelberg zu. Ich möchte Euch daran erinnern, dass der Tempelberg der heiligste Ort für Juden ist, für Muslime dagegen der drittheiligste Ort; und die muslimischen Stätten wurden auf den Ruinen des jüdischen Tempels gebaut…

 

Yasser, Galiläa

Was denkst Du über die jüngste Gewalteskaltion? Wie beeinflusst sie Dein Leben?

Die gegenwärtige Welle der Gewalt war absehbar: Die diffamierenden Aussagen nationalistischer Regierungspolitiker sowie die Aussagen Netanjahus am Ende seiner Wahlkampagne, als er „Araber” als Gefahr für die jüdische Mehrheitsbevölkerung darstellte, machen deutlich, dass der jahrzehntelang schwelende, zumeist unausgesprochene Rassismus gegenüber der arabischen Minderheit mittlerweile salonfähig geworden ist. Es scheint, dass der israelische Mainstream diese Lügen und Stereotype über die arabische Minderheit konsumiert, ohne sie zu hinterfragen.

Ich fühle mich hoffnungslos und glaube nicht, dass sich dieser Staat in naher Zukunft zum Positiven verändern wird. Deshalb wird sich die Situation auch nicht entspannen. Die Regierung wird alles dafür tun, die Palästinenser und Araber als Feinde zu definieren, selbst wenn es dazu einer Umdeutung der Geschichte bedarf, wie im Falle der Bemerkungen Netanjahus zur Rolle des Muftis für die Schoa.

Ich bin mir sicherer denn je, dass ich hier nicht länger leben kann. Ich werde jede Gelegenheit nutzen, um in einem andern Land meine Zukunft aufzubauen. An einem Ort, wo ich mir sicher sein kann, dass niemand „Er ist ein Araber“ schreien kann und ich daraufhin Gefahr laufe, erschossen zu werden. Es ist nicht mehr sicher, in der Öffentlichkeit Arabisch zu sprechen.

Was sind aus Deiner Sicht die tieferliegenden Gründe für die Gewalteskalation?

Der anhaltende israelisch-palästinensische Konflikt ist essentiell für die Einigkeit der jüdisch-israelischen Gemeinschaft. Es braucht einen äußeren Feind. Dadurch lassen sich auch der starke Fokus Netanjahus auf die äußere iranische Bedrohung und die seine Äußerungen zum Mufti von Jerusalem erklären. Anstelle Irans, das nach der Einigung im Atomstreit von Israels wichtigsten Verbündeten nicht mehr geächtet wird, wird nun der nahe Feind konstruiert – die Palästinenser sowohl in Israel als auch den besetzten Gebieten.

Die jüngste Gewalteskalation ist ein direktes Resultat der Besatzung, der Diskriminierung und der Hetze gegen Palästinenser, sowohl in Israel als auch in den besetzten Gebieten. Dabei wird die Eskalation wieder instrumentalisiert, als vermeintlicher Beweis, dass es keinen Partner für Frieden auf palästinensischer Seite gibt und dass „die Palästinenser“ Terroristen sind.

 

klicken_mitglied_werden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*