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Yoseph Daitsh ist strenggläubiger Jude und einer der einflussreichsten Männer Jerusalems. Im Alsharq-Interview sprach der Erste Vizebürgermeister der Stadt vergangenes Jahr über religiöse Spannungen, seine ultraorthodoxe Wählerschaft und die ersehnte Rückkehr des Messias. Anlässlich der aktuell laufenden Koalitionsverhandlungen gibt das Interview Einblick in die Politik der Ultraorthodoxen im Land.

Die Haredim („Ultraorthodoxen“) machen heute ein Drittel der Stadtbevölkerung aus, Tendenz steigend. Daitshs Partei, die aschkenasisch-ultraorthodoxe Yahadut HaTorah HaMeuchedet oder „Vereinigtes Torah-Judentum“, wurde bei den letzten Stadtratswahlen mit Abstand stärkste Kraft. Im Streit um die Durchsetzung religiöser Gebote im öffentlichen Raum geraten religiöse und säkulare Kräfte immer stärker aneinander.

Alsharq: Herr Daitsh, Jerualem ist das Zentrum ultraorthodoxen Lebens in Israel. Was bedeutet die Stadt den Haredim?

Yoseph Daitsh: Wir begreifen Jerusalem als die Hauptstadt des jüdischen Volkes. Jerusalem ist ein religiöses Symbol. Im täglichen Amidah-Gebet gibt es zahlreiche Referenzen auf Jerusalem. „Nach Jerusalem, Deiner Stadt, kehre in Barmherzigkeit zurück und nimm Deinen Wohnsitz in ihr“, heißt es da zum Beispiel. Nach jeder Mahlzeit sagen wir „ovnei Yerushalaym“, „baue Jerusalem“. Gläubige erwähnen und segnen Jerusalem zu allen Anlässen, in Trauer wie in Freude. Juden in aller Welt sehnen sich danach die Stadt zu besuchen. Juden sollen hier leben und die Stadt lieben.

Ich kenne kein anderes Volk, für das eine Hauptstadt so ein wichtiges spirituelles Symbol ist. Wir haben keine anderen heiligen Stätten, wie die Muslime Mekka oder Christen wieder andere. Wir haben nur eine Klagemauer. Genau deswegen sollte die Stadt in ihrer Gänze erhalten werden. Jerusalem soll schön und attraktiv sein für Bewohner wie Besucher. Es ist ihre Spiritualität, die Jerusalem so einzigartig macht. Genauso, wie man das Herz eines Menschen nicht zweiteilen kann, ist auch Jerusalem unteilbar. Jerusalem ist das Herz des jüdischen Volkes.

Über 30 Prozent der Einwohner Jerusalems sind heute ultraorthodox. Was bedeutet das für die Stadt?

Jerusalem ist sehr, sehr komplex. Die Stadt ist schwierig zu verwalten. Das liegt nicht allein an den Haredim, sondern an der großen Vielfalt der Stadt: Haredim, Säkulare, Traditionelle, Araber – alle leben hier Seite an Seite. Zudem sehen all die verschiedenen Religionsgruppen in ihr eine gewisse Heiligkeit. Wir, die Juden, behaupten, dass die Stadt uns gehört. Die Klagemauer als heiligster Ort ist der meistbesuchte Ort in Israel. Zehn Millionen Besuche verzeichnen wir dort jedes Jahr.

Diese Stadt wiegt schwer und darum werden auch so viele Kämpfe um sie ausgetragen. Streitigkeiten zwischen Haredim und Säkularen, Religiösen und Säkularen, Juden und Arabern – es ist zweifelsohne eine sehr problematische Stadt. Die Herausforderung ist, alle Gruppen richtig zusammenzubringen. Ich glaube, dass wir im Stadtrat das ziemlich gut machen.

Wie steht es heute um das Verhältnis zwischen den Gruppen, die Sie angesprochen haben?

Da kommt es ganz auf die Gruppen an. Zwischen Juden und Arabern gibt es zweifellos große Spannungen. Es gibt ganze Teile Jerusalems, in die ein Jude seinen Fuß nicht setzen kann. Trotzdem bin ich sicher, dass die Araber unter jüdischer Verwaltung leben wollen. Sie wollen die israelische Stadtverwaltung und nicht Teil des palästinensischen Staates sein. Die Versorgung, die wir ihnen bieten, ist viel besser, und ich glaube, das verstehen sie.

Die allermeisten Araber gehen nicht zu den Stadtwahlen. Trotzdem bin ich sicher, dass sie es bevorzugen, dass Jerusalem auf immer Hauptstadt der Juden bleibt. Deshalb ist auch klar: Jerusalem sollte nicht geteilt werden. Darüber ist sich das religiöse Judentum einig. Einige der wichtigsten Ereignisse der jüdischen Geschichte haben sich im Osten der Stadt abgespielt, an Orten wie dem Ölberg, der Stadt Davids oder dem Tempelberg.

Ich bin nicht der Meinung, dass die Araber Jerusalem verlassen sollten, sie leben hier wie wir auch. Doch sie müssen respektieren, dass Jerusalem meine Hauptstadt ist. Es muss sicher für mich sein, die heiligen Stätten im Osten zu besuchen. Ich werfe doch auch keine Steine auf Araber, wenn sie in mein Viertel kommen. Ich beschäftige sogar arabische Arbeiter, um die Wände zu streichen.

Auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung gibt es schwierige Konflikte. Säkulare und Religiöse streiten um Öffnungszeiten am Schabbat oder die Art von öffentlichen Veranstaltungen in der Stadt. Aber Jerusalem ist eben nicht Tel Aviv oder Haifa, sondern etwas ganz Besonderes. Wir müssen dafür sorgen, dass wir die Heiligkeit der Stadt bewahren. Darüber sind sich alle im Klaren.

Vizebürgermeister Daitsh überblickt vom Balkon seines Büros die Jerusalemer Altstadt. "Die Heiligste!", sagt er. Foto: Lea Frehse Yoseph Daitsh, 46, ist bereits in dritter Amtszeit Stadtratsmitglied. Weltliches politisches Engagement ist unter den ultraorthodoxen Haredim umstritten, doch Daitsh begreift seine Arbeit als Interessensvertretung und praktische Unterstützung für seine Gemeinde. Ihm selbst, erzählt er auf Jiddisch, habe für eine religiöse Gelehrtenlaufbahn das „Sitzfleisch“ gefehlt. Seine Familie lebt seit sieben Generationen in Jerusalem. „Yerushalaym“, strahlt er, „ist das Herz des jüdischen Volkes“.

 

Bürgermeister Nir Barakat hat seine ganz eigene, zionistische Vision für Jerusalem. Wie arbeiten Sie mit einem Bürgermeister wie diesem zusammen?

Ich denke, ich bin nicht weniger Zionist als Nir Barakat. Vielleicht bin ich sogar mehr Zionist als er, immerhin ist meine Familie seit sieben Generationen in Jerusalem. Meine Vorfahren starben hier an Hunger. Was heißt Zionismus? Es ist die Liebe zu Israel, die Sorge um Jerusalem. Und in diesem Punkt bin ich Zionist wie Barakat. In Bezug auf konkrete Fragen wie die Einhaltung des Schabbat gibt es dafür klare Koalitionsvereinbarungen. Auch Nir Barakat versteht, das Jerusalem nicht Tel Aviv ist.

Barakat hat die Vision, die Stadt für junge Leute attraktiv zu machen. Dafür holt er eine Reihe von Großveranstaltungen nach Jerusalem, ein Formel 1-Rennen zum Beispiel. Solche Events sind meiner Ansicht nach nichts für Jerusalem, die gehören nach Tel Aviv. Jerusalems Markenzeichen ist ihre Spiritualität. Hiermit sollten wir die Stadt vermarkten. Das ist letztlich die große Kontroverse zwischen uns: Barakat möchte eine Stadt, die ist wie Paris oder New York. Wir sagen ihm: Nein, Jerusalem ist einzigartig und hat eine Heiligkeit, wie es sie nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Jerusalem sieht sich mit großen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Im israelischen Vergleich ist die Stadt arm. Wie schätzen Sie die Situation der Stadt heute ein?

Ja, Jerusalem hat eine arme Bevölkerung und schwerwiegende wirtschaftliche Probleme. Sie hat eben auch eine viel schwierigere Bevölkerungszusammensetzung, als das hedonistische junge Tel Aviv. Aber wir stellen uns den Problemen. In Jerusalem muss ja auch keiner verhungern. Unzählige wohltätige Organisationen setzen sich für die Armen ein.

Es ist leider auch richtig, dass die Stadt arm aussieht. Und trotzdem ist sie schön wie keine andere. Die Gelehrten haben gesagt, dass die Menschen von Jerusalem, mögen sie auch arm sein, doch gut und klug sind. Im Talmud heißt es: „Neun Teile der Schönheit und des Glanzes gab Gott der Stadt Jerusalem, und nur ein Teil gab er der restlichen Welt“.

Im öffentlichen Diskurs stehen die Haredim heute in Israel unter scharfer Kritik. Es gibt das Vorurteil, sie lebten alle vom Staat. Wie funktionieren die Gemeinden finanziell wirklich?

Das Geld stammt aus unterschiedlichen Quellen im In- und Ausland, von philanthropischen Spendern. Es unterstützt diejenigen, die acht oder neun Stunden täglich in den religiösen Instituten studieren. Sie erhalten am Ende des Monats ein Stipendium. Das alles geschieht nicht in dunklen Hinterzimmern, sondern läuft über offizielle Kanäle. Die Abläufe sind da koscher: Es ist sauber verwaltetes und verdientes Geld.

Was ist Ihre Vision für Jerusalem? Wie sollte die Stadt in, sagen wir, zehn Jahren aussehen?

Die Stadt soll sich baulich weiterentwickeln. Gerade junge Paare wollen wir dazu ermuntern, herzuziehen. Die Stadt soll noch besser zugänglich gemacht werden. Wir sollten ihren zentralen Charakter dabei so erhalten, wie er seit 3000 überdauert, bis der Messias uns erscheint und wir den [jüdischen] Tempel wieder errichten können.

Unterdessen müssen wir es so gestalten, dass hier alle Gruppen – die Haredim, Säkularen, und auch Araber – Seite an Seite in Frieden leben. Die aus Ost-Jerusalem müssen sich im Westen sicher fühlen und die aus dem Westen auf der anderen Seite. Jerusalem soll für alle lebenswert sein; und damit das so ist, muss auch den Menschen in Ost-Jerusalem die gleiche Versorgung zukommen, wie denen im Westen. Wir Haredim müssen uns sicher fühlen können – und die Säkularen müssen verstehen, dass Jerusalem eben etwas Besonderes ist.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Daitsh.

 

Mitarbeit: Shiri Shapira und Christoph Dinkelaker

Eine editierte Version des Interviews erschien Anfang Mai 2014 im Magazin Zenith sowie auf Spiegel Online. 

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