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Syrien im Herzen: Das T-Shirt eines jungen Syrers bei einer Anti-Assad-Demonstration in Amman. So wie ihm geht es vielen aus Syrien Geflüchteten. Foto: Freedom House/Flickr (CC-BY-2.0). Syrien im Herzen: Das T-Shirt eines jungen Syrers bei einer Anti-Assad-Demonstration in Amman. So wie ihm geht es vielen aus Syrien Geflüchteten. Foto: Freedom House/Flickr (CC-BY-2.0).

Mit Anfang, Mitte Zwanzig sollte das Leben voller Möglichkeiten sein. Doch was, wenn Zukunftspläne plötzlich puren Überlebensstrategien weichen müssen? Coco Neumetzger porträtiert für Alsharq drei junge Syrer und wie deren Flucht aus der Heimat ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Ihre Träume haben sie jedoch nicht verloren. Teil II: Sajeda und Noor in der Türkei.

Zwei Schwestern, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist Sajeda, 21 Jahre alt. Ihr Gesicht scheint fast nur aus einem breiten und einnehmenden Lachen zu bestehen. Noor ist 27 Jahre alt, stets mit einem ironischen Zug um die Mundwinkel und einem sehr intensiven Blick aus schwarzen Augen. Die eine ist meist lebhaft und zu Späßen aufgelegt, die andere wirkt oft distanziert und kühl. Doch wenn die beiden gemeinsam unterwegs sind, bilden sie eine Einheit. Ihr Schicksal hat die Geschwister zusammengeschweißt.

Am 15. Juli 2012 fliehen die beiden gemeinsam mit Vater, Mutter, zwei jüngeren Schwestern und einem jüngeren Bruder aus ihrer syrischen Heimatstadt Damaskus. Sie flüchten vor Bashar al-Assads Armee, die bereits den älteren Bruder auf dem Gewissen hat.

„Wir sind von Haus zu Haus geschlichen. An der Stadtgrenze von Damaskus haben wir ein Taxi gerufen, mit dem wir ins nächste Dorf gefahren sind. Insgesamt hat unsere Flucht fast zwei Monate gedauert, bis wir schließlich in Jordanien angekommen sind. Wir haben in mehreren Orten Halt gemacht. Wir sind zu Fuß, auf Lastern, in Autos und auf Motorrädern geflohen. Unser dreizehnjähriger Bruder ist dabei verloren gegangen. Wir wussten nichts über sein Schicksal, bis wir ihn in Jordanien wiedergetroffen haben.“

Noch länger als die Flucht selbst dauert die Vorgeschichte, die die Familie aus der syrischen Mittelschicht gezwungen hatte, ihr gutes Leben aufzugeben. Der Vater hat eine gehobene Position im Staatsdienst. Genaueres möchten die Schwestern dazu nicht sagen. Alle Kinder gehen zur Schule oder studieren an der Universität von Damaskus. Sajeda steht kurz vor ihrem Abschluss in Germanistik. Sie träumt davon, später in Deutschland promovieren zu können. Noor hat gerade mit ihrem Geschichtsstudium begonnen. Die mittlere Schwester Huda studiert Medizin. Der älteste Bruder hat sein Studium gerade beendet.

„Wenn wir nicht an der Uni waren, dann haben wir uns mit Freunden getroffen. Wir haben in den Parks von Damaskus rumgehangen oder Ausflüge gemacht. Wir waren sehr optimistisch, was unsere Zukunft anbelangt. Wir waren davon überzeugt, dass wir gute Abschlüsse machen würden und beruflich erfolgreich sein werden. Wir hätte nie gedacht, dass wir und unser Land einmal so leiden würden.“

Doch der Vater ist insgeheim nicht einverstanden mit der Politik der herrschenden Baath-Partei. Mehrfach wird er dazu aufgefordert, mit der Regierung zu kooperieren. Er spielt auf Zeit, willigt ein, tut aber nichts.

Die Armee hat bald genug davon. Sie droht ihm damit, die Töchter direkt aus der Uni in Arrest zu nehmen.

„Unser Vater hat gesagt, wir sollen das Haus nicht mehr verlassen. Nirgends mehr hingehen. Auch nicht mehr zur Uni.“

Dann stirbt der ältere Bruder plötzlich unter ungeklärten Umständen. Noch während die Trauergemeinde den Tod des jungen Mannes beklagt, entschuldigt sich der Vater bei den Anwesenden und verlässt mit Noor, Sajeda und dem Rest der Familie das Haus.

„Ich hatte schreckliche Angst. Ich dachte, die Armee würde jeden Moment zur Tür rein kommen und uns alle verhaften oder zu Tode prügeln“, erinnert sich Noor.

„Wir konnten uns nicht verabschieden, wir konnten nichts mitnehmen. Wir haben alles stehen und liegen gelassen“, erzählt Sajeda. „Ich hatte Angst, dass die Flucht nicht klappen würde.“

Doch sie schaffen es alle bis nach Jordanien. Heute leben sie nahe der syrischen Grenze in der Ortschaft al Mafraq in einer kleinen Wohnung. Alles andere, ihr gesamtes Leben und den toten Bruder, haben sie in Syrien zurückgelassen.

„Ich vermisse alles, mein Zimmer, meine Kleidung, jedes Detail in unserem Haus“, sagt Noor.

Und Sajeda fährt fort: „Unser Vater hat früher Gedichte geschrieben. Heute spricht er nicht einmal mehr. Er ist ein gebrochener Mann. Er sitzt den ganzen Tag nur im Zimmer und starrt an die Wand.“

„Es hält unsere Familie zusammen, über die Vergangenheit zu sprechen. Das ist der einzige Luxus, den wir uns noch leisten können: unsere Erinnerungen“, sagt Noor.

Die Mutter versucht, die staatliche Hilfe, die die Familie bekommt, mit Näharbeiten aufzustocken. Das geht nur unter der Hand, nur für Bekannte. Offiziell darf sie nicht arbeiten. In Damaskus hatte sie den Mädchen das Nähen zum Spaß beigebracht. Jetzt ist das die Haupteinnahmequelle für die Familie. Sajeda, Noor und die mittlere Schwester Huda können bei verschiedenen Nichtregierungsorganisationen als Freiwillige arbeiten. Sie helfen anderen syrischen Flüchtlingen, die etwa im al Za´atari Camp untergebracht sind, sich in Jordanien einzufinden.

Doch sie selbst sind dort auch nach über zwei Jahren noch nicht angekommen. Noor und Sajeda fühlen sich sozial benachteiligt, rechtlos und zwecklos. Sie sehen in Jordanien keine Chance, sich beruflich verwirklichen zu können.

„Wir fühlen uns wie Tiere: essen, trinken, schlafen. Ohne Perspektiven.“

„Wir haben keine Heimat mehr und keine Gemeinschaft. Unter diesen Umständen leben und arbeiten zu müssen, verursacht die meisten psychischen Probleme. Es ist schlimmer als während der Flucht“, sagt Noor. Oft leidet sie unter Schlaflosigkeit und macht sich Gedanken über ihre ungewisse Zukunft und den Status als Flüchtling, mit dem sie ständig konfrontiert ist.

„Mein Wunsch ist Stabilität – doch ich finde mich wieder inmitten von Verlust und Chaos.“

Die Schwestern möchten Jordanien verlassen und irgendwo hin gehen, wo sie respektiert werden und ihr Studium beenden könnten. Sie möchten die Berufe ausüben, die sie wollen. Doch wo das ist, das wissen sie nicht. Irgendwann einmal nach Syrien zurückzukehren, scheint für sie keine Option mehr zu sein.

„Ich würde dem Präsidenten am liebsten sagen, er soll abhauen und uns in Ruhe und Frieden leben lassen. Syrien ist nicht sein Königreich, sondern unsere Heimat. Doch mein Syrien gibt es jetzt nicht mehr“, sagt Sajeda bitter.

Inzwischen haben sie ihren Worten Taten folgen lassen. Noor, Sajeda und der Vater sind von Jordanien in die Türkei geflogen. Derzeit halten sie sich in Istanbul bei Freunden auf. Bald wollen sie zu Fuß oder in einem Auto über Bulgarien nach Deutschland aufbrechen. Von den ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer haben sie gehört und sich deshalb für den Landweg entschieden. Doch sie können sich nur vage vorstellen, dass auch diese Route viele Risiken birgt und sie sich in Deutschland neuen Problemen werden stellen müssen.

Aber selbst die gefährlichste Flucht und die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft in der Fremde scheinen nichts gegen den Leidensdruck zu sein, den die Schwestern und ihre Familie in den vergangenen Jahren wohl verspürt haben. Sie träumen von einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Frieden, von einem Studienabschluss und Arbeit.

Das sei jetzt die letzte Chance, sagt Noor. Sie könne nicht aufhören, von einer positiven Wende ihrem Leben zu träumen: „Menschen ohne Träume sind wie Steine.“

Hier geht es zu Teil I: Ein Syrer in Jordanien: Warten auf das Ende des Tunnels

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