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1500 Menschen demonstrierten gestern in Wertheim gegen den Brandanschlag auf die Landeserstaufnahmestelle und für Solidarität mit den Flüchtlingen. Photo: Laura Overmeyer 1500 Menschen demonstrierten gestern in Wertheim gegen den Brandanschlag auf die Landeserstaufnahmestelle und für Solidarität mit den Flüchtlingen. Photo: Laura Overmeyer

Die baden-württembergische Kleinstadt Wertheim beherbergt seit einer Woche 600 Flüchtlinge; eine Aufgabe, die nur dank der enormen Hilfsbereitschaft und Tatkraft der Einwohner bewältigt werden kann. Nun wurde ein Brandanschlag verübt – doch die Solidarität der Wertheimer ist ungebrochen. Ein persönlicher Kommentar von Laura Overmeyer

Ich war nie eine Lokal-Patriotin. Ich empfand meine 24.000-Seelen-Heimatstadt als Provinznest, fühlte mich in ihrem familiär-konservativen Umfeld zwar gut aufgehoben, jedoch eingeengt und kaum gefordert. Der Horizont war begrenzt, die Welt spielte sich außerhalb ab. Doch am vergangenen Wochenende hielt sie Einzug in Wertheim.

Anfang August war ein Aufschrei durch die Lokalpresse gegangen: „Wir bekommen eine Lea.“ Eine bitte was? Eine Landeserstaufnahmestelle. Ein Flüchtlingsheim. Das Gebäude der Polizeiakademie sollte bis Mitte Oktober in eine solche umgewandelt werden. Es gab kein Entrinnen, diesmal würde der Kelch nicht vorüber gehen. Und er kam schneller als geahnt.

Am Sonntagmorgen, 13. September, kam der Anruf aus Stuttgart: Macht euch bereit, heute Abend kommen 450 Flüchtlinge. Es waren jene Flüchtlinge, die am Tag zuvor von Österreich kommend die bayrische Landeshauptstadt lahm gelegt hatten.

Ein Übermaß an Hilfsbereitschaft

Vor dem, was in den darauf folgenden Stunden geschah, kann man nur den Hut ziehen. Alle packten mit an; Feuerwehr, DRK, THW, eine Armada freiwilliger Helfer. Das Gebäude wurde vorbereitet, Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung besorgt, eine ärztliche Versorgung eingerichtet. Am Abend standen die Wertheimer bereit und hießen die Geflüchteten mit Plakaten und Rosen willkommen.

Auch in den folgenden Tagen riss das Übermaß an Hilfsbereitschaft nicht ab, was sich auch als dringend notwendig herausstellte, da die Hilfe „von oben“ fürs Erste ausblieb. „Von Seiten des Regierungspräsidiums hilft niemand. Es werden zwar Sitzungen mit der Stadtverwaltung und Vertretern der beteiligten Vereine veranstaltet, aber es fallen keine tatkräftigen Beschlüsse. Man fühlt sich allein gelassen“, kritisiere eine der Helferinnen. Stadt und Land seien schlecht vorbereitet und kaum koordiniert, so der Vorwurf.

Mich selbst machte all dies irgendwie stolz. Ich war überrascht von der überbordenden Solidarität und Tatkraft. Ich hatte mit Misstrauen und vielleicht sogar Unmut gerechnet, nicht mit dieser allseits positiven Stimmung, die das Städtchen summen ließ wie einen Bienenstock und dafür sorgte, dass der neu gegründete Verein „Willkommen in Wertheim“ von einem „positiven Problem“ sprach in Bezug auf das schiere Übermaß an Freiwilligen und Sachspenden.

Der schlimmstmögliche Fall

Dennoch drohte die tatkräftige, ja fast euphorische Stimmung der Helfer nach mehreren Tagen (und Nächten) des Einsatzes zu kippen. 600 Flüchtlinge waren inzwischen angekommen und trotz der Übernahme der Einrichtung durch den privaten Dienstleister „European Homecare“ herrschte das Chaos und der Einsatz der Freiwilligen war nach wie vor unabdingbar.

Vor einem „Kollaps“ warnte auch der Wertheimer Oberbürgermeister Stefan Miculicz vor einigen Tagen angesichts der Pläne der Landesregierung, die Notunterkunft in der zur Anlage gehörenden Sporthalle in den kommenden Tagen für weitere Flüchtlinge zu nutzen. Diese Pläne wurden nun zunichte gemacht.

In der Nacht auf den gestrigen Sonntag verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf eben jene Sporthalle, in der noch am Tag zuvor 330 Betten aufgestellt worden waren, um für den (unerhofften) Notfall gerüstet zu sein. Obwohl dabei zum Glück niemand verletzt wurde, war die Nachricht dennoch ein Schlag ins Gesicht für alle; eine allzu deutliche Erinnerung daran, dass rechte Gewalt und Ausländerfeindlichkeit auch bei uns Realität sind. Hoffnungen, dass es sich um einen Angriff „von außen“ handelte wurden gemurmelt, doch im Grunde war klar, dass die Annahme der einhelligen Solidarität allem Anschein nach zu voreilig gewesen war.

Für eine Willkommenskultur

Ein Ereignis wie dieses kann denn Zusammenhalt und die Motivation einer Gemeinschaft brechen – oder aber im Gegenteil sogar verstärken. Am gestrigen Sonntagabend versammelten sich etwa 1500 Menschen jeden Alters zu einer Kundgebung vor der ausgebrannten Sporthalle, um gemeinsam den Anschlag zu verurteilen und den Flüchtlingen zu signalisieren, dass sie mehr denn je Willkommen seien.

Zu den Flüchtlingen selbst waren die Geschehnisse bisher kaum durchgedrungen und nicht wenige wunderten sich über den plötzlichen Andrang. Dennoch wandten sie sich winkend mit lauten „Dankaschon“-Rufen an die Besucher. Die Sprachbarriere war in den meisten Fällen unüberbrückbar, das Lächeln dafür umso breiter und der Weg für eine Kontaktaufnahme bereitet.

Für Wertheim, eine deutsche Kleinstadt wie jede andere, bedeutet die Aufnahme der Flüchtlinge viel mehr als einen Akt der Wohltätigkeit oder eine von oben aufgezwungene Bürde. Sie ist eine Chance für die Stadt und ihre Bewohner, sich zu öffnen und in Toleranz zu üben. Das „Flüchtlingsproblem“ ist längst zur „Flüchtlingsrealität“ geworden und es ist notwendig, dass unsere Gesellschaft dieser mit eben jener positiven und solidarischen Haltung begegnet, welche ich in meinem Heimatstädtchen in den letzten Tagen erfahren durfte.

 

Dieser Text erschien auch auf Qantara.de.

 

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