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Hauptdarsteller Tarek, gespielt vom ägyptischen Starschauspieler Khaled Abo Naga. Foto: Salah Hannoun

Alsharq zeigte vergangene Woche Najwa Najjars zweiten Spielfilm „Eyes of a Thief“ als Europapremiere in Berlin. Ein emotional starker Film über Fragen nach Leben unter Besatzung, Freund und Feind, Terror oder Freiheitskampf.

Der Film beginnt blutig und dramatisch. Tarek, gespielt vom ägyptischen Starschauspieler Khaled Abo Naga, sucht Zuflucht in einer Kirche in Nablus. Eine israelische Kugel hat ihn an der Schulter getroffen, sein Hemd ist blutverschmiert. Eine Nonne und ein Priester versuchen ihn zu verstecken, als israelische Soldaten auf der Suche nach ihm an das Kirchenportal klopfen. Vergeblich. Die nächste Szene zeigt die Entlassung Tareks nach zehn Jahren aus israelischer Haft.

Najjars filmische Erzählung basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2002. Während der Zweiten Intifada erschoss der 22-jährige Thaer Hamad im Wadi al-Haramiya – dem Tal der Diebe – bei Nablus sieben Soldaten und drei Siedler mit einem Gewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Scharfschütze wurde erst zwei Jahre später gefasst, nachdem er vor Freunden mit seiner Tat geprahlt hatte, und anschließend zu elfmal lebenslanger Haft verurteilt.

Tarek kommt im Film bereits nach zehn Jahren wieder frei und macht sich auf den Weg zu seiner Familie. Zuhause in Sebastia angekommen, erfährt er, dass seine Frau tot ist und seine Tochter Malak in ein Heim in Nablus gekommen ist. Verzweifelt macht er sich auf den Weg dorthin, um sie wiederzufinden. Doch die Wirren der Intifada und das Tabu, in der palästinensischen Gesellschaft über Waisenkinder und Adoptionen zu sprechen, erschweren die Suche. Erfolglos durchforstet er Archive und befragt Frauen, die Kinder aufgenommen haben oder weiterhelfen könnten.

Wasser ist Leben – und Ausdruck ungleicher Lebensverhältnisse

In Nablus trifft der Ingenieur Tarek auf den Wasserbeauftragten der Palästinensischen Autonomiebehörde in Nablus, Adel, gespielt von Suheil Addad, der dem mittellosen Suchenden einen Job anbietet. Tarek beginnt als talentierter Wasseringenieur zu arbeiten und sucht nebenbei weiter nach seiner Tochter Malak. Dabei trifft er auf Lila, gespielt von der algerischen Sängerin Souad Massi. Sie soll vor Jahren ein elternloses Kind aufgenommen haben, wie Tarek erfährt. Tatsächlich hat die alleinstehende Mutter eine Tochter, die Tareks leibliche Tochter sein könnte. Grandios gespielt von Malak Ermileh, aus dem Balata-Flüchtlingslager bei Nablus, ist die gleichnamige 12-jährige ein wildes und aufgewecktes Kind. Sie arbeitet statt zur Schule zu gehen, klaut und lässt sich mit gleichaltrigen Jungs auf dubiose Geschäfte und Wetten ein.

Malak Ermileh, aus dem Balata-Flüchtlingslager bei Nablus spielt die Tochter Malek. Foto: Salah Hannoun

Malak Ermileh, aus dem Balata-Flüchtlingslager bei Nablus spielt die Tochter Malek. Foto: Salah Hannoun

 

Ab diesem Zeitpunkt wird die Handlung im Film komplex. Parallele Erzählstränge zur Suche Tareks nach Malak, zu Adel, dem dubiosen starken Mann in der Stadt Adels und dessen geplanter Hochzeit mit Lila, sowie zum Thema Wasser im Kontext der Arbeit des Hauptdarstellers, werden immer wieder von Rückblenden in die Zeit der Intifada unterbrochen. Damit gelingt es der Regisseurin, zahlreiche Facetten des palästinensischen Alltags unter der Besatzung einerseits, und inner-gesellschaftliche Konflikten andererseits, zu thematisieren. Die Rolle des Wassers bei der Arbeit von Tarek und Adel hat dabei starke Symbolkraft. Wasser ist nicht nur Lebenselixier, sondern auch Konfliktgegenstand. Immer wieder wird deutlich, was Leben unter Besatzung bedeutet: ungleiche Verteilung von Ressourcen, ausbleibende Genehmigungen und Schikane. Hier kommt dem Film auch die Expertise des Produzenten Hani Kort zugute, der selbst gelernter Wasseringenieur ist und damit nicht nur technisches Fachwissen, sondern auch faszinierende Schauplätze – wie die Wasserreservoirs Salomons – für den Dreh beitragen konnte.

Ein Vater, der keiner sein darf

Obwohl Lila sich Tarek gegenüber bezüglich Malak in Schweigen hüllt, ahnt der Vater, dass es sich bei dem Mädchen um seine Tochter handelt. Während einer gemeinsamen Fahrt auf seinem Motorroller durch die grünen Hügel Palästinas beginnt eine emotionale Beziehung zwischen Vater und Tochter, ohne dass diese aufgeklärt oder offen ausgesprochen wird. Tarek bringt Malak Billard bei, damit sie an einem Wettbewerb teilnehmen kann. Dafür verspricht sie, regelmäßig die Schule zu besuchen.

Malaks Adoptivmutter Lila, gespielt von der algerischen Sängerin Sound Massi. Foto: Salah Hannoun

Malaks Adoptivmutter Lila, gespielt von der algerischen Sängerin Sound Massi. Foto: Salah Hannoun

 

Lila beäugt die jene Beziehung äußerst kritisch. Zum einen, da in konservativen Kreisen der palästinensischen Gesellschaft ungern mit Fremden über solch innerfamiliäre Themen gesprochen wird. Zum anderen, da die Planungen für ihre Hochzeit mit dem deutlich älteren Adel, den sie nicht liebt, trotz ihrer Zweifel weit fortgeschritten sind. Der jüngere, gutaussehende Vater ihrer Adoptivtochter soll dem Plan dabei nicht im Wege stehen.

Patriarch Adel hat Tarek nicht nur deshalb kritisch im Blick. Er stellt Nachforschungen zu seiner Geschichte an und findet heraus, dass er der Scharfschütze aus dem Tal des Diebes ist. Aber auch Tarek kommt Adels Geheimnis auf die Schliche: Er kollaboriert mit einer nahegelegenen Siedlung und reduziert dafür die Wassermenge für die Palästinenser.

Showdown der gestohlenen Leben

Am Tag der Hochzeit kommt es zum Showdown. Tarek und Adel entlarven sich gegenseitig. Zwei Leben stehen sich gegenüber: Tarek, der Attentäter und suchende Vater. Er hat nicht nur zehn Lebensjahre im Gefängnis verloren. Auch seine Frau ist während seiner Haft verstorben. Und für seine Tochter, die er zwar wiedergefunden hat, darf er die Rolle des Vaters nicht ausfüllen. Ihm gegenüber steht Adel, der nun als Kollaborateur gilt. Damit ist sein Ansehen beschmutzt. Er versucht sich gegen die aufgebrachte und ihn nun verachtende Menge zu verteidigen, schließlich seien nur durch sein Handeln Passierscheine und Arbeitsgenehmigungen ausgestellt worden. Seine Rolle als selbsternanntes Oberhaupt der Stadt wird ihm nun genommen.

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Patriarch Adel, gespielt von Suheil Addad. Foto: Salah Hannoun

 

Am Ende ist nicht mehr eindeutig, wer Freund und wer Feind ist. Das klare Feindbild der israelischen Besatzung beginnt im Angesicht der Kollaboration Adels zu bröckeln. Noch kontroverser ist die Frage nach der Beurteilung der Rolle und Tat Tareks. Ist ein Mann der elf Menschen getötet hat Terrorist oder Freiheitskämpfer? Diese Frage möchte Regisseurin Najjar mit Film aufwerfen, ohne sie abschließend zu beantworten. Natürlich kommt es hier auf die Perspektive an. Während für die meisten Israels Tarek ein Terrorist ist, wird er von vielen PalästienserInnen als Freiheitskämpfer gefeiert. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Gewalttat und ihr Protagonist nicht zu positiv und unkritisch dargestellt werden. Najjar weicht außerdem von der realen Geschichte ab, indem sie die zivilen Opfer im Film weglässt und die Haftzeit auf zehn Jahre reduziert. Beides schmälert die schwere der Schuld und verharmlost die Rolle von Gewalt als Mittel des Widerstandes. Die Regisseurin wollte nach eigener Aussage einen neuen Diskurs zum palästinensischen Widerstand anstoßen, was nur bedingt gelungen ist.

Die Kraft des Filmes liegt viel mehr in den vielschichtigen gesellschaftlichen Zwängen, Debatten und Tabus, die durch emotionale Bilder und starke schauspielerische Leistung dargestellt werden. Mit ihrer Darstellung einer offenherzigen und weit über die Realität hinaus freizügigen Lila, zeigt Najwa Najjar eine Frau in einer Rolle, wie sie selbst sie gerne sehen möchte. Sie möchte den Staus Quo in Frage stellen, denn so ihre Ansicht, „ist das der einzige Weg sich nach vorne zu bewegen“.

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