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Die Künstlerin Kobra Khademy in ihrer metallenen Rüstung unterwegs in den Straßen Afghanistans (Photo: Khademy) Die Künstlerin Kobra Khademy in ihrer metallenen Rüstung unterwegs in den Straßen Afghanistans (Photo: Khademy)

Das partriarchale Afghanistan wird anlässlich des internationalen Frauentages am 8. März zum Schauplatz von feministischem Aktionismus. Es kursieren bereits Videos im Internet. Das eine zeigt eine Gruppe vollverschleierter Männer und das andere eine junge Frau in einer metallenen Rüstung auf den Straßen von Kabul. Von Moshtari Hilal

Eine Gruppe von ungefähr 20 Männern in türkisblauer Vollverschleierung, oder wie es auf Dari genannt wird, in Tschadari, gingen am Donnerstag, den 5. März 2015 anlässlich des internationalen Frauentages auf die Straßen Kabuls. Eine Aktion, die in dem sonst so konservativen und patriarchalen Land nicht nur für Ärger sorgte, sondern auch für Jubel.

Der Marsch wurde von Mitgliedern der Gruppe Afghan Peace Volunteers organisiert, um auf die andauernde sexuelle Belästigung und die körperlichen Übergriffe auf den Straßen Afghanistans aufmerksam zu machen. Vor sich trugen die jungen Männer ein Banner mit den Worten: „Wir sagen Nein zur jeder Art von Gewalt“ oder „Sagt den Frauen nicht, was sie zu tragen haben, bedeckt eure Augen“. In einem öffentlichen Statement heißt es, dass die jungen Männer Tschadaris trugen, um in die Haut derer Frauen zu schlüpfen, die sie täglich tragen müssen.

Der Marsch der „men in burka“

Während es nun für den Solidaritätsakt der jungen Männer viel Unterstützung und Lob im Netz gibt, herrschte aber gleichzeitig auf der Straße viel Argwohn und Skepsis.

Ein Reporter des britischen Nachrichtendienstes ITN war vor Ort und befragte Passanten zu der Aktion. Dabei stieß der Journalist auf Unverständnis und die Klage, das sei alles das Werk des Westens und die Frauen sollten sich davon nicht beeinflussen lassen. Ein weiterer Beobachter wunderte sich über den Marsch der Aktivisten: Der Tschadari wäre gut und er selbst ließe seine Frau und Töchter zu ihrem eigenem Schutz nicht ohne aus dem Haus.

Dabei bekundeten die Aktivisten, dass sie keine Tschadari-Gegner seien. Vielmehr wollten sie am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühle, mit einem Tschadari herumlaufen zu müssen. So wollten sie zur Auseinandersetzung mit den Problemen der Frau im öffentlichen Raum anregen, und insbesondere derer, die Tschadari tragen. Schließlich sollte der Marsch der Männer in Tschadari („men in burka“), nicht die Vollverschleierung an sich kritisieren, sondern den Umstand, der die Frauen zu diesem zwinge.

Der Tschadari als Instrument der Emanzipation

Die Vollverschleierung mit dem „Guckloch“ in Form eines Gitters wird in Afghanistan Tschadari genannt und bis heute von vielen Frauen auf der Straße getragen, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule. Und dies obwohl die Verschleierung in Afghanistan weder rechtlich vorgeschrieben ist, noch wie im Iran zum Beispiel von staatlichen Organen sanktioniert wird. Obwohl der Tschadari zum Synonym für das Taliban-Regime geworden ist, ist er keine Erfindung der Islamisten, sondern eine noch viel ältere lokale Verschleierungsform der Pashtunen in Afghanistan. Diese war ein Symbol für die Ehrbarkeit der Frau und markierte die Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit.

Die Anthropologin Hanna Papanek brachte es bereits vor mehr als 30 Jahren auf den Punkt, indem sie den Tschadari als „portable seclusion“ beschrieb. Abgeschiedenheit inmitten einer Menschenmasse – das war an erster Stelle die Funktion des Tschadaris. So wurde sie von vielen ihrer Trägerinnen als Befreiung angesehen, da sie den Schutzraum ihres Zuhauses auf die Straße erweitern konnten. Wie ein Schlupfloch in den patriarchalen Strukturen konnten Frauen so Teil des öffentlichen Alltags werden. Doch da die Aktivisten nun aufgrund der andauernden sexuellen Belästigung auf die Straßen gingen, die „selbst“ vor der bereits vollverschleierten Frau nicht Halt macht, scheint der Tschadari seinem Sinn nicht mehr gerecht zu werden.

Eine Performance gegen sexuelle Belästigung

Wahrscheinlich gibt es keine Frau in Afghanistan, ob verschleiert oder nicht, die keine Erfahrung mit verbaler oder physischer sexueller Belästigung gemacht hat. Das ist ein gesellschaftlicher Notstand, der für viele Familien Grund genug ist, ihren Töchtern und Frauen die Teilhabe an einem öffentlichen Leben gänzlich zu verbieten. Das Ergebnis jahrelanger partriarcharler Strukturen, sexistischer Erziehung und der Exklusion der Frau aus der Öffentlichkeit ist nun eine mehrheitlich sexistische männliche Bevölkerung.

Diese jungen Männer sind keinerlei Umgang mit nicht-verwandten Frauen gewohnt, sodass sie regelrecht überfordert und zügellos reagieren, wenn sie Frauen auf der Straße begegnen. In den harmlosesten Fällen baggern sie sie verbal an und folgen der Frau einige Schritte; im schlimmsten Fall werden sie handgreiflich oder es kommt sogar zu Vergewaltigungen.

Die Performance-Künstlerin Kobra Khademy hat sich daher mit eben diesem Unbehagen der Frau beschäftigt und ging im Februar 2015 auf die Straße. Wenn die Frau selbst im Tschadari nicht vor Übergriffen geschützt ist, so Kobras Nachricht, und täglich fremde Hände an Körper, Brust und Hintern spüren muss, dann benötigten Frauen eine metallene Rüstung. Knapp zehn Minuten hat es die junge Afghanin in ihrer Rüstung, die Brust und Gesäß bedeckt und gleichzeitig provozierend betont, auf der Straße ausgehalten, bis die Menschenmenge sie erdrückte. Mit Rufen, Filmen, Fotografieren und sogar körperlichen Übergriffen reagierte das überraschte Publikum.

Kobra selbst ist zufrieden mit ihrer Performance. Sie wollte nicht nur provozieren, sondern den Menschen die Situation auf den Straßen Afghanistans bewusst machen und sie das Verhalten der Frauen und Männer hinterfragen lassen. Seit ihrer Performance erhält sie täglich Anrufe und E-mails, während sie bei Freunden untergetaucht ist. Doch neben den wütenden Beschimpfungen werde sie auch häufig gefragt, warum sie das getan habe. Und das sei die entscheidende Frage, so Kobra. Sie sei nämlich auf die Straße gegangen, um einen zu lange stagnierten Diskurs anzustoßen.

Bereits als Kind sei sie das erste mal auf den Straßen Kabuls sexuell belästigt worden. Sie habe die Person nicht gesehen, aber gespürt, wie sie unsittsam am Hintern berührt wurde. Nach diesem Vorfall machte sie sich große Vorwürfe und empfand Schuld und Scham. Damals wünschte sie sich in ihrer kindlichen Naivität eine metallene Rüstung, die sie vor den Übergriffen schützte. Denn so würde sie, selbst wenn sie jemand anfasst, nichts spüren. Aus diesem Kindheitswunsch wurde nach andauernder sexueller Belästigung im Erwachsenenalter eine bittere Einsicht.

Der individuelle Körper als politisches Instrument

Während ihre Aktion von Seiten vieler Afghanen als mutig und stark kommentiert wurde, blieb die Berichterstattung in den lokalen Medien überraschend konservativ und negativ. So beschrieb der Nachrichtensender Afghan Voice Agency die Aktion als antireligiös und im Begriff bestehende Traditionen und Normen anzugreifen. Kobra propagiere damit die Sexualisierung und Nacktheit in einem muslimischen Land mit verschleierten Frauen. Aus der persönlichen Intention zur Performance wurde so ein politischer Akt.

BBC Persia sieht Kobra Khadamay in der Tradition der Performance-Künstlerinnen Carolee Schneeman und Hannah Wilke, die in den 60er Jahren ähnliche Fragen an die Gesellschaft herantrugen und die Aktionskunst etablierten. Auch Kobra trägt mit ihrer Intervention zu einem gesellschaftlichen Diskurs über Körperlichkeit bei, der Sexualität und Geschlechterrollen in Frage stellt; so wird das Private und Persönliche politisch. Damit liegt es auch nicht fern, die Performance zum Schutz von Kobras individuellem Körper ins Verhältnis zum gesellschaftlichen Körper an sich zu stellen. Und vor allem liegt es nahe, nach dem Zusammenhang zwischen der Sexualität der Frau und der Politik in Afghanistan zu fragen.

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