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Sabrine Omar vor dem Bild ihres entführten Mannes. Foto: Livia Gerster.

Im Libanon wird die Angst vor dem „Islamischen Staat“ immer konkreter: Zwei libanesische Soldaten wurden bereits enthauptet, über 20 weitere Geiseln sind in ihrer Gewalt. Nun hat die Regierung neue Verhandlungen angekündigt, doch die Familien der Geiseln haben wenig Hoffnung. Im syrisch-libanesischen Grenzgebiet rückt der IS derweil immer weiter vor. Livia Gerster berichtet aus Beirut.

Jahresend-Stimmung in Beirut: Die Sonne brennt auf blinkende Weihnachtsmänner aus Draht, die im Akkord das Straßengeländer emporklettern, die topsanierten Downtown-Boutiquen wünschen durch funkelnde Schaufenster ein „Happy New Year“ – ins Leere, denn die saudischen Touristen bleiben schon lange aus. Sie fühlen sich nicht mehr sicher im Libanon.

Gleich daneben, ein Zeltlager, wenig feierlich umgeben von Stacheldraht und Militär. Von großen Plakaten schauen junge Männer herab: Die 25 libanesischen Geiseln, seit fünf Monaten in der Gewalt des „Islamischen Staates“ (IS) und der Nusra-Front.

„Wenn die Regierung nicht schleunigst etwas unternimmt, bringen sie meinen Mann um. Genauso grausam wie unseren Freund Ali Sayyed: Sie werden ihm den Kopf abschlagen“, raunt Wadha Moqbel und in die Verzweiflung ihrer Augen mischt sich Wut. Ihr Ehemann Khaled Moqbel wurde Anfang August mit über dreißig weiteren libanesischen Soldaten von den Islamisten entführt.

Zwei der Geiseln hat Daesch, wie der „Islamische Staat“ auf Arabisch heißt, seitdem enthauptet. Zwei weitere wurden von der ihm nahestehenden Nusra-Front, einem Ableger von al-Qaida, getötet – zuletzt Ali Bazzal im Dezember.

In einem YouTube-Video gab Nusra der libanesischen Regierung die Schuld an der Tötung, da sie nicht auf ihre Forderungen eingegangen sei: Der IS-Anführer Baghdadi und sein Kommandant Shishani wollten ihre Ehefrauen zurück, die die libanesische Armee Anfang des Monats mit falschen Papieren erwischt und festgenommen hat.

Über die syrische Grenze schwappt der Bürgerkrieg ins Land

Von Syrien aus kommen die Islamisten immer wieder über die libanesische Grenze. In den letzten Tagen kam es im syrisch-libanesischen Grenzgebiet zu schweren militärischen Auseinandersetzungen zwischen Dschihadisten auf der einen und der Hisbollah und syrischen Armee auf der anderen Seite. Der libanesische Geheimdienst-Chef, Generalmajor Abbas Ibrahim, warnte im Gespräch mit Reuters, der „Islamische Staat” wolle im Libanon feste Stützpunkte errichten.

Doch so konkret wie im August war die Angst vor IS im Libanon noch nie: Der syrische Rebellenanführer Imad Ahmad Jomaa hatte damals in der libanesischen Grenzstadt Arsal öffentlich seine Loyalität zu Daesch bekundet.

Als das libanesische Militär den Mann daraufhin verhaftete, rückten IS-Milizen an, um ihren Getreuen zu rächen. Nach fünf Tagen heftiger Kämpfe mit den libanesischen Streitkräften zogen sie mit den Geiseln ab.

Seitdem sind vier von ihnen tot, unzählige Vermittler verschlissen und keine Lösung in Sicht. Die Familien setzen wenig Hoffnung auf die Regierung, auch wenn diese vergangene Woche abermals ankündigte, sich des Problems anzunehmen und direkte Verhandlungen mit den Kidnappern aufzunehmen.

Doch ihr Protestcamp im Zentrum Beiruts wird Wadha erst verlassen, wenn ihr Mann frei ist. Sie campiert dort seit zwei Monaten mit ihren beiden Kleinkindern. „Unsere Regierung ist gleichgültig und herzlos“, klagt sie.

Vor drei Wochen hat sie das letzte Mal mit ihrem Mann gesprochen. Was er ihr am Telefon hektisch zuflüsterte steigert ihre Qual umso mehr: „Sie schlagen ihn. Und jeden Tag drohen sie ihm, er sei der nächste, der enthauptet würde. Die Regierung muss etwas dagegen tun!“

Aber was? Daesch fordert für jede Geisel drei ihrer Islamisten aus dem Gefängnis in Roumieh – komme die libanesische Regierung ihrer Forderung nicht nach, gehe es weiter mit den Enthauptungen.

Der entführte Soldat Khalid Moqbel auf einem  Plakat im Beiruter Protestlager. Foto: Livia Gerster.

Der entführte Soldat Khalid Moqbel auf einem Plakat im Beiruter Protestlager. Foto: Livia Gerster.

 

Hier Assad-Plakate, dort die IS-Fahne

„Ein Tausch-Deal aber wäre der Todesstoß für den Libanon“, sagt die 26-jährige Architektin Nour aus Beirut, und so sehen es wohl die meisten: Setzte die Regierung diese gefährlichen Islamisten auf freien Fuß, brächte sie das ganze Land in Gefahr. Der sunnitische Ministerpräsident Tammam Salam würde große Teile der Bevölkerung, allen voran die Schiiten, gegen sich aufbringen. „Das könnte einen neuen Bürgerkrieg bedeuten“, sagt Nour. Obwohl sie zu jung ist, um den libanesischen Bürgerkrieg erlebt zu haben, sitzt er ihr, so wie allen Beirutern, tief im Bewusstsein.

Darin, so ahnen viele, besteht die eigentliche Gefahr des „Islamischen Staates“ für den Libanon: Dass sich unter dem Druck der Entführungen und Enthauptungen die konfessionellen Spannungen im Land erneut entladen. Denn der Frieden und die relative politische Stabilität im Libanon sind fragil.

Der Syrien-Krieg nebenan droht die alten Wunden aus dem libanesischen Bürgerkrieg wieder aufzureißen und die verschiedenen religiösen Gruppen gegeneinander aufzuwiegeln. Während Assad-Poster an den Häuserfronten in vielen schiitischen Vierteln prangen, weht häufig die schwarze IS-Fahne über sunnitischen Straßen und „Syrer, raus!“ liest man auf den Mauern in manchen christlichen Gegenden.

Über eine Million syrischer Flüchtlinge hat das kleine Land aufgenommen, die die ohnehin überlasteten palästinensischen Flüchtlingslager weiter füllen und das Land politisch und ökonomisch vor viele Probleme stellen. Einen Präsidenten hat der Libanon schon seit Monaten nicht mehr, weil sich Gegner und Befürworter des syrischen Machthabers Assad im Parlament nicht auf einen Nachfolger einigen können.

Der syrische Bürgerkrieg nebenan, Dschihadisten auf dem Vormarsch

„Tripoli fällt als nächstes an Daesch“, meint der Taxifahrer Nicolas. In der vorwiegend sunnitischen Stadt im Norden des Libanon ist die schwarze IS-Flagge immer öfter zu sehen, der „Islamische Staat“ hat hier viele Sympathisanten. Ende Oktober kam es zu schweren Gefechten zwischen der Armee und dschihadistischen Gruppen. Für den christlichen Taxifahrer ist das muslimische Tripoli daher eine No-go-Area: „In Tripoli ist es schon lange gefährlich. Ich fahre nie da hoch.“

Während sich syrische Rebellen zunehmend dort und in der libanesischen Bekaa-Ebene organisieren, kämpft die schiitische Hisbollah-Miliz auf Seiten Assads. Diese direkte Einmischung der Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg macht Viele im Libanon wütend. Sie möchten nicht in die Kriege der anderen hineingezogen werden.

Doch der Libanon ist längst Teil des syrischen Bürgerkrieges: Salafisten vergolten das militärische Engagement der Hisbollah Anfang des Jahres immer wieder mit Anschlägen in den schiitischen Vororten Beiruts.

Armee, Hisbollah und Rebellen kämpfen in der Bekaa um Einfluss

„Ich bringe meinem 5-jährigen Sohn gerade Schießen bei“, erzählt Kiosk-Besitzer Najji. Für ihn scheint die Bedrohung, die vom „Islamischen Staat“ ausgeht, selbst in Beirut schon greifbar zu sein: „Ich wollte eigentlich warten bis er zehn ist. Aber angesichts dieser Terrorbande, die da aus dem Nordosten Richtung Libanon zieht, ist es besser jetzt. Auf die Armee ist doch kein Verlass.“

Besonders an der syrischen Grenze wird die Lage immer unübersichtlicher: Angehörige der entführten Soldaten sperren hier immer wieder Straßen ab, um für die Freilassung der Geiseln zu demonstrieren. Andere greifen zu drastischeren Mitteln: Sie verschleppen aus Rache Syrer oder zünden Flüchtlingscamps an. Die schiitische Hisbollah-Miliz liefert sich zunehmend auch im eigenen Land militärische Gefechte mit Dschihadisten – wie vor wenigen Tagen.

Der entführte Soldat Omar Ziad ist Schiit und war immer ein Anhänger der Hisbollah. Seine sunnitische Frau Sabrine heiratete ihn gegen den Willen ihrer Familie und um den Preis, ihre Eltern nie wieder zu sehen. „Ich dachte, das sei bereits die härteste Prüfung für uns gewesen“, sagt sie. Von den Entführern der Nusra-Front werde ihr Mann nun besonders schlimm behandelt, weil er Schiit sei.

Die Hisbollah hat Sabrine früher auch unterstützt. Doch seit ihr Mann verschwunden ist, verteilt sie Flyer gegen die ‚Partei Gottes’. „Das stimmt die Entführer vielleicht gnädig“, hofft sie. „Ich kann ja sonst nichts tun.“ Vertrauen hat sie schon längst in keine Partei mehr. In einer Audio-Nachricht kündigte die Nusra-Front im November an, „der wirkliche Kampf“ im Libanon werde erst noch beginnen.

Silvester hat Sabrine im Protestcamp auf dem Riad al-Solh-Platz verbracht. Die Familien der Geiseln sind mittlerweile zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Sie haben auch ein Komitee gewählt – für jede Konfession gibt es einen Vertreter. „Ich bin sicher, dass 2015 ein besseres Jahr wird“, sagt sie. Das Lächeln fällt ihr schwer.

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