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"Je suis Charlie" - Titelseite der libanesischen Tageszeitung "al-Mustaqbal" am 9. Januar 2015. Foto: Screenshot "Je suis Charlie" - Titelseite der libanesischen Tageszeitung "al-Mustaqbal" am 9. Januar 2015. Foto: Screenshot

Der Anschlag auf Charlie Hebdo hat auch im Nahen Osten Bestürzung hervorgerufen. Politiker und Journalisten drücken ihre Solidarität mit den Opfern aus – und stellen den Angriff in Zusammenhang mit dem islamistischen Terror in der Region. Auch „Pegida“ kommt zur Sprache.

In Algerien, wo viele der französischen Gesellschaft durch die Kolonialvergangenheit besonders verbunden sind, wurde das Attentat mit großer Bestürzung aufgenommen. Es rief traumatische Erinnerungen an das „Schwarze Jahrzehnt“ der 1990er-Jahre wach, in welchem sich islamistischer Terror gegen Intellektuelle und die freie Presse richtete. So schreibt Nadjia Bouzeghrane in der frankophonen Tageszeitung El Watan, dass die Attentäter ungeachtet ihres tatsächlichen Hintergrundes und Motivation einen Mordanschlag „auf den Intellekt und die Freiheit des Denkens verübt haben. Als Journalistin und Algerierin, die während des ,Schwarzen Jahrzehnts‘ viele Kollegen und Freunde bei Mordanschlägen verloren hat, nur weil sie Journalisten, Schriftsteller und Künstler waren, kann ich gar nicht anders, als mich gegen dieses Verbrechen an der Freiheit des Denkens, Schreibens und der Meinungsäußerung zu erheben. Es gibt genügend legale Mittel, um seinem Unbehagen Ausdruck zu verleihen gegen diffamierende Texte, Karikaturen und Bilder, die als Beleidigung gegenüber der eigenen Religion oder Gemeinschaft empfunden werden.“

Bouzeghrane befürchtet eine wachsende Islamophobie in Europa: „Diejenigen, die im Namen des Islam morden, schaden in höchstem Maße den wahren Muslimen, die einfach in Frieden leben wollen, sei es in ihren Herkunftsländern oder in einer Gesellschaft, von der sie nichts weiter verlangen, als integriert und akzeptiert zu werden und in Ruhe und Würde ihre Religion ausüben zu dürfen – wie es der Fall ist bei Millionen Muslimen in Frankreich. Die Angst davor, dass eine Handvoll fanatischer Extremisten die Stigmatisierung der Mehrheit einer Gemeinschaft durch fremdenfeindliche Diskurse nach sich zieht und diese daher in ihrer Glaubenspraxis beschränkt wird, ist legitim und gerechtfertigt. Islamophobie, die immer ungezügelter wird, ist schädlich für das Zusammenleben und den sozialen Zusammenhalt“.

„Können wir wirklich Charlie sein?“

Der L’Orient le Jour aus dem Libanon berichtet umfangreich über die Anschläge von Paris: Seit dem 7. Januar sind mehr als 250 Artikel mit dem Stichwort „Charlie“ auf der Website der frankophonen Tageszeitung erschienen, darunter auch Reaktionen wie die des Drusen-Führers Walid Joumblatt: „Wir lehnen es ab, dass Religion zur Rechtfertigung von Terrorismus und Kriegen missbraucht wird. Das schadet der Religion und ihrer Botschaft der Liebe, Vergebung und Begegnung“, oder die von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah: Der Führer der schiitischen Partei und Miliz sagt, ohne direkt auf die Anschläge Bezug zu nehmen, dass die „Takfiris“ (häufig von Schiiten gebrauchter Ausdruck für sunnitische Extremisten), die den Islam für sich beanspruchen, durch ihre „ekelhaften und unmenschlichen Gewalttaten den Propheten und die Muslime schlimmer beschädigen als ihre Feinde“. Ohne Frankreich explizit zu nennen, sagt Nasrallah, dass die Gräueltaten der Jihadisten in Syrien, im Irak, im Libanon, in Pakistan, in Afghanistan und im Jemen nun auch die Staaten treffen, „die diese Extremisten in unsere Länder exportiert haben“. Die „muslimische Nation“ müsse zusammenhalten, um ihre Religion gegen die Jihadisten zu verteidigen.

Im L’Orient le Jour-Leitartikel zu dem Anschlag schreibt Issa Goraieb: „Über Nacht befindet sich Frankreich im Krieg“, und zwar gegen einen unerbittlichen Feind in den eigenen Mauern, gegen Franzosen, die nichts von Frankreich und seinen republikanischen Werten verstanden hätten. Aber: „Ohne dem blutigen Regime in Syrien Recht geben zu wollen, ist einmal mehr festzustellen, wie strukturell schlecht gewappnet die westlichen Demokratien gegen die Geißel unserer Zeit sind.“ Über den Umweg der „sakrosankten allgemeinen Freiheiten infiltriert ein Terrorismus, der jede Freiheit zum Feind hat“. Für die Libanesen stelle sich die Frage: „Können wir in unserer sehr annäherungsweisen Demokratie wirklich Charlie sein?“

„Die extremistischen Gruppen töten mehr Muslime als sonst irgendjemand“

Goraieb nimmt damit auch Bezug auf die Titelseite der Zeitung al-Mustaqbal, die dem sunnitischen Future Movement nahesteht. Vom Future Movement wurde in der Vergangenheit immer wieder gefordert, sich klarer von sunnitischen Extremisten zu distanzieren. Das tat die Zeitung der Partei. Sie titelte auf Französisch: „Je suis Charlie“, und schrieb darunter: „Ich bin der libanesische Offizier, der in Arsal angegriffen wurde“, „Ich bin das Terroropfer im Irak“, „Ich bin der libanesische Militärangehörige, der gekidnappt wurde“, „Ich bin das Opfer der Diktatur und des Terrorismus in Syrien“, „Ich bin der Syrer, der von den Schwertern des ‚Islamischen Staates‘ enthauptet wurde“.

Der libanesische Daily Star stellt den Anschlag von Paris in den Kontext der „Pegida“-Demonstrationen in Deutschland, die er als Symptom für eine erstarkende Rechte in Europa wertet. „Die feigen Attentäter von Paris“ hätten wohl eine Spirale der Gewalt lostreten wollen. „Der Anschlag von Paris wird die Spannungen weiter verschärfen und die Unterstützung rechter Gruppen mobilisieren.“ Es reiche nicht aus, lediglich junge Syrien-Rückkehrer aufzuhalten oder junge Männer daran zu hindern, mit Maschinengewehren Bürogebäude zu betreten. Der Extremismus müsse an der Wurzel gepackt werden: „Bei diesem Anschlag ging es nicht nur darum, dass Charlie Hebdo in der Vergangenheit den Islam angegriffen hat. Es ging um Gefühle der Entrechtung und Unterdrückung, die nicht nur Muslime in Europa, sondern weltweit betreffen.“ Allerdings, so schließt der Leitartikel: „Die extremistischen Gruppen, zu denen die Attentäter gehören – oder von denen sie sich inspirieren lassen – töten mehr Muslime als irgendjemand sonst.“

„Die Attacken des radikalen Islam kennen keine Grenzen“

Die Berichte über den Anschlag in Frankreich haben auch in Israel für große Aufregung gesorgt. Dies nicht zuletzt, weil die Meldung über das Attentat mitten in den gerade beginnenden Wahlkampf platzte. Israelische Politiker und Politikerinnen überboten sich schnell in der Verurteilung der Ereignisse. Premierminister Benyamin Netanyahu wird in der israelischen Tageszeitung Israel HaYom folgendermaßen zitiert:

„Die Menschen Israels senden ihre Beileidsbekundungen für die brutalen Akte von Barbarei im Herzen Frankreichs an die Franzosen. Die Attacken des radikalen Islam kennen keine Grenzen – sie sind international – und ebenso international muss die Antwort darauf sein. Die Terroristen wollen unsere Freiheiten und unsere Zivilisation zerstören. Und deswegen müssen alle freien Länder und alle zivilisierten Gesellschaften zusammenhalten und diese Plage bekämpfen. Und wenn wir zusammenhalten und uns nicht spalten lassen, dann können wir diese Tyrannei bekämpfen, die all unsere Freiheiten auslöschen möchte (…) Wir erleben diese Attacken (in Israel) wieder und wieder, wir kennen den Schmerz, aber auch die Stärke, mit der freie Gesellschaften den Terror bekämpfen können, wie bedrohlich und grausam er auch sein mag.”

Europa sei meilenweit davon entfernt, seine Länder noch verteidigen zu können

Die liberale israelische Tageszeitung Haaretz ging in einem ersten Kommentar zu den Ereignissen der Frage nach, welche Bedeutung der Anschlag auf das Hebdo-Büro für die französische Nation und deren soziales Gefüge habe. Der Kommentar mit der Überschrift „Die unmögliche Aufgabe des Präsidenten“ betont die schwierige Position von Präsident Hollande, der gerade doppelt unter Druck gerät: Zum einen müsse er jetzt als Krieger gegen den Terror auftreten und schnelle Ergebnisse liefern, zum anderen könne er nicht riskieren, dass das soziale Gefüge seines Landes weiter auseinanderbreche. Das sei eine fast unmögliche Aufgabe, angesichts der Tatsache, dass Frankreich das Land mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil Europas sei.

Auch auf die Situation der französischen Jüdinnen und Juden – das beste „Barometer“ für den Zustand der Republik – geht der Text ein. Um diese stehe es schlecht, wenn man auf die antisemtischen Ereignisse der letzten Monate blicke. Alleine für das Jahr 2015 wird vorhergesagt, dass über 6000 französische Jüdinnen und Juden das Land für immer verlassen wollen, um nach Israel zu emigrieren.

In einem Kommentar für die eher nationalistisch ausgerichtete und meistgelesene Zeitung Israel HaYom schreibt der Kolumnist Boas Bismut unter dem Titel „Der 11. September Frankreichs”, dass der Terror in Frankreich nicht eine Frage des ob, sondern eine Frage des wann gewesen sei. Es sei Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen, so Bismut, der radikale Islam habe längst in Europa Fuß gefasst. Ob der Groschen nach den Ereignissen am 7. Januar in Paris jetzt wohl gefallen sei? Nein, meint der Kommentar. Europa sei zwar einmal erfolgreich gegen die muslimische Invasion verteidigt worden, und zwar im Jahr 732 unter Karl Martel. Heute aber, so meint Bismut, seien Europa und vor allem Frankreichs Präsident Hollande meilenweit davon entfernt, ihre Länder noch verteidigen zu können.

Eine iranische Zeitung veröffentlichte eine Charlie-Hebdo-Karikatur

In Iran haben alle großen Medien über die Ereignisse von Paris berichtet. Die auflagenstärkste Zeitung Hamshahri zitiert dabei den Sprecher des iranischen Außenministeriums, der die Anschläge als „terroristisch“ verurteilt.

Ebenso hebt die schiitische Nachrichtenseite Shia-News hervor, dass „jeder terroristische Schritt gegen unschuldige Menschen der Lehre des Islams fremd“ sei. Die Zeitung Enghelab-e Essami schreibt, dass es schon in der Vergangenheit „aufgrund von Karikaturen über religiöse Persönlichkeiten verschiedener Glaubensrichtungen — unter anderem den Propheten Muhammad — gegen die wöchentliche Satirezeitung Drohungen gab“. Es wird erwartet, dass der jetzige Anschlag die politische Stimmung in Frankreich „verdunkeln“ wird.

Die Zeitung Jam-e Jam zitiert den deutschen Innenminister Thomas de Maiziere, dass „der terroristische Angriff keine Beziehung zum Islam“ habe und dass „Flüchtlinge, die aus Krisenregion wie Irak oder Syrien kommen, nicht wegen ihres Glaubens verurteilt werden dürfen“. Anschließend wird über „Pegida“ berichtet, indem de Maizière mit den Worten zitiert wird, dass „wir es nicht zulassen werden, dass ‚Pegida‘ einen Einfluss auf unsere Politik haben wird“. Die Zeitung Doulat-e Bahar berichtete ebenfalls ausführlich über die Angriffe und veröffentlichte dazu die letzte Karikatur über den sogenannten „Islamischen Staat“ der Charlie Hebdo. Die Nachrichtenanalyse-Seite Asr-e Iran zeigt dazu noch Fotos der getöteten Illustratoren der Zeitung, und sowohl Bilder des Anschlags als auch die darauf folgende Versammlung der Pariser gegen den Angriff.

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